13.06.2005

AUTORENLiebe im Hotel

Die Literaturszene entdeckt wieder einen vergessenen Ungarn: János Székely und seinen Roman „Verlockung“ - ein unterhaltsames Buch über Armut und Erotik.
Der Junge hat zwei treue Freunde: das Elend und die Hoffnung, ihm zu entkommen.
Belá ist ein aufgeweckter Bursche, der nur das Pech hat, zur falschen Zeit am falschen Ort geboren worden zu sein. Seine Mutter, eine Waschfrau in Budapest, lässt ihn in einem trostlosen Dorf bei einer ausgemusterten Prostituierten aufwachsen, die eine schäbige Pension für uneheliche Kinder von Dienstmädchen betreibt.
Belá ist ein Kämpfer. Er setzt durch, dass er in die Schule gehen darf, er wird Schulbester und landet, Ende der zwanziger Jahre, schließlich in Budapest. Er wird zuerst Liftboy, dann Page in einem Luxushotel. Und im Nachtdienst verzehrt sich der 16-Jährige nach "Ihrer Exzellenz", der eleganten Frau, die im Appartement 205 residiert und dort die Hotelpagen zum Liebesdienst antreten lässt.
Der gebeutelte Belá ist der Held und Ich-Erzähler in dem außergewöhnlichen Roman "Ver- lockung" von János Székely (1901 bis 1958), einem jung nach Berlin und später nach Hollywood ausgewanderten Ungarn, dessen Leben genauso aufregend, wenn auch wohl weniger elendig verlaufen ist wie das seiner autobiografisch angehauchten Romanfigur**.
Székely, Sohn bürgerlicher, später verarmter Eltern, flieht 1919 vor dem faschistoiden Regime von Admiral Horthy über Wien nach Berlin. Er arbeitet für eine Speditionsfirma und schreibt nebenbei Literarisches. 1926 kommt der Antikriegsfilm "Namenlose Helden" heraus, dessen Drehbuch von Székely stammt. Der Ungar avanciert zum geschätzten Drehbuchautor und schreibt Skripte für ein halbes Hundert Stumm- und Tonfilme.
Der Regisseur Ernst Lubitsch, König der Komödie, holt Székely 1934 nach Hollywood, wo die beiden den elegant-ironischen Film "Desire" herausbringen, mit den Stars Marlene Dietrich und Gary Cooper.
Nach einem kurzen Intermezzo in Budapest und Wien lässt sich der Drehbuchautor endgültig in New York nieder. Für eines seiner Skripte, "Arise, My Love", das er unter dem Pseudonym John S. Toldy verfasst, bekommt Székely 1941 den Oscar.
Seinen Roman "Verlockung" hatte er schon 1935 konzipiert. Vollendet wird das über 800 Seiten starke Werk gut zehn Jahre später. Es erscheint 1946 in den USA. Der Roman wird ein Welterfolg. Doch sein Autor fühlt sich in Amerika nicht mehr gewollt. Die Zeit von Senator McCarthy, der gnadenlos Linke verfolgt, hat begonnen. Székely nimmt ein Angebot der ostdeutschen Filmfirma Defa für einen Fünfjahresvertrag an. Doch er erkrankt schwer und stirbt 1958 in Berlin. "Verlockung" kommt ein Jahr später in der DDR heraus und erlebt dort neun Auflagen. Von da an war das Buch vergessen.
Nun hat es Tanja Graf, Teilhaberin des Münchner SchirmerGraf Verlags, wiederentdeckt. Sie hatte 1999, damals Cheflektorin des Piper Verlags, die Renaissance der ungarischen Zwischenkriegsliteratur mit in Gang gesetzt - mit Sándor Márais Roman "Die Glut", einem Bestseller.
Auch "Verlockung" spielt in der gefährlichen Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, in denen das ungarische Proletariat litt und die Kriegsgewinnler ihren Reichtum genossen. In diesem Buch duftet aber nicht das schwüle Parfum der Goldenen Zwanziger. Hier kriecht immer wieder der modrige
Geruch von schimmligen Wohnungen, schlechtem Essen, billigem Alkohol und ungelüfteten Aborten aus den Seiten. Dennoch ist das Buch kein dumpfes Sozialrührstück - dazu sind die Figuren zu vital, ist die Geschichte zu spannend. Und dazu kann Székely, der versierte Drehbuchautor, seine Szenen auch viel zu geschickt arrangieren.
Der Wälzer beginnt als Erziehungs-, Abenteuer- und Schelmenroman. Béla bricht auf ins Leben. Er verlässt das triste Dorf und macht - so müsste es nach der Dramaturgie des Genres eigentlich weitergehen - in der Metropole sein Glück.
Aber da spielt Székely nicht mit. Kaum hat Béla ein Stück vom Glück zu fassen bekommen, entgleitet es ihm auch schon wieder. Er ist zu anständig. Die "Exzellenz" etwa genießt es während des Liebesspiels, dessen Regeln sie allein bestimmt, ihre Vergewaltigungsphantasien auszuleben. Dazu gehört, dass der jeweilige Page sich hinterher an ihrer Geldbörse bedient. Doch Béla ist in sie verknallt, er will kein Geld, er will Liebe. So bekommt er beides nicht.
Székely, diesen Eindruck kann der faszinierte Leser nach ein paar hundert Seiten nicht beiseite schieben, hat sich da - brillant - einen Musterproletarier konstruiert. Bei allem erzählerischen Können, bei aller Spannung und dramaturgischen Raffinesse gerät der Roman manchmal gefährlich in die Nähe eines marxistischen Märchens.
Der Schriftsteller, der selbst mit 18 Jahren nach Berlin floh, stattet seinen Paradeproletarier zwar mit überdurchschnittlicher Intelligenz aus, aber nicht mit Bauernschläue. Beinahe hätte der Autor seinem treuen Burschen Béla tatsächlich eine Chance gegeben: Er lernt im Hotel ein süßes amerikanisches Mädchen kennen. Es kommt zu einem herzerwärmenden Flirt über alle sozialen Grenzen hinweg. Irgendwann ist sie abgereist.
Und Béla, der den brennenden Wunsch hat, in die USA zu fliehen, bekommt von seinem Schwarm eine freundliche Postkarte. Doch der verwischte Poststempel hat den Absender unlesbar gemacht, Béla kann nicht antworten und verpasst möglicherweise so das große Glück. Die so naheliegende Idee, ins Hotel-Meldebuch zu schauen, wo jeder Gast sich mit seiner Adresse eintragen muss, gönnt Székely seinem frustrierten Helden leider nicht.
So lässt er ihn weiter darben. Erst als er am Ende seiner Kräfte ist, setzt sich Béla als blinder Passagier auf einem Donau-Dampfer endlich nach Wien ab.
Mit zwei Romanen, die in den USA und Europa spielen sollten, wollte János Székely "Verlockung" zur Trilogie vollenden. Er kam nicht mehr dazu.
Wer seiner bittersüßen "Verlockung" erlegen ist, hätte nur zu gern gewusst, ob Béla, dieser sozialistische Sisyphos, doch noch auf die Beine kommt. Verdient hätte er es. JOACHIM KRONSBEIN
* Mit Marlene Dietrich, Gary Cooper. ** János Székely: "Verlockung". Aus dem Ungarischen von Ita Szent-Iványi; SchirmerGraf Verlag, München; 816 Seiten; 24,80 Euro.
Von Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 24/2005
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