26.09.1977

Weltflucht mit Shakespeare

Die Schaubühne hat sich seit geraumer Zeit in Shakespeare verkrallt und verbissen: mit einem ungeheuren Bildungshunger hat sie das Elisabethanische Zeitalter verschlungen - wie, führte sie im Dezember an zwei Mammutabenden ("Shakespeare's Memory") in den CCC-Filmhallen vor.
Jetzt sind Peter Stein und seine Truppe mit dem gleichen Erkenntnisdrang und Wissensdurst über die Komödie "Wie es euch gefällt" hergefallen.
Es zeigt sich, daß der Schaubühne für Shakespeare nichts zu viel, zu aufwendig und zu teuer ist. Sie hat einen ungeheuren Respekt vor Shakespeare. Und der Zuschauer ist, wiederum in den geräumigen Filmhallen am Industrierand von Berlin, eingeladen, um seinerseits vor allem Respekt vor diesem aufwendigen Respekt abzusondern.
Man ist zur Bewunderung einer Liebe geladen, die sich selbst genug wäre, gäbe es da nicht den Fleiß und den Aufwand, die Gründlichkeit und die Mühe zu zeigen, mit der sich diese Leidenschaft zelebriert: statt Shakespeare auf den ersten Blick führt uns ein gelehrt verschwenderischer Schwärmer vor, wie nur er den geliebten Gegenstand begreift und daß dies keine Sache von heute auf morgen sei.
Nun ist es gut, daß die Schaubühne ihrem Shakespeare nicht auf die Schulter klopft, ihn als unproblematischen Kumpel und Zeitgenossen begrüßend, statt dessen seine Nähe in der Entfernung sucht, seine Neuzeit in seinem Mittelalter, seine menschlichen Aufbrüche in ihren hierarchischen und rhetorischen Verkapselungen. (Weniger gut ist es, daß man anstelle von Shakespeare sich selber schulterklopfend den Verzicht auf das Schulterklopfen zugute kommen läßt.)
Denn wenn die Aufführung, die den Zuschauer pausenlos über vier Stunden in Beschlag nimmt (erst stehend, dann durch ein Labyrinth tapsend, dann im weiträumigen "Ardenner Wald" sitzend), auch ein grandioses Theaterunterfangen ist - sie ist es, paradoxerweise, gerade wegen und trotz ihrer Selbstverliebtheit, mit der sie Shakespeare ihre Liebe gesteht.
Aus dem "Wie es euch gefällt" Shakespeares macht die Schaubühne ein trotzig-protziges "Wie es uns gefällt". Und doch - man nimmt es fast widerstrebend zur Kenntnis - vermittelt sie die Elisabethanische Komödie als ein Stück Zeitgeist: als Weltflucht, die sich selbst, fliehend, kritisiert. Shakespeares Komödie spielt in einer Welt, die ihren Zivilisationsüberdruß an sich selbst haßvoll als Verbannung ihrer Besten in die rauhe, unzivilisierte Wildnis vollstreckt: ein Usurpator hat seinen Bruder in den Ardenner Wald verbannt, der halb Robinsons Insel, halb ein seliges Arkadien ist - Natur als wiedergewonnene Unschuld und bedrohliches Chaos.
Peter Stein läßt den ersten Akt in einem riesigen weißen Raum spielen. Eine strenge Architektur hat hier jegliche Natur ausgetrieben. Abgestumpft, ziseliert und voll sadistischer Finesse bewegen sich geschnürte Hofschranzen in dieser höfischen Welt.
Was da noch lebt (im kichernd-pubertären Mädchenübermut und in rauhsprachloser Männerkraft), wird alsbald verbannt.
Am Ende des ersten Akts wird der Zuschauer durch eine schmale Tür in ein verschlungenes Labyrinth entlassen; er bewegt sich durch tropfendes Felsgestein, durch trockene, glühende Wüstenstriche, sieht seltsames Gerippe, Eremiten, Käfige, hört wilde Tiere trompeten, windet sich durch Schlingpflanzen.
Auch der Zuschauer geht also zwischen erstem und zweitem Akt ins unzivilisierte Exil, einen Weg, den ihm der Bühnenbauer Karl-Ernst Herrmann als Mischung aus Documenta, Geisterbahn, Zoo und Trimm-dich-Pfad gebaut hat. Und er landet im Ardenner Wald: einer zweiten hohen Filmhalle, wo es ein Gewässer gibt, Hängebrücken durch den Urwald, Hütten in Berghängen, Gebüsch und Park und Baum und Kornfeld. Robinsons Eiland, aber erträumt aus der sicheren Distanz der Zivilisation.
Oder, in unsere Begriffe übersetzt: halb Naturschutzreservoir, Fluchtort verschreckter Städter, halb Disneyland, wo sich von der Natur schwärmen läßt, weil sie Staffage bleibt.
Hier, in diesem nie gesehenen Environment, bleibt der Abend dem Zuschauer für drei lange Stunden am nächsten und am fernsten. Scheinbar in eine Welt Elisabethanischer Träume und Vorstellungen entrückt, wird er Zeuge für eine romantische Weltflucht, die den Wald, die Natur, die Einsamkeit preist, in die sie doch fast alle ihre Riten und Bräuche mitgebracht hat - wie zu einem Picknick.
Und in der Tat: Sosehr der verbannte Herzog und seine Gefolgschaft hier ein unverfälschtes Leben spielen, sie alle haben, als am Ende die Verbannung wundersam aufgehoben wird, ihre Hofgewänder unter den Bärenfellen, die sie eben nur rasch abzustreifen brauchen. Selbst der Melancholiker Jacques (Peter Fitz spielt ihn schrullig vor allem als historische Geburtsstunde des Spleens) formt sich die Wildnis nur zur Staffage. Oder, wie es der Narr sagt: Nur wer bei Hofe war, kann die Natur richtig schätzen. Eben als Kontrast.
Nun handelt das Stück jedoch auch von der Liebe, die da in der Waldeseinsamkeit alle Verkleidungen abstreift, alle Hindernisse überspielt. Doch auch hier hat Peter Steins scheinbare Bildungsbeflissenheit mit dem kostspieligen Abstand einen Blick in das Wesen riskiert.
Sicher: Es ist der Wald, wo sich die Liebenden (Michael König und Jutta Lampe) finden. Aber auch sie verschandeln die Natur zur Kultur, weil sie ihnen nur so verwendbar wird. Aus Blättern und Ästen formt der Liebhaber, eher ein Dandy als außer sich, den Namen der Liebsten, Bäume dienen ihm nur dazu, daß er sie mit Versen behängt, über deren Silbenmaß man sich zankt.
Wer also Peter Stein vorwirft, sein Shakespeare-Bild sei geziert und theatralisch gebrochen, mag übersehen, daß Shakespeares Thema eben jene Geziertheit und Gebrochenheit einer hochzivilisierten Welt ist, die noch die gesunde Natur nach ihrem kranken Bilde formt.
Vermeintliche Schwäche wird so zur Stärke: Ein gebrochenes Stück wird gebrochen gesehen, vermitteltes Gefühl noch einmal vermittelt.
Noch in ihren prachtprotzenden Selbstgefälligkeiten lügt die Schaubühne mittels Shakespeare nur unsere Wahrheit: als Bewahrheitung unserer Lügen.
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 40/1977
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