10.10.1977

Probe für Volksjustiz

Nun ist also die "Frankfurter Schule" dran. Noch am ersten Oktober-Sonntag wollte der CDU-Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt, bei der Verleihung des Adorno-Preises an Norbert Elias, nicht nur den Preisträger, sondern Adorno selber geehrt sehen. Mittwochabend strahlte die ARD eine Propagandasendung des Bayerischen Rundfunks aus, in der Herr Mühlfenzl die von Strauß empfohlene Volksjustiz schon einmal geprobt hat. Dort trat auch Herr Dregger auf und erklärte die "Frankfurter Schule" schlicht zu einer Ursache des Terrorismus. Ich könnte seitenweise Adorno über "Studentischen Aktionismus" zitieren -- das Wort stammt übrigens von ihm; oder ich könnte dem Impuls nachgeben, mich selber zu rechtfertigen -- mit den zwischen 1961 und 1969 penetrant wiederholten, immer wieder variierten (und übrigens gut dokumentierten) Stellungnahmen gegen jede Art von Gewaltanwendung in unserem Lande.
Aber nötiger als das ist die Erklärung von zwei spezifisch deutschen Phänomenen. Erstens: warum waren in der Bundesrepublik linke Intellektuelle schon gegenüber den ersten Regungen von Gewaltrhetorik und Gewaltanwendung empfindlicher, skrupulöser. gereizter als ihre Freunde in anderen Ländern? Und zweitens: warum wird diese Tatsache heute so hartnäckig ignoriert? Auf die erste Frage möchte ich eine persönliche Antwort geben, auf die zweite eine etwas allgemeinere.
1. Ich war 1967, in Hannover, über die Rhetorik der Regelverletzung, die von Bürgerrechtlern im Süden der USA erfolgreich praktiziert worden war, erschreckt. Ich habe gefragt, warum man eine voluntaristische Ideologie nötig zu haben glaubt, "die man unter heutigen Umständen "linken Faschismus" nennen muß". Heute meine ich, meine damalige Äußerung war eine "Überreaktion". Diese Haltung war und ist für Linke meines Alters typisch, und in welchen biographischen Erfahrungen sie wurzelt. kann ich sagen.
Ich bin während meiner Studienzeit darauf gestoßen, daß so eminente, für die Nachkriegsgeneration prägende Figuren wie Martin Heidegger oder Carl Schmitt erstaunliche politische Äußerungen getan und fatale Lehren vertreten hatten: der eine hat als Rektor die Machtergreifung der Nazis begrüßt und ihre Bedeutung metaphysisch verklärt, der andere hat den Führerstaat theoretisch gerechtfertigt. Keiner von beiden hat nachher eine unzweideutige politische Erklärung, eine öffentliche Revision für nötig gehalten.
Diese schockierenden Beispiele, und es sind nur Beispiele, haben mein, haben unser Bewußtsein dafür geschärft, daß die theoretischen Dinge. die man lehrt und schreibt. nicht nur als Argumente in den Wissenschaftsprozeß eingehen und dort überleben oder zerrieben werden, daß sie vielmehr als gesprochene und publizierte Worte im Augenblick der Rezeption eine Wirkung auf die Mentalität von Hörern und Lesern haben, die der Autor nicht rückgängig machen, nicht wie ein Argument zurückziehen kann. Nun ist es, wie man an Nietzsche und dem sogenannten Gedankengut der Nazis zeigen kann. töricht, einem Autor oder einem Lehrer die nichtintendierten Folgen seiner Äußerungen umstandslos zuzurechnen; und ebenso töricht ist es, so zu tun, als ob die ideologische Wirkungsgeschichte einem Werke ganz äußerlich wäre. Aus diesem Dilemma gibt es nur einen pragmatischen, wenn auch nicht einfach zu praktizierenden Ausweg. Man muß sieh beim Lehren und Schreiben vom Bewußtsein jenes Dilemmas hinreichend hemmen lassen: man darf sich nicht der Stimmung objektiver Unverantwortlichkeit überlassen, aber auch nicht die eigene Verantwortung moralisierend so überdehnen, daß man aus Angst vor dem Unbestimmten und Ungewissen erstarrt. Dann bliebe nur noch das Schweigen.
2. Offenbar wollen Strauß und Dregger uns so einschüchtern, daß wir zu dieser Alternative Zuflucht nehmen. Beide vernebeln die Tatsache, daß in den sechziger Jahren gerade linke Professoren ein besonders deutliches Bewußtsein von geistigen Kausalitäten hatten. Statt dessen konstruieren Strauß und Dregger Linien objektiver Verantwortlichkeit in einer Manier, die sonst nur noch im Einflußbereich stalinistischer Bürokratien Anklang findet. Auch für die Selbstkritik, die Strauß in der Gebärde eines Staatsanwalts fordert und von der er behauptet, wir seien ihrer nicht fähig, finde ich historische Beispiele nur im Stalinismus. Denn die Selbstkritik kann er nicht meinen, von der die Linke lebt und die im übrigen ein trivialer Bestandteil der Berufsrolle eines jeden Professors ist.
"Kritische Geister", so meinte Strauß im Bundestag, "sind wir, die wir uns nicht von den Phrasen haben benebeln lassen, die mit Lebensqualität und mit Gerechtigkeit und Glückseligkeit und Menschlichkeit usw. in die Welt gesetzt worden sind." Strauß spricht hier, wenn ich mich nicht irre, von jenen bürgerlichen Idealen, die in einer breiten humanistischen Tradition verankert sind. Dieser Humanismus ist in Deutschland nur ein einziges Mal auf den Index gesetzt worden, und zwar mit der Art von Emotionen, die Strauß heute anheizt. Strauß setzt aufs Ganze: Der Terrorismus bietet den Vorwand für eine Diffamierung, die mit 200 Jahren kritischen bürgerlichen Denkens aufräumen soll -- auch Marx war schließlich ein Sohn der bürgerlichen Gesellschaft.
Die barbarische Geistfeindschaft der jüngsten Kampagnen wird der lustlosen Passivität, in der wir Intellektuelle seit gut fünf Jahren verharren, auf die Beine helfen. Gewiß, wer will schon noch im Feuilleton eines Herrn Fest schreiben, wer für die deutsche Kulturpolitik ins Ausland reisen"? Aber, in Zukunft könnten wir beide Arten von Tätigkeiten auf interessante Weise kombinieren und in "Le Monde" oder im "Corriere della Sera" ein bißchen beschreiben, wie es sich in einem Lande lebt, wo sich der physische Terror der einen im verbalen Terror der anderen spiegelt. Dann könnte die Schwarzweißmalerei, die Croissant draußen und die deutschen Saubermänner drinnen arbeitsteilig betreiben, einem realistischeren Deutschlandbild weichen. Als ob die Kappler-Freunde, die Hiag, das obszöne Interesse an Hakenkreuzen und Hitlerfilmen, als ob der fringe unser Problem wäre! Keine Sorge, wir werden Herrn Strauß nicht einen Faschisten nennen. Wir werden seine Reden studieren, sein Verhalten beobachten und der Vermutung nachgehen, daß Strauß, nachdem Spanien endlich eines Franco ledig ist, die Bundesrepublik francoisieren will.
Von Jürgen Habermas

DER SPIEGEL 42/1977
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