13.06.2005

KRIEGSVERBRECHENMordbefehl aus Belgrad

Die Massaker-Belege des Haager Tribunals zeigen Wirkung bei der serbischen Führung. Die gibt ihren Widerstand gegen eine bessere Zusammenarbeit auf.
Auf dem Foto aus Abdurahman Malkics Computer ist nur ein unscheinbares graues Wohnhaus irgendwo in der Republika Srpska zu sehen. Doch der Bürgermeister von Srebrenica zeigt es jedem Besucher. Dort unten im Keller, sagt er und weist auf die Fensterluken über dem Bürgersteig, sei er während des Bosnien-Kriegs fünf Monate von den Serben gefangen gehalten worden.
Viele bestialische Morde an seinen muslimischen Landsleuten habe er damals mit eigenen Augen gesehen. Dann fragt er kopfschüttelnd, ob es denn wirklich zehn Jahre dauern musste, bis auch die übrige Welt Augenzeuge dieser Verbrechen werden konnte? Und warum sich erst jetzt die Aussicht verbessert, dass die Verantwortlichen auch wirklich bestraft werden?
Die Frage ist verständlich. Anfang Juni hatte die Staatsanwaltschaft des Haager Kriegsverbrecher-Tribunals im Gerichtssaal Szenen eines Videos vorgeführt, in welchem eine serbische paramilitärische Einheit sechs junge muslimische Männer mit Schüssen in den Rücken tötete. Die Opfer gehörten zu den knapp 8000 Muslimen, die im Juli 1995 nach der Einnahme der unter Uno-Schutz stehenden bosnischen Enklave Srebrenica umgebracht wurden.
Seit Jahren waren die schockierenden Aufnahmen in Belgrad bekannt - auch im Innenministerium, das den Oberbefehl über viele serbische Killertrupps hatte. Doch dessen Beamte hatten die belastenden Dokumente erfolgreich dem Tribunal vorenthalten können.
Nun werden die Hinrichtungsbilder wohl nicht mehr lange die einzigen fotografischen Belege für das schrecklichste Kriegsverbrechen auf europäischem Boden seit 60 Jahren bleiben. Im Prozess gegen den einstigen Serbenführer Slobodan Milosevic will die Staatsanwaltschaft demnächst weitere Videos vorführen - auch wenn Richter Patrick Robinson noch nicht entschieden hat, ob die Filme als Beweismaterial überhaupt zugelassen werden.
In einem der nächsten Clips soll der berüchtigte Milorad Lukovic, Spitzname "Legija", in Srebrenica zu sehen sein, der damals Chef der Sondereinheit "Rote Barette" war. Auch dieser Trupp unterstand der serbischen Polizei und damit dem Innenministerium. Inzwischen steht Legija als Hauptangeklagter im Verfahren um den Mord an Serbiens Premier Zoran Djindjic vor Gericht.
Mit ihrer juristischen Großoffensive, die letztlich beweisen soll, dass die Mordbefehle aus Belgrad und damit von ganz oben kamen, will die Haager Chefanklägerin Carla Del Ponte auch an den bevorstehenden zehnten Jahrestag des Massakers von Srebrenica erinnern - und vor allem daran, dass die am dringlichsten gesuchten Kriegsverbrecher, die früheren bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic und Ratko Mladic noch immer auf freiem Fuß sind.
Und erstmals scheint sie jetzt durchschlagenden Erfolg zu haben. Nach Jahren endlosen Taktierens muss die Belgrader Regierung unter Premierminister Vojislav Kostunica die klammheimliche Hilfe für die Haager Angeklagten aufgeben. Dazu gehörte vor allem die Unterstützung der Verteidigungsstrategie des Hauptangeklagten Slobodan Milosevic. Um seine Behauptung, als serbischer Staatschef habe er mit dem Bosnien-Krieg nichts zu tun gehabt, zu stärken, hatte Belgrad nicht nur Beweismaterial zurückgehalten. Zeugen, die in Den Haag aussagen wollten, fühlten sich bedroht und verstummten plötzlich. Nun belegen gerade die endlich aufgetauchten Filme, dass die unter Belgrader Kommando stehenden Freischärlertrupps zu den grausamsten Kriegsverbrechern gehörten.
Doch wer auch immer ihnen den entscheidenden Befehl zum Massaker von Srebrenica gab - ohne Wissen und Zustimmung von General Mladic hätte das Blutbad nie geschehen können. Zehn Jahre lang fühlte sich der General unter dem besonderen Schutz der Armee vor seinen Verfolgern sicher - sowohl in Serbien wie auch in der Republika Srpska.
Das könnte sich nun ändern. In Belgrad verdichten sich Gerüchte, wonach die Auslieferung des Schlächters von Srebrenica kurz bevorstehe. So berichtet das serbische Magazin "Evropa" über Verhandlungen des Kostunica-Kabinetts mit zwei Vertrauten des inzwischen angeblich schwer kranken Generals. Auch der militärische Geheimdienst Russlands habe sich angeboten, Mladic zur Selbstaufgabe zu bewegen. Dafür fordere der Gesuchte, berichtet die Zeitung "Kurir", seine Haftstrafe in Russland absitzen zu dürfen.
Zwar dementierte die Belgrader Regierung prompt, dass sie mit den flüchtigen Kriegsverbrechern verhandele. Dass sie aber mit ihrer stets wiederholten Behauptung, sie habe keinerlei Hinweise auf den Aufenthaltsort der beiden Serben, blufft, war nie ein Geheimnis.
Auch die USA gehen inzwischen davon aus, dass Mladic die längste Zeit auf freiem Fuß verbracht hat. In der Erwartung, dass die "letzten Schritte, General Mladic nach Den Haag zu schicken", unmittelbar bevorstünden, kündigte ein Sprecher des Washingtoner Außenministeriums vorigen Donnerstag an, die Sperre einer Zehn-Millionen-Dollar-Hilfe für Serbien wieder aufzuheben.
Im Gegenzug, wollen Belgrader Quellen wissen, soll Kostunica versprochen haben, der flüchtige General werde den 11. Juli, den Jahrestag des Massakers von Srebrenica, bereits hinter Gittern verbringen. RENATE FLOTTAU
Von Renate Flottau

DER SPIEGEL 24/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 24/2005
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KRIEGSVERBRECHEN:
Mordbefehl aus Belgrad

Video 00:59

Ungewöhnliches Rennen Wer gewinnt?

  • Video "Moorbrand in Meppen: Landkreis Emsland ruft Katastrophenfall aus" Video 00:00
    Moorbrand in Meppen: Landkreis Emsland ruft Katastrophenfall aus
  • Video "Über 300 Meter lang: Riesiges Spinnennetz an griechischer Küste" Video 00:35
    Über 300 Meter lang: Riesiges Spinnennetz an griechischer Küste
  • Video "Mordfall Peggy: Verdächtiger gesteht Transport der Leiche" Video 01:15
    Mordfall Peggy: Verdächtiger gesteht Transport der Leiche
  • Video "Vor laufender Kamera: Riesiger Gletscher-Abbruch in Grönland" Video 01:46
    Vor laufender Kamera: Riesiger Gletscher-Abbruch in Grönland
  • Video "Amateurvideo: Missglückte Bergungsaktion mit Bagger" Video 00:45
    Amateurvideo: Missglückte Bergungsaktion mit Bagger
  • Video "Staatschef am Drücker: Scharfschütze Putin" Video 00:49
    Staatschef am Drücker: Scharfschütze Putin
  • Video "Zahlen zum Kontrolltag: So gefährlich ist das Handy am Steuer" Video 01:47
    Zahlen zum Kontrolltag: So gefährlich ist das Handy am Steuer
  • Video "Merkels Tonprobleme bei Gipfel-PK: Was ist denn technisch hier los?" Video 01:57
    Merkels Tonprobleme bei Gipfel-PK: "Was ist denn technisch hier los?"
  • Video "Skurriler Unfall: Haus blockiert Highway" Video 00:34
    Skurriler Unfall: Haus blockiert Highway
  • Video "Zu geringer Kabinendruck: Flugpassagiere bluten aus Nasen und Ohren" Video 01:07
    Zu geringer Kabinendruck: Flugpassagiere bluten aus Nasen und Ohren
  • Video "Er war's, er war's: Nahles sieht Schuld für Maaßen-Debakel bei Seehofer" Video 01:36
    Er war's, er war's: Nahles sieht Schuld für Maaßen-Debakel bei Seehofer
  • Video "Video aus Kanada: Feuertornado saugt Feuerwehrschlauch an" Video 00:47
    Video aus Kanada: Feuertornado saugt Feuerwehrschlauch an
  • Video "Amateurvideo: Segelboot rammt Segelboot" Video 01:17
    Amateurvideo: Segelboot rammt Segelboot
  • Video "Lava-Spektakel auf La Réunion: Vulkanausbruch als Touristenattraktion" Video 01:28
    Lava-Spektakel auf La Réunion: Vulkanausbruch als Touristenattraktion
  • Video "Der Fall Maaßen/Seehofer: Ein Widerstandsnest gegen die Kanzlerin" Video 03:07
    Der Fall Maaßen/Seehofer: "Ein Widerstandsnest gegen die Kanzlerin"
  • Video "Ungewöhnliches Rennen: Wer gewinnt?" Video 00:59
    Ungewöhnliches Rennen: Wer gewinnt?