07.11.1977

PHILOSOPHENHerz der Geschichte

Junge deutsche Sozialisten wollen den Marxismus mit Schopenhauer korrigieren.
Dichter wie Leo Tolstoi, August Strindberg und Thomas Mann bewunderten ihn, Friedrich Nietzsche nannte ihn seinen Erzieher, Sigmund Freud würdigte ihn als Vorläufer der Psychoanalyse, und der Schriftsteller Ludwig Marcuse sah in ihm gar den "radikalsten aller Unruhestifter": "Nicht Marx, Schopenhauer ist in einem sehr ernsten Sinn subversiv."
Doch Marcuse mußte 1955 auch feststellen, daß Arthur Schopenhauer (1788 bis 1860), der Glücksfall des kultiviert-urbanen -- aber auch gallig-grobianischen -- Sprachkünstlers unter Deutschlands Denkern, nach etlichen Jahrzehnten eines modisch-oberflächlichen Ruhms "von der Geschichte der Philosophie und der Schopenhauer-Gesellschaft als historische Rarität konserviert" wird.
Das scheint sich nunmehr zu ändern. Schopenhauers paradoxe Entzauberung der Welt, die in der klassisch hellen, verstandesklaren Prosa der Goethezeit lange vor Freud die Vernunft zum Diener des dunklen Dranges und den Drang, die Gier, den Trieb -- bei Schopenhauer "Wille", bei Freud schließlich "Es" -- zum Motor des Lebens, ja zum Wesen der Welt erklärt, findet neue, sogar neuartige Resonanz.
Das liegt nicht zum wenigsten daran. daß nunmehr Werke, Gespräche und handschriftlicher Nachlaß dessen erste Gesamtausgabe in fünf Bänden erst vor zwei Jahren abgeschlossen wurde -- in einer kritischen Edition Arthur Hübschers vorliegen, des seit Jahrzehnten verdienstvollsten Schopenhauer-Forschers und Präsidenten der Schopenhauer-Gesellschaft.
Noch mehr: Hübscher plant nicht nur eine neue kritische Gesamtedition der Briefe -- sondern in diesem Monat erscheint im Zürcher Diogenes Verlag auch eine preiswerte Volks- und Studienausgabe nach seiner Werke-Edition (mit Übersetzungen der zahlreichen fremdsprachigen Zitate) und ein Würdigungsband "Über Arthur Schopenhauer" (mit Essays von Nietzsche. Thomas Mann, Ludwig Marcuse, Horkheimer und Hübscher sowie Zeugnissen von Jean Paul bis Arno Schmidt). Ebenso ist vor kurzem eine zweibändige Werke-Auswahl von Werner Brede herausgekommen*, die auf
* Arthur Schopenhauer: "Zürcher Ausgabe in 10 Bänden". Herausgegeben von Angelika Hübscher. "Über Arthur Schopenhauer". Herausgegeben von Gerd Haffmans. Diogenes Verlag, Zürich; zusammen 3776 Seiten in Kassette; 96 Mark. Arthur Schopenhauer: "Werke in zwei Bänden". Herausgegeben von Werner Brede. Carl Hanser Verlag. München: 1596 Seiten; 65 Mark
der kritischen Hübscher-Edition beruht.
Die vollständige Edition des Nachlasses hat zudem den österreichischen Publizisten Karl Pisa, ehemals Staatssekretär in der Regierung Kreisky. dazu bewogen, eine neue Schopenhauer-Biographie zu schreiben**.
Ebenso setzt der Frankfurter Philosoph Alfred Schmidt auf den Spuren seines Lehrers Horkheimer die Bemühungen fort, mit Hilfe eines neuen Natur- und Materieverständnisses Schopenhauer für den kritischen, nicht umstandslos auf Marx eingeschworenen Materialismus der Frankfurter Schule zu reklamieren***.
Aber nicht nur auf der Verlags- und Universitätsszene ist Schopenhauer wieder an der Zeit, sondern auch spontan -- und unvermittelt -- in der linken Subkultur.
So spricht aus der August-Nummer des Westberliner Sozialistenblattes "z. B." unverblümt der Wunsch, Schopenhauers Denken als notwendige Korrektur des Marxismus zu deuten.
Der Autor des Aufsatzes "Marx und Schopenhauer oder: Warum ist Marx immer noch nicht realisiert?" beantwortet denn auch seine Titelfrage höchst ketzerisch: Das liege "an Marxens Unverständlichkeit, hegelianischer Abkunft. Metaphysiklosigkeit, unpsychologischer Argumentation (in beidem hätte er von Schopenhauer lernen können!) und rein ökonomischen Fundierungen".
Während also noch für Ernst Bloch -- und natürlich auch für Georg Lu-
* Daguerrotypie von 1854.
** Karl Pisa: "Schopenhauer. Kronzeuge einer unheilen Welt". Paul Neff Verlag. Wien/Berlin; 400 Seiten; 37 Mark.
*** Alfred Schmidt "Drei Studien über Materialismus. Schopenhauer, Horkheimer. Glücksproblem": Carl Hanser Verlag, München; 200 Seiten; 14,80 Mark
kács -- die "deutsche Heilslinie" von Hegel zu Marx führt, die des deutschen Unheils aber von Schopenhauer zu Nietzsche "und den Folgen". sind junge deutsche Sozialisten darüber schon wieder anderer Ansicht: "Hätte Marx Schopenhauer ... gelesen und verstanden, wäre er sicher weit radikaler und umfänglicher (d. h. nicht nur hauptsächlich ökonomisch) vorgegangen. Er hätte sicher gemerkt ..., daß der Kapitalismus nur eine zeitgebundene Objektivation des Egoismus von einzelnen und Gruppen ist. Er hätte die außen überall sichtbare Dialektik nach innen (subjektiv) als Gewissenskampf gedeutet: als Kampf sozialistischer Anlagen des Menschen mit egoistischen
Ähnlich hatte schon Horkheimer über Schopenhauer geurteilt: "Was er von den Individuen behauptet hat, daß sie ein Ausdruck blinden Willens zu Dasein und Wohlsein seien, tritt in der Gegenwart in den sozialen, politischen und rassischen Gruppen in der ganzen Welt hervor, und eben darum scheint mir seine Lehre die Form des philosophischen Gedankens, die der Realität gewachsen ist."
In einer Frankfurter Gedächtnisrede nannte Horkheimer Schopenhauer "unendlich aktuell". Er meinte: "In den hundert Jahren seit Schopenhauers Tod hat die Geschichte eingestanden. daß er ihr ins Herz gesehen hat."
Und am 1. Dezember 1976, als Bundespräsident Scheel eine Ausstellung im Frankfurter Schopenhauer-Archiv besuchte, sagte Arthur Hübscher in seiner Begrüßungsrede: "Schopenhauer schreibt keine Utopien. Er verspricht nichts, er zeigt nur, wie es zugeht in dieser Welt. Er sagt, was geändert werden soll, aber er verschweigt nicht das, was nie zu ändern ist."
* Am 1. Dezember 1976 im Frankfurter Schopenhauer-Archiv.
Was Schopenhauer im großartigen Hauptwerk "Die Welt als Wille und Vorstellung" (1818) seinen Lesern vor Augen führt, das düstere Gemälde einer Welt des Schreckens, des ständigen Streitens und Leidens, einer Welt, die heillos in Schein und Sein zerfallen ist -- das spiegelt paradox die eigene Entzweiung und Zerrissenheit wider.
Denn Schopenhauer ist einerseits von einem alles vernichtenden Ankläger-Willen zur Erkenntnis erfüllt, der unnachsichtig die Schlechtigkeit der Welt, das Gaukelspiel des Lebens, die Dummheit der Menschen zu entlarven trachtet. Andererseits aber hält er, der überzeugte Atheist, noch immer an der religiös-humanen Vorstellung vom heiligmäßigen Leben des wahren Menschen fest.
Diese Vorstellung traut der Nächstenliebe, dem Mitleiden auch in einer heillosen Welt die Kraft zu, wenigstens das physische Schicksal der Kreatur zu wenden, nämlich Leid und Schmerz von Mensch und Tier nach Kräften zu lindern.
Von diesem Mitleiden, der Verneinung des blinden Willens zum Leben, erwartete Schopenhauer sogar die metaphysische Erlösung des Menschen. Sie entspricht freilich der buddhistischen Erlösung aus dem sinnlosen Teufelskreis des Lebens: Sie verheißt also nicht etwa das ewige Leben, sondern das Nichts. Der dem Lebensdrang Verfallene hingegen bleibt im sinnlosen Kreislauf der Natur gefangen: Das ewige Leben ist hier der ewige Schrecken immer neuer Wiedergeburten, ist der Terror von Schmerz, Leid und Tod.
Diese negative Mystik der gottlosen Zeiten, die von Mitleid, Askese und Meditation. vom Absterben des Lebenswillens nicht den Eingang ins Himmelreich, sondern ins Nirwana erhofft, kommt den religiösen wie pseudo-religiösen Emotionen zahlloser enttäuschter Menschen in diesem Jahrhundert der Katastrophen ebenso entgegen, wie Schopenhauers illusionsloser und trotzdem Solidarität stiftender Impuls des Mitleidens nunmehr auch auf Marxisten zu wirken beginnt.
Nicht nur auf sie. Karl Marx, der ja kein Marxist war und daher die vornehme Skepsis seines intellektuellen Partei-Klerus gegen den reaktionären Pessimisten Schopenhauer niemals teilte (und der ihn, wie anders, natürlich auch gelesen hat), hatte bereits den sozialethischen Antrieb in dessen Denken als praktisch entscheidend erkannt.
Was Schopenhauer mit Marx eint und vom Positivismus trennt, ist die Überzeugung: "Daß die Welt bloß eine physische, keine moralische Bedeutung habe, ist der größte, der verderblichste, der fundamentalste Irrtum!"
Marx wußte das. In einem Gespräch mit dem ihm befreundeten Ehepaar Kugelmann nahm er 1867 Schopenhauer gegen den Vorwurf des Menschenhasses in Schutz und sagte: "Keinem lebendigen Wesen Unrecht zu tun, bezeichnet er bei der Hilfsbedürftigkeit alles Bestehenden als einfaches Gebot der Gerechtigkeit, die zum Mitleid führt, zu dem Satz: "Hilf allen, soviel du kannst." Tiefer ethisch sozial hätte keine sentimentale Regung das Gebot der Nächstenliebe verkündet."
Dieses Residuum des verlorenen Glaubens, das immer noch die tätige Hilfe für den Nächsten, für die Schwachen und Leidenden als Leitsatz des sittlichen Handelns ansieht" verbindet paradox die Atheisten Schopenhauer und Marx.

DER SPIEGEL 46/1977
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