27.03.1978

SPANIENAls Bruder

Mehr als zwei Jahre nach dem Rück-Zug der Kolonialtruppen aus der West-Sahara droht ein neuer Konflikt um das phosphatreiche Wüstenland.
Im Pardo-Palast zu Madrid hielt der greise Generalissimus Francisco Franco seine letzte Ministerratssitzung ab. Unbemerkt von den Anwesenden trug der spanische Staatschef, der sich seit Tagen unwohl fühlte, ein kleines Gerät auf der Brust, das seine Herztätigkeit aufzeichnete und auf ein Bildschirmgerät im Nebenzimmer übertrug.
Plötzlich sahen die dort versammelten Arzte, daß die Herzkurve des Patienten zu flattern begann. Den Kranken hatte etwas in Aufregung versetzt -und zwar die Mitteilung, daß Marokkos König Hassan II. seine Landsleute zum Marsch auf El-Aiun mobilisierte, die Hauptstadt der spanischen Afrikabesitzung West-Sahara, auf die Marokko Gebietsansprüche erhob. Das war im Herbst 1975.
Wenige Wochen später war der Diktator tot und die Wüstenkolonie von den Spaniern freigegeben. Doch Aufregung verursacht die Sahara auch den Erben des Diktators noch.
Mehr als zwei Jahre nach dem friedlichen Abzug der einstigen Kolonialmacht sagte die sahrauische Befreiungsfront Polisario jetzt Madrid abermals den Kampf an. Spanische Fischer, die in den Gewässern vor der Küste der West-Sahara fischen, so verkündete vor wenigen Tagen ein Sprecher der Polisario in Algier, würden künftig als Kriegsgegner behandelt und angegriffen.
Grund für die Kampfansage der Polisario ist die Ratifizierung eines Fischereiabkommens zwischen Marokko und Spanien, nach Meinung der Polisario eine unzulässige Unterstützung der Gebietsansprüche Marokkos auf die West-Sahara. Das Fischereiabkommen nämlich räumt spanischen Fischern Fangrechte vor den Gewässern der Saharaküste ein, die es als "Gewässer unter marokkanischer Jurisdiktion" definiert -- für die Polisario eine "Beleidigung der Rechte und der Souveränität des sahrauischen Volkes".
Daß die Spanier mit ihrer einstigen Sahara-Kolonie noch Ärger bekommen würden, war schon vorprogrammiert, als sie sich aus ihr zurückzogen:
Um innenpolitisch den Rücken frei zu haben für die schwierige Übergangsphase nach Francos Tod, hatte Madrid überstürzt den Rückzug aus dem menschenarmen Wüstenland im Nordwesten Afrikas angetreten, in dessen Boden eines der größten Phosphatvorkommen der Welt lagert.
Anstatt den Sahrauis die versprochene Selbstverwaltung und Schutz vor den begehrlichen Nachbarstaaten zu gewährleisten, zu denen auch das linke Algerien gehört, arrangierte sich die Kolonialmutter mit Marokko und Mauretanien und überließ ihnen 1975 im Vertrag von Madrid die vorläufige Oberhoheit über die West-Sahara.
Zehntausende der zumeist nomadischen Wüstenbewohner wichen vor den neuen Herren in Flüchtlingslager aus. Ein paar hundert Polisario-Kämpfer dagegen -- massiv unterstützt vom Anrainerstaat Algerien, der sich von der Polisario Zugang zu den Phosphatvorkommen erhofft -- verschärften ihren Guerillakrieg gegen Marokko und Mauretanien, um die Unabhängigkeit ihres Landes zu erzwingen.
Zwar beteuerte die spanische Regierung immer wieder, der Vertrag von Madrid regte die Sahara-Frage keinesfalls endgültig, sondern nur so lange, bis die Sahrauis per Volksabstimmung selbst über ihre Zukunft entscheiden könnten; Spanien verfolge die Entwicklung lediglich mit "aktiver Neutralität". Doch die Waffen, die Polisario-Guerillas bei ihren Scharmützeln mit marokkanischen und mauretanischen Soldaten erbeuteten, waren fast alle spanischer Herkunft.
Unter dem Druck der öffentlichen Meinung -- Spaniens Sozialisten und Kommunisten sympathisieren mit der Polisario -- ordnete die Regierung im vergangenen Sommer schließlich ein Ende der Waffenlieferungen an Marokko und Mauretanien an. Gleichwohl blieb die Haltung Spaniens im Sahara-Konflikt bis heute, so die konservative barcelonesische Tageszeitung "La Vanguardia", "widersprüchlich" und "doppeldeutig".
Das war zum einen in der unmittelbaren Vergangenheit begründet: Anders als im benachbarten Portugal waren die Dekolonisierungsverhandlungen ja nicht erst nach dem Sturz der Diktatur, sondern noch von den Vertretern des Franco-Regimes eingeleitet worden, die lieber mit dem konservativen Königreich Marokko paktierten als etwa mit dem sozialistischen Algerien. Die Entscheidung von damals engt heute den Spielraum der Regierung ein.
Die Wurzeln für die Widersprüche im Verhältnis Spaniens zu Nordafrika reichen freilich wohl noch ein paar Jahrhunderte weiter zurück. Denn als einzige klassische Kolonialmacht wurden die Spanier über weite Strecken ihrer Geschichte selbst erobert und beherrscht, von eben jenen Völkern, die sie später ihrerseits kolonisierten.
In nur vier Jahren unterwarfen einst aus Nordafrika eingedrungene Moslems das gesamte heutige Spanien außer dem äußersten Norden. Im Süden hielt sich die maurische Herrschaft 800 Jahre lang -- und prägte Land, Leute und Kultur unauslöschlich.
Über weite Strecken der maurischen Herrschaft in Spanien lebten Moslems, Christen und Juden in einer für das damalige Europa ungewohnten gegenseitigen Achtung und Toleranz miteinander. Eheschließungen zwischen Arabern und Iberern waren an der Tagesordnung.
Das friedliche Nebeneinander wurde erst getrübt, als die Christen mit ihrer Reconquista, der allmählichen Rückeroberung der an die Araber verlorenen Gebiete, vorankamen.
Literarische Schlachtenschilderungen aus der Reconquista sind noch heute Pflichtlektüre für jedes spanische Schulkind -- die bekannteste: das Epos vom "Cid Campeador", der Valencia für die Christen zurückgewann.
1492 mußten die Mauren das letzte ihnen verbliebene Refugium, Grana-
* 1975 in der West-Sahara-Garnisonsstadt El-Aiun.
da, verlassen. "Ich bin so sehr ein Spanier wie du", soll der maurische Bürgermeister des Ortes Mojácar dem Abgesandten der "Katholischen Könige", Ferdinand von Aragonien und Isabella von Kastilien, geantwortet haben, der ihn zur Rückkehr nach Afrika aufforderte. "Ihr solltet uns als Brüder und nicht als Feinde behandeln."
Bruder und Feind zugleich -- das blieben die Araber im Selbstverständnis vieler Spanier bis in die Gegenwart:
So erntete der Generalissimus Franco seine ersten Lorbeeren als Heerführer im Kampf gegen die aufständischen Rifkabylen. Doch mit Hilfe eines Bataillons "moros", einheimischen Soldaten aus der damaligen spanischen Nordafrika-Kolonie Marokko, schlug der gleiche Franco 1934 im Mutterland auch einen Aufstand asturischer Bergarbeiter nieder. Und als "Bruder" pflegt heute Marokkos Monarch Hassan II. den spanischen König Juan Carlos zu titulieren.
"Traditionelle Freundschaft" mit allen arabischen Staaten war denn auch einer der wenigen außenpolitischen Pluspunkte, deren sich das sonst fast isolierte Franco-Regime stets rühmen konnte -- kein Palästinenser-Kommando etwa hat je eine Iberia-Maschine entführt. Doch über dem Poker um die Sahara bekam die iberisch-arabische Idylle Risse.
Marokkos Hassan suchte Spanien in der Sahara-Frage zu erpressen, indem er, unter anderem, Katz und Maus mit den spanischen Fischern spielte, die seit altersher vor seiner Küste fischen; je nach dem Stand der Verhandlungen ließ er sie von seiner Küstenwacht aufbringen oder ungeschoren weiterfischen.
Der Fischereivertrag, den er den Spaniern so schließlich abhandelte, sieht zwar feste Fangquoten für spanische Fischer vor, aber zugleich auch eine "Marokkanisierung" der spanischen Fangflotte: Um nämlich weiter vor der fischreichen West-Sahara-Küste die Netze auswerfen zu dürfen, müssen spanische Fangunternehmen nun binnen fünf Jahren eine 50prozentige marokkanische Beteiligung zulassen.
Algeriens Boumedienne seinerseits setzte die Spanier an einem möglicherweise noch empfindlicheren Punkt unter Druck: Offen unterstützt er die separatistische Unabhängigkeitsbewegung für die Kanarischen Inseln, MPAIAC, die Spaniens lukratives Touristenparadies per Bombenterror in einen unabhängigen afrikanischen Staat umzuwandeln versucht.
Allabendlich konnte von Algier aus der MPAIAC-Führer Antonio Cubillo über "Radio Canarias Libre" zum Umsturz auf den unweit der West-Sahara-Küste gelegenen Inseln aufrufen. Die Kanaren, so das Organ der algerischen Staatspartei FLN, "El-Moudjahid", im vergangenen Dezember, seien nun noch "Spaniens letzte afrikanische Kolonie". Verärgert rief Madrid seinen Botschafter aus Algier zurück.
Auf Drängen des spanischen Sozialistenführers Felipe González, der seit langem gute Beziehungen zur FLN hat, darf Radio Canarias Libre neuerdings zwar nicht mehr aus Algerien senden. Dennoch bewog Algerien, assistiert von Libyen, vorigen Monat die in Tripolis tagende Außenministerkonferenz der Organisation für Afrikanische Einheit, die Unabhängigkeitsbestrebungen der MPAIAC künftig logistisch und wirtschaftlich zu unterstützen. Von den 49 anwesenden Ministern stimmten nur zwei gegen den Beschluß: die Vertreter von Marokko und Mauretanien.
Madrid reagierte scharf: Gestützt von sämtlichen im Parlament vertretenen Parteien wies die Regierung des Premiers Adolfo Suárez den OAU-Beschluß als "unerträgliche Einmischung" zurück.

DER SPIEGEL 12/1978
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