26.09.1977

VATIKANStarkes Herz

Eine „Herrschaft der Greise“ will Paul VI. in der katholischen Kirche zwar verhindern, aber er selbst, obschon 80, denkt nicht an Rücktritt.
Nur wenige Monate hielt es Papst Coelestin V. auf dem Stuhl Petri aus, ein hilfloser Greis inmitten der römischen Intrigen. Dann resignierte er. Sein Nachfolger Bonifaz VIII. ließ ihn -- im 13. Jahrhundert -- bis zum Tode in der Festung Fumone einsperren.
Knapp 700 Jahre später, im September 1966, pilgerte Papst Paul VI. nach Fumone. Er pries nachdrücklich die fromme Demut des (heilig gesprochenen) Coelestin, des einzigen Papstes in der Kirchengeschichte, der freiwillig sein Amt niedergelegt hat. Folge: Vatikan-Beobachter vermuteten sogleich, der Montini-Papst wolle dem Beispiel folgen und demissionieren.
Derlei Rücktritts-Spekulationen tauchten seither immer wieder auf. Denn Paul VI., wegen seiner Pillen-Enzyklika vorwiegend von links und wegen seiner flexiblen Ostpolitik von rechts kritisiert, klagte zunehmend über die "schwere Bürde" seines Amtes, über seine eigenen "schwachen Kräfte, die nun ein bißchen müde werden".
Obendrein hatte der Pontifex selber deutlich gemacht, daß er keine "gerontocrazia", keine Herrschaft der Greise, in der katholischen Kirche wünsche. Auf den Rat des Konzils hin empfahl er 1966, alle Diözesan-Bischöfe sollten im Alter von 75 Jahren ihre Pensionierung beantragen. Und durch das Dekret "Ingravescentem Aetatem" (die wachsende Last des Alters) schloß er die über 80jährigen Kardinäle vom Konklave (Papstwahl) aus. Kein Wunder, daß sich Millionen Katholiken fragten, ob nicht auch der amtierende Papst -- der am 26. September 80 wird -- pensionsreif sei.
Vergangenen Monat erreichte die Gerüchtewelle ihren Höhepunkt. Lokaiblätter in der Provinz Brescia, aus der Giovanni Battista Montini stammt. verbreiteten schon, der Pontifex wolle zu seinem 80. abdanken und sieh in das brescianische Kloster Santa Maria della Pace zurückziehen, zu dem Montini enge Beziehungen unterhielt. Auch der schweizerische Wallfahrtsort Einsiedeln wurde als Alterssitz genannt.
"Alles Hirngespinste", entrüstete sich "L'Osservatore Romano" über diese Berichte, und kurz darauf begründete das Vatikanblatt in einem Leitartikel seines stellvertretenden Chefredakteurs Virgilio Levi, warum der Papst im Unterschied zu normalen Bischöfen "weder die Pflicht noch das Recht hat", aus Altersgründen zurückzutreten.
Das Bischofsamt, so Levi" erfordere äußerste physische Energie und Einsatzbereitschaft, Eigenschaften, die in hohem Alter nachlassen. "Das Amt des Papstes hingegen ist eine wirkliche Leitung von oben, die vor allem einen scharfen und hellen Verstand erfordert, ein Herz voll Liebe, eine zutiefst geprüfte Erfahrung."
Manchen Kirchenmännern scheint diese Unterscheidung keineswegs plausibel. Ein Papst über 80, wenden sie ein, habe nicht mehr die geistige Spannkraft und Beweglichkeit, die zur Leitung der vielfach bedrängten Weltkirche Anno 77 unerläßlich seien. Paul VI. mache da keine Ausnahme.
"Weiterhin Verantwortung zu tragen, wenn die Kräfte nachlassen, das heißt, Untergebenen und Cliquen die Macht zu überlassen", schrieb der französische Dominikaner-Pater Christian Duquoc.
Doch Paul VI. und seine römischen Berater sind gänzlich anderer Meinung. Das Katholiken-Oberhaupt versteht sein Amt als göttlichen Auftrag, so wie es der Auftrag Christi an Petrus war. Deshalb habe der Inhaber dieses Amtes, als legitimer Nachfolger Petri, nicht das Recht, abzudanken.
Ein anderes, noch fragwürdigeres Argument: Würde Paul VI. zurücktreten, entstände eine anomale Situation -- in Rom ein amtierender Papst und gleichzeitig, in irgendeinem Kloster, der Papst a. D. Montini. Der Alterssitz des pensionierten Papstes, so fürchten Kirchenrechtler, könne leicht zu einem Gegen-Rom werden -- vor allem wenn der alte Pontifex andere Auffassungen vertritt als der neue. "Das sind Aussichten, die auch Paul VI. schrecken". kommentiert der "Corriere della Sera".
Rüstig genug, um weiterzuregieren, fühlt sich Papst Paul allemal. Zwar leidet er unter einer schweren Arthrose, viele Bewegungen bereiten ihm Schmerzen. Doch Vatikan-Insider schwören darauf: "Unser Heiliger Vater hat ein sehr starkes Herz."

DER SPIEGEL 40/1977
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