23.01.1978

KÜNSTLERGruß Dir Hochverräter

Bevor der spätere Erfolgsautor B. Traven 1923 aus Deutschland fliehen mußte, war er eng mit dem Maler Franz Wilhelm Seiwert befreundet. Eine Seiwert-Ausstellung wirft nun auch auf Travens Frühzeit neues Licht.
Seit 1926 das Abenteuerbuch vom "Totenschiff" erschienen und rasch ein Bestseller geworden war, lockte das Inkognito des Autors Leserphantasien auf viele falsche Fährten.
Der Mann, der als "B. Traven" aus Mexiko deutschsprachige Manuskripte schickte und jede Auskunft zur Person verweigerte, wurde mal als deutscher Südamerikaforscher namens Herbert Baldus entlarvt, dann als angeblich nicht toter, sondern bloß untergetauchter Jack London und später auch als der mexikanische Präsident Adolfo López Mateos -- alles Unsinn.
Schon 1932 jedoch erschien in der Kölner Künstlerzeitschrift "a bis z" ein
erst jetzt wieder ausgegrabener -- Hinweis, der wirkliche Kenntnis des geheimnisvollen Romanciers voraussetzte.,, Freunde von Traven", so ein Eigen-Inserat des Blattes,, "sollten auch den Ziegelbrenner kennen lernen" und könnten zu diesem Zweck "noch einige Hefte aus der Kriegs- und Revolutionszeit" durch "a bis z" beziehen.
Unter dem Titel "Der Ziegelbrenner" war seit 1917 in München eine Zeitschrift herausgekommen, die den Militarismus attackierte und für die bayrische Räterepublik Partei ergriff. Ihr Redakteur nannte sich oft selbst den "Ziegelbrenner", führte aber außerdem den Namen Ret Marut. 1919 ging er in den Untergrund; eine letzte "Ziegelbrenner"-Ausgabe erschien mit dem fingierten Druckort Wien Ende 1921.
Dieses Heft enthielt unter anderem satirische Kleriker-, Militär- und Kapitalisten-Typen, die ein Franz Wilhelm Seiwert aus Köln gezeichnet hatte. Und Seiwert (1894 bis 1933) war auch der führende Kopf jener "Gruppe progressiver Künstler", die später "a bis z" mit dem "Ziegelbrenner"-Inserat publizierte. Mit Marut-Traven muß er über Jahre eng verbunden gewesen sein. Das wird jetzt im Zusammenhang einer ersten großen Seiwert-Ausstellung offenkundig, die der Kölnische Kunstverein vorbereitet hat*.
Zwar, daß der "Totenschiff"-Verfasser und der "Ziegelbrenner" dieselbe Person waren, galt für Schriftsteller-Zeitgenossen wie Erich Mühsam als ausgemacht, lange bevor es in den sechziger Jahren mit viel Reporter-Spürsinn und Gelehrsamkeit bewiesen
28. Januar bis 27. März; später beim Kunstverein Münster und beim Kustamt Berlin-Kreuzberg. Katalog 270 Seiten; 30 Mark.
wurde. Doch keiner scheint so genau Bescheid gewußt und dem Phantom so nahe gestanden zu haben wie Seiwert.
Travens mexikanische Witwe Rosa Elena Luján erinnert sich sogar, ihr 1969 verstorbener Mann habe Seiwert seinen "besten Freund" genannt. So kommt sie diese Woche auch zur Ausstellungseröffnung nach Köln und macht der Stadt ein bedeutendes Geschenk: 51 Seiwert-Zeichnungen, -Drucke und -Aquarelle (bis 1923), die sich in Travens Nachlaß gefunden haben. Zwei Marut-Porträts von Seiwert, die Frau Luján behalten möchte, stellt sie als Leibgaben zur Verfügung.
Durch die mexikanischen Trouvaillen wird das Werk des eigentümlichen Künstlers, der auf geometrisch stilisierten Figurenbildern "die konstruktive Form zur Darstellung eines klassenkämpferisch-propagandistischen Inhalts" benutzen wollte, um rund ein Siebtel aufgestockt. Den Fund, er schließt auch ein von unbekannter Hand gezeichnetes Seiwert-Bilduis ein, hat der Aachener Kunsthistoriker Uli Bohnen, 29, gesichtet und gesichert.
Bohnen hatte der Notiz eines Traven-Spezialisten einen Fingerzeig entnommen, und als ihn der Kölner Kunstverein für die Seiwert-Ausstellung anheuerte, war er gern bereit, in Mexico City nachzusehen. Von der Traven-Witwe zur Durchsicht von Kisten und Mappen ermächtigt, fühlte sich Bohnen "wie ein Schatzgräber". Nach drei Wochen kehrte er in der Gewißheit heim, "noch längst nicht alles getunden" zu haben.
Auch die bisherige Ausbeute aber wirft, zusammen mit anderweitigen Bohnen-Recherchen, reichlich Licht auf die Beziehung Seiwert-Marut.
Schon um 1914, so vermutet Bohnen, dürften beide sich begegnet sein. Damals war Marut als Schauspieler in Düsseldorf engagiert und schloß Freundschaft mit Irene Mermet, Tochter eines Kölner Kohlenhändlers. "Irene Mermet Weihnachten 1919" ist eine Seiwert-Graphikmappe gewidmet, die Bohnen im Traven-Nachlaß fand; eine Aquarell von Seiwert
Seiwert-Radierung "Wir drei" läßt sich auf das Freundes-Trio beziehen.
Als gesichert nimmt Bohnen an, Seiwert habe den "Ziegelbrenner" bereits seit 1917 im Rheinland vertrieben. Sein Beleg sind Kölner Augenzeugenberichte, daß der Künstler vor seinem Krebstod komplette Exemplare der Zeitschrift zu verschenken hatte.
Auch Seiwerts einvernehmlicher Kontakt zu dem Räterepublikaner Marut (Pressezensor unter der Regierung Nickisch) ist durch Indizien dokumentiert -- etwa durch einen Seiwert-Linolschnitt auf der Rückseite eines Marut-Flugblatts zur Sozialisierung der Presse, das sich bei Travens Witwe fand. Und als, nach Einmarsch der Freikorps-Truppen in München, Marut dem Standgericht nur knapp durch Flucht entgangen war, schrieb Seiwert: "Gruß Dir Teil meines Ich Hochverräter Marut"; Bohnen entdeckte den Text in Seiwerts handschriftlichem Nachlaß.
Der Maler nämlich war zugleich ein Mann der Feder, der sich in Zeitungsaufsätzen zu einem anarchistisch getönten Sozialismus bekannte -- ganz wie Marut. Bohnen hält es für wahrscheinlich, daß Seiwert auch zum "Ziegelbrenner" Texte beisteuerte.
Er tat noch mehr und rettete, wie Rosa Elena Luján ihren Mann den Kölner Künstler rühmen hörte, seinem Freund das Leben. Bei Seiwert und dessen rheinischen Kollegen muß sich der Hochverräter Marut versteckt gehalten haben; die letzten "Ziegelbrenner"-Hefte scheinen in der Eifel gedruckt zu sein. Erst 1923 ging er über die Grenze, anscheinend mit Seiwert-Blättern im Gepäck und jedenfalls mit Kölner Beistand. Im Haus Traven in Mexiko kam jetzt ein Ausweis des damaligen Maler- "Progressiven" Anton Räderscheidt zum Vorschein.
Auch danach kann die Verbindung nicht völlig abgerissen sein. Im Traven-Nachlaß stieß Bohnen noch auf eine französische Ausgabe von Texten Erich Mühsams, die -- mit einer Einleitung von Seiwert -- erst 1924 erschienen ist, und nun fehlt dem Nachforscher nur noch ein Fund: Briefe Franz Wilhelm Seiwerts nach Mexiko.
Genügend aufzuarbeiten hat Bohnen ohnedies. Den Katalog zur Kölner Ausstellung hat er als gründliche Seiwert-Monographie angelegt. Im Berliner Karin Kramer Verlag gibt er Seiwerts Schriften heraus, und für die Traven-Ausgabe der Büchergilde Gutenberg lieferte er einen Beitrag "Marut und seine rheinischen Freunde".
Nur um ein Problem macht der Spezialist einen Bogen, um die Frage: Wer war Ret Marut? Woher der Mann, der auch diesen Namen sichtlich zur Tarnung trug, eigentlich kam, ob er wohl gar, wie behauptet worden ist, ein illegitimer Sproß des Preußenprinzen und späteren Kaisers Wilhelm 11. war, läßt Bohnen pietätvoll offen.

DER SPIEGEL 4/1978
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