13.06.2005

USABomben oder Bananen?

Das Geschäft mit der Angst vor Terroranschlägen boomt, doch viele Dollar-Milliarden für den Heimatschutz versickern in unsinnigen Programmen.
Clark Kent Ervin, 46, zählt zu denen, auf die sich der Präsident stets gern verlassen hat. Der stramme Republikaner ist ein alter Kumpel aus Texas, für George W. Bush arbeitete er einst im Gouverneurspalast, mit einer Empfehlung von Bush Junior schaffte er später in Bush Seniors Administration. Ervin ist ein freundlicher Mann, der gern lächelt - nur nicht, wenn es um seinen bisher letzten Arbeitgeber geht, das vor zweieinhalb Jahren gegründete Heimatschutzministerium.
Was in der Behörde mit 180 000 Angestellten alles schief läuft? Da weiß der Harvard-Absolvent gar nicht, wo er anfangen soll. "So etwas habe ich noch nie erlebt."
Jetzt ist Ervin, den sein Freund Bush zum obersten internen Rechnungsprüfer an der Heimatschutzfront ernannt hatte, ganz plötzlich seinen Job los. So gründlich und lautstark prangerte er Chaos, Korruption und Verschwendung in dem Ministerium an, dass Ervin dem Präsidenten lästig wurde. Und seit dem Abgang des Kontrolleurs geht der Goldrausch in der amerikanischen Sicherheitsindustrie, dessen Auswüchse Ervin beklagt hatte, ungebrochen weiter.
Seit dem 11. September 2001 hat das Geschäft mit der Angst Hochkonjunktur: 50 Milliarden Dollar will die Regierung allein im kommenden Jahr für den Heimatschutz ausgeben. Die Hoffnung, die USA mit einem schützenden Kordon aus Hightech vor neuen Terrorangriffen bewahren zu können, ist mit gigantischen Zahlen auf den Preisschildern versehen: 300 Millionen kosten Geräte zum Aufspüren von Nuklearmaterial in Schiffscontainern, 2,5 Milliarden Dollar gehen für die "American Shield Initiative" raus, einen Plan, der vorsieht, mit Sensoren oder Drohnen die Grenzen zu überwachen. Zehn Milliarden stehen für ein neues Computersystem zur Überprüfung von Besuchern bereit, und noch einmal so viel würde es kosten, alle 6800 US-Verkehrsflugzeuge mit einer Abwehr gegen Raketen auszustatten.
"Der Markt wächst ungeheuer schnell", jubelt der Verband der Sicherheitsindustrie beim "Networking-Lunch" mit Kongressabgeordneten und Regierungsbeamten. Überall im Land finden Messen statt, auf denen rollende Kommandostände für den Ernstfall und Blackberrys mit direktem Zugang zum FBI-Computer angeboten werden. Ein Hit ist auch "Fido", ein Handygroßes Gerät zum Aufspüren von Sprengstoff. Die Nachfrage ist groß, denn der Preis für einen tüchtigen Bombenspürhund ist in den USA auf 10 000 Dollar geklettert.
"In zehn Jahren werden wir dies die
guten alten Zeiten nennen", schwärmt Ray Oleson, dessen Firma für Informationstechnologie im ersten Quartal einen Umsatzzuwachs von 50 Prozent verbuchte. "Washingtons Gegenstück zu einem türkischen Basar" nennt das Magazin "US News & World Report" das Boom-Business.
Der gefeuerte Kontrolleur Ervin gehört zu denen, die bremsten und dazu rieten, das Geld doch lieber etwas langsamer auszugeben. Denn vieles, was die Industrie "zur Sicherung von Amerikas Zukunft" (Eigenwerbung) verhökert, erweist sich als unausgereift und störanfällig. Die Nukleardetektoren in den Häfen können bis heute Bomben nicht von Katzenstreu und Bananen unterscheiden, weshalb entnervte Zöllner sie bisweilen einfach abschalten. Als ähnlich unzuverlässig erwiesen sich die für 1,2 Milliarden Dollar angeschafften neuen Sprengstoffdetektoren für die zum Ministerium gehörende Transportation Security Administration (TSA).
Gute Geschäfte machte die Industrie auch auf den Virgin Islands, American Samoa oder in Wyoming - Regionen, die bislang kaum als Ziel möglicher Anschläge galten. Aber nach den Vorgaben des Kongresses werden Teile des Ministeriumsetats gleichmäßig auf alle Bundesstaaten und US-Territorien verteilt. Wyoming gab daher vergangenes Jahr 37,74 Dollar je Einwohner für Heimatschutz aus, der Staat New York musste sich mit 5,41 Dollar zufrieden geben. Die Folge: In Wyoming verfügt jetzt jeder Polizist über einen ABC-Schutzanzug.
Damit solch lukrativer Unsinn nicht allzu schnell endet, hat die Sicherheitsbranche nach dem Vorbild der Rüstungsindustrie Spezialisten angeheuert, die den passenden Spitznamen "Regenmacher" tragen. Es sind Polit-Insider, die ihren Einfluss gegen Höchstgebot vermarkten. Tom Ridge, ausgeschiedener Heimatschutzminister, setzt sich jetzt für Containersicherheit ein, viele seiner ehemaligen Spitzenbeamten haben ihre Büros in der K-Street eingerichtet, der Lobbyistenmeile Washingtons. Die TSA hatte in den drei Jahren ihres Bestehens schon vier Chefs - alle Vorgänger des jetzigen Amtsinhabers konnten den Verlockungen der Industrie nicht widerstehen. Der ehemalige Terrorismusberater im Weißen Haus, Richard Clarke, warnt: "So wird das nie eine kompetente Mannschaft."
Nach einer Regierungsuntersuchung gelten bisher nur 4 von 33 Schutzprogrammen des Ministeriums als effektiv, und der neue Heimatschutzminister Michael Chertoff hat dem Kongress versprochen, künftig genauer hinzusehen, wofür die Milliarden ausgegeben werden. Die Geschäftsaussichten der Boom-Branche trüben sich dadurch allerdings nicht ein. Gerade versicherte der Minister vor 400 Branchenmanagern, man setze weiter auf ihre Hilfe. "Wir brauchen Sie, um Amerika sicherer zu machen." Der Applaus war frenetisch. GEORG MASCOLO
Von Georg Mascolo

DER SPIEGEL 24/2005
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