26.09.1977

SEDMaleweibi in Potsdam

Wer in der DDR eine besondere Ausbildung oder leitende Stellung hat, wird als Kader geschult -- und lückenlos kontrolliert.
Seit mehr als einem Vierteljahrhundert werden in der DDR Kader ausgelesen und entwickelt, herangezogen, erprobt und bestätigt. Es gibt Nachwuchskader, Leitungskader und Kaderleitungen, Kaderreservoirs und Reservekader.
Und es gibt Hunderttausende von Kaderakten -- für jeden DDR-Bürger, der studiert hat oder irgend etwas leitet, mindestens eine.
Was immer im Leben eines Leitenden anfällt oder danebengeht -- Zeugnisse, Beurteilungen, Lebensläufe, Personalbogen: In der Kaderakte wird es aufbewahrt. Selbst Kleinigkeiten bleiben konserviert. "Das Nichterscheinen zur Maidemonstration", berichtete der vor einigen Jahren aus der DDR herübergewechselte Soziologe Dieter Voigt, "kann dort ebenso aufmerksam notiert werden wie Diskussionsbeiträge oder die Spende für Nordvietnam."
Wer und was ein Kader ist -- darüber freilich gehen zwischen Werktätigen und Wissenschaftlern die Meinungen auseinander.
Obwohl beispielsweise im DDR-Arbeitsgesetz von "Personalangelegenheiten" und "Personalunterlagen" die Rede ist, gibt es in der DDR Personalbüros nicht mehr; Personalangelegenheiten werden vielmehr in Industrie, Handel und Verwaltung von Kaderabteilungen geregelt.
Dennoch gilt der Partei wie auch sozialistischen Organisationswissenschaftlern nicht jeder arbeitende DDR-Bürger automatisch als Kader: Darunter, so lautet die Standarddefinition der beiden DDR-Autoren Richard Herber und Herbert Jung, sei vielmehr "ein Stamm von Menschen" zu verstehen, "die aufgrund ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten geeignet und beauftragt sind, andere Menschen bei der Verwirklichung der gestellten Aufgaben zu führen" -- Parteisekretäre, Bürgermeister oder Generaldirektoren beispielsweise.
Daneben werden grundsätzlich alle Hochschul-Absolventen und Wissenschaftler zu den Kadern gezählt -- auch wenn sie keine leitende Funktion ausüben. Denn sie stellen das wichtigste "Reservoir für die Heranbildung qualifizierter Leistungskräfte" dar.
Allen drei Kadergruppen -- Funktionären, Wirtschaftsführern und Spezialisten -- sei gemeinsam, "daß sie im Einklang mit den gesellschaftlichen Notwendigkeiten planmäßig und systematisch entwickelt und zielstrebig eingesetzt werden müssen". Der West-Berliner Sozialforscher Gert-Joachim Glaeßner, der jetzt eine umfassende Darstellung der DDR-Kaderpolitik vorlegt*, sieht in dieser Formel die "gültige Kaderdefinition der SED".
Die Formel "Kader gleich Leiter oder Spezialist" begann erst Mitte der sechziger Jahre einen älteren, auf Stalin zuruckgehenden Kaderbegriff abzulösen, dem zufolge entscheidendes Kadermerkmal die absolute Ergebenheit gegenüber der Partei war. Stalin: "Die Kader entscheiden alles."
Nach 1945 übernahmen alle in Osteuropa an die Macht gelangten kommunistischen Parteien Stalins dogmatischen Kaderbegriff.
Die KPD richtete sogleich nach ihrer Wiederbegründung "personalpolitische Abteilungen" ein, um Führungspositionen innerhalb der Partei, aber auch in der provisorischen Verwaltung, gezielt besetzen zu können. Die Prüfung der Verläßlichkeit von Genossen gehörte ebenso zu den Aufgaben dieser Partei-Instanz wie der Aufbau von Personalkarteien und die ständige Abstimmung mit der sowjetischen Militärverwaltung.
* Gert-Joachim Glaeßner: "Herrschaft durch Kader. Leitung der Gesellschaft und Kaderpolitik in der DDR". Westdeutscher Verlag. Köln: 384 Seiten: 45 Mark.
Nach der Vereinigung von KPD und SPD zur Sozialistischen Einheitspartei wurde Mitte 1949 eine Neuregelung beschlossen: Die personalpolitischen Abteilungen wurden in Kaderabteilungen umgewandelt, die seither dem Politbüro direkt unterstellt sind.
Zugleich übernahm die SED mit der "Kader-Nomenklatur" ein weiteres Prinzip sowjetischer Machtsicherung.
Die Bezeichnung "Nomenklatur" (wörtlich: Namensverzeichnis) hatten die Sowjets für die Kaderkarteien der neuen sozialistischen Elite gewählt: Registratur-Stellen auf verschiedenen Machtebenen lenkten das Auf oder Ab leitender Parteimitglieder und erwiesen sich während der Stalinschen Säuberungen als wichtigstes Disziplinierungsinstrument: Sie waren dem Staatssicherheitsdienst ebenso dienstbar wie den Sondertribunalen.
Kaderleiter in Betrieben und Dienststellen sind auch heute in der DDR gehalten, Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) nicht nur jede verlangte Auskunft zu geben, sondern ihnen freie Selbstbedienung an den Karteikästen zu gestatten.
Die Ausspähung der DDR-Bürger wird durch detaillierte, mit Lichtbildern versehene Personalbogen erleichtert, die jeder vor Aufnahme einer Arbeit auszufüllen hat. Diese Fragebogen verlangen beispielsweise ein Verzeichnis "sämtlicher Wohnanschriften von -- bis", eine Aufstellung der "Arbeitssstellen von Beginn der Arbeitstätigkeit lückenlos und in zeitlicher Reihenfolge" sowie "Angaben über Ehepartner, Kinder, Eltern und Geschwister (auch wenn verstorben)" -- mit einer Extra-Spalte "Angabe d. Jahres bei illeg. Verzug (Kap. Ausland einschl. BRD u. WB)".
Gilt diese Ausforschung grundsätzlich allen werktätigen DDR-Bürgern, so unterliegen die eigentlichen Kader einer noch strengeren Aufsicht durch ihre Nomenklatur-Stellen: Da sie, so eine Kaderrichtlinie des Ministerrats aus dem Jahre 1969, als "die besten Kräfte des Volkes" gelten, werden Leitungskader regelmäßig, mitunter zweimal im Jahr, durch ihre nächsthöhere Parteiinstanz beurteilt.
Auf der jeweils übergeordneten Ebene des Partei- und des Staatsapparats werden auch die Kaderakten der sogenannten Nomenklatur-Kader und des für diese Aufgaben herangezogenen Nachwuchses (Reservekader) geführt. Für diese DDR-Elite ist nicht mehr die Kaderabteilung ihrer Arbeitsstelle zuständig, sondern etwa für den 1. Sekretär einer SED-Kreisleitung (Kader der Nomenklatur-Stufe I) die Kaderleitung beim SED-Zentralkomitee.
Die übrigen Mitglieder eines SED-Kreissekretariats (Kader der Nomenklatur-Stufe II) dagegen werden von der zuständigen Bezirksparteileitung erfaßt. Analog dazu sind die Kaderebenen im Staats- und im Wirtschaftsapparat festgelegt: Ein Dorfbürgermeister, Kader der untersten Nomenklatur-Stufe III, wird bei der Kaderleitung des Rates des Kreises geführt.
Für die Spitzenfunktionäre oberhalb der Nomenklatur-Stufe I -- ZK-Mitglieder, erste Bezirkssekretäre und Mitglieder von Staats- und Ministerrat -- existiert eine besondere Kaderbehörde beim Politbüro.
Dieser Personenkreis gilt als Kaderreserve des engsten Führungs-Zirkels. Glaeßner vermutet mit "einiger Sicherheit", daß "eine im ZK-Apparat geführte spezielle Nomenklatur des Politbüros für diese Funktionen besteht" -- also langfristig festgelegt ist, welches ZK-Mitglied einmal auf einem Politbüro-Stuhl Platz nehmen darf.
Diese vorausschauende Personalplanung bleibt freilich immer von der jeweiligen Machtkonstellation an der SED-Spitze abhängig und wird laufend durch innerparteiliche Rivalitäten beeinflußt: Verliert ein Politbürokrat an Einfluß, so werden dadurch auch die Aufstiegserwartungen der von ihm gedeckten Kader reduziert.
Neben persönlicher Protektion gewinnt allerdings mehr und mehr die Aus- und Weiterbildung als Aufstiegskriterium an Bedeutung. Je nach Kaderrang können beispielsweise Staatsfunktionäre sowohl zur Verbesserung ihres Fachwissens als auch zur sogenannten "Maleweibi" (marxistischleninistische Weiterbildung) auf regionale und zentrale Betriebsakademien delegiert werden. Spitzeninstitute sind etwa die Fachschule für Staatswissenschaft "Edwin Hoernle" in Weimar oder die Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft in Potsdam-Babelsberg.
Die parteiinternen Bemühungen um permanente Niveau-Verbesserung wertet Glaeßner in der Tendenz "als Mittel zur politischen und sozialen Abschottung der Leitungsapparaturen": Ihr "Wissensmonopol gegenüber der Gesellschaft" werde langfristig gefestigt und ausgeweitet.
Glaeßners Fazit: Die Chancen "zur Überwindung bürokratischer Verhältnisse" haben sich durch die Verfeinerung des kaderpolitischen Instrumentariums eher verschlechtert.

DER SPIEGEL 40/1977
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