26.09.1977

„Ich hörte die Schreie“

Am 28. Juni 1976 landete frühmorgens auf dem Flughafen Entebbe die Air-France-Maschine, die von der Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) entführt worden war. Ich hörte die Meldung in den Sechs-Uhr-Nachrichten der BBC.
Sofort fuhr ich in mein Ministerium in Entebbe, das unmittelbar neben dem Amtssitz des Präsidenten, dem State House, liegt und von dem alten Flughafengebäude rund drei Kilometer entfernt ist.
Um 9.00 Uhr rief Präsident Amin mich an und sagte begeistert: "Kyemba, es sind die Palästinenser, die diese Maschine aus Israel entführt und nach Entebbe gebracht haben." Er hatte bereits Kontakt mit ihnen gehabt. Mir befahl er, für ärztliche Hilfe zu sorgen, und benannte selbst eine nubische Schwester, damit die Sache besser geheimgehalten werden konnte; ich mußte auch einen Arzt auswählen, der für die Palästinenser akzeptabel sein würde. Ich entschied mich für einen Ägypter, Dr. Ajad.
Um 15.00 Uhr bekam ich von Amin die Anweisung, mit dem Arzt und der Schwester die Geiseln aufzusuchen und festzustellen, ob sie medizinische Hilfe brauchten. Nachdem wir auf dem Flughafen eine Postenkette ugandischer Soldaten passiert hatten, wurde ich von Funktionären der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) in Kampala empfangen.
Einer der Palästinenser stellte mich dem Chef der Entführer und einer Entführerin vor, die, wie mir später klarwurde, die deutsche Terroristin Gabriele gewesen sein muß: eine gutaussehende Frau von etwa 35 Jahren, in blauem Rock und blauer Jacke, eine Pistole im Gürtel. Um ein Haar hätte sie sich mit ihrem Namen vorgestellt, doch dann besann sie sich und sagte nur: "I am Miss Hijacker".
Die Deutsche gab den anderen zu verstehen, wer ich war, dann teilte sie den Geiseln mit, daß ich gekommen sei, um mich ihrer Beschwerden anzunehmen. Sie sprach Englisch, eine der weiblichen Geiseln nahm ein Megaphon und übersetzte ihre Worte auf Hebräisch.
Am folgenden Tag klagten einige der Geiseln über Rückenschmerzen. Sie
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konnten in dem Flughafengebäude nur auf Stühlen sitzen oder sich auf dem Fußboden ausstrecken. Der Arzt schlug vor, Decken und Matratzen zu beschaffen, und ich gab den Vorschlag an Amin weiter, der mir versprach, den Minister für Tourismus, der für die Hotels in Uganda zuständig ist, um Abhilfe zu bitten.
Die ganze Operation wurde von Amin selbst überwacht, der mit den in Kampala stationierten Palästinensern zusammenarbeitete. Für ihn war dies eine fabelhafte Gelegenheit, die Israelis zu demütigen und sein Ansehen bei den Arabern zu erhöhen.
"Sehen Sie, Kyemba", prahlte er mehrmals vor mir, "jetzt habe ich diese Leute genau da, wo ich sie haben wollte", und: "Diesmal habe ich es den Israelis heimgezahlt." Er hat auch selbst an dem Entwurf der Forderungen mitgewirkt, die von den Palästinensern am 29. Juni bekanntgegeben wurden: Austausch der Geiseln gegen 53 Palästinenser und Propalästinenser, die in Gefängnissen überall auf der Welt einsaßen, bis Donnerstag, den 1. Juli -- andernfalls würden alle Geiseln getötet.
Die Frist war so knapp, daß die Forderungen bis dahin unmöglich hätten erfüllt werden können; es blieb den Betroffenen kaum Zeit, sich mit allen zuständigen Behörden auch nur in Verbindung zu setzen, geschweige denn ihre Zustimmung zu erlangen. Am Donnerstagvormittag erschien Amin im Flughafengebäude und erläuterte den Geiseln die Lage. Das Ultimatum wurde bis Sonntag, 4. Juli, mittags, verlängert.
Diesen Termin hatte man ausgeheckt, um Amin einen Gefallen zu tun. So konnte er nämlich zur Gipfelkonferenz der Organisation für die Afrikanische Einheit (OAU) nach Mauritius fliegen und dort offiziell seinen Vorsitz an den Premierminister von Mauritius abgeben. Wäre er nicht persönlich zu der Tagung gekommen, so hätte es ausgesehen, als wage Ugandas Präsident nicht mehr, sein Land zu verlassen.
Am Sonnabend, rechtzeitig vor Ablauf des neuen Ultimatums, sollte Amin nach Uganda zurückkehren. Diese Fristenverlängerung gab den Israelis natürlich Zeit, ihre Pläne für eine militärische Rettungsaktion zu vervollständigen.
Amin flog am Donnerstagnachmittag nach Mauritius ab, wie immer in überschwenglicher Stimmung und fest davon überzeugt, daß die Forderungen der Palästinenser erfüllt werden würden. Ich bin sicher, daß er überhaupt nicht daran dachte, die Geiseln zu töten -- sie waren viel zu wertvoll für ihn. Aber ebenso sicher hatte er keinerlei Pläne für den Fall, daß die Affäre nicht nach seinem Sinne verlaufen würde.
In den folgenden 36 Stunden stand ich in regelmäßigem Kontakt mit Amin. Als viele der Geiseln erkrankten oder eine Krankheit simulierten, um ihre Freilassung zu erzwingen, befahl mir Amin, das Sanitätsteam auf dem Flughafen zu verstärken. Dr. Ajad jedoch hielt diese Maßnahme nicht für notwendig. Die sanitären Zustände seien zwar katastrophal, und viele Geiseln hätten tatsächlich Magenbeschwerden und Kopfschmerzen, doch zusätzliche Hilfe sei nicht erforderlich.
Am Freitag, dem 2. Juli, mußte eine der Geiseln ins Krankenhaus eingeliefert werden: Dora Bloch, eine alte Dame, die sowohl die britische als auch die israelische Staatsbürgerschaft besaß. Sie hatte sich an einem Stückchen Fleisch verschluckt, das von einem Chirurgen durch einen kleinen Eingriff entfernt werden mußte. Ich erfuhr erst spätabends von dem Vorfall und fuhr am Sonnabendvormittag ins Mulago-Krankenhaus, um Mrs. Bloch zu besuchen.
Sie lag auf einer der VIP-Stationen im sechsten Geschoß, vor der Tür ihres Zimmers hielt ein Polizist Wache. Ich führte nur ein kurzes Gespräch mit ihr, doch diese wenigen Minuten hatten in mir starke Sympathie für Mrs. Bloch geweckt. Ihre Freundlichkeit und ihre Hilflosigkeit beeindruckten mich stark.
Die Patientin hatte sich gut erholt, ja sie hätte an demselben Tag zum Flughafen zurückkehren können, doch aus Mitgefühl mit der alten Dame sorgte ich dafür, daß sie noch eine Nacht im Krankenhaus bleiben konnte, statt in die Unbequemlichkeit der Flughafenhalle zurückkehren zu müssen.
Amin traf am frühen Abend ein und stattete den 106 jüdischen Geiseln einen Besuch ab (die anderen waren von den Palästinensern kurz vorher freigelassen worden.) Um 22.00 Uhr rief er mich an, und wir sprachen über die medizinische Versorgung der Gefangenen. Bei der Gelegenheit berichtete ich ihm auch über den Fall Dora Bloch. Amin wies mich an, sie rechtzeitig vor Ablauf des Ultimatums zum Flugplatz bringen zu lassen.
Nachts um 0.30 Uhr klingelte das Telephon. Am Apparat war eine von Amins Geliebten in Kampala. Sie berichtete, Amin habe sie soeben von Entebbe aus angerufen und ihr gesagt, daß auf den Flughafen Kämpfe stattfänden und die Lage außer Kontrolle sei, der Flughafen sei besetzt von wem, wisse er nicht.
Später erfuhr ich, daß Amin glaubte, der Angriff auf den Flughafen stehe in Zusammenhang mit einer Meuterei, die vom Ausland -- vielleicht von Kenia oder Tansania unterstützt würde. Was wirklich geschehen war, konnte er nicht in Erfahrung bringen, weil seine höheren Offiziere sofort nach dem Beginn der Kampfhandlungen verschwunden waren.
Zur Zeit des Angriffs hielten sich die für den Flughafen verantwortlichen Offiziere im Hotel Victoria neben dem State House auf und tranken und tanzten. Als das israelische Einsatzkommando landete und die ersten Schüsse fielen, rannten alle nach Haus und tauchten unter, nachdem sie ihren Familienangehörigen eingeschärft hatten, jedem möglichen Anrufer zu sagen, sie seien nicht zu erreichen. Bis sich herausstellte, wer gegen wen kämpfte, wollte kein Offizier riskieren, sich mit der falschen Seite eingelassen zu haben. Auch Amin verbarg sich. Ein zuverlässiger Informant berichtete mir, der Feldmarschall habe sich in der Unterkunft eines Fahrers in der Nähe des State House versteckt. Von dort aus versuchte er mit wenig Erfolg, seinen Stab telephonisch zu erreichen.
Anderthalb Stunden nach Beginn der Schießerei waren die Israelis fort, die Geiseln hatten sie mitgenommen. Sie ließen 27 Tote zurück -- 20 Ugander und sieben Entführer. Auch zwei Geiseln waren ums Leben gekommen. Deren Leichen hatten die Israelis mitgenommen.
Um 6.00 Uhr morgens rief bei mir einer der höheren Offiziere aus Entebbe an und bat um Krankenwagen, damit die
Verletzten zum Mulago-Krankenhaus transportiert werden konnten.
Ich machte mir Sorgen um Mrs. Bloch. Auf demselben Flur, an dem ihr Zimmer lag, waren verwundete Soldaten untergebracht worden. Unter Amins Truppen (dagegen nicht bei den Zivilisten) herrschte eine solche Feindseligkeit gegenüber den Israelis, daß ich befürchtete, es könnte zu Racheakten kommen.
Sollte ich sie in ein anderes Krankenhaus verlegen lassen? Das hätte erst recht die Aufmerksamkeit auf sie gelenkt. Zudem mußte eine solche Verlegung unter geeigneter Bewachung vonstatten gehen, und dafür würde ich Amins Einwilligung brauchen. Aber bestand dann nicht die Gefahr, daß er auf der Stelle anordnete, Mrs. Bloch zu töten?
Ich werde es immer bereuen, daß ich nichts unternommen habe. Ich hoffte, das Problem werde sich von selbst lösen, wenn ich Dora Bloch dort ließ, wo sie war, und sie mit keinem Wort erwähnte.
Nach einem kurzen Besuch bei ihr verließ ich das Krankenhaus und kehrte in mein Büro zurück. Um 18.00 Uhr wurde ich aus dem Krankenhaus angerufen: Ein Beamter des britischen Hochkommissariats, Peter Chandley, habe um die Genehmigung gebeten, Mrs. Bloch zu besuchen.
Was dann im einzelnen geschah, ist offiziell nie bekanntgegeben worden: Dora Bloch bat Chandley, ihr doch europäisches Essen zu besorgen. Chandley verließ sie, um etwas Geeignetes herbeizuschaffen. Während seiner Abwesenheit trafen auf dem Krankenhausgelände vier Männer von Amins gefürchteter Leibwache, dem State Research Bureau, mit zwei Autos ein. Sie parkten gegenüber dem Eingang zur Notaufnahmestation.
Zwei der Männer -- es waren der Major Farouk Minawa, der eigentliche Chef des State Research Bureau, und der Hauptmann Nasur Ondoga, Protokollchef des Präsidenten -- gingen hinauf zu der Station, auf der Dora Bloch lag. Sie trugen Zivil und hatten Pistolen bei sich. Offenbar kannten sie den Weg. Das Krankenhauspersonal herrschten sie an, zurückzutreten, und dem Polizisten vor Mrs. Blochs Tür befahlen sie, den Weg freizugeben. Sie stießen die Tür auf und zerrten die alte Dame aus dem Bett.
Dann schleppten die Männer sie die Treppen hinunter; ihr Krückstock, ihre Handtasche, ihre Schuhe und ihr Kleid blieben zurück. Da Mrs. Bloch kaum gehen konnte, müssen sie ihr schreiendes Opfer halb geschleift und halb getragen haben.
"Machen Sie sich keine Sorgen, die Frau ist getötet worden."
Dora Bloch wurde in eines der wartenden Autos geschoben, beide Wagen verließen das Krankenhausgelände. Die ganze Aktion hatte nicht länger als fünf Minuten gedauert. Es war jetzt ungefähr 9.00 Uhr.
Minuten später erhielt ich kurz nacheinander zwei Anrufe vom Krankenhaus, in denen mir der Vorfall mitgeteilt wurde. Ich rief sofort Amin an. Er reagierte mit typischer Höflichkeit: "So?" sagte er nur. "Okay, ich werde sehen." Ich bezweifelte nicht, daß er bereits wußte, was geschehen war, denn unmöglich konnte jemand in mein Krankenhaus eindringen und eine Patientin entführen, es sei denn auf Amins direkten Befehl.
Um 9.45 Uhr rief Amin mich an, um sich nach den Verwundeten zu erkundigen und Vorkehrungen für die Bestattung der Toten zu erörtern. Am Ende des Gespräches sagte er, wie nebenbei: "Ach, übrigens -- diese Frau da im Krankenhaus -- machen Sie sich keine Sorgen, sie ist getötet worden." Entsetzen packte mich, aber ich hatte längst gelernt, meine Reaktion für mich zu behalten.
Am nächsten Tag begannen die Nachforschungen. Kurz nach 8.00 Uhr wollte ein Anrufer aus dem britischen Hochkommissariat wissen, wo Dora Bloch sei. Man informierte mich über den Anruf, aber ich wußte nicht, welche Anweisungen ich geben sollte, und wandte mich deswegen an Amin. Sein Befehl: Falls weitere Nachforschungen nach der kranken Geisel angestellt werden sollten, hätte ich zu sagen, sie sei eine Stunde vor der Landung der israelischen Einsatzgruppe zum Flughafen zurückgebracht und von den Israelis mitgenommen worden. Die ugandische Regierung lasse offiziell mitteilen, daß sie den derzeitigen Aufenthaltsort der Dora Bloch nicht kenne.
Wir beide wußten, daß dies eine komplette Lüge war, doch ich war nicht in der Lage, Amins Anweisung zu mißachten. Andererseits konnte ich nicht einfach mit solcher Dreistigkeit lügen. Die Beweise lagen ja vor, jeder im Krankenhaus konnte sie sehen: das Verpflegungsblatt für Dora Bloch, die Eintragung auf dem Therapieplan und die Entlassungsliste, auf der ihr Name natürlich fehlte. Ich machte Amin auf diese Beweise aufmerksam, er befahl mir, die Akten zu fälschen.
Ich verbrachte eine qualvolle Stunde damit, neue Blätter für die Akten ausfertigen zu lassen. Die alten Akten ließ ich außerhalb des Krankenhauses verstecken, als Beweismaterial für den Fall, daß die Affäre irgendwann einmal untersucht wird. Ich versteckte auch die hinterlassene Habe der Toten.
Vor mir selbst rechtfertigte ich mich mit dem Argument, daß ja doch jeder, der mit dem Vorfall zu tun gehabt hatte, die Wahrheit kannte. Die Akten mußten geändert werden, weil Amin es befohlen hatte, doch diese Änderungen änderten nichts an der Wahrheit.
Das Ungewöhnlichste an diesem Mord war seine unnötige Grausamkeit und Offenheit. Amin hätte die Tat in aller Stille ausüben lassen können; doch statt dessen schickte er zwei seiner berüchtigsten Rohlinge, die es geradezu genossen, ihre Gemeinheit und Grausamkeit öffentlich zu demonstrieren.
Merkwürdigerweise gab Amin niemals zu, daß hier ein Mord stattgefunden hatte. Vielmehr warf er den Ärzten, dem Pflegepersonal des Krankenhauses und meinem Ministerium vor, falsche Gerüchte zu verbreiten." Die Ärzte haben das angerichtet", erklärte er mir, "denn sie haben den Leuten gesagt, Mrs. Bloch sei zur Zeit des Überfalls der Israelis noch im Krankenhaus gewesen."
Bald wußte jedermann, daß Dora Bloch ermordet worden war. Ihre Leiche war 20 Meilen außerhalb von Kampala an den Straßenrand geworfen worden. Man hatte versucht, sie zu verbrennen, doch das weiße Haar entging den Flammen und blieb verräterisch identifizierbar. Die Nachricht davon verbreitete sich, und die Leute kamen zu Hunderten, um die Leiche zu sehen. Die Regierung aber gab jedem, der nach Dora Bloch fragte, die Auskunft, niemand wisse, wo sie sei.
Dora Blochs Leiche liegt heute in einem nicht gekennzeichneten Grab auf einer Wiese nicht weit von Kampala. Die genaue Stelle ist mir bekannt, aber sie muß geheim bleiben, weil zu befürchten ist, daß Amin weitere grausige Eingriffe vornimmt.
Die unmittelbare Ursache meines endgültigen Bruchs mit Amin, die Ermordung des anglikanischen Erzbischofs Janani Luwum und meiner Kabinettskollegen Erinayo Oryema und Oboth-Ofumbi im Februar 1977, geht auf die Demütigung zurück, die Amin wegen der israelischen Aktion in Entebbe empfand.
Er mußte seine Autorität um jeden Preis wieder festigen, und dazu wandte er die einzige Methode an, die er wirklich beherrscht: auf diejenigen einzuschlagen, die er -- und sei es noch so unbegründet -- haßt.
Amin hegte gegen die Männer einen ganz persönlichen Groll; dabei waren die beiden Minister seit Jahren seine Freunde gewesen; hinzu kam, daß zwei der drei Opfer, der Erzbischof und Erinayo Oryema, zum Stamm der Acholi gehörten und Amin sich einbildete, die Acholi ebenso wie die Langi -- beide Stämme waren traditionell Anhänger des von Amin gestürzten Präsidenten Obote -- seien schuld an der Katastrophe von Entebbe.
Kurz vor der Ermordung der drei erklärte mir Amin: "Daß wir bei dem Überfall der Israelis nicht gerade besonders gut ausgesehen haben, liegt an den Acholi- und Langi-Offizieren: Sie hatten Kontakt zu den Israelis."
Mit seinem Haß gegen den Erzbischof war Amins pauschale Feindseligkeit gegenüber den christlichen Kirchen verbunden. Durch seine proarabische Politik wurde er dazu verleitet, lächerliche Anstrengungen zu unternehmen, Uganda zumindest in den Augen der arabischen Welt in einen Moslemstaat zu verwandeln.
Er veröffentlichte Listen islamischer Konvertiten; er erklärte islamische Feste zu öffentlichen Feiertagen; er holte Moslems in unverhältnismäßig hoher Zahl in öffentliche Ämter; er diffamierte die Spendensammlungen für die Hundertjahrfeier der ugandischen Kirche im Jahre 1977 als "magendo (Geschäftemacherei) im Gotteshaus".
Schon 1975, als der Schrein der katholischen Märtyrer in Anwesenheit eines päpstlichen Abgesandten geöffnet wurde, erschien Amin ostentativ in den Festgewändern eines arabischen Scheichs.
Amins Mordaktionen hatten sich bei den Christen bereits ausgewirkt. Zum Beispiel wurde Amin in den Gebeten, die üblicherweise während des Gottesdienstes für das Staatsoberhaupt gesprochen werden, nicht mehr genannt, und daraufhin wurden die Kirchen bedeutend besser besucht.
Am Weihnachtstag 1976 behauptete ein Militärsprecher im Rundfunk, die Geistlichen der Christen predigten Haß statt Liebe. Da die Äußerung ausgerechnet am Weihnachtstag ausgestrahlt wurde, mußte man annehmen, daß Amin selbst hinter dieser besonders taktlosen Beleidigung steckte -- kein Minister und kein Offizier hätte eine derartige Provokation der christlichen Majorität in Uganda auf eigene Initiative riskiert.
Erzbischof Luwum entschloß sich, seinen Protest gegen diese Beleidigung wie gegen Amins gottloses Verhalten überhaupt persönlich vorzutragen. Er versuchte mehrmals, einen Termin beim Präsidenten zu bekommen, jedoch vergeblich.
Schließlich antwortete Amin auf seine Art: gemein, brutal und plump. Am 5. Februar fuhr um 3.00 Uhr morgens vor Luwums Haus ein Trupp Soldaten vor. Mitgebracht hatten sie einen Acholi namens Leji Olobo, einen höheren Beamten aus dem Arbeitsministerium, den sie so lange geprügelt hatten, bis sie sicher sein konnten, daß er ihnen willfährig sein würde.
Olobo mußte an die Tür klopfen und laut auf Englisch rufen: "Wo sind die Waffen -- gebt mir die Waffen!" Der Erzbischof hörte die Rufe, kam die Treppe herab und machte die Tür auf. Die Soldaten stürmten ins Haus, bedrohten ihn mit ihren Schußwaffen und verlangten:" Zeigen Sie uns, wo die Waffen sind!" Zwei Stunden lang wurde das Haus durchsucht. Natürlich wurde nichts gefunden. Kurz vor der Dämmerung zogen die Soldaten ab.
Ähnliches erlebte der Bischof Okoth von Tororo. Auch bei ihm erschien ein Rollkommando und stürmte ins Haus, um nach Waffen zu suchen.
Als Reaktion auf all diese Schikanen setzte Luwum eine Denkschrift auf, die er von allen anglikanischen Bischöfen Ugandas unterzeichnen ließ. Darin
* Mit Erzbischof Nsubuga von Kampala (l.) und dem päpstlichen Legaten Pignedoli (r.) bei der Eröffnung des Heiligtums der ugandischen Märtyrer in Namugongo. 1975.
wurden die Hausdurchsuchungen in allen Einzelheiten geschildert und dann Amins Regime ausführlich kritisiert. Der Bevölkerung, so hieß es da, würden mit Waffengewalt Autos gestohlen, die Regierung mißachte die Gesetze, es seien viele Menschen ermordet worden -- die Kirchenführer hätten genaue Kenntnis von den Ermordungen, weil sie die Opfer beerdigt und sich der Verwandten angenommen hätten. Kopien der Denkschrift wurden an alle Kabinettsminister gesandt; mehrere Exemplare wurden später ins Ausland geschmuggelt. Ich bin sicher, daß Amin von diesem Augenblick an fest entschlossen war, seine Autorität durch die Ermordung des Erzbischofs zu sichern.
Zunächst einmal ließ er Beweismaterial fabrizieren, mit dem er die Acholi und Langi der Verschwörung beschuldigen konnte; der Erzbischof sowie die beiden Minister Erinayo Oryema und Charles Oboth-Ofumbi sollten als Anführer der Verschwörer dargestellt werden.
Der 65jährige Oryema, Minister für Land- und Wasserressourcen, war früher jahrelang mit Amin zusammen in der Armee gewesen und schließlich zum Generalinspekteur der Polizei aufgestiegen. Als Minister hatte er vor nicht langer Zeit einen Fehler begangen: Amin hatte ihn über den Rundfunk von einer Dienstreise durchs Land nach Kampala zurückbeordern lassen. Oryema kam, versuchte dann aber sein Gesicht zu wahren, indem er, ebenfalls im Rundfunk, ankündigte, er werde ein neues Datum für die Reise festsetzen. Das genügte, um sein Schicksal zu besiegeln.
Ich war mit Oryema besonders eng befreundet. Wir begrüßten uns nicht mit "Guten Morgen" oder "Guten Tag", sondern sagten statt dessen: "Lubanga tye gulu" -- "Gott ist im Himmel". Dies ist die traditionelle Begrüßung unter guten Freunden, aber zugleich auch ein Wortspiel: "gulu" bedeutet nicht nur "Himmel", Gulu heißt auch der Hauptort des Acholi-Stammes.
Oboth-Ofumbi, der Innenminister, kam aus dem Stamm der Japadhola. Früher war er einmal ein besonders enger Freund Amins gewesen. Oboth-Ofumbi wußte aus seiner Zeit als Verteidigungsminister über Amins finanzielle Mißwirtschaft in der Armee Bescheid, er wußte von Amins skandalösem Handel mit dem kongolesischen Gold und Elfenbein, er wußte von den Hinrichtungen, die Amin nach dem Putsch von 1971 befohlen hatte, er wußte von den Morden, die das Heer und die Polizei begangen hatten und für die er selbst als Verteidigungsminister und später als Innenminister Mitverantwortung trug. Kurz -- er wußte zuviel und genoß so wenig Vertrauen, daß er nicht am Leben bleiben durfte. Die große Schau zur
Entlarvung der "Verschwörer".
Für den 16. Februar 1977, den Tag der Ermordung der drei, wurde eine Konferenz im Nil-Hotel angesetzt, an der außer dem Kabinett auch das Diplomatische Korps und die Kirchenführer teilnehmen sollten.
Als ich vor dem Hotel eintraf, waren schon viele der Geladenen erschienen, unter ihnen Erzbischof Luwum, angetan mit allen seinen Insignien, wie es bei einer solchen Gelegenheit üblich ist. An der einen Seite des Hotels waren Fernsehkameras aufgebaut.
All das hatte ich erwartet. Außerdem aber waren gut 2000 Soldaten versammelt, die von verschiedenen Einheiten aus dem ganzen Land zusammengeholt worden waren. Sie saßen in einem großen Halbkreis im Vorhof des Hotels, vor ihnen lagen säuberlich aufgereiht Waffen: Maschinenpistolen, Granaten und Gewehre, nagelneue Waffen osteuropäischer Herkunft -- Waffen also, wie sie bei vielen Einheiten der ugandischen Armee in Gebrauch sind und auch an die Minister offiziell zu deren Schutz ausgegeben werden.
Wir nahmen unsere Plätze vor der Front des Hotels ein, den Soldaten gegenüber, und warteten in der heißen Sonne nervös auf die Ankunft des Präsidenten. Er kam nicht. Später erfuhr ich, daß er die Vorgänge von seinem im Obergeschoß gelegenen Büro aus beobachtete. Um 11.00 Uhr eröffnete Oberst Isaac Malyamungu die Veranstaltung. Er erinnerte uns daran, daß die Regierung immer wieder von Subversion gesprochen habe: Hier lägen jetzt die Beweise.
Dann wurden Erklärungen von "Verschwörern" verlesen, die einen Regierungssturz versucht haben sollten. Die erste und längste Erklärung stammte angeblich von dem in Tansania lebenden Obote selbst. Sie war in ihrem Wortlaut der Denkschrift des Erzbischofs Luwum verblüffend ähnlich. Es war davon die Rede, wie unglücklich die Bevölkerung sei, wie schlecht Amin das Land verwalte, daß Menschen verfolgt und getötet würden.
Das Schriftstück konnte selbstverständlich nicht von Obote stammen: Erstens hätte er es bestimmt nicht nach Uganda geschickt, denn hier wäre es überflüssig gewesen. Den Ugandern brauchte man nicht zu sagen, wie es in ihrem Land aussah. Zweitens -- und das war bedeutsamer -- wurde die Erklärung von blauem Papier abgelesen, genau dem Papier, wie es von dem Präsidialamt für offizielle Schriftstücke verwendet wurde.
Im letzten Teil des angeblichen Obote-Statements wurde der Erzbischof erwähnt: Er habe Waffen erhalten, hieß es. Luwum, der in meiner Nähe saß, schüttelte protestierend den Kopf.
Nachdem noch zwei weitere Erklärungen verlesen worden waren, wurden die Soldaten gefragt, was mit diesen "Verschwörern" geschehen solle. Sie schrien: "Sofort töten!" und: "Her mit dem Exekutionskommando!"
Etwa um 15.00 Uhr war die Versammlung vor dem Hotel zu Ende. Die Diplomaten gingen fort, während die Soldaten ebenso wie die Minister den Befehl erhielten, sich in das angrenzende Internationale Konferenzzentrum zu begeben: Der Präsident, so hieß es, werde dort eine Ansprache halten.
Die Waffen wurden eingesammelt und fortgetragen. Wir gingen hintereinander auf
dem überdachten Weg hinüber in den Konferenzsaal. Es dauerte wohl eine halbe Stunde, bis alle rund 2000 Menschen Platz genommen hatten.
Dann trat Oberst Malyamungu an das Mikrophon auf dem Podium. Er forderte den Erzbischof und andere Religionsführer auf, zum Hotel zurückzukehren. Kaum hatten sie den Saal verlassen, da rief Malyamungu die Minister Oryema und Oboth-Ofumbi auf und befahl ihnen, durch eine andere Tür hinauszugehen.
Wir konnten vom Konferenzsaal aus natürlich nicht sehen, was mit den Hinausbefohlenen geschah, doch die Fahrer und Leibwächter draußen auf dem Parkplatz haben die Ereignisse ungehindert beobachtet. Von ihnen und von einigen der Bischöfe erfuhr ich später, was sich ereignete.
Als die Bischöfe den überdachten Weg etwa zur Hälfte zurückgelegt hatten, wurden sie von Soldaten angehalten. Dem Erzbischof wurde gesagt, der Präsident wünsche ihn allein zu sprechen. Luwum betrat das Hotelgrundstück und wurde dann hastig zu einem Wagen geführt, der in der Nähe stand. Das Auto fuhr in Richtung der Zentrale des State Research Bureau davon.
Unterdessen waren auf der anderen Seite des Konferenzgebäudes die beiden Minister Oryema und Oboth-Ofumbi verhaftet worden. Die Geheimpolizei hatte sie am Saalausgang erwartet. Unsere Leibwächter und andere Zeugen, die sich vor dem Gebäude aufhielten, sahen zu, wie die Minister, jeder von vier Mann begleitet, in verschiedene Autos geschoben und weggefahren wurden. Es waren dieselben Autos, wie sie für die Eskorte des Präsidenten verwendet werden. Amin beobachtete den Vorgang vom Balkon seines Zimmers aus und brüllte sogar selbst einmal einen Befehl nach unten. Mit Amins Privatwagen einen Unfall vorgetauscht.
Im Konferenzsaal hielten derweil der Verteidigungsminister und der Stabschef des Heeres, Generalmajor Isaac Lumago, kurze Ansprachen. Dann erschien der Präsident. Amin sprach nur eine halbe Stunde lang und wiederholte noch einmal seine Vorwürfe gegen die Kirche. Ganz offensichtlich wollte er schnell von hier wegkommen.
Er lud die Minister und die Soldaten zu einem Empfang im Vorhof des Hotels ein, wohl um das Geschehene vergessen zu machen. Hier zeigte sich wieder einmal seine totale Unempfindlichkeit. Soweit ich weiß, gingen jedoch alle Minister und alle Regierungsbeamten sofort zu ihren Autos, um wegzufahren.
Nur die Soldaten, die offensichtlich hungrig waren, folgten Amins Einladung. Ich fuhr auf dem kürzesten Weg nach Hause zu meiner Familie.
Wäre ich eine andere Strecke gefahren, dann hätte ich gerade noch den "Autounfall" beobachten können, der um diese Zeit auf der Straße zwischen der Residenz des Präsidenten in Nakasero und dem International-Hotel in Kampala inszeniert wurde. Dieser vorgetäuschte Unfall sollte vertuschen, daß der Erzbischof und die beiden Minister soeben im Hauptquartier des State Research Bureau getötet worden waren.
Gegen 21.00 Uhr rief Vizepräsident Mustafa Adrisi bei mir an. Er telepho-
* Am 16. Februar 1977 kurz vor dem Mord an Erzbischof Luwum und zwei Ministern. 2. v. r.: Oberst Malyamungu.
niere auf Amins Befehl, sagte er und fuhr dann fort: "Diese Leute, Oryema und Kompanie, sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Gott hat ihnen ihre Strafe erteilt."
Sogleich traf ich die nötigen Anweisungen. Weil ich annahm, der "Unfall" habe sich eben erst ereignet, erwartete ich, daß die Leichen in wenigen Minuten im Krankenhaus eintreffen würden, denn nach Adrisis Angaben lag der Unfallort kaum eine Meile vom Krankenhaus entfernt.
Eine halbe Stunde später rief ich den Vizepräsidenten wieder an, um ihm mitzuteilen, daß mir aus dem Krankenhaus noch immer nicht die Ankunft der Unfalltoten gemeldet worden sei. Adrisi gab sich gelassen. "Kein Grund zur Besorgnis", meinte er, "der Präsident sagt, sie kommen."
Diese Antwort erschien mir jetzt nicht mehr überraschend. denn ich war überzeugt, daß die drei Männer getötet worden waren und daß Amin wie gewöhnlich die Leichen sehen
wollte, ehe sie dem Krankenhaus übergeben wurden.
Ungefähr um 5.00 Uhr morgens bekam ich Nachricht vom Krankenhaus: Ein Armee-Transportfahrzeug war vorgefahren, und von der Ladefläche waren die drei Leichen auf den Boden herabgeworfen worden.
Ich gab Anweisung, die Leichenhalle abzuschließen und niemand hineinzulassen. Dann fuhr ich zum Krankenhaus hinüber. Die Toten lagen auf dem Boden der Leichenhalle. Ich sah, was ich erwartet hatte: Schußwunden.
Auf die drei Männer mußte aus kürzestem Abstand gefeuert worden sein. Dem Erzbischof war in den Mund geschossen worden, drei oder vier Geschosse hatten seine Brust getroffen. Auch die Leichen der beiden Minister hatten mehrere Schußwunden in der Brust. An der Leiche Oryemas entdeckte ich außerdem eine Schußwunde am Bein.
Später gelang es mir, den "Unfall" in Einzelheiten zu rekonstruieren. Zeugen waren zwei Leute, die mir berichteten, was sie gesehen hatten. Die "Unfall"-Stelle war von einer ganzen Postenkette von Soldaten abgesperrt worden, damit potentielle Augenzeugen ferngehalten würden. Meine beiden Informanten beobachteten den ganzen Hergang von einem mehrstöckigen Wohnhaus aus. Amin, der Regisseur dieser Scharade, hatte wohl an diese Möglichkeit nicht gedacht.
Zwei Fahrzeuge, deren Identität ich nicht habe feststellen können, wurden in eine solche Stellung manövriert, daß es wie ein Unfall aussah. Kaum hatten die beiden Autos einander leicht berührt, da wurden aus dem einen der Wagen drei Leichen gezogen und in den anderen Wagen gesetzt. Die Soldaten, die den "Unfall"-Ort abgesperrt hatten, verschwanden. Beide Wagen fuhren weg.
Der Fahrer des einen Autos war ein Major Moses. Ich hatte ihn während der Versammlung am vergangenen Tag aus dem Hotel kommen sehen. Major Moses behauptete später, offensichtlich auf Amins Befehl, daß er nicht wisse, was geschehen sei, er habe bei dem Zusammenstoß das Bewußtsein verloren und zwei Tage lang im Koma gelegen.
In Wirklichkeit war es anders. Am Tag nach dem "Unfall" rief mich Amin an und befahl eine ärztliche Untersuchung des Majors, damit seine Aussagen untermauert würden. Mehrere Männer von Amins Geheimpolizei eskortierten ihn ins Krankenhaus. Moses zog mit seiner angeblich schweren Verletzung eine große Schau ab, indem er mühsam am Stock daherhumpelte. Ich hatte einen russischen Arzt, dessen Namen ich nicht preisgeben darf, mit der Untersuchung betraut.
Der Arzt wollte Moses bewegen, den Verlauf des Autounfalls und die Art seiner Verletzungen darzulegen, doch dem Major war zweifellos von Amin befohlen worden, nichts zu sagen. Offensichtlich nahm er an, daß ich in die Sache eingeweiht sei. Auf Kisuaheli sagte er zu mir: "Tja, Herr Minister, Sie wissen ja, wie das ist. Erklären Sie es ihm."
Ich sagte nur, der Patient habe einen Autounfall gehabt und spüre überall Schmerzen. Der Arzt fragte, ob Moses geröntgt worden sei; ich gab ihm die Auskunft, die Akten seien nicht verfügbar. So wurde Moses denn nach Hause geschickt mit der Empfehlung. später mit genaueren Angaben über seine Verletzungen wiederzukommen. Das geschah natürlich nie. Amins Zweck jedoch war erfüllt -- Moses war zur Untersuchung im Krankenhaus gewesen.
Der Fahrer des zweiten Wagens hatte die Instruktion bekommen, zum Schein einen Fluchtversuch zu unternehmen, er wurde "verhaftet". Von ausländischen Fernsehreportern gefragt, behauptete Amin, auch dieser Fahrer habe bei dem Zusammenstoß das Bewußtsein verloren. Wo er jetzt sei, wisse er nicht. Er wandte sich an einen seiner Leibwächter, der auf Kisuaheli sagte: "Er ist nicht hier" -- ein klares Eingeständnis vor der gesamten Zuhörerschaft, daß der zweite Fahrer einer von Amins Boys gewesen ist.
Es wurden auch Photos der angeblichen Unfall-Fahrzeuge zur Veröffentlichung freigegeben -- ein Range Rover und ein Toyota, jedoch war auf jedem der Bilder immer nur ein Wagen zu sehen.
In Wirklichkeit verhält es sich so: Der Range Rover war ein Privatwagen des Präsidenten. Er war drei Wochen vorher mit dem Kennzeichen UVW 082 auf seinen Namen zugelassen worden. Es war das Fahrzeug, mit dem er zur Jagd fuhr. Irgendwann hat er dem Auto Beulen beigebracht, aus diesem Grund war es für das eine der Photos ausgewählt worden, mit denen der Schein-Unfall untermauert werden sollte.
Der Wagen auf dem zweiten offiziellen Photo, der das Kennzeichen UVS 299 trug, gehörte zum Fuhrpark des State Research Bureau. Auch dieses Auto hatte irgendwann ein Paar Beulen bekommen. Vor dem angeblichen Unfall hatte es wochenlang in der Garage des State Research Bureau gestanden.
Später an diesem Vormittag teilte Amin mir mit, daß die Armee nach der Autopsie für den Abtransport der Leichen sorgen werde. Ich wies den Pathologen Dr. Kafero an, die Autopsie vorzunehmen. Er äußerte Bedenken, denn er wußte, was in Wirklichkeit geschehen war.
Daraufhin befahl ich einem Militärarzt, den Autopsiebericht so zu verfassen, wie er wolle. In diesem Bericht heißt es nun, die beiden Minister und der Erzbischof seien an Verletzungen der Rippen und der inneren Organe gestorben.
Amin dachte natürlich nicht daran, die Leichen den Verwandten zu übergeben, weil dann die wahre Todesursache entdeckt worden wäre. Daher wurden sie zum Hauptquartier der Armee gebracht und dort in einem Kasernenraum aufbewahrt -- eine grobe Mißachtung der religiösen Gefühle der Ugander, sowohl der Christen als auch der Moslems.
Irgendwann in der folgenden Woche wurde die Leiche des Erzbischofs in dessen Heimatdorf bei Kitgum gebracht und in Anwesenheit von nur einigen Militärs und ein oder zwei Verwandten, die zufällig an diesem Tag zu Hause waren, beigesetzt. Oryema wurde in der Nähe von Gulu und Oboth-Ofumbi in der Nähe von Tororo beerdigt. Keiner wagte, den Verwandten sein Beileid auszusprechen.
Zur Zeit meiner Abreise aus Uganda gegen Ende April wurden alle drei Gräber noch immer von Amins Armee bewacht.
So endete der Vorfall, der mich endgültig davon überzeugte, daß mein Bleiben in Uganda keinem nützlichen Zweck mehr diente und ich früher oder später dasselbe Schicksal erleiden würde -- nämlich ermordet zu werden; und meine Freunde würden dann nicht einmal in der Lage sein, meiner Leiche die schlichtesten Ehren zu erweisen. Wie Oryema und Oboth-Ofumbi wußte ich zuviel. Ende

DER SPIEGEL 40/1977
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DER SPIEGEL 40/1977
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