31.10.1977

Hitlers Kinder? - Gewiß nicht

Martin Greiffenhagen, 49, ist Professor für Politikwissenschaft in Stuttgart und Autor des Buchs „Das Dilemma des Konservatismus in Deutschland“.
Nachdem die erste Generation der Terroristen, in der Mehrzahl durch eigene Hand, ausgelöscht ist, häufen sich die Deutungsversuche zur Aufhellung ihrer Motive: Medizinisch-erbbiologische Aspekte (der Gehirntumor Ulrike Meinhofs, die Tatsache, daß zwei Geschwister Gudrun Ensslins geistig behindert sind und ein Bruder Selbstmord beging); psychologische und sozialpsychologische Erklärungen (fehlende Väter, geschiedene Ehen der Eltern, exzessiver Vaterhaß); tiefen- und gruppenpsychologische Annahmen (Horst Eberhard Richter spricht von "paranoid-fanatischen Gruppen"); die Theorie krankhafter Wohlstandsluxurierung und einer durch die Kälte moderner Institutionen und technischer Umweltbedingungen begünstigten Gefühlsarmut; Frustrationen im Studienbetrieb; mangelnde Berufsaussichten verbunden mit einer allgemeinen Ziel- und Inhaltsleere der Lebensgestaltung, und was der Gründe mehr sind.
Nur eines steht mit Sicherheit fest: Es handelt sich um eine spezifisch deutsche Ausprägung von Terrorismus.
Die Behauptung der Terroristen, politische Überzeugungstäter zu sein, traf mit wachsender Grausamkeit ihrer Anschläge auf den erbitterten Widerspruch nicht nur von Juristen (die diesen Gesichtspunkt in Strafverfahren nicht gelten lassen können), sondern einer ganzen Staatsgesellschaft, von der auch nicht der kleinste Teil einen politischen Sinn in diesem Terror finden oder seine Interessen durch ihn vertreten sehen kann.
In diesbezügliche Beweisnot kommen die Terroristen auch selbst, wenn sie versuchen, ihre Morde in einem der bekannten Revolutionsschemata unterzubringen.
Die Baader-Meinhof-Bande fördert kein revolutionäres Bewußtsein oder gar revolutionäre Prozesse, sie gewinnt keine Anhänger, sie hat die Bundesrepublik nicht als faschistischen Staat entlarvt. Hinter den Terrorakten steht keine revolutionäre Theorie oder Strategie. Sind sie also einer politischen Analyse nicht zugänglich?
Jillian Becker* bietet eine Interpretation an, die gerade das Unpolitische dieses Terrors als politischen Kern zu fassen sucht und damit ein deutsches Paradox in Erinnerung bringt, das wir für überwunden hielten. Worum es geht, ist
* Jillian Becker: "Hitlers Children. The Story of the Baader-Meinhof Terrorist Gang". Verlag Michael Joseph, London 1977: 374 Seiten.
die hinlänglich bekannte politikgeschichtliche Sonderentwicklung Deutschlands, die nun zu einem Sondertyp von Terrorismus westdeutscher Prägung geführt hätte, der in keine Kategorie bisher bekannter Terrormodelle einzuordnen ist.
Um es vorweg zu sagen: Der Deutungsversuch Jillian Beckers kann weder den gesamten westdeutschen Terrorismus erklären, noch trifft er auf die erste Generation voll zu, sondern er beschränkt sich strenggenommen auf die beiden Frauen Meinhof und Ensslin, denen die Verfasserin ausführliche Kapitel gewidmet und für die sie gründliche Nachforschungen und Interviews gemacht hat.
Diese Abschnitte sind von einer geistes- und politikgeschichtlichen Hellsichtigkeit, die dem Werk über die Schilderung der terroristischen Entwicklung und die kriminalistischen Einzelheiten hinaus Beachtung und schon jetzt einen wichtigen Platz in der zweifellos wachsenden Literatur verschafft hat.
Der Unwille über eine in diesen Tagen zu beobachtende Deutschfeindlichkeit im Ausland sollte nicht in den Verdacht münden, dieses Buch sei nur der Versuch, wieder einmal die politische Unbelehrbarkeit der Deutschen zu demonstrieren. Die distanzierte Präsentation des Materials und die nie globale, sondern stets detailbezogene Interpretation stellt sich solcher Mißdeutung in den Weg.
Gerade deshalb ist der Titel des Buches ein Unglück. Die Autorin thematisiert ihn in ihrem Buch nirgends ausdrücklich, so daß man fürchten muß, der Verlag habe ihn aus Werbeabsichten gewählt. Die deutsche Ausgabe sollte den unzutreffenden Titel meiden und somit verhindern, daß wieder einmal nur der Titel, nicht der Inhalt eines Buches diskutiert wird. Worum geht es?
Jillian Becker weist nach, daß weder für Ulrike Meinhof noch für Gudrun Ensslin (zu schweigen von Baader und anderen, die in dieser Besprechung außer Betracht bleiben müssen) die marxistische Gesellschaftstheorie Gründe für den Weg in den Terror lieferte, sondern erst später als ideologisches Gehäuse für Antriebe diente, die viel früher wirksam waren und im Gegenteil der Ausbildung eines in sich stimmigen revolutionären Konzeptes hinderlich sind. Die Verfasserin beweist ihre These auf zwei Wegen: einmal in der Aufdeckung der soziopolitischen Herkunft beider Familien, zum anderen im Aufweis der Sozialisierungsfaktoren und dem aus ihnen sich ergebenden Politikverständnis der beiden Frauen selbst.
Beide Frauen entstammen Familien von Theologen einer besonders radikalen Richtung, wobei radikal im wörtlichen Sinne den Versuch bezeichnet, an die Wurzeln eines in diesem Falle
paulinisch-augustinisch-calvinischen Schriftverständnisses zu gelangen, das die eigene Glaubensentscheidung gegen alle Widerstände und ohne Rücksicht auf persönliche Nachteile durchzuhalten gebietet.
In der Praxis bedeutete diese Form von Christentum eine hohe Leidensbereitschaft, weil solche in diesem Sinne radikale Existenz notwendig in Konflikt mit allgemein anerkannten Normen gerät. Sie findet ihre soziale Form nur in kleinen und kleinsten Gruppen, die gegenüber der Gesellschaft das Bewußtsein elitären Außenseitertums entwickeln.
Diese Entfremdung gilt aber gerade als das Zeichen religiöser Bewährung, als Merkmal der Berufung zum wahren Heil und als Ermutigung, den eingeschrittenen Weg radikal weiterzugehen. nicht in der Hoffnung, die Gesellschaft zu bekehren, sondern in "leidendem Gehorsam" gegenüber Gottes Gebot allenfalls "Zeichen zu setzen", und mit der Bereitschaft, sich notfalls für die religiöse Idee zu opfern.
Die Väter beider Frauen haben ihren Widerstand gegen Hitlers Politik genau in diesem Sinne verstanden. Meinhofs Vater gehörte nicht nur der Bekennenden Kirche an, sondern einer noch radikaleren Opposition, die sich schon in ihrem Titel bekundet, der "Renitenten Kirche" oder "Hessischen Renitenz", die sich 1874 gegenüber staatlicher Kontrolle kirchlicher Angelegenheiten gebildet hatte.
Pfarrer Ensslin ist ein Bewunderer Karl Barths, des theologischen Führers der Bekennenden Kirche und eines Widerstandes gegen Hitler, dessen theologische Qualität zugleich seinen unpolitischen Charakter einschloß. Die Bekennende Kirche war nie und wurde nie eine im vollen Sinne des Wortes politische Opposition. Sie sah in Hitler die Personifikation des Antichrist, dem gegenüber Widerstand wesentlich als Leidensbereitschaft für die Verkündigung der wahren Botschaft Christi geboten schien. Nicht zufällig wurde die antisemitische Komponente der nationalsozialistischen Mischideologie zum nur scheinbar politischen Fokus der Auseinandersetzung, ging es doch um die theologische Frage, in welcher Weise Juden (über den Judenchristen Jesus) als Bruder gelten müssen.
Der unpolitische Charakter dieser theologisch motivierten, partiellen Opposition zeigte sich bei Vater Meinhof in der Tatsache, daß er keine Schwierigkeiten hatte, 1936 Museumsdirektor in Jena und gleichzeitig Kunstdozent in Weimar zu werden. Pfarrer Ensslin wird als elitärer Eskapist beschrieben, mit Wandervogelvergangenheit und zivilisationskritischer Grundhaltung.
Die Jugendbewegung war eine frühere Form unpolitischen Protestes. Sie ist ein Glied in der Kette von Fluchtversuchen eines Bürgertums, das in Deutschland politisch nicht zum Durchbruch kam, sondern sich aus Furcht vor dem andrängenden Proletariat unter den Schutz eines Obrigkeitsstaates flüchtete, der sich die Garantie wirtschaftlicher Expansion mit politischer Apathie bezahlen ließ. Politische Repression zwang das deutsche Bürgertum auf den Weg der Trennung von Staat und Gesellschaft, Öffentlichkeit und Privatheit, in eine exzessive Pflege von Naturgefühl und Hausmusik, in die "Innerlichkeit" des Familienlebens und ein Freiheitsverständnis, das die "inneren Werte" gegenüber der politischen Realität hochhielt.
Ulrike Meinhof wie Gudrun Ensslin waren von beiden Einflüssen geprägt: einer Ethik der Entscheidung und des notfalls leidenden Einstehens für die Wahrheit, des elitären Widerstandes gegenüber der angepaßten Masse
gleichzeitig aber von bürgerlichem Eskapismus: beide hatten ein verständnisvolles, warmherziges Zuhause (Ulrike Meinhof später in Gestalt ihrer Ziehmutter Renate Riemeck), beide betrieben Hausmusik, gehörten evangelischen Jugendgruppen an. Beide studierten nicht sozialwissenschaftliche, sondern schöngeistige Fächer. Für den politischen Psychologen sind Züge einer geistigen Haltung wichtig, die auf den ersten Blick völlig unpolitisch erscheinen, später aber ihre politische Brisanz entwickeln sollten. Jillian Becker nennt die folgenden:
Ulrike Meinhof zeigte Züge eines starken "Leidensneides", der sich auf wechselnde Gruppen im In- und Ausland bezog und am Ende in Klassentheorien einen rational befriedigenden Ausdruck fand. Dieser Leidensneid vertrug sich durchaus mit der Tatsache, daß ihre Kindheit glücklich war. Sie beneidete alle, die wie Hermann Hesses "Steppenwolf" die Vulgarität bürgerlicher Lebensweise entbehrten und gezwungen waren, im Leiden die Sensitivität, Askese und das zu üben, was man theologisch "transzendieren" nennt. Die bürgerliche Welt mit ihren demokratischen Tugenden der Skepsis und des Kompromisses schien ihr zunehmend verächtlich.
Neben Hesse gehörten Ernst Jünger und Sartre zu intensiv gelesenen und lebhaft diskutierten Autoren, beides entschiedene Geister, die auf Entschlossenheit drängten und das Außergewöhnliche, nicht die Normalität des "man" schätzten.
In den zwanziger Jahren war Ernst Jünger es gewesen, der den "guten Kampf" anstelle des Kampfes für das Gute, den Wert des Opfers anstelle des Opfers für einen Wert gepriesen und damit offen bekannt hatte, daß politische Inhalte nicht mehr aufzufinden waren. Was galt, war die reine Aktivität, für Heidegger die pure Entschlossenheit -- notfalls für das Nichts. Dieser inhalts- und politikleere Dezisionismus hatte sich schon in der Meißenerformel der Jugendbewegung angekündigt: "Die Freideutsche Jugend will aus eigener Bestimmung vor eigener Verantwortung, mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten."
Neben dem Neid auf heroisches Leiden zeigte Ulrike Meinhof eine "fatale Neigung zur Melancholie" -- und das, obwohl sie gern tanzte und sich über Jahre in der Jet-Society von Hamburg und Kampen tummelte. Diese Melancholie verband sich mit dem tiefen Wunsch, sich in den Dienst großer Ziele zu stellen.
Das ist eine aus der Geschichte des deutschen Bürgertums bekannte Kombination. Die Frustration darüber, daß man von den eigentlich entscheidenden Aktivitäten ferngehalten wird, führte zu einer Melancholie, die in Literatur, Musik und Philosophie einen politisch bedenklichen Ausdruck fand.
Ulrike Meinhof fand ihr Leben nur in und durch Gruppen lebenswert. Evangelische Jugendgruppen, Studentengruppen, Berliner Kommunen und später die Terrorgruppe gaben ihr das Gefühl elitären Selbstbewußtseins, das sie noch steigerte, indem sie häufig den Mittelpunkt solcher Gruppen abgab (ohne deshalb doch eigentlich eine Führernatur zu sein, dazu fehlte ihr das Selbstvertrauen).
Gemeinschaft nicht Gesellschaft, so könnte man als Motto über diese Neigung setzen, und damit wiederum eine Perspektive spezifisch deutschen "unpolitisch"-politischen Denkens in den Blick nehmen: Die Intimität und Solidarität der gemeinschaftlichen Gruppe, nicht die Distanziertheit, Konkurrenz und "Entfremdung" der industriellen Massengesellschaft gab das Bild der wahren Politik ab, die sich gegen Zivilisation, Technik, Rationalität, Parlamentarismus, Pluralismus und damit gegen das rationale Politikverständnis westlichen Musters richtete.
Kronzeuge dieser Haltung wurde Herbert Marcuse, der die fehlende (und unmögliche) Verbindung zwischen Heidegger und Marx herstellte und damit eine Generation deutscher Studenten gegen die demokratischen Haltungen der Skepsis und der Toleranz einzunehmen wußte. Herbert Marcuse ist in diesem Sinne ein "linker Mann von rechts" und bedeutet (abgesehen von schlimmen theoretischen Vernebelungen wie "Konsumterror") den Rückmarsch in politische Gegenden der Weimarer Republik.
Ebenso wie Ulrike Meinhof hatte auch Gudrun Ensslin den leidenschaftlichen Wunsch nach Außergewöhnlichem: "Eine bürgerliche Existenz ist das letzte, wonach ich strebe", sagte sie. Auch ihr Sinn für Aktionismus war deutlich ausgeprägt. Die Faszination, die Baader auf sie ausübte, lag zum großen Teil darin, daß er "etwas tat".
Gudrun Ensslin konnte abgrundtief hassen. Politisch bedeutet dies die Personifikation politischer Institutionen oder Kräftegruppen wie Wirtschaft. Regierung, Polizei, Banken, auch theoretischer Modelle wie Kapitalismus. Bourgeoisie, Unternehmertum, Parlamentarismus. Diese politische Nuance spezifisch unpolitischen Denkens führte am Ende zur kaltblütigen Ermordung leibhaftiger Menschen.
Ensslin verstand Politik als Kreuzzug für Ideen. Immer wieder taucht unter der Decke marxistisch-revolutionärer Theorien dieser Kreuzzugsgedanke als das eigentliche Motiv auf: die reine Wahrheit, die hohe Moral, die Elite der Wissenden, die Größe des Zieles, die Entscheidung des hochgespannten Gefühls sollten sich gegenüber der Gewöhnlichkeit und Unreinheit kompromißlerischer Normalität und Banalität durchsetzen.
Mit dieser leidenschaftlichen Entschlossenheit zur kompromißlosen Tal gilt sie vermutlich zu Recht als der Motor der Bande. Ihr Haß war der Brennstoff, der die Energien für diesen Kreuzzug gegen einen Feind lieferte. der in immer neuen Personifikationen erschien und für den das Klassenschema nur den ideologischen Mantel lieferte. Was zählte, war die Tat, die Entscheidung und deshalb der Akrionist Baader.
Vom Beginn ihres politischen Engagements an ging Ulrike Meinhof in Politik auf, vergaß sich in ihr. Ihre eigene Existenz und die Politik wurden nahtlos eines. Politik löste darin die Religion ab, der sie einst in der besonders intensiven und gefühlsreichen Sonderform des sogenannten Berneuchener Kreises, der Michaelsbruderschaft, angehörte.
Politik wurde von beiden Frauen prinzipiell als Kritik an den herrschenden Zuständen aufgefaßt, als Widerstand. Im Kampf gegen atomare Bewaffnung befanden sie sich noch innerhalb einer großen demokratischen Protestbewegung. Auch die Partei ihrer Ziehmutter Renate Riemeck, die DFU, hatte ihre politische Aufgabe vor allem im "Zeichen aufrichten", im Warnen und in der Kritik gesehen, weniger in einem Programm. das alle Bereiche der Politik abgedeckt und die Eroberung parlamentarischer Macht ins Auge gefaßt hätte.
Der Eintritt der SPD in die Große Koalition bezeichnete für Meinhof und Ensslin einen entscheidenden Schnitt zwischen systemimmanenter und systemtranszendenter Politik,
Hatten Gudrun Ensslin und ihr damaliger Gefährte Bernward Vesper (der Sohn des Blut-und-Boden-Schriftstellers Will Vesper) als Mitglied der SPD gemeinsam Reden für den damaligen Berliner Wirtschaftssenator und späteren Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller geschrieben, so verließen sie nach Bildung der Koalition die Partei und wandten sich dem SDS zu. Ihre Hoffnungen auf eine radikale Änderung des politischen Kurses waren enttäuscht.
Damals waren viele, die in der SPD ihre "politische Heimat" gefunden zu haben glaubten, enttäuscht von dem "Verrat" und der "Prostitution" einer Partei, die ihre moralische Integrität durch Kooperation mit dem Gegner eingebüßt hatte.
Politik erschien wieder als das, was sie in Deutschland stets gegolten hatte, als schmutziges Geschäft. (Eine ähnlich unpolitische Reaktion zeigte sich später in Kreisen der SPD-Wählerinitiative, nachdem ihr Idol Willy Brandt durch den Realpolitiker Helmut Schmidt abgelöst wurde. Das Engagement sank rapide ab, weil Politik keine hohen moralischen Gefühle mehr stimulierte, sondern als banale Kompromißlerei und perspektiveloses Management erschien.
Mit der Hinwendung zu einer globalen Systemkritik trat das Antichrist-Muster im Politikverständnis der beiden Frauen wieder stärker hervor, zusammen mit der Bereitschaft zum leidenden Widerstand, zum Opfer. Nach anfänglichem Zögern beschritt man den Weg zur Gewalt und zu einem Opferverständnis, das sich vom christlichen in einem wichtigen Punkt unterschied: Von nun an war man nicht nur das Opfer des eigenen Lebens, sondern auch das des Feindes zu bringen bereit.
Hitlers Kinder? Gewiß nicht. Aber Erben eines Politikverständnisses, das in seinem auf moralischen Widerstand, prophetische Zeichensetzung. elitären Gemeinschaftsgeist und den fatalen Hang für das Außergewöhnliche reduzierten Sinn nicht vor dem Vorwurf geschützt ist, politisch eher rechts als links verortet zu sein. Linke Leute von rechts also?
Diese Deutung bleibt in mehrfacher Hinsicht unbefriedigend. Einmal ist mit ihr nur ein Segment, und vielleicht nicht einmal das wichtigste, innerhalb der Terrorszene beleuchtet. Für die nachfolgenden Terrorgenerationen gelten (wie für einige Mitglieder der ersten Generation schon) vermutlich völlig andere Gründe.
Zweitens -- und das wiegt schwerer -- unterschlägt die ursächliche Verknüpfung von Terrorismus und einem in deutscher Tradition "unpolitischen" Politikverständnis den entscheidenden Überschritt vom rechtlich erlaubten und politisch unter Umständen gebotenen Widerstand zur kriminellen Handlung und zum Mord.
Drittens darf man nicht übersehen, daß die protestantische Theologie, besonders in ihrer calvinischen Form mit der Forderung nach Gewissensfreiheit, Widerstandrecht und dem Gemeindeprinzip, demokratischer Theorie praxiswichtige Elemente beigesteuert hat (und deshalb die Zurechung von Männern wie Albertz, Gollwitzer und Scharf zu den Sympathisanten des Terrors einem Verrat an demokratischer Substanz gleichkommt).
Auch wer das prophetische Politikverständnis (eines Martin Niemöller z. B.) für bedenklich hält und meint, wir brauchten mehr Skepsis, Kompromißbereitschaft, auch Humor in unserer Demokratie, darf die Notwendigkeit radikaler Kritik im Einzelfall nicht leugnen und den Raum für solchen Widerstand, solange er den demokratischen Grundkonsens nicht verletzt, nicht einengen.
Die Analyse Jillian Beckers ist eine Mahnung an alle, welche (lic Unterscheidung von Letztem und Vorletztem für (lic Politik nicht gelten lassen wollen. Demokratische Politik darf nicht, wie Karl Marx wollte, "die Wahrheit des Diesseits etablieren". Sie will das Ziel und den Inhalt menschlichen Lebens weder verbindlich festlegen noch mit Gewalt durchsetzen. Demokratische Grundwerte sind "Eckwerte" und liefern nur die Rahmenbedingungen dafür, daß Menschen als Personen und Bürger Identität finden können.

DER SPIEGEL 45/1977
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