26.09.1977

Horst Zocker über Ernst Herhaus: „Kapitulation“In den Mauern der Trunksucht

Horst Zocker ist das Pseudonym eines seit einem Jahr "trockenen" Alkoholikers. - Ernst Herhaus, 45, wurde 1967 durch den Roman "Die homburgische Hochzeit" bekannt.
Meine Freunde fanden, als ich nach zwanzigjähriger Saufzeit endlich zusammengebrochen und danach etliche Monate trocken war: "Nun bist du wieder der Alte."
Das konnte nicht sein. Denn natürlich würde ich, wäre ich der Alte, aufs neue zu trinken beginnen. Auch hatte ich eine Ahnung, daß da soviel Altes gar nicht gewesen sein konnte, höchstens ein paar immer überanstrengte Täuschungen von der Art, wie ich gern gewesen wäre. So wußte ich, während ich versuchte, aus dem schnapswabernden Bewußtseinsdunst der Vergangenheit Fetzen meines Lebens zu greifen und zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen, daß noch etwas ausstand, etwas Erschreckendes.
Ich fand es in der Autobiographie des Schriftstellers Ernst Herhaus, der ziemlich am Ende seiner bizarren Lebensgeschichte und eher beiläufig eine Erkenntnis als Schock schildert, "der anders ist als alles, was ich bis heute als Schock kannte": die Entdeckung nämlich, "daß ich keine auch nur annähernd individuelle Biographie habe". Alles, was er sich bisher als Individualität eingeredet habe, sei nichts als "Säuferwahnsinn" gewesen, der "den Krankheitsverlauf in seinem Automatismus noch begünstigt" habe.
Das war es wohl, was mir schon gedämmert war, als ich, immer wieder stockend, durch die pralle, grausige Geschichte dieses Lebens gehetzt war, vom Dorf im Bergischen bis zur Gosse in Frankfurt, mit Übergangsstationen wie dem Kölner Gefängnis Klingelpütz, dem Wiener Café Sacher, der Frankfurter Buchmesse und ungezählten Kaschemmen, Imbißstuben, Wartesälen und Absteigen zwischen Schwabing und Montmartre. Das war alles einmalig, sehr persönlich, durch seine manchmal unterkühlt heitere Erzählweise wie durch seine fiebrigen Träume unverwechselbar Herhaus - und doch: immer erzählte er auch von mir.
Vor seine Erinnerungsbilder schoben sich meine; seine Gefühle, seine Verhaltensweisen, seine "nassen Ruckzuckschaltungen" und seine Ängste, die vor allem, waren mir nur zu vertraut. Da entpuppte sich manche aus der Trinkzeit herübergerettete Illusion über persönliche Eigenheiten und private Haltungen als bloße Fuselfolklore. Schmerzlich und gespenstisch: Herhaus erzählt meine Krankheit, indem er sein Leben schildert. Und ich erkannte scheinbar höchst individuelle Züge von Oskar und Birgitt wieder. Szenen, die Willi und Heinz geschildert hatten - alles sehr unterschiedliche Menschen mit nur einer Gemeinsamkeit: Sucht.
Das macht mir als Alkoholiker, und damit anderen im gleichen Boot, dieses Buch wichtig. Hier erzählt einer höchst subjektive Erlebnisse - und gleichwohl sind sie objektiv und verbindlich als Krankheitssymptome erkennbar.
Herhaus schreibt in einer Tradition, die bisher freilich vorwiegend mündliche Erzeugnisse weitergegeben hat. Bisher hat kein Wissenschaftler schlüssig erklärt, wie, warum und wodurch unter all den fröhlichen Zechern der Welt immer etwa drei bis vier Prozent am Glas kleben bleiben, in tödlicher Abhängigkeit. Die wichtigsten Anstöße zum Verständnis und die wirksamsten Hilfen zum Überleben der Sucht haben vor allem Betroffene gegeben, "Leute aus meiner Branche", wie Herhaus sagt: durch ehrliches Erzählen.
Das ist das Selbsthilferezept der Anonymen Alkoholiker (AA) und anderer Gruppen, das ist auch Motiv und Erzählhaltung des schonungslos offenen Herhaus-Buches: keine weinerliche Lebensbeichte eines Gescheiterten, auch keine lustvolle Selbstzerfleischung - im Grunde eine, immer nur vorläufige, Erfolgsstory.
Auf die Lieblingsfrage aller Abhängigen und Gefährdeten, wann und wie eigentlich normales Trinken in haltlosen Suff umschlägt, läßt sich auch Ernst Herhaus nicht ein. In seiner Erzählung ist schon alles gelaufen, als die selbst trinkende Tante Ida Kornmaul dem siebenjährigen Ernst den ersten "Fingerhut Teufelspisse" aufnötigt. Herhaus: "Ich war krank und sie stellte mir das erste Glas Schnaps hin."
Er hätte es sowieso irgendwann getrunken, müßig zu spekulieren, warum und wieso gerade er. Nicht müßig freilich - nicht für ihn, nicht für mich und knapp zwei Millionen andere Alkoholiker und mindestens doppelt soviel mitbetroffene Angehörige in der Bundesrepublik - zu schildern, wie ein solches Leben abläuft, was er selbst tat und was andere taten, um aus dem "wankenden Sack schwer atmender Scheiße" zu einem "ruhig alternden Mann" zu werden.
Für viele ist die Bezeichnung, "Alkoholiker" noch immer Synonym für die verdreckten, brabbelnden Wermutpenner, die am Bahnhof oder in öffentlichen Anlagen herumhängen. In seiner Schlußphase kommt Herhaus dem nahe, wenn er jeden Morgen unterwürfig zu einer Bude schlottert und bettelt: "Nur ein Bier ... nur eine Flasche, bitte ... ich bring das Geld dann vorbei." Wenn er dann "wie ein geprügelter Hund" jeden Morgen vergeblich am Verschluß der Flasche nestelt, dann den Verkäufer, "Schläge befürchtend", um Hilfe anfleht, "in schauriger Sorge, er könne sich weigern".
Aber er ist längst auch schon ausgewachsener Alkoholiker, als er noch mit "eisiger Höflichkeit" Hotelbedienstete abfertigt, sich mit konservativer und erstklassiger Kleidung tarnt, genialisch-anarchistisch die Münchner Bohème als "Bettelerzähler" an der Nase herumführt, Max Horkheimers Freundschaft sozusagen im Handstreich erobert und in 34 Monaten selbstquälerischer Askese einen literarischen Erfolg landet: "Die homburgische Hochzeit".
Die nach außen sichtbaren Erscheinungsformen seiner Krankheit wechseln. Da gibt es Schwänke, die sich Zechkumpane schenkelklopfend und wiehernd am Stammtisch wiederholen könnten. Motto: Weißt du noch, wie der Ernst, als kleiner Dorfromeo noch, dem großen Friedrich Sieburg in der Kölner Bahnhofsbuchhandlung eine Familienbibel verkaufen wollte, weil er kein Geld hatte für den Puff? Oder wie er in München für fünfzig Pfennig Sträucher im Englischen Garten als Lagerstatt an Liebespaare vermietet hat, und das war so "in", daß die Schwabinger Dandys sich die teuersten Callgirls für den prickelnden Naturbums kauften?
Folgenreiche, lebenswichtige Entscheidungen fallen zack-zack; eine besoffene Rüpelrede bei einer Schulprüfung, schon ist man "durchgefallen". Ein forscher Marsch quer durch das Züricher Café Select an den Tisch zweier junger Damen, und schon ist man verheiratet. Der Dialog mit der Blonden: "Ich heiße Ernst, wie heißen Sie mit Vornamen?" - "Eleonora". - "Eleonora, versuchen Sie es zu begreifen, wir beide, wir heiraten." Sie sind es noch immer.
Dazwischen, keineswegs in gerader Abwärtslinie, folgen alt die sichtbaren Stufen des alkoholischen Verfalls: Prügeleien, zertrümmerte Wohnungseinrichtungen, Unterschlagung und Knast: sexuelle "Klammeraffen"-Affären" unverbindliches "Gemenschel", rastlose Rundreisen durch halb Europa und Szenen völligen Kontrollverlusts:
Grausig, wie Herhaus, ohne zu bemerken, daß er nackt ist, ein Lokal betritt, um Zigaretten zu kaufen, und kühl einen Gast abfertigt, der sich empört: "Sie obszöner Geselle!" Herhaus: "Sie wissen nicht, mit wem Sie reden. In zwanzig Jahren bin ich der beste deutsche Erzähler nach Thomas Mann." Grausig, aber mir nicht unvorstellbar: jeder Alkoholiker kennt ähnliches von sich selbst oder aus den Erzählungen anderer bei AA-Sitzungen.
Scheinbar noch privater, aber in Wirklichkeit von allen Betroffenen mühelos nachzuvollziehen, weil selbst erlitten, sind Herhaus' Berichte vom inneren Krankheitsverlauf. Kaum ein kranker Mann kann ihn - so scheint es - nachträglich, keiner aber während des Trinkens Außenstehenden vermitteln.
Trinken müssen, das heißt vor allem "Angst, Angst, Angst, steigend und abfließend in mir, ohne daß ich wußte, wie ich das überleben sollte". Telephonklingeln, geschlossene Türen, verschlossene Briefe, jeder kommende Tag, jeder gewesene, Dunkelheit und Helligkeit, Autos, Kinder, Mäuse, Leben und Sterben - alles versetzt den Alkoholiker in panischen Schrecken.
Zwischen lähmender Apathie und Selbstmitleid etabliert Herhaus ein "Blechkönigtum aus Angst, Unterwürfigkeit und Selbstüberschätzung". Realität kommt in seinem Säuferleben nur noch schemenhaft vor; durch die "Mauern der Trunksucht" betrachtet, sind Zeit, Ort, Geld, menschliche Beziehungen, soziale Zuverlässigkeit ohne Belang.
Er manipuliert und wird manipulierbar, bringt es zu hoher Meisterschaft der Heuchelei und ist zugleich "angewidert von meiner Fähigkeit, in allen miesen Lagen doch noch zurechtzukommen". Ein "habitueller Lügner" seines Lebens, entwickelt der Trinker Herhaus ein "mondänes Desinteresse am laufenden Geschehen". Weniger Artikulationsbegabte sagen: Mir ist alles scheißegal.
Von Interesse allein, freilich von immerwährendem, ist der Nachschub an Schluck. "Ich war nur noch eine Marionette von meinem Wahnsystem der richtigen Beschaffung, Aufteilung und Zuführung von Alkohol." Und das bedeutet: Vorratswirtschaft zu Hause, logistisches Denken auf Reisen, genaue Kenntnis von Ladenschlußzeiten und Polizeistunden, Reduzierung aller Örtlichkeiten auf ihre Brauchbarkeit für Spritnachschub. An der Akropolis interessierte nur, ob es links den Berg hinab oder rechts schneller zu einer Taverne ging. Island, das ist das Flughafen-Restaurant, Los Angeles die Bierbar am Stadthaus, in München war nur der Wartesaal wichtig. Bei jeder geöffneten ersten Flasche sprang der Gedanke sofort zur dritten - die zweite verstand sich von selbst.
Trinken müssen, das heißt auch ein Leben nicht endender Niederlagen: tausendmal wiederholte Vorsätze, endlich aufzuhören, oder kontrolliert zu trinken "wie die anderen". Teilerfolge gibt es: Tage, Wochen, Monate ohne Stoff, dabei aber immer das "seelisch verheerende" Bewußtsein, daß am Ende neuer Zusammenbruch steht, mit Suff aus Ekel, Scham und Trotz, Depressionen, Selbstmordgedanken und -versuchen im Gefolge.
Herhaus bestätigt auch meinen gern verdrängten Verdacht, daß irgendeine Abteilung im Gehirn die Selbstverstümmelung kühl und geradezu befriedigt jederzeit registriert: "Ich stellte ungerührt fest, daß der Kontrollverlust eingetreten war. Ich leugnete es, in mir selber, sofort ab und auch das stellte ich fest."
Wer kann da helfen? Mediziner, landläufige zumindest, am wenigsten. Denn nicht nur wissen sie sowenig über Alkoholismus wie die übrige Bevölkerung auch, ihr Status als Arzt scheint sie überdies zum Bescheidwissen zu verpflichten: sie geben ihre Ohnmacht nicht zu. Also flüchten sie auf zwei Wegen: entweder sie negieren den Krankheitsfall und urteilen moralisch über haltlose Trunkenbolde, die sich nur nicht zusammenreißen können. Oder sie reagieren wie Herhaus" Schwiegermutter: "Eine Krankheit, also gibt's was dafür." Sie verschreiben Medikamente: Antabus, Distraneurin, Valium und andere Psychopharmaka. So wurde Herhaus zusätzlich zum tablettensüchtigen "Pharmakadaver", ich ließ mich durch Lithium, Haloperidol und Orap zur Zeitlupenfassung meiner selbst reduzieren.
Helfen können Mediziner gegen die Sucht nur durch kühle Information: rücksichtslose Aufklärung über die organischen Schäden und die Aussichten auf weiteren körperlichen Verfall und durch Übersichtstabellen über Merkmale der Trunksucht, nach der Art des amerikanischen Mediziners Elvin Morton Jellinek, damit kann jeder selbst für sich ablesen, wo er steht. Herhaus hat in 36 Stufen einen aus seinen Erlebnissen stilisierten eigenen Phasenplan entwickelt, in dem er seinen Verfall von "gelegentliches Erleichterungstrinken" über "Gespräche über Alkohol werden vermieden" und "Zittern wird durch morgendliches Trinken beantwortet" bis zu "vollständige Niederlage" nachzeichnet. Wer neun dieser 36 Phasen bei sich erkennt, "gehört schon zur Branche", glaubt Herhaus, schreibt es aber nicht in seinem Buch: "Weil das eben jeder für sich entscheiden muß."
Können Angehörige helfen? Herhaus überläßt die bestürzende Antwort seiner Frau Eleonora, die ihn jahrelang bemutterte und umsorgte, die Flaschen vor ihm versteckte, Schulden bezahlte, einen Rest von Ordnung und Funktionsfähigkeit in seinem Leben aufrechterhielt. Sie erkrankte seelisch dabei mit, wurde "wie ein Tier, das, über Jahre hinweg, verendet, das sich im Verenden immer mehr verkriecht".
Am Ende muß sie von ihrem Mann geprügelt und von nahezu allen Freunden verlassen - sich von einem erfahrenen nüchternen Alkoholiker bei einem AA-Meeting sagen lassen: "Du hast in allen diesen Jahren alles falsch gemacht. Du hast den Kerl nur bemuttert. Du hast damit den Leidensweg von diesem Mann nur verlängert. Wenn du ihm wirklich helfen willst, dann mußt du jede Hilfe kompromißlos einstellen. Und mußt ihn saufen lassen. Er kann dabei draufgehen, oder er kann, auf dem Tiefpunkt, kapitulieren. Beides ist drin. Du mußt es riskieren."
Sie riskierte es. Sie stellte ihm sogar noch eine Flasche mit hochprozentigem Rum auf den Tisch. Und wie viele Alkoholiker-Frauen machte sie die bittere Erfahrung, daß alle Fürsorge vorher nur Hilfe zum Weitertrinken gewesen war. Erst die Einstellung der Bemutterung machte eine Wende möglich. In Angehörigen-Gruppen der AA hat Eleonora Herhaus inzwischen auch gelernt, "daß es in den meisten Fällen schiefgeht" - drei von vier Alkoholikern, die trocken zu werden versuchen, fallen wieder um. Aber ihre brutale Wahrheit bleibt: nur Nichthilfe bietet eine Chance.
Wirklich helfen, daran läßt Herhaus keinen Zweifel, kann nur der Trinker sich selbst, sein sturer Wille, endlich aufzuhören. Ich hätte das früher nicht geglaubt. Hatte nicht Herhaus selbst genau das jahrelang immer vergeblich versucht?
Nein, sagt Herhaus, sagt AA, sagen alle Fachleute, die aus den Berichten derer gelernt haben, die es versuchten. Nötig ist eine neue Qualität der Entscheidung die Einsicht, daß der Trinker auf dem Tiefpunkt ist, aus, kaputt, aus, kaputt, im Kampf mit dem Feind Alkohol endgültig unterlegen. Er muß "kapitulieren", wie es bei den Anonymen Alkoholikern heißt, sich und anderen vorbehaltlos eingestehen, daß "ich dem Alkohol gegenüber machtlos bin und mein Leben nicht mehr meistern kann" (erster von zwölf AA-Schritten). Herhaus dazu: "Ich kapitulierte nicht aus irgendeiner eigenen Fähigkeit, sondern nur kraft der Vollständigkeit meiner Niederlage."
Wo dieser Tiefpunkt liegt, muß wiederum jeder für sich selbst wissen. Manche müssen offenbar erst alles verlieren - Job, Ehe, Gesundheit -, bei anderen, wie mir, reicht die plötzlich auftauchende unbeschönigte Einsicht, daß dieser Verlust unabwendbar ist und unmittelbar bevorsteht. Viele aber, und nicht nur die Stadtstreicher am Bahnhof, sondern vor allem die von ihrer hätschelnden Umwelt um Leidensdruck und Krankheitseinsicht Betrogenen, haben keine Chance.
Herhaus, als Mensch, als Schriftsteller längst fertig, soff sein Ende konsequent herbei. Er vertrug keine zwei Flaschen Bier mehr, gleichwohl hatte er noch ein horrendes Ziel: sich "mit Harttrinken in den Absturz saufen, entweder in den Exitus oder in Sattwerden für immer".
Er schaffte es, auf dem harten Weg, der freilich für Rückfälle unanfälliger zu machen scheint, mit der Flasche vor sich, "die volle und geöffnete Flasche". Gier trieb ihn, schüttelte seinen Körper, er war sicher, "zu verrecken, wenn ich die Flasche nicht austrank". Er tat es dennoch nicht.
Warum dieses heulende, schwitzende, scheißende, kotzende, schlotternde Bündel Abhängigkeit zum erstenmal nein sagen konnte? Ihn, Herhaus, "erreichte ... eine Anmutung von sehr weit draußen", es dauerte eine Weile, bis er diese "Anmutung" einfach "Gott" zu nennen wagte. AA nennt diese Stärke "höhere Macht", und jeder kann sich darunter vorstellen, was er will.
Erst nach der Kapitulation kann wirksame Hilfe von außen einsetzen: Herhaus hält sich allein mit Unterstützung von Selbsthilfegruppen von der Flasche, ich zunächst mit einer brutalen Therapie in eben der Spezial-Klinik, die Herhaus nach eigenen Erfahrungen böse als "Dreckladen" abqualifiziert. Mir half diese Therapie, die angeblich "produzierte, was sie vorgab zu heilen". Es war meine Chance, die einzige, die ich sah. Er glaubte damals nur an Selbsthilfe. Es ist, so scheint mir, ziemlich gleichgültig, welche Hilfestellung man am Anfang benutzt - nichts wirkt ohne eigene Motivation.
Dennoch hätte auch ich nicht bisher ein Jahr und Herhaus nicht drei Jahre trocken überstanden ohne die Gruppen der Anonymen Alkoholiker. Sie ermöglichen, durch ständige Konfrontation mit den Nöten der "Leute im selben Boot", mit der Chance, über eigene Wehwehchen zu reden, die nur für Leute mit gleicher Gefährdung wichtig sind, den Widerstand gegen die permanente Rückfallgefahr. Und alle Rückfälle, die ich seither erlebt habe bei anderen, begannen mit Fernbleiben von der "Truppe".
Trockene Alkoholiker führen ein Leben auf zwei Ebenen - ein, erst mal, ganz normales, in dem plötzlich, scheinbar ganz von selbst, Dinge gelingen, die man im Suff immer ersehnt hat, und in dem man plötzlich mit Schwierigkeiten umgehen kann, die früher im Alkohol ersäuft wurden. Aber möglich ist das nur für den, der immer weiß, daß dieses Leben auf sehr dünnem Eis abläuft. Immer nur ein Glas vom Rückfall. in die alte Scheiße entfernt, besonders dann, "wenn es dir zu schlecht geht beim Nichtsaufen oder wenn es dir zu gutgeht beim Nichtsaufen".
Herhaus hatte es einmal fast drei Jahre lang im Alleingang versucht, ohne ständige Erinnerung durch andere an die zweite Ebene der nur schlummernden, nie wieder heilbaren Krankheit. Er ist damals gescheitert. Inzwischen hat er gelernt, daß es nicht damit getan ist, ein "Leben als Trockenleiche" zu führen, daß für einen Alkoholiker Nichttrinken radikale Lebensänderung bedeutet - ehrliche, ständige Kleinarbeit an sich und im Alltag. "Stagnation in der Sucht heißt Rückfall", weiß der Autor.
Die "Begabung in täglicher Genauigkeit", die Herhaus von sich als Schriftsteller verlangt - wir trockenen Alkoholiker brauchen sie alle zum Leben. Es ist unser Vorteil gegenüber Traumtänzern und Lebenslügnern jeder Art, daß wir es uns auf den Tod nicht leisten können, dies auch nur einen Augenblick zu vergessen.
Von Horst Zocker

DER SPIEGEL 40/1977
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