24.10.1977

Dunkle Geschichte hinter dem Finstern

Der Tod der Terroristen Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe in Stammheim

Man kann die Perfidie auch soweit treiben, daß man seine eigene Tötung zur Hinrichtung macht", deutete Bundesinnenminister Werner Maihofer den Tathergang in Stammheim: Andreas Baader und Jan-Carl Raspe erschossen, Gudrun Ensslin erhängt, Irmgard Möller Messerstiche in der Brust -ein paar Stunden nach Mogadischu.

So könnte es gewesen sein -- bei Baader zumindest, der durch Genickschuß starb und in dessen Zelle drei Geschosse gefunden wurden: eins in der Zellenwand, eins in der Matratze, eins, das tödliche, blutbeschmiert neben dem Bett.

Daß alsbald Schluß sein würde mit dem Leben in Stammheim, hatte er schon Anfang Oktober in einem Brief an den Stuttgarter Gerichtsvorsitzenden Eberhard Foth mehr angedroht als angekündigt: "Irreversible Folgen für den Fall, daß wir nicht als Kriegsgefangene" behandelt werden -- Selbstmord? Die RAF-Genossen seien schon zum Tode verurteilt; der Staat verweigere ihnen nur noch den Henker.

Und bei Gudrun Ensslin? Sie telephonierte ein paar Tage vor dem Selbstmord mit Bonner Stellen. Sie versuchte, Kanzleramtschef Manfred Schüler oder Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski für ein "politisches Gespräch" im Gefängnis zu gewinnen; vergebens.

Am Vorabend ihres Todes empfing die Pfarrerstochter die beiden Anstaltsgeistlichen, evangelisch und katholisch, in Stammheim. Die Besprechung, voller dunkler Andeutungen, dauerte anderthalb Stunden -- "erklärtermaßen" kein "Seelsorgegespräch".

Als es geschehen war, schrieben die Pfarrer an Gudrun Ensslins Eltern: Der konkrete Anlaß war eine Bitte, deren Inhalt wir für den Fall weitergeben sollten, daß für sie die Möglichkeit nicht mehr bestünde. Der gesamte Gesprächsverlauf konnte uns unmöglich ahnen las. sen, was wenige Stunden später schlimme Wirklichkeit wurde. Die Bitte Ihrer Tochter an uns war, in ihrer Zelle befänden sich drei Schreiben, die für den Chef des Bundeskanzleramts bestimmt seien. Die Schriftstücke sind in einer Mappe mit der Aufschrift "Anwalt" hinterlegt. Wir sollten dafür Sorge tragen, daß die Schreiben den Adressaten erreichen.

Leichenschau in Stammheim und Obduktion in Tübingen -- in Gegenwart dreier Experten aus Lüttich, Wien und Zürich -- bestätigen "vorläufig und vorbehaltlich einer abschließenden wissenschaftlichen Beurteilung" "Selbstmord der drei Toten". Der Befund:

* Die Ensslin-"Leiche wies alle typischen Zeichen für Erhängungstod auf, insbesondere eine Speichelabrinnspur vom Mund, zwischen den Kiefern eingeklemmte Zunge und Bruch der Kehlkopfknorpelhörner".

* Die Raspe-"Leiche ... zeigt einen rechts angesetzten, quer durch den vorderen Gehirnbereich verlaufenden Schußkanal. Auch hier sprechen die vorhandenen Spuren für einen aufgesetzten Nahschuß".

* Die Baader-"Leiche ... weist einen Durchschuß des Schädels mit Einschuß im Bereich des Genicks, Verletzung des Stammhirns und Austritt des Geschosses durch das Schädeldach auf ... Wie an der Einschußwunde, fanden sich auch an der rechten Hand der Leiche Schmauchspuren, wie sie heim eigenhändigen Abschießen einer Faustfeuerwaffe erfahrungsgemäß entstehen".

Technisch ist ein Schuß ins eigene Genick nach Bekunden des bei der Obduktion anwesenden Züricher Protessors Hans-Peter Hartmann "kein Problem". Er kenne "mehrere Fälle von Genickschuß, die eindeutig Selbstmorde waren". In den Vereinigten Staaten habe er sogar "einen selbstbeigebrachten Genickschuß mit einem Gewehr gesehen". Hartmann: "Man hält das natürlich für unwahrscheinlich, aber das geht wirklich."

So abwegig Zweifel am Freitod der Stammheimer Häftlinge spätestens nach der Obduktion auch anmuten mochten, so klar war, (laß behördliche Schlamperei Vorwände für terroristische Agitation bereitgestellt, daß sich in den RAF-Zellen ein Skandal ereignet hatte, der im bundesdeutschen Strafvollzug ohnegleichen ist. "Leichter", kommentierte die "Frankfurter Rundschau", "konnte es Böswilligen wahrhaftig nicht gemacht werden, eine Mordbehauptung in die Öffentlichkeit zu bringen."

Prompt verlautbarte der holländische Rechtsanwalt Herman Bakker Schut, er gehe "davon aus, daß das Mord war". Für den Baader-Anwalt Hans-Heinz Heldmann ist "schwer vorstellbar, daß man in dieser Form gegen sich selbst vorgehen kann". Ensslin-Verteidiger Otto Schily erinnert an die Stammheimer Abhör-Affäre, bei deren Aufklärung damals ein "separater Zugang" zum Sonder-Stockwerk ins Blickfeld geraten sei. Es liege "nicht außerhalb des Denkbaren", faselt der Anwalt, daß auch diesmal ein Geheimdienst die Hand im Spiel gehabt haben könnte.

Bei einer Diskussionsveranstaltung in der Frankfurter Universität erregte sich ein Student: "Haben sich die sechs Millionen Juden etwa auch selbst umgebracht?" Apo-Veteran Daniel Cohn-Bendit befand, der Prozeß der Distanzierung vom Terrorismus, der sich in den letzten Monaten in der linksradikalen Szene vollzogen habe, sei durch die Schüsse in Stammheim "emotional aufgehoben" worden.

"Alle Voraussetzungen für eine Märtyrerlegende"", so hatte der Leitartikler des Züricher "Tages-Anzeigers" unmittelbar nach der Tat befunden, seien durch Versäumnisse der Stuttgarter Behörden geschaffen worden. Erschien schon die Existenz von Waffen in den angeblich bestbewachten Zellen des Landes unbegreiflich -- schier unglaublich, wie eine Sammlung in einem Kriminalmuseum, nahm sich aus, was Fahnder an den folgenden Tagen sonst noch am Tatort entdeckten.

In Gudrun Ensslins Zelle hatten Vollzugsbeamte selber das Strangulierungswerkzeug belassen: Als mit Inkrafttreten der Kontaktsperre Elektrogeräte wie Plattenspieler, Radio und Fernseher abgeholt wurden, blieb jenes Verbindungskabel unbeachtet zurück, an dem später die Leiche hing. Gleich "in mehreren Zellen" (Staatsanwaltschaft) war in Kaffeetüten und Plastikdosen eine "gipsartige Masse" versteckt -- weswegen Ermittler nun das gesamte Mauerwerk nach verputzten Hohlräumen absuchen müssen.

Mit Faustschlägen an die Wände ist es dabei nicht getan. In einer früher von Baader belegten Zelle war ein Wandsafe so "mit Sperrholz, Papier und Gips abgedichtet," daß er nach neuen Feststellungen von Kriminalbeamten "selbst beim Abklopfen der Leiste nicht hätte erkannt werden können".

* Die Leichen von Gudrun Ensslin und Baader werden zur Autopsie gefahren.

In Raspes Haftraum fanden sich bei erster Prüfung gleich zwei geheime Minihöhlen, und darüber hinaus glich seine Zelle geradezu einer Asservatenkammer: handtellergroßes Transistorradio Marke Sanyo; Schwachstromkabel mit zwei isolierten Anschlüssen; Morseapparat, konstruiert aus den Thermostaten einer Heizdecke, mit Batterie. Außerdem waren "Kabel-Stecker-Kombinationen" samt Batterien verborgen -- genauso wie "in allen von den Gefangenen zuletzt benutzten Zellen" (Staatsanwaltschaft).

In Irmgard Möllers Raum entdeckten die Fahnder am Freitag vergangener Woche ein Mauerversteck unter dem Waschbecken, in dem Kopfhörer mit Anschlußkabeln verborgen waren. Andreas Baader hatte in seinem Plattenspieler einen Hohlraum mit Halteklammern für eine Pistole versehen.

Sprengstoff gar, 270 Gramm aus Ammonsalpeter, genug für zwei Handgranaten, war in einem 21 Zentimeter langen, vier Zentimeter breiten und zwei Zentimeter dicken Päckchen in einer einst von Rolf Pohle bewohnten Zelle verstaut. Bis zum Eintritt der Kontaktsperre diente sie als Lagerraum, der allen BM-Häftlingen zugänglich war.

Der bekanntermaßen durch Fernstudium in Elektronik bewanderte Raspe hatte es offenbar unter den Augen seiner Bewacher in kurzer Zeit fertiggebracht, ein perfektes Kommunikationssystem für seine Gruppe zu basteln. Nachdem im Zuge der Kontaktsperre die unter Putz verlegte Radioleitung des Sondertrakts vom übrigen Anstaltsring abgetrennt worden war, baute Raspe den gekappten Rest zur eigenen Rundfunkanlage für die Genossen aus.

Im Wege dieser Konferenzschaltung mögen die Häftlinge ihren gleichzeitigen Freitod abgestimmt haben. Den Kontakt zwischen den Gefangenen ernsthaft abzuriegeln jedenfalls haben die Sicherheitsexperten unterlassen. Auf die Isolation von der Außenwelt kam es offensichtlich vor allem an.

"Ich habe immer wieder darauf hingewiesen", sagt der Anstaltsarzt Dr. Helmut Henck, "daß mit Selbstmorden gerechnet werden muß." Doch trotz dieser "eindeutigen Suizidgefahr" war Gudrun Ensslin am Montag vergangener Woche um 16 Uhr zum letztenmal observiert worden. Bei Baader und Raspe hatten die Aufseher zuletzt gegen 23 Uhr reingeschaut, um Tabletten für einen ruhigen Schlaf zu verabreichen.

Danach saß nur noch ein Beamter mit einer Kollegin im schußsicheren Glaskasten an der Stirnseite des breiten Korridors zwischen den Zellen, 15 Meter vom Explosionsknall entfernt. Sie hörten vermutlich nichts von den Schüssen, weil die Zellentüren durch "Schaumgummiverdämmungen" (so die Staatsanwaltschaft) schallschluckend abgedichtet waren, um die Kommunikation unter den Gefangenen zu verhindern.

Kein Sichtkontakt regelmäßig jede halbe Stunde, wie sonst stets üblich bei Suizidgefährdeten. Im Gegenteil: Die Beamten konnten ihr "Cockpit" (Gefangenen-Jargon) nicht verlassen, ohne automatisch Alarm auszulösen, eine Selbstschutzvorkehrung für die Aufseher, "damit keine unsauberen Kontakte zu den Häftlingen zustande kommen", so ein Stuttgarter Staatsanwalt. Erst um 7.41 Uhr wurde die Raspe-Zelle zum Frühstück geöffnet, und da wird der noch röchelnde Gefangene dann zunächst umständlich in einen anderen Gefängnistrakt verbracht. Knapp eine halbe Stunde vergeht, bis endlich auch die Türen der drei anderen Zellen geöffnet werden.

Statt Gudrun Ensslin, die womöglich noch am Leben war, sofort vom Fensterkreuz zu schneiden, weichen Anstaltsarzt und Anstaltsleiter sowie der Sicherheitsbeauftragte zurück: Niemand betritt die Zelle. Ferndiagnose von der Schwelle nach Augenmaß: "Tod durch Selbstmord."

Als "eine dunkle Geschichte hinter dem Finstern", empfindet Ensslin-Pflichtverteidiger Manfred Künzel, der nun die Eltern seiner Mandantin vertritt, das jüngste Geschehen in Stammheim. Und aufzuhellen gibt es tatsächlich die Menge, von der Kernfrage, wie Pistolen und Munition in den doch so streng bewachten siebten Stock des Gefängnisses gelangt sind, ganz abgesehen.

Wurden Beamte bestochen? Erpreßt?

"Unsere Genossen nehmen deine Alte hops, das ist für uns gar nichts", soll Baader erst kürzlich einem Beamten angedroht haben. Ein anderer Schließer will gehört haben, wie ein Kollege aus dem siebten Stock berichtete: "Da könntste leicht 'ne Million verdienen."

Alle sind verdächtig, der mittlerweile abgelöste Anstaltsleiter und sein ebenfalls suspendierter Stellvertreter eingeschlossen. Nur die Anwälte nicht, die bislang für so manches herhalten mußten; jedenfalls nicht nach der Schleyer-Entführung, da war ihnen der Zutritt in Stammheim verwehrt.

Für etwaiges Auswahlverschulden in erster Linie bei der Besetzung von Vertrauensposten trug und übernahm der baden-württembergische Justizminister Traugott Bender die politische Verantwortung. Am Donnerstag vergangener Woche trat er zurück -- noch rechtzeitig vor dem CDU-Landesparteitag am letzten Wochenende in Offenburg.

So ungelost der Rücktritt die Rätsel ließ, die Stammheim aufgab -- der spektakuläre Dreifach-Tod in der Haftanstalt markiert, kein Zweifel, das Ende eines Kapitels bundesdeutscher Terrorgeschichte. Es begann vor fast zehn Jahren, und zwei der Stuttgarter Häftlinge spielten darin Hauptrollen.

Im Herbst 1967 waren sich Gudrun Ensslin und Andreas Baader zum erstenmal begegnet. Im folgenden Frühjahr setzten sie mit Freunden in Frankfurt das Kaufhaus Schneider in Brand -- und leiteten damit eine Entwicklung ein, die bislang zumindest zwei Dutzend Todesopfer gefordert hat.

Dem "Fanat" (Ensslin) von Frankfurt folgten 1972 Attentate auf den Bundesrichter Buddenberg und auf Polizeigebäude in München wie in Augsburg, Anschläge auf die Hamburger Springer-Zentrale sowie US-Armeequartiere in Heidelberg und Frankfurt, dazu Banküberfälle und Mordversuche an Polizisten -- sämtlich Taten, die von BM-Kommandos mit wechselnder Zusammensetzung, stets aber unter der Mitverantwortung von Baader und Ensslin begangen wurden.

Noch nach ihrer Festnahme, mit geheimen Botschaften aus der Zelle, forderten die Stammheimer ihre Anhänger zu Befreiungsaktionen und Terroranschlägen auf. Die Morde an Drenkmann, an Ponto, an Buback und Schleyer wie an deren Begleitern, der Überfall auf die Botschaft in Stockholm und die Entführung von Peter Lorenz -- all diese Verbrechen sind von der Terror-Tradition, die Baader und Ensslin begründet haben, zumindest inspiriert worden.

Kaum übersehbar sind die Auswirkungen solcher Taten auf das politische Klima und das Erscheinungsbild der Bundesrepublik: Daß sich Bonn nun hinter Sandsäcken verschanzt, daß Bewerber für den öffentlichen Dienst und Koffer auf dem Flughafen durchleuchtet werden, daß Spezialgesetze Bürgerfreiheiten reduzieren und der Ruf nach Todesstrafe populärer werden konnte -- kaum jemand aus der westdeutschen Anarcho-Szene hat dazu in den vergangenen zehn Jahren mehr beigetragen als das Duo Baader/Ensslin.

So stark haben beide Strategie und Taktik des Terrorismus beeinflußt, daß Fahnder meinen, die "Baader-Meinhof-Bande" hätte eigentlich eher nach Baader und Ensslin benannt werden müssen: Dieses Paar, das -- so das frühere Baader-Meinhof-Mädchen Beate Sturm -- im Untergrund "eine glückliche Ehe führte", war schon aktiv gewesen, als Ulrike Meinhof zur RAF stieß.

Die komplementären Charaktere -- "die Moralistin, die Untätigkeit nicht aushielt, und der Täter, der eine Moral benötigte" ("Zeit") -- zeigten sich von 1967 bis zum Tod in Stammheim unzertrennlich.

Baader wurde von den Terroristen als organisatorischer Kopf akzeptiert -- im Untergrund, wo er wegen seines bombentechnischen Fachwissens respektiert wurde, aber auch in der Haft, wo er mit Anwaltshilfe für das Zirkulieren von Kassibern sorgte.

Theoretisch und prozeßtaktisch hingegen dominierte Gudrun Ensslin. "Fähig, elementar zu hassen", war sie, so Frankfurts Gerichtspsychiater Dr. Reinhard Redhardt, das "Rückgrat der Gruppe". Sie, nach Insider-Urteil "unheimlich cool" und zeitweise die einzige "wirklich Militante" in der RAF, verfaßte Manifeste ("Lieber einen Richter umlegen, als ein Richter sein"), formulierte Hungerstreik-Appelle und beschimpfte schließlich ihre Kombattantin und Konkurrentin Ulrike Meinhof, kurz vor deren Selbstmord, per Kassiber: "das messer im rücken der raf: bist du."

Für die RAF-Fuhrer Baader und Ensslin, aber auch für Jan-Carl Raspe und Irmgard Möller, die zum zweiten und dritten Glied zählten, mußte nach dem geglückten Handstreich von Mogadischu die Lage düsterer denn je erscheinen. Jäh zerstoben war die Hoffnung, gegen die Lufthansa-Geiseln ausgetauscht zu werden -- ein Gegengeschäft, für das sich Baader noch am Tag vor seinem Tod in einem Geheimgespräch mit einem Bonner Abgesandten eingesetzt hatte:

Auf Baaders Wunsch war am Montag letzter Woche in Stammheim ein Ministerialdirektor aus dem Bundeskanzleramt erschienen, der im Besucherzimmer. bewacht von zwei Beamten, siebzig Minuten lang mit ihm sprach. Der Terrorist distanzierte sich beflissen von Schleyer-Kidnappern und Hijackern: Er kenne die Leute dieser RA F-Generation gar nicht persönlich, ihre Taten gegen Unbeteiligte entsprächen auch nicht seiner politischen Strategie.

Der Revolutionär bot dem Regierungsvertreter an, nach einer Auslieferung die Freipresser im Ausland zu veranlassen, von derlei Gewaltakten hinfort abzulassen. Er werde, versprach Baader, dann auch nie in die Bundesrepublik zurückkehren.

Nachdem die GSG-9-Aktion diese Pläne durchkreuzt hatte, stand Baader und seinen Mithäftlingen Schlimmes bevor: Zu jenem Zeitpunkt, zu dem, wahrscheinlich 1978, das Stammheimer Urteil rechtskräftig wird, sollten die Lebenslänglichen, in jedem Fall aber Baader und Ensslin, die bislang Unzertrennlichen, in verschiedenen Vollzugsanstalten Baden-Württembergs untergebracht werden -- womöglich bis ans Ende ihrer Tage.

Kaum mehr, wie einst, hätten sie dann kreuz und quer kassibern oder gar gemeinsam nach draußen wirken können. Und falls doch, hätten sie wenig oder nur das Gegenteil erreicht: Selbst Baader, der vor Jahren noch getönt hatte, die RAF-Bomben würden "direkt im Bewußtsein der Bevölkerung" landen, konnte nicht verborgen geblieben sein, daß von Tag zu Tag nur der Anteil jener wuchs, die ihn am liebsten standrechtl ich erschossen sähen.

Gudrun Ensslin mag in dieser Lage kaum anders empfunden haben als Ulrike Meinhof, deren Zwillingsschwester sie nach Herkunft und Werdegang -- von bedingungslosem Pazifismus zu brutalem Terrorismus -- hätte sein können.,. Wer sich nicht wehrt, stirbt. Wer nicht stirbt, wird lebend begraben" -- auf diese Alternativen hatte sich ihre Lebenserwartung schon 1970 verengt; ihr Freitod im Frühjahr letzten Jahres schien da nur konsequent.

Auch andere RAF-Kämpfer hatten sich seit Jahren bereit gezeigt, ihr Leben zu riskieren: "Ich denke nicht daran, mich zu stellen", schrieb Andreas Baader 1971 aus dem Untergrund, "Erfolgsmeldungen über uns können nur heißen: verhaftet oder tot."

Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe sahen vorletztes Jahr nur mehr eine "einzige Waffe, die uns im Gefängnis und in der Isolation geblieben ist": die Drohung mit Suizid durch Hungerstreik, den sie als "Kampf auf Leben und Tod" verstanden wissen wollten.

Diese Waffe freilich erwies sich zusehends als stumpf: Nachdem die Anschläge auf Buback, Ponto und Schleyer wie kaum andere Taten zuvor Volkszorn entfacht hatten, hätten Millionen von Bundesbürgern eine neuerliche Ankündigung der Stammheimer, sich durch Nahrungsverweigerung notfalls entleiben zu wollen, eher als Verheißung denn als Drohung empfunden.

Angesichts dieser Situation hatten sich RAF-Anhänger offenbar schon vor Wochen darauf eingestellt, (laß die Stammheimer Häftlinge ihnen zur rechten Zeit einen letzten Dienst erweisen würden: sich selber so ums Leben zu bringen, daß möglichst viele von Mord reden.

Deshalb gleich drei Geschosse in Baaders Zelle und deshalb der Genickschuß? Plausibel wäre dann auch, warum die von Gudrun Ensslin im Pfarrer-Gespräch erwähnten, für Bonn bestimmten Schriftstücke letzte Woche nirgendwo auftauchten: Keiner will sie gesehen haben -- im Kanzleramt wie beim Bundeskriminalamt, im Bonner Justizministerium wie bei der Stuttgarter Staatsanwaltschaft.

Kanzler-Beamte sind überzeugt, daß Gudrun Ensslin die Geistlichen aufs Kreuz gelegt habe, um mysteriöse Todesumstände vorzutäuschen. Ein Staatsanwalt am Tatort wiederum bestätigte zunächst die Beschlagnahme eines Briefes, dementierte aber kurz darauf: "Ein Versehen."

RAF-Kader außerhalb Stammheims zeigten sich auf die Nachricht vom Tod der drei Genossen vorbereitet. "Sollte einer der Gefangenen ermordet werden", heißt es in einem bereits Anfang September verfaßten RAF-"Info"" "werden wir sofort im In- und Ausland antworten." Und die Autoren bauten vor: "Der Tod in der Isolationszelle ist nichts anderes als Mord."

"Bevor es tatsächlich mal zum Austausch kommt, werden wir umgelegt", sagte Baader seinem Anwalt Arndt Müller. "Ich bin sicher, daß wir im Schatten von Bubacks Ende liquidiert werden", schrieb Gudrun Ensslin ihrem Pflichtverteidiger Manfred Künzel schon vor Monaten.

"Zum Schluß", empfand Künzel, "hat Frau Ensslin ihre eigene Situation wie am weiter Ferne gesehen."


DER SPIEGEL 44/1977
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