26.09.1977

POLIZEIFedern schonen

Unruhig geworden sind Polizisten, die Prominente bewachen und sich einst rissen um diesen Einsatz. Ihre Vorbereitung auf den Terror-Ernstfall ist dürftig, ihre Chance gering.
Es war immer ein Job, nach dem sie sich drängten. Die Aussicht, nicht mehr Streife zu fahren oder auf der Kriminalwache Protokolle zu tippen, dafür Spitzenpolitiker und andere VIPs bei ihren täglichen Verrichtungen zu begleiten, schnelle Autos zu lenken oder auch mal mit auf Auslandsreisen zu gehen -- das hatte, zumal für Jüngere, etwas Bestechendes.
Und auch heute noch wird in den Spitzen der Polizei-Administration beteuert, daß es gar nicht so viele durch Terror gefährdete Westdeutsche gibt, wie sich freiwillige Beschützer melden. Von Defätisten keine Spur: "Im Gegenteil", so Waldemar Burghard, Chef des niedersächsischen Landeskriminalamtes (LKA), "wir nehmen nur Freiwillige und haben noch genügend da."
An der Basis aber, wenn einer genauer hinhört, macht sich seit Schleyers Entführung Resignation breit. "Aus Gesprächen mit Kollegen" weiß der Stuttgarter Landesvorsitzende der Polizeigewerkschaft (GdP) Dietrich Siepmann, "daß einige Beamte in Erwägung ziehen, den Polizei-Dienst zu quittieren".
An Kopfzahl sind es schon seit langem Bataillone, nach dem Kölner Attentat sind es Legionen. die Prominenz, aber auch unbekannte Größen beschützen und so dem allgemeinen Polizeibetrieb entzogen werden. Allein in Bonn wurden 3000 Beamte aus der ganzen Republik konzentriert, um 300 "gefährdete Personen" im Auge zu behalten. Und selbst im weniger exponierten Rheinland-Pfalz werden noch "über 50", so ein Eingeweihter, ständig beschützt.
Der Mord von Köln ist, was Wunder, den ständigen Begleitern in die Glieder gefahren, und manch einer hat neuerdings keine Lust mehr, für eine bescheidene Karriere den Kopf zu riskieren. Mit der Freiwilligkeit ist es nicht mehr so weit her, im Gegenteil: "Wir betonen ausdrücklich, daß wir diesen Dienst nicht freiwillig verrichten, sondern dazu bestimmt wurden", schrieben sieben Krefelder Kripo-Leute und Schutzpolizisten ihrem Vorgesetzten, dem Polizeidirektor Max Bloser, und baten um Rückversetzung in den Polizeialltag.
"Spätestens seit dem Attentat in Köln", so die Krefelder, "ist jedem eingesetzten Beamten bewußt, daß es sich bei dieser Art von Dienstverrichtung um ein "Himmelfahrtskommando" handelt." Die Beamten, die seit mehr als einem Jahr einen vergleichsweise unbekannten Richter auf Schritt und Tritt verfolgen, hahen einfach Angst, weil "mit einem Anschlag ständig zu rechnen" ist und mit der Bedrohung, "in jeder Phase" des Begleitdienstes "getötet zu werden".
Vergeblich versuchte Bloser zu beschwichtigen. Der Richter sei zwar auch in Gefahr, gleichwohl kaum "dem gleichen Ausmaß an Gefährdung seiner Person ausgesetzt" wie mancher vom "Range der Herren Buback/Ponto/Schleyer".
Das beruhigt keinen Familienvater. "Es gibt genügend Heißsporne, die das machen wollen", sagt einer, "sollen die das doch machen." Er sei zwar Polizist, und wenn man ihm einen Auftrag erteile, dann führe er den auch aus, "aber dann erwarte ich auch, daß ich optimal ausgebildet und informiert werde".
Davon jedoch kann bei vielen nicht die Rede sein. Weder gibt es für die Personenschützer ein regelmäßiges Fitneß-Training, noch werden sie hinreichend ins Bild gesetzt.
Zwar, die Angehörigen von sogenannten Mobilen Einsatzkommandos (MEK) und von Spezialeinsatzkommandos (SEK) sind noch halbwegs auf Schutzaufgaben vorbereitet -- sie lernen Karate und Schnellschießen" absolvieren auch Schleuderkurse mit dem Dienstauto. Doch ob sie gegen plötzliche und präzise Überfälle mit Maschinenpistolen eine Chance haben, ist selbst bei diesen Spezialisten zweifelhaft.
Abgesehen davon: Die Kapazität der MEK und SEK bei der derzeitigen Nachfrage ist begrenzt; die meisten Leibwächter rekrutieren sieh aus der normalen Schutzpolizei, Kriminalbeamte sind in der Minderzahl -- zumal bisweilen, wie in Bayern, ganze Polizeizüge geschlossen für den Personenschutz abgestellt werden müssen. "Für eine ohne Zweifel erforderliche zusätzliche Ausbildung der Beamten (z. B. Fachausbildung im theoretischen Bereich, Schießausbildung, Fahrausbildung, Sport)", so ein GdP-Papier aus Nordrhein-Westfalen, findet nichts statt.
Und mit der Information sieht es kaum besser aus. Die Nachrichtensperre zum Beispiel, von der Bundesregie-
* Vor der Bonner Residenz des CDU-Vorsitzenden.
rung in Schleyers Fall verfügt, "schlägt auf uns fast noch mehr durch als auf die Terroristen", sagt ein Bonner Hauptkommissar, "wir sind ja blind". Da weiß keiner, wonach er eigentlich suchen soll,
Beamte, die bessere Ausbildung oder ausreichende Information fordern, fühlen sieh oft wie Querulanten behandelt. So auch, wenn sie beim Dienstherrn, etwa NRW-Innenminister Burkhard Hirsch, wegen Verbesserungen an den zu schützenden Objekten vorstellig werden. Erst nach langem Hin und Her wird das private Anwesen von Bundesaußenminister Genscher nun um "ein restes Wachhaus" erweitert.
In Mönchengladbach forderten -noch eine Woche nach Schleyers Entführung -- Polizisten, "die Gefahrenträchtigkeit des polizeilichen Einsatzes in gebührendem Maße" zu würdigen und keinen Beamten im Dienst am wichtigen Objekt ohne Maschinenpistole zu lassen.
Neben organisatorischem Schlendrian beklagen Objekt- und Personenschützer die Arroganz ihrer Schützlinge. Daß die Gören gelegentlich Polizisten anmosern ("Haut ab, ihr Bullen"), mag noch angehen. Viele aber machen sich -- wider die eigene Sicherheit -- einen Sport daraus, das Begleitfahrzeug abzuhängen.
Zwar sollten sieh die Beamten, so Berlins Polizeipräsident, "den jeweiligen Situationen ausgezeichnet anpassen können. Beim Waldlauf ebenso wie auf dem Presseball". Aber bisweilen mäkeln Very Important Persons über die Umgangsformen der Beamten, so wie jener niedersächsische Minister -- selbst für tadellose Tischsitten bekannt -- über seine Bewacher: "Die können ja noch nicht mal richtig mit Messer und Gabel umgehen."

DER SPIEGEL 40/1977
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