29.08.1977

RADIKALEErbe lebt

Sind die neuen Nazis in der Bundesrepublik wirklich ein „Gefahrenherd“ - wie Staatsschützer meinen? Sicher ist: Ihre Bereitschaft zur Gewalt wächst.
Bei einer Geschwindigkeitskontrolle in Düsseldorf entdeckte die Polizei zwei Uniformierte: Die beiden Männer, 22 und 39 Jahre alt, trugen Nazi-Kluft mit Schulterriemen und Koppel. Auf einem Tonfilm, der im Wagen lag, war eine Führer-Geburtstagsfeier mit 20 Leuten aufgezeichnet. Und bei Hausdurchsuchungen in Köln und Düsseldorf fand sich weiteres NS-Gut, darunter Armbinden, Hitler-Porträts, Sammlerwaffen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun gegen Mitglieder einer "Partei der Arbeit".
In die Schaufenster Hamburger Kaufhäuser ritzten Unbekannte mit Glasschneidern Hakenkreuze, Wagen der U- und S-Bahn wurden mit nazistischen Aufklebern versehen. Ermittelt wird, unter anderem, gegen die "NSDAP, Gau Hamburg, SA-Sturm".
Durch das Parterrefenster der Parteizentrale der Sozialistischen Einheitspartei Westberlin (SEW) flogen am 1. August zwei Molotow-Cocktails und richteten Brandschaden an. Ein mutmaßlicher Täter, einschlägig vorbestraft, wurde Tage später in Bochum festgesetzt; die Spur führt zum Berliner "Bund Heimattreuer Jugend".
Die NS-Umtriebe, von Polizei und Staatsschützern ähnlich auch andern-. Orts registriert, deuten auf einen Wandel in der öffentlich kaum beachteten Rechtsradikalen-Szene: Den wirren Worten folgen, so etwa fürchtet der Hamburger Senat, mit "deutlich steigender Tendenz" nun Taten.
Kein Vergleich allerdings mit der Situation vor rund zehn Jahren, als Abertausende von Bundesbürgern wieder Gefallen am Rechten fanden und die NPD in Kommunal- und Landesparlamente wählten. Und die Aktivitäten alter wie neuer Nazis erreichten bei weitem nicht das Ausmaß des Terrors aus dem Anarcho-Untergrund.
Dennoch machen sich die Führer-Verehrer stärker bemerkbar denn zuvor -- eine geradezu zwangsläufige Folge der Gewalt von links. So schlimm scheint der rechte Aufmarsch dem SPD-Vorsitzenden Willy Brandt, daß er dem Thema einen Brief an Kanzler Helmut Schmidt widmete.
"Mit Wissen und Billigung der zuständigen Verwaltungsbehörden", so Brandts Sorge, fänden Veranstaltungen rechter Ultras statt. Der Kanzler möge gegen solche Aktionen durchgreifen, "bei denen öffentlich nazistische Symbole gezeigt und entsprechende Gedanken vertreten werden".
Ausländische Blätter wie Italiens "Corriere della Sera" fügten Brandts "dramatische Botschaft" sogleich ins Bild einer häßlichen Nation, die ja auch befreite Kriegsverbrecher wie Herbert Kappler beherberge. Schon entfalten aus italienischer Sicht "paramilitärische Organisationen" eine "umstürzlerische Tätigkeit".
Weder der Brandt-Brief noch die italienische Dramatik treffen die Dimen-
* In Tübingen.
sion, die organisierten Rechtsextremisten in Westdeutschland zukommt.
Trends in der NS-Szene:
* Die Mitgliederzahl in rechtsradikalen Parteien wie etwa der NPD sinkt; Jugendgruppen und neonazistische Zirkel aber haben ein wenig Zulauf;
* in faschistischen Druck-Erzeugnissen findet sich neuerdings unverhüllte Judenfeindlichkeit, und ohne Umschweife wird die Wiedereinsetzung einer NS-Diktatur gefordert; > in neonazistischen Kleingruppen, zumeist konspirativ gelenkt, wächst die Bereitschaft zu Gewaltaktionen; > Rechtsradikale bemühen sich verstärkt um Bindungen zu ausländischen Extremisten bis hin zu palästinensischen Terrororganisationen. Rund 140 rechtsextremistische Vereinigungen, Verlage und Vertriebsdienste mit etwa 18 300 Mitgliedern halten nach amtlicher Einschätzung in der Bundesrepublik die Fahne hoch. Während die NPD, mit knapp 10 000 Mitgliedern immer noch die größte Organisation, schon vor Jahren aus dem Gleichschritt geriet und bei den letzten Bundestagswahlen mit 0,3 Stimmprozenten nicht mal mehr eine kleine Rolle spielte, bat ihre Jugendorganisation, die "Jungen Nationaldemokraten" ("Speerspitze des kommenden, besseren, modernen Gesamtdeutschlands"), ein paar Anhänger hinzugewonnen.
Konstante Größe hat die mit der NPD konkurrierende "National-Freiheitliche Rechte, die der Verleger der "Deutschen National-Zeitung", Dr. Gerhard Frey, um sich und um seine "Deutsche Volksunion" (DVU) versammelte. Gesteuert wird das Rechtskartell -- dessen rund St) 00 Mitglieder aus der DVU, der "Aktion Oder-Neiße", einem "Deutschen Block", dem "Jugendbund Adler" und der "Wiking-Jugend" kommen -- von einem "Freiheitlichen Rat", den Frey 1972 einrichtete.
Arm an Mitgliedern, doch in Wort und Tat besonders radikal sind etwa 15 neonazistische Gruppen -- mit insgesamt nur 600 Anhängern. Tonangebend in diesen Kreisen sind beispielsweise der durch Gerichtsurteil mit einem Berufsverbot belegte Schwarzenborner Rechtsanwalt Manfred Roeder samt seiner "Deutschen Bürgerinitiative" und der ihm in Treue verbundene Agrarjournalist Thies Christophersen ("Die Auschwitz-Lüge"), der eine "Bürger und Bauerninitiative" anführt.
Zu den neuen Kämpfern gehören der Verlagsinhaber und Journalist Erwin Schönborn in Frankfurt, der seinen "Kampfbund Deutscher Soldaten" auf Vordermann hält, der kaufmännische Angestellte Klaus Huscher (Freundeskreis "Denk mit"), der Hamburger Ingenieur Wolf Dieter Eckart ("Freundeskreis der NSDAP") und der Metallarbeiter Michael Borchardt (" Faschistische Front") -- mitunter "kaum mehr als Ein-Mann-Organisationen". wie Ermittler meinen.
Aktionen dieser Kleingruppen, so erkannten Staatsschützer" haben im vergangenen Jahr "erheblich zugenommen". Es zeige sich eine "verstärkte Bereitschaft, auch Gewalt zur Durchsetzung ihrer Ziele einzusetzen". Da wurde beispielsweise vor der "Arbeiter-Buch-Verlags- und Vertriebsgesellschaft" in Hannover eine Bombe deponiert, deren Zünder allerdings versagte. Die "Wehrsportgruppe Hoffmann", in der ein paar Dutzend Jungmänner regelmäßig in Kampfanzügen und mit Waffen üben, überfiel mit Schlagwerkzeugen und Tränengas Gegendemonstranten und schlug einige krankenhausreif.
Auf einer Veranstaltung der DVU wurde ein französischer Anwalt aus dem Saal geprügelt, Angehörige der "Wiking-Jugend" vergriffen sich an Aufnahmegeräten und an dem Fahrzeug eines Kamera-Teams des WDR. Ein NPD-Mann demolierte mit Gesinnungsfreunden ein DKP-Büro in Göttingen und wurde handgreiflich gegen die anwesenden Kommunisten. Junge Nationaldemokraten verwüsteten Teile der Gedenkstätte für KZ-Opfer in Bergen-Belsen.
Vor allem in Niedersachsen registrieren die Behörden seit etwa zwei Jahren verstärktes Wachstum "kleiner illegaler, größtenteils konspirativ arbeitender NSDAP-Zellen, -Gruppen und -Zirkel", die "mit Waffen, Munition und Sprengstoff umgehen" -- Anlaß für das Innenministerium, vor der "Gefährlichkeit und Militanz" der Sektierer zu warnen.
Vorerst allerdings sind es keine explosiven Auftritte der Neonazis, die den Sicherheitsstellen der Länder zu schaffen machen. Es ist, wenn schon, eine Mini-Militanz, und der politische Stellenwert der Zellen oder Zirkel ist nach wie vor gleich Null. Daran auch mag es liegen, daß öffentlich kaum reagiert wird, wenn Rechte mit Pinsel oder Parolen hantieren.
In Hamburg wurden in den letzten Monaten 14 Fälle von Hakenkreuzschmierereien oder Hakenkreuzklebeaktionen an öffentlichen oder privaten Gebäuden registriert, etwa bei der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft, am Landeshaus der SPD und beim Springer-Verlag. Außerdem wurden auf fünf Hamburger Friedhöfen insgesamt 202 Grabsteine mit Hakenkreuzen oder Parolen beklebt. An die Außenwand der Synagoge malten Extremisten "Juda verrecke" und "In Auschwitz macht die Arbeit frei".
Auf dem Hammerberg bei Passau errichtete Mitte August ein "Bund A. L. Schlageter" eine übermannshohe Tafel mit runenähnlicher Beschriftung: "Albert Leo Schlageter, geb. 1894, gest. 1923, gefallen für Deutschland, geehrt vom Nationalsozialismus, entehrt vom Demokratismus, Dein Erbe lebt durch unsere Tat." An gleicher Stelle hatten die Nazis schon 1933 ein "Schlageter-Kreuz" für den 1923 hingerichteten Offizier aufgestellt.
Vereitelt wurde Anfang dieses Monats ein "Auschwitz-Kongreß", den gut 800 Anhänger des "Kampfbundes Deutscher Soldaten" und eine "Aktionsgemeinschaft Europa" in einem Nürnberger Hotel veranstalten wollten. Wenige Wochen zuvor hatten Neo-Nazis dagegen fast ungestört einen "Reichstag" in Regensburg zelebriert.
Bei einem anschließenden Marsch der "Freiheitsbewegung Deutsches Reich" durch die Regensburger Innenstadt, flankiert von der paramilitärischen Hoffmann-Truppe, wurden NS-Lieder geschmettert, die Hände zum deutschen Gruß gereckt und antisemitische Parolen ausgerufen. Erst nach einer Kundgebung vor der "Befreiungshalle" im nahen Kelheim, als Gegendemonstranten anrückten, beendete die Polizei die unangemeldete Veranstaltung.
Mitunter kommt es zu ungewolltem Gleichklang zwischen linken und rechten Radikalen. So fand der "Mescalero-Brief", in dem ein unbekannter Göttinger seine "klammheimliche Freude" über den Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback niederschrieb, Entsprechendes in der rechte Szene -- freilich ohne öffentliche Reaktion.
Beim "Reichstag" in Regensburg etwa gedachte Roeder des Ermordeten so: "Nun liegt der, der uns zur Strecke bringen wollte, unter der Erde ... Alle, die uns verfolgen, sollen ein schmähliches Ende finden und ihre gerechte Strafe." In einer "Buback-Ballade", abgedruckt im "NS-Kampf ruf" der "NSDAP-AO" (Auslandsorganisation) heißt es über den "Judensöldling" Buback: "Kein falsches Mitleid tut uns beschleichen bei dieser und bei ferneren Leichen."
Und wie die Linken, so bemühen sich die Rechten um den Aufbau einer internationalen Szene. Nach Erkenntnissen des Bundesamtes für Verfassungsschutz erhalten deutsche Führer-Fans zunehmend ausländische Unterstützung, vornehmlich von west- und südeuropäischen Gruppen, aber auch aus Skandinavien und aus den USA.
Hervorgetan hat sich der Deutsch-Amerikaner Gerhard Lauck, 24, der 1972 Untergrund-Zellen der "NSDAP-AO" aufbaute -- nach Laucks Angaben mittlerweile mit rund 500 Aktivisten. Lauck residiert derzeit in Lincoln/Nebraska und versorgt seine deutschen Anhänger tonnenweise mit nazistischem Propaganda-Material.
Querverbindungen unterhalten westdeutsche Rechtsextreme auch zu palästinensischen Terrororganisationen. Enge Kontakte zur PLO etwa unterhielt der mehrfach vorbestrafte Wolfram Langner über eine "Gesellschaft für Euro-Arabische Freundschaft", die vergangenes Jahr in München gemeinsam mit PLO-Leuten eine antiisraelische Kundgebung veranstaltete.
Mit dabei war in der einstigen Hauptstadt der Bewegung Schönborns "Kampfbund Deutscher Soldaten", der nach der israelischen Geiselbefreiungsaktion auf dem ugandischen Flughafen Entebbe die "ermordeten ugandischen Soldaten als Opfer zionistischer Verbrechen" zu Ehrenmitgliedern seines Verbandes ernannte.
Regelmäßig zu Gast im Nahen Osten war der in Hamburg verhaftete Udo Albrecht, der bei seiner Verhaftung neben etlichen Waffen auch mehrere Blanko-Ausweispapiere bei sich trug. Albrecht hatte sich häufig bemüht, rechtsextremistische Jugendliche für den Einsatz in arabischen Ländern zu gewinnen.
Einer seiner Versuche, drei Neo-Nazis zur Ausbildung in Lagern der PLO in den Libanon zu schleusen, scheiterte Ende 1975. Der Kieler Gunnar Paal und die Berliner Günter Bernburg und Ekkehard Weil wurden in Jugoslawien verhaftet.
Weil war für die Fahnder kein Unbekannter: Er war jener Jüngling, der 1970 in West-Berlin einen Sowjet-Soldaten angeschossen und lebensgefährlich verletzt hatte.
Schüsse von rechtsaußen aber sind bislang nicht wieder gefallen. Zwar stuft der Bundesverfassungsschutz in seinem jüngsten Bericht die "zunehmend militanten Aktivitäten neonazistischer Gruppen" als einen "Gefahrenherd" ein. Kein Zweifel aber, daß dadurch weder das demokratische Bewußtsein der Bundesbürger berührt wird noch etwa, wie auf der Linken, sich eine nennenswerte Sympathisantenszene entwickelt hat. "Der Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland", faßte Innenminister Werner Maihofer die Erkenntnisse seiner Fahnder zusammen, sei "nahezu bedeutungslos".

DER SPIEGEL 36/1977
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 36/1977
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

RADIKALE:
Erbe lebt

Video 00:57

Amateurvideo von Teneriffa Gigantische Wellen reißen Balkone weg

  • Video "Wintersport-Gadget: Skifahren - nur ohne Ski" Video 01:08
    Wintersport-Gadget: Skifahren - nur ohne Ski
  • Video "Möglicher Felssturz im Allgäu: Ein Berg bricht auseinander" Video 02:58
    Möglicher Felssturz im Allgäu: Ein Berg bricht auseinander
  • Video "Indien: Baby gerät unter einen Zug - und überlebt" Video 00:51
    Indien: Baby gerät unter einen Zug - und überlebt
  • Video "Zwei Kopftuchträgerinnen: Dann sind alle Klischees zusammengebrochen" Video 04:14
    Zwei Kopftuchträgerinnen: "Dann sind alle Klischees zusammengebrochen"
  • Video "Schach-WM-Videoanalyse: Carlsen hatte Angst vor Caruanas Läufern" Video 05:35
    Schach-WM-Videoanalyse: "Carlsen hatte Angst vor Caruanas Läufern"
  • Video "Verblüffende Verwandlung: Junge Asiatin wird zu Einstein" Video 00:42
    Verblüffende Verwandlung: Junge Asiatin wird zu Einstein
  • Video "Videoblog Altes Hirn vs. neue Welt: Warum Langweile gut tut" Video 02:18
    Videoblog "Altes Hirn vs. neue Welt": Warum Langweile gut tut
  • Video "Trumps Idee gegen Waldbrand: Holt die Harken raus!" Video 02:24
    Trumps Idee gegen Waldbrand: Holt die Harken raus!
  • Video "Spektakulärer Bau in China: Luxushotel eröffnet in Tagebau" Video 01:09
    Spektakulärer Bau in China: Luxushotel eröffnet in Tagebau
  • Video "Wir drehen eine Runde: Wie fährt sich ein Hybrid-Kompaktauto?" Video 07:34
    Wir drehen eine Runde: Wie fährt sich ein Hybrid-Kompaktauto?
  • Video "SPIEGEL TV vor 20 Jahren: Autodiebstahl in Moskau" Video 11:44
    SPIEGEL TV vor 20 Jahren: Autodiebstahl in Moskau
  • Video "Video: Hier wird gerade das verschollene argentinische U-Boot entdeckt" Video 01:57
    Video: Hier wird gerade das verschollene argentinische U-Boot entdeckt
  • Video "Großküche für Waldbrandopfer: Wir kochen bis zu 6000 Gerichte täglich" Video 01:25
    Großküche für Waldbrandopfer: "Wir kochen bis zu 6000 Gerichte täglich"
  • Video "Ärztemangel in Hessen: Zur Blutabnahme in den Bus" Video 03:52
    Ärztemangel in Hessen: Zur Blutabnahme in den Bus
  • Video "Amateurvideo von Teneriffa: Gigantische Wellen reißen Balkone weg" Video 00:57
    Amateurvideo von Teneriffa: Gigantische Wellen reißen Balkone weg