31.10.1977

ZEITGESCHICHTEFortlaufende Nummer

Die Wehrmacht unterhielt im Zweiten Weltkrieg ein Netz von Soldatenbordellen. Als trotzdem die Geschlechtskrankheiten zunahmen, wurde die Aufstellung von „Lues“-Bataillonen erwogen.
Der "Schuppen" war "grau und verschlampt", es roch nach Schweiß, Parfüm und Pisse -- eine "hundsföttische Mischung". So beschrieb Bestseller-Autor Lothar-Günther Buchheim ("Das Boot") seine Eindrücke vom "Puff in Brest", das er im Zweiten Weltkrieg als deutscher Marinesoldat in der französischen Hafenstadt kennengelernt hatte. Buchheim: "Wenn ein Dickschiff eingelaufen war, blieben die Nutten zwischen den Nummern einfach liegen."
Das frequentierte Freudenhaus war kein einheimisches Etablissement, sondern eine Einrichtung der deutschen Besatzer -- ein "Wehrmachtsbordell"" das der Feldkommandantur unterstand und von Sanitätern verarztet wurde. Und Buchheims Brester Exemplar scheint durchaus repräsentativ, wenn auch nicht für den Zustand, so doch für den Zustrom, den die Amüsierbetriebe der Armee und der Marine hatten.
Wie verbreitet solche Dirnenhäuser in allen von den Deutschen besetzten Gebieten waren und welch heilende Wirkung die kriegführenden Militärs einer kontrollierbaren Bordellkette beimaßen, erhellt aus einer jetzt veröffentlichten Untersuchung des Münchner Militärhistorikers Franz Seidler*. Auf dem Höhepunkt ihrer Machtausdehnung unterhielt Hitlers Wehrmacht -- in Krosno oder Kiew, Constanta oder Casablanca -- ein Netz von über tausend Soldatenbordellen (für Mannschaftsgrade und Unteroffiziere), dazu eine Reihe sogenannter "Absteigehotels für durchreisende Offiziere".
Das billige Vergnügen kostete in der Regel zwei Reichsmark, das Pflichtkondom war gratis. Mitunter wurden die Damen des Andrangs kaum mehr Herr: Im polnischen Krosno beispielsweise errechneten die Puffprüfer im März 1943 präzis einen sonntäglichen Spitzenbetrieb von 46,5 Freiem pro Prostituierte und forderten Reserve an -mit Erfolg.
Denn die Einrichtung von Soldaten-Bordellen in den Frontetappen wurde im Laufe des Krieges, wie Historiker Seidler herausfand, "eine der wichtigsten Maßnahmen der Truppenbetreuung". So unnachgiebig die Wehrmachtführung aus ideologischen Zwängen die Homosexualität bestrafte (SPIEGEL 19/1977), "so großzügig war sie in der Förderung der geschlechtlichen Betätigung nach Norm
Der Liebes-Dienst am Landser war freilich weniger Fürsorge als Vorsorge. Keine Armee des Zweiten Weltkrieges, so scheint es, fürchtete so sehr wie die deutsche Wehrmacht, daß Infektionskrankheiten (die in der Armee des Ersten Weltkrieges noch zwei Millionen Ausfälle verursacht hatten) ihre Reihen lichten könnten. Die Gefahr venenscher Erkrankungen durch unkontrollierte Kontakte bereitete den Militärs gar "am meisten Kopfzerbrechen" (Seidler) -- weil sie als Maßstab für die Moral der Mannschaft angesehen wurden.
Gefahrenquellen waren schon vor dem Krieg ausgemacht: die "wilde Prostitution", der "Umgang mit leichtfertigen Frauenspersonen", die "fast immer geschlechtskrank" seien. In einem "rassehygienischen Wegweiser" warnte das Reichskriegsministerium 1936 die "jungen Menschen" davor, "ihre Fortpflanzungsfähigkeit für den Wahn einer Stunde aufs Spiel zu setzen". Denn die Wehrmacht nahm, so der "Wegweiser", zur Frage der Geschlechtskrankheiten "eine andere Haltung ein als zur Zeit des liberalistischen Denkens". Nun galt es für den deutschen Soldaten als "Schande, ohne Kinder zu sterben".
Doch die Lektion fruchtete wenig: Nicht lange nach Kriegsbeginn, die Deutschen hatten gerade Frankreich besetzt, wurde das Wehrmachtssanitätswesen "mit plötzlicher Wucht von einer Woge von Geschlechtskrankheiten überrascht", wie Historiker Seidler aus Berichten und Statistiken schließt: Bis Juli 1940 stieg die Zahl der Lues-Erkrankungen (Syphilis) um 170 Prozent, die der Gonorrhöe-Fälle (Tripper) um hundert Prozent gegenüber dem Jahresbeginn.
Als die Deutschen in Rußland einfielen, wo Prostitution verboten war, standen die Truppenärzte vor "ganz neuen Problemen": Russische Frauen boten den Eroberern bereitwillig den "Beischlaf als Willkommensgruß" oder "aus Not", wurden häufig vom Soldaten-Partner angesteckt und damit erst zu Infektionsträgern.
Allein das deutsche Heer registrierte über die Dauer des Krieges nahezu eine Million Erkrankungen an Tripper, Schanker und Syphilis, die grassierten wie Ohrenleiden oder Kreislaufschwächen.
Zeitweise kam auf zehn Verwundete ein Fall von "GK" (Geschlechtskrankheiten), ständig waren Landserscharen in Stärke von vierzehn Bataillonen für den Krieg nicht zu gebrauchen. In vielen Krankenhäusern mußten weniger wichtige Stationen, wie etwa Entlausungsabteilungen, für die Einrichtung von GK-Stationen (Land-
* Franz Seidler: "Prostitution, Homosexualität, Selbstverstümmelung. Probleme der deutschen Sanitätsführung 1939-1945. Kurt Vowinckel Verlag. Neckargmünd; 323 Seiten; 48 Mark.
serjargon: "Ritterburgen") geräumt werden.
Mit Androhung von Strafen bis zu drei Jahren Bau (für den Verkehr mit einer als geschlechtskrank bekannten Frau) und mit regelmäßig zu wiederholenden "Belehrungen" versuchten die Militärs, "in hohem sittlichem Ernst", der heimtückischen Gefahr vorzubeugen. Die größten Hoffnungen setzte die Heeresleitung jedoch in wehrmachtseigene Bordellbetriebe, die schließlich allen Truppenteilen geradezu "als Patentlösung empfohlen" (Seidler) wurden.
Um zu verhindern, daß die Infektionen "weiter um sich greifen", hatte der Oberbefehlshaber des Heeres, Generalfeldmarschall Walther von Brauchitsch" schon ab Sommer 1940 "geeignete Häuser" ausfindig machen lassen. Im Westen war das nichts Neues -- die Besatzer konfiszierten bereits vorhandene Liegenschaften. Im Osten requirierten sie vorzugsweise jüdische Wohn- und Gemeindehäuser -- mit dem Davidsstern als Kennzeichen.
Bei Dunkelheit wies ein blaues Lämpchen mit rotem Kreuz den Weg -- zuerst zum Sani: kein Puffbesuch ohne "Schwanzparade" (Landserjargon) in der Sanierstube.
Der diensthabende Sanitäter sollte, so die Anordnung, eine "genaue Übersicht über die augenblickliche Frequenz im Bordell" haben und "bei starkem Andrang den Zustrom drosseln". Zur Spitzenzeit wollte man "jene unschönen Bilder" vermeiden, "daß alle Treppen und Flure von wartenden Soldaten überfüllt sind".
Die bis ins kleinste Detail reichenden Anweisungen für die Sanitätsstube waren aber nur ein Teil eines immensen Reglements, dem der wehrmachteigene Bordellbetrieb unterlag -- als wär"s ein Kriegsschauplatz.
Streng reglementierten die Militärs vor allem ihre Gewerbetreibenden, die mit Lichtbild, Lebenslauf und "fortlaufenden Nummern" registriert wurden. Dienstverpflichtete Dirnen sollten nach Möglichkeit im Bordell wohnen und das Haus nicht ohne Aufsicht verlassen. Selbst für den Gang zum Friseur mußte eine "verläßliche Begleitperson" her, für einen Urlaub die Genehmigung der Feldkommandantur.
Allerdings, im Kampf gegen Tripper und Syphilis erwies sich der Soldaten-Puff auch nur als bedingt tauglich; in den letzten zwei Kriegsjahren stieg die Zahl der Erkrankungen sogar noch einmal an.
Vielfach wurden die Landser, noch bevor sie gründlich auskuriert waren, wieder an die Front abkommandiert. Lasche Behandlung durch Bordellärzte riß ein, und "erstaunliche Kunstfehler" häuften sich.
Die Kollegen "übersehen", rügte ein Heeresgruppenarzt schon 1943, "mitunter in unverantwortlicher Weise die Syphilis, obwohl die Erscheinungen in die Augen springen". Beispiele nannte er selber: Syphilitische Schwellungen wurden mit Leistenbruch verwechselt, venerische "Papeln" für Hämorrhoiden gehalten. Syphilitische Heiserkeit mit Halswickeln zu kurieren versucht.
Gegen Kriegsende, als auch der militärische Bordellbetrieb immer schlampiger wurde, machte die Wehrmachtführung eine allerletzte Anstrengung, um wenigstens einen Teil der Erkrankten wieder in den Kampf werfen zu können: Syphilitiker sollten in "GK-Bataillonen" -- analog zu bereits rekrutierten "Magen- und Ohrenkrankenbataillonen" -- zusammengefaßt und insbesondere bei der Panzerersatztruppe eingesetzt werden.
Das groteske Vorhaben scheiterte jedoch an politischen Bedenken. "Lues-Bataillone", so befürchtete das Oberkommando des Heeres, würden "vom Feind propagandistisch weitgehend gegen uns ausgenutzt werden".

DER SPIEGEL 45/1977
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