24.10.1977

Terroristen-Fahndung: „25 Sekunden zu spät“

Dies ist", sagte Bonns Staatssekretär Klaus Bölling, als der Tod des entführten Harms Martin Schleyer Gewißheit war, "die Stunde der Fahndung." Und prompt schlug der Bundesrepublik die Stunde, als ginge es um Sekunden.
Noch in der Nacht zum Donnerstag postierten sich eilends aus dem Bett geholte Polizisten an Fernstraßen, Bahnhöfen, Flugplätzen -- allesamt auf der Suche nach den 16 hauptverdächtigten Terroristen, deren Fahndungsphotos derweil über die Bildschirme liefen, samt Hinweisen vom Bundeskriminalamt über Körpergröße, Stimme, besondere Kennzeichen ("auffallend enge Augenstellung").
Kontrolliert wurden Fahrgäste in Bussen wie auf Feldwegen, die Schwerpunkte der Kontrollen wechselten "wellenartig", so Niedersachsens Kriminalamtschef Waldemar Burghard, mit ein oder zweistündigen Intensitäts-Intervallen. Polizisten verteilten Fahndungszettel in Kaufhäusern, Banken und Postämtern.
Razzien allenthalben, in Berlin wie Düsseldorf, wo Polizei-Sonderkommissionen bald nach der Schleyer-Entführung sich "erste Anlaufadressen" zusammengestellt hatten. In Stuttgart gingen die Fahnder nach einem "gewissen Selektionsmodell" vor und überprüften insbesondere Wohnanlagen in Neubau-Gebieten. In Frankfurt rückte die Polizei zu ersten Hausdurchsuchungen aus -Fahndung total, wie es schien, eine "Aktion, die in der Kriminalgeschichte nicht ihresgleichen hat", so die "Süddeutsche Zeitung".
800 000 Mark wurden auf die Ergreifung der gesuchten Terroristen ausgesetzt, und wer anonym Hinweise geben möchte, kann -- Novum in der Tat -- seine Hinweise eigens und überall installierten Telephon-Automaten aufgeben, deren Rufnummern fortwährend mitgeteilt werden.
Um ein "gewisses Bewegungsbild der uns bekannten Personen zu erfassen, die Kontakt zu Terroristen haben", so der baden-württembergische LKA-Präsident Kuno Bux, befragte die Polizei Taxifahrer nach verdächtigen Fahrgästen und horchte Briefträger aus, ob sie nicht in ihrem Bezirk Ungewöhnliches beobachtet hätten.
Hatten sie nicht, und ungewöhnlich wäre in der Tat gewesen, wenn sich die Terroristen, die sich nach dem Schleyer-Mord den Beginn der öffentlichen Fahndung ausrechnen konnten, nachts auf den Straßen eigens herumgetrieben hätten, um der Polizei in die Arme zu laufen. Sie machen sich in solchen Situationen, wie schon nach der Lorenz-Entführung etwa zu erkennen war, aus dem Blickfeld, tunlichst jenseits der Grenzen.
Was sich da vor rotleuchtenden Polizeikellen abspielte, war denn auch zu einem guten Teil Routine mit Alibiwert -- Staat zeigen, vorübergehend wohl, wie früher auch schon. Von den Straßenkontrollen, das gaben Fahnder unumwunden zu, war fürs erste "nicht viel zu erwarten", und auch der für anonyme Anrufe installierte Telephon-Dienst hatte für BKA -Leute eingestandenermaßen den Nebeneffekt, daß "nicht jeder Quatsch gleich auf dem Tisch des Einsatzleiters landet".
Beim Abhören der ersten Bänder, auf denen die anonymen Telephonate gespeichert werden, mußten die Ermittler überdies viele stumme Stellen registrieren: Anrufer hatten gleich nach der Polizei-Bitte um Telephontips zum Schleyer-Mord ("Nennen Sie Einzelheiten wie Autokennzeichen, Fahrzeugtypen oder Namen, Alter oder Anschriften verdächtiger Personen") wieder aufgelegt.
Denn nicht überall wurden die Anrufer wie etwa in Mainz gefragt, ob sie mit einer Aufzeichnung des Gesprächs einverstanden seien. In den meisten Städten, so in Hamburg unter der Nummer 24 38 38, wird potentiellen Informanten sogleich mitgeteilt: "Ihr Hinweis wird auf Band aufgezeichnet" -- für an sich informationswillige mögliche Mitwisser Grund genug, den Hörer gleich wieder aufzulegen, um einer späteren Identifizierung zu entgehen.
Im Grunde hofft die Polizei, daß die Bürger durch Hinweise aller Art das zuwege bringen, was sie sich allein kaum besorgen kann: den entscheidenden Tip für den Zugriff. Denn alles andere, wer wann was in der Terrorszene getan hat, weiß sie schon.
Für die BKA-Kriminalisten steht beispielsweise fest, daß drei Terroristen aus jener Gruppe um den ehemaligen Rechtsanwalt Haag, die wegen der Morde an Buback und Ponto sowie wegen des versuchten Raketen-Anschlags auf die Bundesanwaltschaft gesucht werden, an der blutigen Schleyer-Entführung in Köln unmittelbar, am Tatort. beteiligt waren:
Willy Peter Stoll, 27, früher Kanzleigehilfe in der Stuttgarter Anwaltskanzlei Croissant; Knut Folkerts, 25, der am 22. September in Utrecht festgenommen wurde und dabei einen Beamten erschoß; Christian Klar, 25, vermutlich Fahrer des "Suzuki"-Motorrads beim Buback-Attentat und, wie sich Ende letzter Woche herausstellte, über Falschnamen auch Käufer des grünen Audi, in dem die Leiche Schleyers gefunden wurde.
Friederike Krabbe, 27, Schwester der Stockholm-Attentäterin Hanna Krabbe, mietete unter dem Falschnamen "Lisa Ries" im Wiener Weg 1 b zu Köln die "Kommando-Wohnung" an, von der aus das Schleyer-Attentat gestartet wurde. Rolf Heißler, 29, der bei der Lorenz-Entführung aus Straubinger Strafhaft freigepreßte "Tupamaro" und Sprengstoff-Experte, geschult in einem Ausbildungslager der Palästinenser im Südjemen, organisierte laut Polizei-Ermittlungen Fahrzeuge für die Aktion.
Adelheid Schulz, 22, Freundin des in Singen verhafteten Buback-Schützen Günter Sonnenberg, agierte als Quartiermacherin und Kurierin, der Münchner Schauspieler Christoph Michael Wackernagel, 26 ("Tätowierung"), bediente möglicherweise die Video-Kamera der Marke "Sony"; Brigitte Mohnhaupt, 28, erst im Februar aus Stammheimer Strafhaft entlassen, baldowerte Objekte für eine von den Fahndern befürchtete weitere "Begleittat" in den Niederlanden aus und entkam, als Folkerts in Utrecht festgenommen wurde. Silke Maier-Witt, 27, lange Zeit Managerin in der "Info-Zentrale" der RAF, formulierte, vermutlich zusammen mit Stoll, die Erpresserbriefe an die Bundesregierung.
Seit dem Attentat auf Schleyer und seine Begleiter und aufgrund der folgenden Kontakte mit den Erpressern hat das BKA Zigtausende von Spuren ausgewertet, 15 000 Asservate gesammelt, massenhaft Indizien über Identität, Tatmittel, Logistik und Struktur der Terrorgruppen zusammengetragen, und in einer handgefertigten Übersicht in DIN-A 4-Format, in die BKA-Chef Herold immer wieder neue Erkenntnisse einträgt, häufen sich die eingekästelten Hinweise auf "gerichtsverwertbare Ergebnisse".
"Eigentlich", so ein BKA-Mann selbstironisch, "könnten wir die Akten schließen, für uns ist der Fall kriminalpolizeilich aufgeklärt, den Rest machen die Fachleute an der Front." Der Rest meint die Ergreifung der ermittelten Täter. Darüber aber geben sich die Kriminalisten, auch wenn nach Folkerts demnächst der eine oder andere Terrorist gefaßt werden sollte, keinen Illusionen hin: daß, so ein Fahnder, "es eben verdammt schwer ist, die zu kriegen".
Einerseits, und das ist bezeichnend für die gegenwärtige Phase der Terrorismusbekömpfung, gelingt es den mit ausgeklügeltem Gerät ausgestatteten BKA-Spezialisten immer besser, Tat und Täteridentitäten aufzuhellen, andererseits hat es die Polizei unvermindert schwer, die Täter aufzuspüren -- eine in diesem Ausmaß noch nie festgestellte Diskrepanz zwischen Ermittlungsperfektion und Fahndungsdefizit.
Alle Erkenntnisse, über die das Bundeskriminalamt bis zum letzten Wochenende verfügte, wurden in zumeist verdeckter Fahndung zusammengetragen. wiewohl die Polizei am 5. September, da die Todesschüsse in Köln fielen und Schleyer verschwand, im drei Kilometer vom Tatort stehengelassenen Entführerfahrzeug einen Brief der Terroristen mit der Warnung vorgefunden hatte: "Die Bundesregierung hat alle Fahndungen nach uns zu unterlassen. sonst lebt Schleyer nicht mehr lange."
Das hinderte nicht die intensiven heimlichen Recherchen, aber es schloß die öffentliche Großfahndung aus. Wo suchen -- in Köln, weil die Entführer, um jeglicher Ringfahndung oder etwaiger Sperrung der Autobahnen zu entgehen, am Ort geblieben sind? Oder längs des Rheins, weil sich das Schiff als Transportmittel in diesem Fall anbot? Oder im Rhein-Main-Gebiet, wo die Kuriertätigkeit so auffallend emsig war?
Die erste Post aus dem Untergrund fand, im Pfarrhaus der Wiesbadener Bergkirche, die 12jährige Pfarrerstochter; es war das erste Lebenszeichen des Entführten, ein durch Boten eingeworfener weißer Umschlag "an die Bundesregierung der Bundesrepublik Deutschland".
Zu den Signalen vom grausigen Schlußakt zählten ebenfalls Botschaften aus der Region: etwa Eilbriefe mit Polaroid-Photos von Schleyer und RAF-Flugblättern, abgestempelt am 14. Oktober in Mainz, an die Stockholmer Tageszeitung " Dagens Nyheter und die Osloer "Aftenposten".
Aber es gab eben auch Nachrichten von anderwärts -- die Vermutung, daß Schleyer zeitweilig "vielleicht im 100-Kilometer-Umkreis von Mainz und Wiesbaden" festgehalten worden sei, konkretisierte sich nicht zur heißen Spur. Mal meldeten sich Männer- oder Frauenstimmen am Telephon und gaben redegewandt in Schriftdeutsch, bisweilen leicht schwäbisch akzentuiert, und höflich bis zur Artigkeit ("Ich darf mich bedanken, auf Wiederhören") ihre Todesbotschaften gegen Schleyer wie gegen die "imperialistische Weltverschwörung" zur Kenntnis: "Sind Sie technisch eingerichtet, zum Beispiel eine Bandaufnahme zu machen?"
Mal wurden Mitteilungen durch Boten, unauffällige junge Männer oder elegant gekleidete Frauen, in Hotelhallen oder am Taxistand abgegeben. Briefe an Zeitungsredaktionen und Nachrichtenagenturen fanden sich teils im Hausbriefkasten, teils im Lift oder kamen schlicht mit der Briefpost.
Häufig folgte, wie beim Wiesbadener Pfarrer Neuschäfer, anschließend ein Kontrollanruf. Und so schwer es war, jeweils die Fährte aufzunehmen, so leicht konnte es den Fahndern unterlaufen, einer falschen Spur zu folgen. Denn im Laufe der Ermittlungen wurde klar, daß die Entführer ihre Verfolger mit präparierten Spuren zu täuschen suchten.
So tauchte auf dem ersten Videoband, das die Kidnapper dem Bundeskriminalamt unaufgefordert zuspielten, ein dezenter, aber deutlicher Hinweis auf ein Nachbarland im Süden auf: im Hintergrund war nicht mit voller Tiefenschärfe, aber gut zu erkennen -- eine Milchtüte aus einer Schweizer Molkerei abgelichtet.
Spätestens dann aber durchschauten die Fahnder den Trick, als sie auf einen kaum versteckt an der deutschschweizerischen Grenze geparkten VW-Bus stießen. Darin fanden sie die Krawatte, die der entführte Arbeitgeberpräsident am Tag des Kölner Anschlags getragen hatte, und obendrein auch noch Schleyers ledernes Schlüsseletui samt Schlüssel -- "ein klares Deponat", wie ein Fahnder sagt.
Die vom "Kommando Siegfried Hausner" offensichtlich gewünschte Konzentration des bundesdeutschen Fahndungspotentials im deutschschweizer Raum unterblieb denn auch zu diesem Zeitpunkt. Süddeutschland und die Schweiz hatten BKA-Fahnder und Interpol nach der Festnahme der mutmaßlichen Buback-Attentäter Günter Sonnenberg und Verena Becker in Singen am Hohentwiel "völlig abgeklärt".
Ernster nahmen bundesdeutsche Ermittler eine andere Fährte. Bei einigen der von den Kidnappern produzierten Videobändern wiesen Bildschwankungen darauf hin, daß der Entführte womöglich auf einem Schiff festgehalten werde; schon von Anfang an hatten Kriminalisten ja vermutet, daß "der Rhein die logistische Schlagader des Terrors" sein könnte -- die Anschläge auf Buback und Ponto, Bundesanwaltschaft und Schleyer waren alle in Rhein-Nähe ausgeführt worden.
Ins Bild paßte auch der Ton eines Videobandes. Schildert ein Fahnder:
* Letztes Photo von Schleyer. aufgenommen vom Video-Band der Entführer
"Da war ein Geräusch im Hintergrund, als wenn eine Dame in hochhackigen Schuhen schnell eine kurze Treppe heruntergeht -- klack, klack, klack, klack, klack -- dann ein Absatz, klack -- dann klack" klack" klack noch einmal drei Stufen": Klänge. wie sie etwa in einem Niedergang zwischen Schiffsdeck und Kajüte entstehen könnten.
Als vier verdächtige junge Männer mit einem in Neuß am Rhein gemieteten Kajütenboot via Ijsselmeer ins offene Meer fuhren, erhielt die Fahndung erstmals, so BKA-Chef Horst Herold, "eine weltweite Dimension". Küstenschutz und Nato-Jäger suchten westeuropäische Küstengewässer nach dem vermuteten Schleyer-Schiff ab, Dutzende von Yachten wurden aufgebracht. Doch außer einigen älteren Herren in der Begleitung junger Damen -- allesamt unverdächtig -- blieb nichts im Netz der Fahnder hängen.
Noch eine Spur, die nicht weiterführte: Auf mindestens drei verschiedenen Schreibmaschinen (teils ausländischen Fabrikaten ohne die Typen "ä", "ö", "ii") setzten die Terroristen in gestochener Form (ein Fahnder: "Die Akuratesse würde jeder Chefsekretärin zur Ehre gereichen") jene Texte des "Kommandos Siegfried Hausner" ab, die Kuriere mal hier, mal am Pariser Gare du Nord deponierten.
Im Versteck der Terroristen, das wahrscheinlich nur zeitweise identisch war mit dem wahrscheinlich wechselnden Verwahrort der Geisel, mußten mehrere Telephonanschlüsse, Rundfunk- und Fernsehgeräte, Photokopiergeräte, Kassettenrecorder existieren -- eine Anwaltskanzlei vielleicht, ein getarntes Import/ Export-Büro, eine Maklerfirma in einem anonymen Geschäftshochhaus vielleicht? Oder auch eine Arztpraxis, in der das Kidnapping-Opfer, wäre es bei der Geiselnahme verletzt worden, ärztlich hätte versorgt werden können? Dafür sprach aus kriminalistischer Sicht einiges.
Vor allem Arztpraxen hatten Kripo-Fahnder und V-Leute auf der wochenlangen Suche nach dem "Volksgefängnis" im Auge: dort, so eine "Raster-Analyse" des BKA, ließen sich am besten Geiselbewacher und Stabsmitglieder des Kommandos in weißen Kitteln als medizinisches Hilfspersonal tarnen, dort, vor dem Haus und im Wartezimmer unter normalen Patienten, ließen sich am ehesten An- und Abfahrt von getürkten Sanitätsfahrzeugen und der Anlaufverkehr der Kuriere verschleiern.
Staatsschützer suchten denn auch in jüngster Zeit, vor allem im Raum Köln, zahlreiche Praxen unter dem Vorwand einer notwendigen Konsultation au (Legende: "Auf Durchreise befindlicher Privatpatient gegen Barzahlung") und schauten sich dabei um -- kein Resultat.
Erkenntnisse allgemeiner Art, die für die Einschätzung der Terroristen wichtig sein konnten, verschafften sich die BKA-Leute dabei durchaus, etwa durch peinlich genaue Analysen der Botschaften, die über den beiderseits akzeptierten Genfer Anwalt Denis Payot, 35, übermittelt wurden. Die Krimianalisten prüften jeden Text bis zur Schreibmaschinentype und zum verwendeten Photokopierpapier ("Wir können genau sagen" welches Papier, welcher Kopierer welcher Firma, welche Serie").
Sie zogen Wissenschaftler zur Sprachanalyse heran und stellten auf diese Weise etwa fest, daß einige Texte, "bis auf den letzten von hohem Abstraktionsvermögen"" wie ein süddeutscher Fahnder meint, die als englisch verfaßte Originale gelten sollten (weil "Übersetzungen" ins Deutsche beigefügt waren) in Wirklichkeit ins Englische übersetzte deutsche Originale waren.
Die aufwendige Kleinarbeit, die systematische Untersuchung aller relevanten Zusammenhänge brachte schließlich, was die Täteridentität anging, den Ermittlungsdurchbruch. Die Vorliebe für einen bestimmten Wagentyp einer Terroristin, vermutlich Brigitte Mohnhaupt, steht am Rande einer umfänglichen Indizienkette.
Immer wieder stießen die Ermittler in den jüngsten Terrorfällen auf Ford-Wagen vom Typ "Granada". Ein Kraftfahrzeug dieser Art war beim Ponto-Attentat von Belang, ein "Granada" war es auch, den Brigitte Mohnhaupt am 10. September in Den Haag anmietete, unter Vorlage eines gefälschten Führerscheins auf den Namen "U. Dietrich, Hamburg".
Ließen schon die zurückgelassenen Funde in diesem Wagen und in Hotels (Polizeibericht: "Je eine leere Schachtel Camel und Marlboro, ein Uher- und ein Kleinsttonbandgerät, ein Videoband, Tonbänder, Haarfärbemittel und Toilettenartikel in größerer Zahl") Tatzusammenhänge mit dem Schleyer-Fall erkennen, so bestätigte die Nachsuche der Kripo in Köln: Die Täter waren nahe ihrer konspirativen Wohnung am Wiener Weg ebenfalls in einen Ford Granada umgestiegen, Farbe Gelb.
Dieser gelbe Granada war mit einem Abziehbild geschmückt, das ein vierblättriges Kleeblatt zeigte; Abziehbilder der gleichen Art aber zierten auch das beim Buback-Attentat verwendete "Suzuki"-Motorrad. Und: Kleeblätter dieser Art fanden sich schließlich in der von Adelheid Schulz in Köln vor dem Schleyer-Attentat angemieteten konspirativen Wohnung. (Ein Fahnder: "Ein diskretes Erkennungszeichen der Bande?")
Wichtigeres aber ergab sich, als die Fahnder bei der Stiche nach der Herkunft der Kennzeichen des gelben Granada die Kölner Prägefirma Helmut Brahmann befragte und daher herausfand, daß die Präger einem unbekannten Käufer wider die Vorschrift insgesamt acht solcher Kennzeichen nach vorgegebenen Nummern-Kombinationen geliefert hatten, von denen sich zwei weitere Paare an anderen in Köln entdeckten Fluchtfahrzeugen fanden.
Das war das Signal dafür, daß 1100 Polizeibeamte auf der Suche nach den restlichen fünf Brahmann-Nummernschildern Parkplätze und Tiefgaragen in und um Köln durchkämmten. In der Tiefgarage eines Wohnhauses entdeckten Beamte schließlich einen Mercedes mit der vierten Brahmann-Prägung, so auffällig zwischen Betonwand und Pfeiler eingekeilt, daß die Autonummer nicht ohne weiteres zu erkennen war.
Acht Tage lang behielt die Kripo das Fahrzeug heimlich im Auge, dann drängte sich die Meinung auf, es sei ein wohl "verbranntes Fluchtfahrzeug", das nicht mehr benutzt werde. Die Spur "wurde schließlich weggezogen", wie es ein Fahnder ausdrückt, der abgeschleppte Wagen von Kriminaltechnikern gründlich unter die Lupe genommen.
Siebe da, die Fahnder entdeckten
* unter der Fußmatte eine Patrone mit der Ladespur aus jener Maschinenpistole vom Typ Heckler & Koch, mit der Generalbundesanwalt Buback erschossen worden war, > im Kofferraum einen Manschettenknopf von Schleyer,
* in der Kofferraum-Klappe eine eingeschnittene Öffnung -- so groß, daß sie als Luftloch beim Transport eines Menschen dienen konnte.
Es war ein Fluchtfahrzeug, und noch heute jammern die BKA-Leute über eine Entdeckung, die sie erst gemacht hatten, als sie den Wagen vom Parkplatz fortbewegten: Aus dem Auspuff fiel der Wagenschlüssel -- Indiz dafür, daß das Fahrzeug womöglich von den Terroristen noch nicht aufgegeben worden war und die Polizei nur geduldig hätte zuwarten müssen, bis sich jemand am Auspuff zu schaffen machte. Ein Fahnder: "Das sind so Fälle, die passieren einem nur einmal."
In einem in der Nähe von Köln geparkten Wagen mit Brahmann-Kennzeichen entdeckten Kripo-Beamte zwei weitere Schilderpaare Kölner Prägung. Und Brahmann Nummer acht fand sich schließlich an einem Alfa Romeo auf dem Parkdeck im Kölner Uni-Center und damit auch gleich ein weiterer Tatverdächtiger.
Denn den gebrauchten Sportwagen hatte nach Kripo-Erkenntnissen RAF-Mitglied Rolf Heißler für 2900 Mark vom ahnungslosen Vorbesitzer erworben und "nicht einmal", wie der Verkäufer sich erinnert, "auf die Roststellen geachtet".
Aus der Garage im Uni-Center führte das achte Brahmann-Kennzeichen geradewegs in die erste Kommandowohnung der Schleyer-Attentäter. Unter dem Namen Markward hatte jene Krankenschwester Adelheid Schulz, die als ausgebildete Krankenschwester dem gefangenen Schleyer womöglich Spritzen gab, im Uni-Center eine konspirative Wohnung angemietet.
Dabei benutzte sie Vita und Daten eines nach Amerika ausgewanderten Bundesbürgers namens Markward, dessen Legende bereits dem 1975 in Köln erschossenen Terroristen Werner Sauber zur Tarnung gedient hatte.
Adelheid Schulz und ihre Begleiter gaben ihr konspiratives Quartier auf, als sich Ende September für die Terroristen deprimierende Nachrichten häuften: > Keines der von Entführern und Freizupressenden genannten Länder war bereit, die RAF-Häftlinge aufzunehmen:
* ihr mutmaßlicher Mittäter Knut Folkerts war in Utrecht nach einer Schießerei verhaftet worden, und > in Paris hatten französische Polizisten Rechtsanwalt Klaus Croissant festgenommen.
Im Kündigungsbrief schrieb sie, sie sei nun "wieder in Amerika". Ihre Mietkaution von 1500 Mark forderte sie nicht zurück -- wohl in der Hoffnung, der Hausmeister werde dann von sich aus das Säubern der verschmutzten Wohnung übernehmen (und damit Beweise beseitigen). Doch der Center-Wart kam nicht mehr dazu, denn inzwischen hatte die Kripo schon gecleant -- und wieder Beweisstücke sichergestellt.
Adelheid Schulz dürfte es nach Meinung von Ermittlern auch gewesen sein, die von der Bundesrepublik aus diverse Male mit dem Genfer Mittler-Anwalt Payot telephonierte. Anfangs hatten die Terroristen "mit Payot, den sie selber als Kontaktmann vorgeschlagen hatten, besonders viel zu tun; die Kommunikation war rege. Wochenlang verhandelte der Bonner Krisenstab über die Genfer Relaisstation allein über die Frage, wo die Häftlinge hinzubringen seien, da einerseits die RAF-Gefangenen unterschiedliche Zielstaaten angaben und andererseits die von ihnen genannten Länder, Südjemen oder Somalia etwa, die Aufnahme ablehnten.
Doch zunehmend wurde Payot, der sich nach Einschätzung eines Bonner Krisenstäblers "durchaus korrekt verhalten hat", angesichts der Bonner Hinhaltetaktik als Schaltstelle für die Terroristen uninteressant. Außerdem mußten sie stets damit rechnen, daß die Fahnder eines Tages via Payot zu ihnen finden würden.
In der Tat waren in bestimmten Regionen öffentliche Telephonzellen, solche mit Durchwahlmöglichkeiten ins Ausland, zeitweilig aufgrund richterlicher Genehmigung mit sogenannten Fangschaltungen versehen. Sie gaben Signal, wann immer Payots Nummer (004122/281811) bis zur letzten Ziffer angewählt wurde.
Am 24. September war es soweit. Eine Terroristin, vermutlich Adelheid Schulz, jedenfalls eine "weibliche Tatbeteiligte", rief bei Payot an und binnen kurzem war ein Funkwagen in Richtung Telephonzelle unterwegs
gerade das verscheuchte womöglich die Terroristin. Ein Fahnder heute: "Wir sind 25 Sekunden zu spät gekommen."
Um ein Quentchen blieb es den Fahndern bis Ende letzter Woche stets versagt, in verdeckter Fahndung zuzugreifen. Daß die nach Terror-Taten nachgerade obligate Zurschaustellung staatlichen Fahndungswillens nur selten Erfolg zeitigt, wissen Fahnder ebensogut wie Terroristen.
Diesmal freilich hoffen die Ermittler, daß dem üblichen Fahndungs-Hoch eine generell verstärkte Terroristensuche folgt. Wenn es nach den Kriminalisten geht, sollen -- außer der Standleitung zwischen Polizei und anonymen Informanten -- weite Verdachtsräume mit einem aus den klassischen Requisiten polizeilicher Fahndung geknüpften Schleppnetz langfristig durchkämmt werden. Dazu gehören vor allem:
* systematische Durchsuchungsaktionen großer Wohnblocks im gesamten Bundesgebiet. die -- wie sich auch im Fall Schleyer zeigte -- optimale Bedingungen als Terroristen-Verstecke bieten;
* ständige Bemühungen, polizeilich nicht gemeldete Personen im Alter von 20 bis 35 Jahren festzustellen. etwa "durch Mitwirkung des Maklerwesens";
* Transparenz des Gebrauchtwagenhandels, wo Terroristen sich bislang immer wieder Fahrzeuge besorgen konnten.
BKA-Leute verweisen auf einschlägige Erfahrungen. In Utrecht etwa stießen die Fahnder über einen Kfz-Mietvertrag auf die gesuchten RAF-Mittäter Knut Folkerts und Brigitte Mohnhaupt. In Köln wurde die Kommandozentrale des Anschlags auf Schleyer und seine Begleiter in einem Hochhaus entdeckt; den Mietvertrag hatte Adelheid Schulz unterschrieben. BKA-Chef Horst Herold wünscht sich denn auch "routinemäßig den fünften Durchschlag" von allen Mietverträgen für Wohnungen und Kraftfahrzeuge und von Kaufverträgen von Autos.
Freilich, eine solche Ausweitung der Polizeikontrollen, ein so weit ausgelegtes Schleppnetz, ist Kritikern auch Anlaß für Zweifel, ob der Schaden auf Dauer nicht größer ist als der Vorteil. Schon anläßlich der Fahndungsintensivierung nach dem Schleyer-Mord schrieb etwa die schweizerische "Basler Zeitung":
"Eine Fahndung in der Größenordnung, wie sie in unserem Nachbarland durchgeführt wird, birgt vielfältige Gefahren. Das Denunziantentum muß nicht, kann aber gefördert werden ... und schließlich besteht die Gefahr, daß der Fahndungsapparat auch später beibehalten wird, nur weil er effizient funktioniert. Das einmal gewählte große Kaliber wird auch dann verwendet, wenn es nicht nötig wäre."
Andererseits plädieren Sicherheitsleute schon deshalb für extensive Fahndung, weil "besondere Anstrengungen angesichts der mit Sicherheit zu erwartenden Terrorakte" erforderlich seien. Und nach dem Schema, das die Terroristenaktivität erkennen läßt abwechselnd "Bestrafungsaktionen" á la Buback und "Befreiungsaktionen" á la Schleyer -, befürchten Fahnder nun Gewalttaten, die auf schiere Tötung abzielen." Jetzt kommt das", so ein Kölner Fahnder, "was sie Hinrichtungen nennen."

DER SPIEGEL 44/1977
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 44/1977
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Terroristen-Fahndung: „25 Sekunden zu spät“

Video 01:14

Fotograf dokumentiert "Ophelia" Natur, gewaltig

  • Video "Fotograf dokumentiert Ophelia: Natur, gewaltig" Video 01:14
    Fotograf dokumentiert "Ophelia": Natur, gewaltig
  • Video "Ausraster: US-Rennfahrer prügelt auf Rivalen ein" Video 01:03
    Ausraster: US-Rennfahrer prügelt auf Rivalen ein
  • Video "Fluoreszierende Forschung: Mäuse mit grünen Füßen" Video 02:17
    Fluoreszierende Forschung: Mäuse mit grünen Füßen
  • Video "Filmstarts der Woche: Eiskalter Killer" Video 07:01
    Filmstarts der Woche: Eiskalter Killer
  • Video "Empörung über Anruf bei Soldaten-Witwe: Er wusste, worauf er sich einließ" Video 01:32
    Empörung über Anruf bei Soldaten-Witwe: "Er wusste, worauf er sich einließ"
  • Video "Xenia Sobtschak: Diese Frau fordert Putin heraus" Video 01:28
    Xenia Sobtschak: Diese Frau fordert Putin heraus
  • Video "Faszinierende Tanzperformance: The Mechanics of History" Video 02:05
    Faszinierende Tanzperformance: "The Mechanics of History"
  • Video "Amateurvideo von Sturm Ophelia: Riesenwelle trifft Neugierige" Video 01:01
    Amateurvideo von Sturm "Ophelia": Riesenwelle trifft Neugierige
  • Video "Road to Jamaika - Tag 1: Es wird schrecklich werden" Video 03:39
    Road to "Jamaika" - Tag 1: "Es wird schrecklich werden"
  • Video "Nagergezwitscher: Mäuse, die wie Vögel singen" Video 01:53
    Nagergezwitscher: Mäuse, die wie Vögel singen
  • Video "Weltrekordversuch im Steinbruch: 25 Tonnen schwer, 100 km/h schnell" Video 03:10
    Weltrekordversuch im Steinbruch: 25 Tonnen schwer, 100 km/h schnell
  • Video "Sport mit dem Haustier: Das Stand-Up-Chicken" Video 00:54
    Sport mit dem Haustier: Das Stand-Up-Chicken
  • Video "Hybrid-Flieger: Mit dem Elektroflugzeug zum Geschäftstermin" Video 02:36
    Hybrid-Flieger: Mit dem Elektroflugzeug zum Geschäftstermin
  • Video "Waghalsiges Manöver: Drohne fliegt unter fahrenden Zug" Video 03:39
    Waghalsiges Manöver: Drohne fliegt unter fahrenden Zug
  • Video "Letzter Flug aus Übersee: Air-Berlin-Maschine dreht Ehrenrunde" Video 01:19
    Letzter Flug aus Übersee: Air-Berlin-Maschine dreht Ehrenrunde
  • Video "Virale Landtagsrede: Das ist Nazi-Diktion" Video 03:28
    Virale Landtagsrede: "Das ist Nazi-Diktion"