27.03.1978

„Jetzt kommen sie wieder aus ihren Löchern“

Mit seinem Roman „Der Nazi & der Friseur“, einer finsteren Satire auf die NSJudenverfolgung, hat Edgar Hilsenrath Aufsehen erregt (SPIEGEL 35/1977). Hilsenrath, deutscher Jude und seit zwei Jahren in Berlin zu Hause, wurde bei seiner Lesetournee wiederholt von Neonazis angepöbelt; die Polizei bewahrte Zurückhaltung.
Der Mann im Spiegel grinste mich an. Er hatte denselben Schnauzbart wie ich. Seine Züge waren unkenntlich. Ich nehme an: vom Seifenschaum.
"Du mußte aufpassen", sagte er jetzt zu mir. "Du mußt verdammt aufpassen."
"Warum?" fragte ich. "Die Welt ist in Ordnung. Wenigstens hier. Wir haben eine Demokratie."
"Du bist vergeßlich"" sagte der Mann im Spiegel. "Das ist gefährlich."
"Ich habe nichts vergessen", sagte ich. "Nichts."
"Vielleicht", sagte der Mann im Spiegel. "Vielleicht hast Du wirklich nichts vergessen. Aber Du nimmst die Dinge auf die leichte Schulter. Das ist ebenso schlimm. Und noch gefährlicher."
"Wie meinst Du das?" fragte ich.
"Unlängst", sagte der Mann im Spiegel. "In dieser kleinen deutschen Provinzstadt. Erinnerst Du Dich. Da haben sie Deine Dichterlesung gesprengt. Sie haben gebrüllt und getobt. Sie kamen mit Fahrradketten und einem echten deutschen Schäferhund."
"Ja", sagte ich. "Ich erinnere mich." "Du bist ein jüdischer Dichter", sagte der Mann im Spiegel. "Deshalb! Und Du hast ein Buch geschrieben. Ein provozierendes Buch, und was noch schlimmer ist: Ein Buch mit einem provozierenden Titel!"
Ich sagte: "Der Nazi und der Friseur!"
"Sehr richtig"" sagte der Mann im Spiegel. "Der Nazi und der Friseur! Das ist ein provozierender Titel." "Ich habe sie also provoziert?" "Natürlich hast Du sie provoziert! Das Wort "Friseur" ist ein provozierendes Wort!"
"Das wußte ich nicht."
"Die Friseure sind nicht ausgestorben", sagte der Mann im Spiegel. "Im Gegenteil. Sie hatten sich nur verkrochen. Jetzt kommen sie wieder aus ihren Löchern hervor."
"So", sagte ich. "Einfach so?" "Ja, genau so", sagte der Mann im Spiegel. "Es sind dieselben Friseure wie damals. Sie haben nur die Kittel geändert."
"Und was ist mit den Stiefeln?" "Die tragen sie noch. Allerdings: Mit Gummisohlen. Sie marschieren in ruhigem, leisem Schritt." "Wohin?" "Nach Bonn."
"Du übertreibst. Das glaube ich nicht. Was wollen die denn in Bonn?"
"Alle frisieren und zurechtstutzen, die anderer Meinung sind." "Und wissen die das in Bonn?" "Sie wollen es nicht wissen. Ihre Blicke sind nicht nach rechts gerichtet, sondern nach links. Nur nach links. Und ihre Maschinenpistolen."
"Du willst nicht wieder die Koffer packen. Erinnerst Du Dich. Damals?"
"Damals war ich 12. Ich erinnere mich. Damals half ich meiner Mutter beim Packen."
"Damals bist Du über die Grenze geflüchtet. Nach Rumänien. Mit Deiner Mutter. Und Deinem Bruder. Dein Vater blieb in Deutschland zurück, im Land der brennenden Synagogen."
"Ja. Ich erinnere mich. Ganz genau. Ich erinnere mich auch an den Tag, als die Nazis uns einholten. Die Nazis. Oder die Friseure. Ich weiß es nicht mehr genau. Es ist auch egal. Eines Tages haben sie uns eingeholt. Erinnerst Du Dich?"
"Natürlich."
"Wir wurden nach der Ukraine deportiert, in das Gebiet, das von den Nazis und den rumänischen Faschisten besetzt war."
"Und den Friseuren?" "Selbstverständlich."
"Drei Jahre Hunger und Kälte. Und Typhus, und nächtliche Razzien."
"Und die Angst. Du vergißt die Angst."
"Ja. Und die Angst. Verdammt noch mal. Die hätte ich beinah" vergessen."
"Und dann kamen die Russen. Eines Tages waren sie plötzlich da. Sie grinsten und wollten Frauen und Wodka und Armbanduhren und tranken Mutters Eau de Cologne aus Vorkriegszeiten."
"Das stimmt."
"Und wie ging es dann weiter?" "Du hast Dir einen Pferdewagen gemietet und schaukeltest hinter der russischen Front bis nach Bukarest. Von dort bist du mit einem gefälschten Paß nach Palästina gefahren. Dort hast Du als Bäumepflanzer gearbeitet und als Tellerwäscher. Und irgendwann später hast Du Deinen Vater wiedergefunden und Deine Mutter und Deinen Bruder. Irgendwie. Irgendwann. Du bist nach Frankreich gefahren und eines Tages nach Amerika ausgewandert. Das war der Zug der Zeit, nehme ich an. Und dort hast Du Bücher geschrieben, Bücher in deutscher Sprache, die Sprache, die Du nicht vergessen konntest, obwohl Du nur 12 warst, als Du ausgewandert bist."
"Und jetzt bist Du wieder zurück. Mit Deinen alten Koffern. Koffern in Bereitschaft. Und einer Frage."

DER SPIEGEL 12/1978
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