29.08.1977

„Wir gingen durch die Hölle“

Der Gefechtslärm an diesem Vormittag war nur schwach, hier und da ein MG-Feuerstoß, einige Schüsse Artilleriefeuer und Minenwerfer-Feuerüberfälle. Plötzlich beobachteten wir, wie ein russischer Panzer T-34 auf die Brücke zurollte, die unsere Balka, nur etwa zehn Meter von unserem Bunker entfernt, überquerte.
Gegen 13.00 Uhr saß ich allein in unserem Bunker, die Generale Korfes und Pfeffer waren zu den Kameraden in den Nachbarbunkern gegangen. Etwas Unheimliches lag in der Luft.
Da wurde plötzlich die Tür aufgerissen. Vor mir stand ein russischer Soldat. Er gab keinerlei Kommandos wie etwa "Wände hoch!" oder ähnliches. Ich übergab ihm meine Pistole und war russischer Kriegsgefangener.
Als ich aus unserem Bunker heraustrat, waren vor den Nachbarbunkern Generale, Offiziere und Mannschaften im Begriff, unter dem Befehl eines russischen Offiziers anzutreten.
In Viererkolonnen traten wir den Abmarsch an, in der ersten Reihe die vier Generale Pfeffer, Korfes, Sanne und ich. Das Ganze war durch die un-
Alle Rechte bei: Gerhard Stalling AG, Oldenburg-Hamburg.
gewöhnlichen Uniformen -- Pelze, weiße Kombinationen, feldgraue Mäntel, die verschiedenen Pelzmützen usw. -- ein merkwürdig aussehender Haufen. Keiner sprach ein Wort. Schweigen umgab dieses elende kleine Gefangenenhäuflein, das langsam die kahle Straße entlangzog.
Doch die Szene sollte sich noch einmal grausig beleben. Ein russischer Offizier in kurzem Nacktpelz und eine junge, gut angezogene Russin kamen aus einem rechten Seitenweg. Sie setzten sich an die Spitze unserer Kolonne und gingen etwa fünfzehn Schritte voraus. Die Kolonne näherte sich einem Punkt auf der Straße, wo ein völlig zerrissener Leichnam eines deutschen Soldaten lag.
Wir verlangsamten unwillkürlich unsere Schritte. Als sich die Leiche zwischen dem voranschreitenden Offizier und der Spitze unserer Kolonne befand, drehte sich der russische Offizier plötzlich um. Dabei rief er zornig, auf die Leiche zeigend: Großdeutschland!
An einem noch dunklen, neblig-kalten Wintermorgen in den letzten Februartagen 1943 landeten wir auf einem Moskauer Vorortbahnhof und fuhren mit Lieferwagen und Pkw in ein nahes, kaum mittelgroßes Lager, das in der Nähe des Moskauer Vorortes Krasnogorsk lag und die Nummer 27 trug.
Wie sich bald herausstellte, handelte es sich um ein Sonderlager. Hierher kamen im allgemeinen nur Gefangene, die die Sowjets aus irgendeinem Grunde besonders interessierten. Wir Generale wurden geschlossen in einer der ebenerdigen Steinbaracken untergebracht. Wir wurden von den übrigen gefangenen Offizieren ferngehalten. Die Gründe für diese merkwürdige Trennung blieben für uns ein Geheimnis.
Ende Juni/Anfang Juli wurden wir verladen und fuhren auf ländlichen Wegen gen Osten. Nach einigen Stunden trafen wir in dem neu eingerichteten, noch völlig unbenutzten Generalslager Woikowo bei Iwanowo ein. Wir wurden in einem alten Gutshaus mit großen und hohen alten Räumen, die unsere Schlaf- und Wohnzimmer waren, untergebracht.
Über die allgemeine Weiterentwicklung der großen Politik und Kriegslage erfuhren wir täglich durch die russische "Iswestija", deren wesentliche Teile uns von einem der Herren, die Russisch konnten, vorgelesen wurden.
So erfuhren wir auch zum erstenmal von der Gründung des Nationalkomitees "Freies Deutschland", die am 12./13. Juli 1943 in Moskau-Krasnogorsk stattgefunden hatte. Über die Gründung und das Manifest dieses Nationalkomitees informierte eine deutsche Zeitung, die merkwürdigerweise mit schwarzweißroten Randbalken erschien.
Man hatte aus fast sämtlichen Offiziers- und Mannschaftslagern Delegationen nach Moskau-Krasnogorsk gebracht. Die Initiative dazu war von der sowjetischen Regierung und den deutschen Emigranten in Moskau ausgegangen. Die Versammlung wählte ein Nationalkomitee als Führung einer breiten Bewegung "Freies Deutschland".
Es wurde von der Versammlung einstimmig gewählt und bestand aus 38 Mitgliedern: 13 Emigranten (darunter Pieck, Ulbricht und Weinert), 12 Offizieren und 13 Unteroffizieren und Mannschaften.
Das Hauptdokument des Nationalkomitees "Freies Deutschland" war ein Manifest, das von der Versammlung einstimmig angenommen worden war. Es richtete sich an die Wehrmacht und an das deutsche Volk und hatte folgendes Programm: Beseitigung des Reichs- und Volksverderbers Hitler, Bildung einer neuen nationalen Regierung, sofortige Beendigung des längst verlorenen Krieges und Bildung eines wahrhaft demokratischen Deutschlands.
Zunächst wurde das Nationalkomitee (NK) und die Bewegung "Freies Deutschland" als kommunistische Organisation von allen Generalen allgemein abgelehnt. Gegenteilige Ansichten ließ -- schon aus Solidaritätsgefühl -- niemand erkennen. Obwohl sicher manchem beim Lesen des Manifestes Gedanken über die darin enthaltenen Wahrheiten durch den Kopf gingen, wurde im größeren Kreis nicht darüber diskutiert.
Am 19. August 1943 bekamen Generalmajor Korfes, General Wulz und ich in Woikowo den Befehl: "Dawai Transport." Es ging in das Sonderlager Lunjewo. Wir fanden das relativ kleine Lager übervoll belegt mit gefangenen Offizieren, vom Oberst bis zum Leutnant und dazu noch einige wenige Mannschaftsdienstgrade, im ganzen 60 bis 70 Personen. Fast alle Offiziere waren wie wir Stalingrader.
Nicht-Stalingrader waren nur zwei Fliegeroffiziere, ein Oberleutnant Trenkmann und der Major von Frankenberg. Sie waren erst wenige Tage vor uns hier angekommen. Durch sie erfuhren wir bald, was hier gespielt wurde. Es handelte sich darum, das Nationalkomitee "Freies Deutschland" durch einen Offiziersbund zu ergänzen und zu erweitern. Namhaft. Offiziere
lehnen den NK-Beitritt ab.
Sehr bald nach der Gründung des Nationalkomitees hatte man einsehen müssen, daß allein mit dieser Organisation und ihrer bisherigen Zusammensetzung kein Erfolg zu erzielen war. Eine propagandistische Wirkung konnte von diesem Komitee weder in den Gefangenenlagern noch über die Front hinweg bei den höheren deutschen Kommandostäben und der noch kämpfenden deutschen Truppe ausgehen.
Bei der Gründung des Nationalkomitees hatten namhafte Offiziere, die man eingeladen hatte, ihren Beitritt als Mitglieder abgelehnt. Ihr Haupteinwand richtete sich gegen das schier erdrückende kommunistische Übergewicht innerhalb des Nationalkomitees. Außerdem wandten sie ein, daß sie sich bei einer so schmalen Beteiligung von Offizieren propagandistisch von diesem Komitee kaum Erfolg versprechen konnten.
So kam man auf die Idee -- selbstverständlich nicht ohne "sowjetische Anregung" -, die unbedingt nötige breitere Basis und die dazu erforderlichen weiteren Offiziere durch Gründung eines "Bundes Deutscher Offiziere" (BDO) zu gewinnen.
Aus den vier Lagern, in denen sich die Masse der gefangenen Offiziere im Herbst 1943 befand, waren rund 80 Offiziere nach Lunjewo "eingeladen" worden. Dabei handelte es sich nur um Offiziere, die sich schon in den Lagern bereit erklärt hatten, einem Offiziersbund beizutreten.
Die Führung dieser Offiziere lag in den Händen einer sogenannten Initiativgruppe. Zu ihr gehörten in der Hauptsache Offiziere, die seinerzeit im Juli bereits zur Gründung des Nationalkomitees nach Moskau-Krasnogorsk eingeladen worden waren, damals aber ihren Beitritt abgelehnt hatten.
Wenn aber der BDO das Bild eines einigermaßen glaubhaften repräsentativen Querschnitts sämtlicher gefangener deutscher Offiziere widerspiegeln sollte, so bedurfte es noch einiger Generale. Wir drei Generale begriffen, daß wir allein aus diesem Grund hierher verlegt worden waren. Umfragen ergaben, daß sich die Russen unter den verschiedenen Offizieren umgehört hatten, wer von den ihnen bekannten Generalen wohl in Frage käme.
Sehr bald nach unserem Eintreffen begannen unsere Gespräche mit der Initiativgruppe und einzelnen Offizieren. Von seiten der Initiativgruppe sprach in erster Linie Oberst Steidle. Bei den Gesprächen bestand in zwei Fragen Übereinstimmung:
* in der Beurteilung der militärischen Kriegslage, d. h., wir alle waren uns nach Stalingrad der katastrophalen Lage Deutschlands bewußt;
* in der Auffassung, daß Hitler in seinem starrköpfigen Größenwahn militärisch und politisch dem ganzen deutschen Volk ein "Stalingrad im Quadrat" bereiten würde, sofern es nicht gelang, ihn vorher zu beseitigen und den Krieg zu einem Zeitpunkt zu beenden, zu dem Deutschland noch auf erträgliche Friedensbedingungen hoffen konnte.
Korfes (l.), Pfeffer (3. v. l.). Seydlitz (4. v. l.).
Trotz dieser Übereinstimmung lehnten wir drei Generale die Mitgliedschaft im BDO ab. Gegen Hitler handeln konnte doch nur die kämpfende deutsche Front. Sie war für uns nur durch Propaganda über die Front hinweg erreichbar. Eine Propaganda über die kämpfende Front hinweg erschien uns unglaubwürdig.
Der deutsche Frontkämpfer war doch nach wie vor fest in der Hand seiner Offiziere. Würde man uns, die wir aus kommunistischer Gefangenschaft hinter Stacheldraht sprachen, Glauben schenken und danach handeln?
Am Abend des zweiten Tages suchte uns ein Generalmajor der Sowjet-Union namens Melnikow auf. Er habe uns folgende Erklärung der Sowjetregierung abzugeben:
Gelänge es dem BDO, die Wehrmachtführung zu einer Aktion gegen Hitler zu bewegen, die den Krieg beende, noch bevor er auf deutschem Boden durchgefochten würde, so wolle sich die Sowjetregierung für ein "Reich in den Grenzen von 1937" einsetzen. Selbstverständlich werde die Sowjet-Union dabei auch für das Bestehenbleiben einer deutschen Wehrmacht eintreten. Bedingung sei lediglich eine bürgerlich-demokratische Regierung, die durch Freundschaftsverträge mit dem Osten verbunden sein solle.
Nunmehr galt es, die grundlegenden Fragen des Beitritts zu einem Bund Deutscher Offiziere noch einmal zu durchdenken. Ein Berg von Gedanken warf mich in dieser Nacht hin und her. Das Für und Wider für unseren Entschluß blieb quälend und problematisch, doch ausschlaggebend wurde für mich ein Gedanke.
Ich sagte mir: Überschritt dieser Krieg in all seiner Schrecklichkeit die deutsche Grenze, mehr noch: gelangte die Rote Armee mit ihren asiatischen Völkergruppen nach Mitteleuropa, mußte dies so entsetzlich und furchtbar werden, daß eine solche Entwicklung unter allen Umständen zu verhindern war -- selbst mit den noch so schwachen Mitteln, die uns zur Verfügung standen. Wenn dieser Versuch auch nur teilweise gelang, so war schon viel erreicht; mißlang er aber, konnte kein zusätzlicher Schaden entstehen.
Mit normalen Kriegsverhältnissen und den dafür geltenden Bestimmungen war das alles nicht mehr zu messen. Es handelte sich für jeden Deutschen, in welcher Lage er auch immer sich befand, um eine ganz besondere, völlig einmalige Ausnahmesituation.
Ich bin selten so allein gewesen in meinem Leben wie in dieser entscheidenden Nacht. Doch ebenso wie meine Kameraden Dr. Korf es und Lattmann (der inzwischen Wulz abgelöst hatte) kam ich zu der Erkenntnis, daß jeder von uns nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht hatte, sich dieser katastrophalen Entwicklung entgegenzuwerfen.
Es galt, Hitler um jeden Preis zu beseitigen, ehe der Krieg deutschen Boden erreichte. Es galt ferner, die deutsche Wehrmacht von Hitler zu lösen, damit sie Waffenstillstandsverhandlungen einleiten könnte, ehe es zu spät war. Dazu war jede, sonst als Verbrechen, Hoch- oder Landesverrat geltende Tat gegen Hitler gerechtfertigt, auch aus sowjetischer Gefangenschaft heraus hinter Stacheldraht.
Die Stimmung im Plenum: gespannt und erregt.
Zum Schluß blieb noch die Frage des Eides, den wir Hitler nach Hindenburgs Tode 1934 hatten leisten müssen. Durch meine Erfahrungen im Dritten Reich war ich jetzt zu der Erkenntnis gekommen, daß Hitler ein politischer und militärischer Verbrecher war, der größenwahnsinnigste und blutigste Diktator seit Jahrhunderten. Den Eid, den er selbst einst 1933 dem deutschen Volk geleistet hatte, hatte er längst gebrochen, er hatte Volk und Wehrmacht verraten.
Letzten Ausschlag gab für mich die Überlegung: Wenn es durch unsere Mitwirkung gelingt, auch nur einen kleinen Teil der russischen Zusicherungen zu verwirklichen, so darf man sich einer Mitarbeit nicht verschließen. Meine beiden Kameraden, Dr. Korfes und Lattmann, waren zum gleichen Entschluß gelangt.
Unser neuer Entschluß wurde Generalmajor Melnikow mitgeteilt, der uns daraufhin zu einer kurzen Besprechung bat. Dabei fragten wir ihn sofort, ob wir die uns tags zuvor im Namen der Sowjet-Union gegebenen Zusicherungen schriftlich erhalten könnten.
Melnikow lehnte jedoch dieses Ersuchen ab und setzte hinzu: Das wäre erst möglich, wenn der BDO die Voraussetzungen für diese Zusicherungen geschaffen, konkret: wenn die deutsche Wehrmacht die Aktion gegen Hitler erfolgreich durchgeführt hätte.
Im Lager Woikowo ließen wir uns sofort bei Feldmarschall Paulus melden, um ihm zunächst Sinn und Zweck Linseres Lagerbesuches darzulegen. Paulus ließ alle anwesenden Generale
* Rechts auf dem Photo: Seydlitz fordert 1944 die im Kessel von Tscherkassy eingeschlossenen deutschen Soldaten zur Kapitulation auf.
in dem größeren Vortragsraum im Hauptgebäude zusammenrufen. Er selbst übernahm die Leitung.
Die Stimmung im Plenum war von vornherein gespannt und erregt, einem sachlichen Vortrag ebenso abträglich wie einer sachlichen Diskussion. Nur einen Vorteil hatte es: Die Geister schieden sich sehr viel klarer und schneller als sonst.
Ich erhielt als erster das Wort. Mein Vortrag behandelte zunächst die katastrophale militärische Lage Deutschlands, wie sie sich uns darstellte, als wir am 23. August den Entschluß faßten, dem BDO beizutreten. Dieser habe sich die Aufgabe gestellt, durch Propaganda über die Front hinweg der deutschen Wehrmacht die Augen über die katastrophale Lage zu öffnen und sie zu einer rechtzeitigen, entscheidenden Aktion gegen Hitler zu bewegen.
Zurufe wie "Verrat", "Betrug" und andere Schimpfworte wurden laut. Paulus forderte man auf, gegen diese Beleidigungen Hitlers einzuschreiten. Er blieb aber gelassen und konnte die Versammlung vorübergehend wieder beruhigen.
Ich brach jedoch daraufhin meinen Vortrag ab, und Paulus erteilte auf Zuruf Lattmann das Wort. Dieser sprach ähnlich wie ich, nur vielleicht um einige Grade kühler. Aber auch Lattmann vermochte zunächst keinen der anderen Generale zu überzeugen, ebensowenig wie Steidle, der nach ihm sprach.
Am nächsten Morgen führten wir noch einige Einzelgespräche, doch wie am Vortag blieben sichtbare Ergebnisse aus. Auch Paulus beharrte auf seiner negativen Einstellung und meinte, man könne die Dinge aus der Gefangenschaft nicht genügend übersehen.
Sehr bald sollte sich jedoch erweisen, daß die Dinge durch uns auch im Generalslager in Bewegung geraten waren. Es traten nicht nur drei weitere Generale aus Woikowo dem BDO bei, sondern weitere fünf, einschließlich Paulus, folgten ihnen bis zum August 1944. Auf diese Weise gehörten schließlich 11 der 22 Stalingrader Generale dem BDO an.
In den ersten Septembertagen 1943 kehrten wir nach Lunjewo zurück. Danach begannen sofort die Vorbereitungen für die offizielle Gründungsfeier des Bundes Deutscher Offiziere am 11./12. September.
Die Versammlung selbst bestand aus 95 Offizieren. Am Vorstandstisch saßen unser Alterspräsident Oberstleutnant Bredt, als Beisitzer die führenden Initiatoren Oberst van Hooven und Oberst Steidle.
Nach Reden van Hoovens, Steidles und Lattmanns erhob sich Bredt, um mir die Übernahme des Präsidiums der Gründungsversammlung anzutragen. Ich erklärte mich zur Übernahme des Präsidentenamtes bereit und fügte hinzu: "Unsere Haltung gegen Hitler ist nur dann wirklich ehrenhaft, wenn sie dem Pflichtbewußtsein unserem eigenen Volk gegenüber entspringt. Unter Berufung auf die mir von General Melnikow übermittelte Erklärung Stalins und im Vertrauen auf sie wird der Offiziersbund handeln."
An diesem Tag fand die erforderliche Wahl der Spitzengruppe des BDO statt. Gleichzeitig unterschrieben sämtliche anwesenden 95 Offiziere folgenden Aufruf:
An die deutschen Generale und Offiziere! An York und Wehrmacht!
Wir, die überlebenden Kämpfer der 6. deutschen Armee, der Stalingradarmee, Generale, Offiziere und Soldaten, wir wenden uns an Euch am Beginn des fünften Kriegsjahres, um unserer Heimat, unserem Volk den Rettungsweg zu zeigen. Ganz Deutschland weiß, was Stalingrad bedeutet.
Wir sind durch eine Hölle gegangen. Wie wurden totgesagt und sind zu neuem Leben erstanden. Wir können nicht länger schweigen! Wir haben wie niemand sonst das Recht, zu sprechen, nicht nur im eigenen Namen, sondern im Namen unserer toten Kameraden, im Namen aller Opfer von Stalingrad
Jeder denkende deutsche Offizier versteht, daß Deutschland den Krieg verloren hat. Das fühlt das ganze Volk. Wir wenden uns daher an Volk und Wehrmacht. Wir sprechen vor allem zu den Heerführern, Generalen, den Offizieren der Wehrmacht. In Eurer Hand liegt eine große Entscheidung!
Das nationalsozialistische Regime wird niemals bereit sein, den Weg, der allein zum Frieden führen kann, freizugeben. Diese Erkenntnis gebietet Euch, dem verderblichen Regime den Kampf anzusagen und für die Schaffung einer vom Vertrauen des Volkes getragenen Regierung einzutreten.
Verweigert Euch nicht Eurer geschichtlichen Berufung! Fordert den sofortigen Rücktritt Hitlers und seiner Regierung! Kämpft Seite an Seite mit dem Volk, um Hitler und sein Regime zu entfernen und Deutschland vor Chaos und Zusammenbruch zu bewahren!
Russische Partisanen übermitteln NK-Briefe.
Mitten in der positiven Stimmung der Gründungsversammlung trat plötzlich Major Hetz, der erste Vizepräsident des Nationalkomitees, auf und schlug der Festversammlung vor, mich auch zum Vizepräsidenten des Nationalkomitees zu wählen. Ich erhob in dieser allgemein gelösten Stimmung gegen die überraschende Nominierung keinen Einspruch.
Unsere praktische Arbeit bestand in den ersten Monaten hauptsächlich in der Abfassung und Verbreitung der neuen Propagandalosung. Bis jetzt lautete die Losung in den Hauptpunkten: "Einstellung des Kampfes, Waffen-
* Mit dem emigrierten deutschen RP-Funktionär Willi Bredel.
streckung, Übertritt auf die Seite des Nationalkomitees, Beseitigung Hitlers".
Nunmehr waren die wesentlichen Punkte der neuen Losung: "Beseitigung Hitlers, geordneter Rückmarsch an die deutschen Ostgrenzen. Danach Bereitschaft der Sowjet-Union zum Waffenstillstand und zur Einleitung von Friedensverhandlungen".
Die Verbreitung der neuen Propaganda begann, darunter auch die Abfassung von Briefen an die Oberbefehlshaber der Heeresgruppen und der Armeen, die uns bekannt waren und auf deren Einsicht wir hoffen durften. Diese Briefe wurden durch russische Partisanen sicher übermittelt. Damit war zugleich jede Art Zersetzung vermieden, worauf der Offiziersbund größten Wert legte.
Leider konnten sich im Gegensatz dazu die Russen nicht entschließen, die Zersetzungspropaganda der Roten Armee zu drosseln und einzustellen. Wir erfuhren über Art und Inhalt der russischen Propaganda nichts.
Einer der Hauptgründe für den Mißerfolg der BDO-Propaganda blieb die Tatsache, daß der deutsche Soldat des Ostens den russischen Kommunismus und die russische Gefangenschaft mehr fürchtete als den Tod. Diese Klippe blieb unüberwindbar.
Der gesamte weitere Verlauf des Krieges zeigte, daß sich die Armeeführung trotz besserer Einsicht als unfähig erwies, die verbrecherische Führung abzuschütteln und zu beseitigen. Eine totale Wende, die allein die Rettung bedeutet hätte, blieb, solange Hitler an der Macht war, undenkbar.
Dann kam die Konferenz von Teheran. Das Ergebnis wurde in einer offiziellen Erklärung am 1. Dezember 1943 bekanntgegeben. Wir erfuhren nichts Näheres. Man gab uns nur eine zusammenfassende Erklärung über die Konferenz, die entsprechend einem Kommentar in der "Prawda" lautete: "Die Alliierten haben beschlossen, nicht eher die Waffen ruhen zu lassen, bis die gesamte deutsche Wehrmacht in die Gefangenschaft abgeführt ist".
Damit drohten die Zusagen hinfällig zu werden, die Melnikow am 22. August 1943 uns Generalen für den Fall des Eintritts in den Offiziersbund gegeben hatte. Jetzt, nach der Teheraner Konferenz, führte die Entwicklung mit absoluter Sicherheit -- falls Hitler nicht noch vorher irgendwie beseitigt wurde -- in den totalen Abgrund.
Es ging ums Letzte. Wenn Deutschland nicht nur total niedergeworfen, sondern auch die gesamte deutsche Wehrmacht in die Gefangenschaft abgeführt werden sollte, so galt es zu retten, was zu retten war. Der abgrundtiefe Haß, den Hitler in der ganzen Welt durch seinen Krieg und Rassismus entfacht hatte, hier, in dieser Notsituation, spiegelte er sich wider. Was nun?
Der Offiziersbund stand vor einer entscheidenden Wende. Die Grundlagen für seine Entstehung und unsere Propaganda, mit der wir auf disziplinierten Rückmarsch des Ostheeres, auf Waffenstillstand und Friedensverhandlungen abzielten, fielen in sich zusammen. Immer wieder wurde über die notwendig gewordene Änderung unserer Propagandalosung diskutiert. Heftig prallten die Gegensätze aufeinander.
"Eine der schwersten
Entscheidungen meines Lebens."
Allmählich schälte sich jedoch in Diskussionen und Beratungen als neue Propagandalosung heraus:
* Beseitigung Hitlers. Sie ist die erste Voraussetzung jedes erfolgversprechenden Kampfes für eine Beendigung des Krieges. Mit Hitler schließt niemand Waffenstillstand und Frieden.
* Einstellung des Kampfes. Übertritt auf die Seite des Nationalkomitees und des BDO.
Eine Zersetzungspropaganda, die dazu aufrief, daß sich die Mannschaften von den Offizieren trennen und notfalls selbständig handeln sollten, wurde abgelehnt.
Für diese neue und endgültige Propaganda entschied sich aber dann der linke Flügel des Nationalkomitees und als erster von uns sechs Generalen im Offiziersbund Lattmann; ihm schließlich folgte die Mehrheit der bis dahin noch Unentschlossenen.
Ich stand vor einer der schwersten Entscheidungen meines Lebens. Ich konnte mich der Mehrheit beugen oder den Russen den ganzen Krempel vor die Füße werfen. Wäre ich aus der Gruppe ausgeschieden, hätte ich mich gerechtfertigt fühlen können.
Sollte ich jetzt, unter den neuen Bedingungen, aus dem Kampf gegen Hitler ausscheiden, dem ich mich verschrieben hatte? Ich brachte es nicht über mich. Ich blieb, so schwer mir dieser Entschluß auch wurde.
Am 5. Januar 1944 fand eine Vollsitzung des Nationalkomitees und des Offiziersbundes statt, die Präsident Weinert einberufen hatte. Nach kurzer, abschließender Debatte wurde der neuen, durch Teheran bedingten Propagandaformel zugestimmt. Erich Weinert verkündete als nun geltende Losung: "Einstellung des Kampfes -- Übertritt auf die Seite des Nationalkomitees und des Rundes Deutscher Offiziere."
Die deutsche Tragödie lief immer schneller dem furchtbaren und totalen Zusammenbruch entgegen. Eine blutige Katastrophe jagte die andere. Die erste dieses Jahres war wieder einmal ein deutscher Kessel, der dem Offiziersbund Gelegenheit geben sollte, seine neue Propagandaparole zum erstenmal zu erproben.
Diese Lage nutzte die russische Führung Anfang Februar 1944, um ihren höchsten Politgeneral, Generaloberst Alexander Schtscherbakow, zu mir zu entsenden. Er setzte mir in großen Zügen die bei Tscherkassy entstandene Kessellage auseinander.
Anschließend fragte er mich, ob ich bereit sei, mit einer entsprechenden Delegation des Offiziersbundes aus Lunjewo an die Kesselfront zu fahren und dort propagandistisch tätig zu werden.
Wenige Tage darauf begann die Reise unter Leitung des Generals Petrow. An einem unbekannten Dorf nördlich Korsun, dem Mittelpunkt des Kessels, wurden wir in einem Bauernholzhäuschen untergebracht.
Für die Verbindung mit den eingeschlossenen Divisionen und ihren Generalen standen uns folgende Mittel zur Verfügung: Funkverbindung zu Funkstellen im Kessel, deren Kode angegeben wurde und die auch mit "Verstanden" antworteten; Lautsprecher unmittelbar an der Front. Außerdem Gefangene, die mit Briefen an uns bekannte Generale und Offiziere zurückgeschickt wurden.
Ich verstehe, daß Kritik. Ablehnung und Mißverständnisse nicht ausbleiben konnten. Was der Offiziersbund zu tun versuchte, war für Soldaten gewiß zu ungewöhnlich. Doch was blieb der deutschen Seite? Dieser Krieg war der Krieg eines nationalen Verbrechers und daher auch ein nationales Verbrechen. Das allein setzt die richtigen Maßstäbe, auch für unser Handeln im Februar 1944.
Die von Nationalkomitee und BDO gestartete Aktion am Kessel von Tscherkassy war ein totaler Fehlschlag. Wieder zeigte sich, daß der deutsche Soldat nicht in die russische Gefangenschaft geht, solange er noch Chancen sieht, ihr zu entgehen.
Trotzdem blieben wir bei der Auffassung, daß jeder Tag, jede Stunde, um die der wahnsinnige, längst verlorene Krieg verkürzt werden konnte, unserem Vaterland, vielleicht sogar seiner Rettung, zugute kam. Diese Überzeugung gab uns die Kraft, im bisherigen Sinne weiterzuarbeiten. Ein Kampf bis auf die Trümmer von Berlin: Das wäre Deutschlands Untergang.
In diese ohnehin dunkle Zeit fiel eine offizielle "Tass"-Meldung über die sowjetisch-polnischen Beziehungen, die erkennen ließ, daß die Alliierten in Teheran den Sowjets die Westgrenze vom Spätherbst 1939 (gegen Polen) versprochen hatten. Andere sowjetische Pressekommentare sprachen davon, daß Polen auf Deutschlands Kosten mit Ostpreußen, Pommern und Schlesien entschädigt werden sollte.
Diese Nachricht schlug in Lunjewo, besonders beim BDO, wie eine Bombe ein. Präsident Weinert erklärte, daß er schon immer auf mögliche Gebietsver-
* Mit Major Hetz (3), NK-Präsident Weinert (5), General von Seydlitz (6), Generalmajor Korfes (10), Walter Ulbricht (ll), Generalmajor Lattmann (12).
luste hingewiesen habe. Eine Gefahr, die allen Erfahreneren unter uns klar war, ohne jedoch ausgesprochen zu werden. So wurden die weiteren Perspektiven dieses Krieges für uns von Tag zu Tag immer hoffnungsloser.
Gegen Ende 1944 zogen sich die Russen von mir zurück. Von der Kapitulation 1945 erfuhren wir durch die Zeitung. Ein deutscher Dolmetscher las uns täglich die wichtigsten Stellen aus der "Iswestija" vor. Wir nahmen an, daß der BDO sofort aufgelöst würde, aber dies war nicht der Fall: Man ließ ihn bis zum Herbst 1945 bestehen.
Als das Generalslager aufgelöst wurde und die alten Generale in ihre Heimat entlassen worden waren, kam ich im Herbst 1947 nach Aksinino, einer Datscha bei Moskau. Man wollte mir und einigen meiner Mitgefangenen die Kultur der Sowjet-Union nahebringen und uns dadurch bewegen, doch auch für die kommunistischen Ziele dieses Landes einzutreten.
Am 1. Oktober 1949 hieß es: "Dawai -- Transport!" Die Fahrt endete in dem Datschenvorort Ilinka (im Süden Moskaus, unweit der Straße nach Rjasan-Pensa). Fast alle Datschen waren von übermannshohen Holzzäunen umgeben. Ein breites doppelflügeliges Holztor öffnete sich: Wir befanden uns auf einem Datschengrundstück, das Feldmarschall Paulus als Quartier zugewiesen war.
Paulus empfing mich wie immer kameradschaftlich, liebenswürdig. Er war allein. Sein Mitbewohner, Generalleutnant Bamler, war in Moskau angeblich zu ärztlicher Untersuchung oder Behandlung, ohne daß ihm, soweit bekannt, etwas Wesentliches fehlte. Eine etwas dunkle Angelegenheit. Nach ungefähr 14 Tagen kehrte Bamler aus Moskau zurück, ausgestattet mit Koffer und neuem Zivil.
Am 9. November erschienen General Kobulow und Oberstleutnant Georgadze. Das erste Wort nach flüchtiger Begrüßung: "Ulbricht hat telegraphiert, Sie sollen kommen." Dann hieß es: "Bitte, schreiben Sie aber vorher Ihren Frauen, daß sie nach Berlin kommen möchten."
Ich schrieb meiner Frau, daß man beabsichtige, mich nach Ostberlin zu repatriieren. Ich fügte hinzu: Falls sie nicht bereit wäre, nach Berlin zu kommen, würde ich um meine Repatriierung in den Westen bitten. Diesen Schlußsatz schrieb ich auch in den Brief an General Kobulow. Ich war mir klar darüber, daß ich die Prüfung der Russen nicht bestanden hatte.
Das weitere Leben in der Datsche mit Paulus und Bamler gestaltete sich eintönig. Das Verhältnis zwischen Bamler und mir blieb auf kühle Distanz eingestellt. In Unterhaltungen und Diskussionen über den Kommunismus konnte er mühelos meine Grundeinstellung zu dieser Ideologie erkennen. Welchen Gebrauch er davon machte, konnte ich aufgrund seines vertrauten Verhältnisses zu den Russen nur ahnen.
"Für Paulus eine Goldkrone, für mich nur Stahl."
Kurz vor Weihnachten erschien Bamler, der anscheinend beim Kommandanten gewesen war, und sagte: "Stalin hat 70. Geburtstag, wir wollen ihm doch ein Glückwunschtelegramm schicken."
Paulus war dazu bereit, während ich sofort erklärte, daß für mich solch ein Telegramm nicht in Frage käme. Auch diesmal schickte ich wieder einen kurzen Brief an General Kobulow. Darin sagte ich, daß ich an sich nichts gegen einen solchen Glückwunsch hätte. Da ich aber nicht wüßte, welches Schicksal ein solcher Glückwunsch haben oder welcher Mißbrauch damit getrieben werden könnte, lehnte ich meine Teilnahme an dem Telegramm ab.
Die Zeit nach Weihnachten und Neujahr verlief in der gleichen Eintönigkeit wie vorher. Nur ein besonders merkwürdiger Vorfall, der anzeigte, daß man mit Paulus weiter zusammenzuarbeiten gedachte, mit mir aber nicht, kennzeichnete jene so trüben Tage. Paulus und ich mußten zum Zahnarzt, jeder wegen eines kariösen Goldkronenzahnes. Also Fahrt nach Moskau in die Zahnklinik! Das erstemal wurden die Kronen abgenommen, die Zähne behandelt sowie neue Abgüsse genommen. Bald darauf fuhren wir wieder nach Moskau, damit die fertigen Kronen aufgesetzt werden konnten. Doch wie der Herrgott den Schaden besah, hatte Paulus wieder seine tadellose Goldkrone, ich dagegen statt meiner alten Goldkrone eine Stahlkrone. Ich durfte mir meinen eigenen Vers auf die vielsagenden Methoden sowjetischer Politik machen,
Am 16. April 1950 wurde Bamler repatriiert. Die Wahl dieses Zeitpunktes fiel fast genau zusammen mit einer Bekanntgabe in der "Prawda". Danach wurden jetzt alle Kriegsgefangenen repatriiert, mit Ausnahme von etwa 9000 Gefangenen, die Kriegsverbrechen begangen hatten.
Auf Paulus setzte man, wie die Goldkrone bewies, wohl ebenso, auf mich als "Stahlkronenträger" aber offenbar nicht mehr. All das zeigte, daß bald weitere Entscheidungen zu erwarten waren.
Während dieser Zeit kam eines Tages mein Bursche Bruno Müller zu mir. Er tippte mit dem Zeigefinger auf seinen Mund und bedeutete mir, daß ich kein Wort reden, keinen Ton von mir geben sollte. Ich folgte ihm ins Zimmer an einen Platz hinter meinem Schreibtischstuhl. Dort hob Müller den Teppichboden, dann den darunter befindlichen, nicht versiegelten Parkettfußboden auf. Wir sahen ein metallisches Etwas, wahrscheinlich das Mikrophon enthaltend, davon in alle Richtungen ausstrahlend ein Netz feiner Drähte.
Wir konnten weder sprechen noch an dem Apparat herumbasteln, das hätte uns zu leicht verraten können. Es
* Mit Präsidiumsmitglied Wilhelm Pieck (r.).
blieb uns nur übrig, das Ganze wieder in den alten Zustand zu versetzen. Damit aber war der eindeutige Beweis erbracht, daß wir überall, wo es nur irgend möglich war, abgehört wurden.
Anfang Mai wandten sie sich nur noch an Paulus, er solle sich in einer Dankadresse an Stalin für die gute Behandlung bedanken, die alle deutschen Kriegsgefangenen während ihrer Gefangenschaft in Rußland erfahren hätten. Ich sagte: "Unmöglich!" Er könne sich vielleicht für sich und die ihm zuteil gewordene Behandlung bedanken, aber im Namen aller deutschen Kriegsgefangenen zu sprechen, von deren Schicksal und wirklicher Behandlung wir doch keinerlei Ahnung hätten, sei undenkbar.
Welche diplomatische Lösung Paulus gefunden hat, weiß ich nicht, er sprach nicht mehr darüber. Sie muß aber wohl die Russen befriedigt haben. Am 23. Mai holte man Paulus morgens "ohne Gepäck" nach Moskau. Ich ahnte nicht, daß ich Paulus nicht wiedersehen sollte.
Trüben Gedanken über meine weitere nächste Zukunft als Gefangener brauchte ich nicht lange nachzugehen. Denn wieder hieß es: "Dawai -- Transport!" Wozu und wohin wurde -- wie immer -- nicht gesagt. Sehr bald danach hielt der Wagen vor einer Toreinfahrt, die beiderseits von sehr hohen Ziegel mauern eingerahmt war. Sofort öffneten sich automatisch die beiden Torflügel: Ich befand mich in der Gefängnisstadt Butirskaja-Tjurma!
Ich kam in eine Zelle im Parterre eines der alten Stadtmauertürme und verschwand in einem winzigen Raum mit kahlen, niedrigen, weißen Wänden.
Wenige Tage nach meiner Einlieferung fand die erste Vernehmung durch den Staatsanwalt statt. Sie galt der Aufnahme meiner Personalien und meines Weges als Kommandeur der 12. mecklenburgischen Infanteriedivision (11. Armeekorps, 16. Armee).
Die folgenden Vernehmungen beschäftigten sich nur noch mit den mir zur Last gelegten "Kriegsverbrechen". Als Ergebnis schälten sich fünf Anklagepunkte heraus:
1. Bei Requisitionen auf russischem Gebiet mußte (nach russischem Kriegsgesetz) der Eigenbedarf der russischen Bevölkerung berücksichtigt werden. Meine Division, für die ich persönlich verantwortlich gewesen sei, hätte jedoch auf den Waldai-Höhen gegen dieses Gesetz verstoßen. Beweis: Beim Bauern Jakubowski im Dorf Jgoschewo seien zwei Paar Walinkis (russische hohe Filzstiefel) requiriert worden.
2. Im Abschnitt der Division auf den Waldai-Höhen hätten gefangene russische Soldaten und russische Bevölkerung Wegearbeiten ausführen müssen, bei schlechtem Wetter und mangelnder Bekleidung.
3. Auf den Waldai-Höhen hätten Einheiten der Division Teile von Wirtschaftsgebäuden für Stellungsbauten benutzt. Derartige Materialentnahmen, z. B. Holzbalken eines Holzstalles, galten ebenfalls als Kriegsverbrechen.
4. Ende November/Anfang Dezember 1941 zwang uns der russische Winter, außerdem unser Mangel an Ersatz, in den Verteidigungsstellungen stehenzubleiben, die wir bis dahin erreicht hatten. Die Stellungen verliefen teils durch die Dörfer, teils in ihrer unmittelbaren Nähe. Wir mußten die Bewohner der Dörfer evakuieren, da sie nicht zwischen der kämpfenden Truppe leben konnten. Die Maßnahmen
wurden vom Gericht nicht beanstandet. In den rückwärtigen Dörfern jedoch mußte ein Teil dieser Evakuierten in Badezimmern ("Saunas") unterkommen. Das war gleichfalls ein Kriegsverbrechen.
5. Nachdem der Kampf im Dezember 1941 zum Stehen gekommen war, konnten einzelne Bataillone zur Ruhe und Auffrischung zurückgenommen werden. Bei dieser Gelegenheit -- die Truppe lag einquartiert bei russischen Bauern -- nahm ein junger Russe namens Stepanow einem Grenadier das Gewehr fort und erschoß ihn. Die Division berief ordnungsgemäß ein Kriegsgericht, das den jungen Stepanow zum Tode verurteilte. Als Gerichtsherr bestätigte ich dieses Urteil. Am Tage darauf wurde es vollstreckt.
Das von mir bestätigte Urteil wurde. dem Völkerkriegsrecht entsprechend, vom Gericht nicht beanstandet. Als völkerrechtswidrig wurde jedoch die Durchführung und Vollstreckung des Urteils erklärt. Der junge Stepanow war noch nicht volljährig. Daher durfte das Urteil nicht vollstreckt werden.
Am 8. Juli 1950, wenige Tage nach dem offiziellen Abschluß der Voruntersuchung, war es endlich soweit. Zwei Garde-Rotarmisten geleiteten mich zum Verhandlungssaal.
Die Zusammensetzung des Gerichts war äußerst eigenartig. Es vereinigte in sich die Funktionen des Staatsanwalts, Anklägers und Verteidigers. Von den drei Zeugen, deren Vorladung ich beantragt hatte, war keiner erschienen.
Zu den fünf Anklagepunkten konnte ich, außer zu einem, nicht mehr sagen als bei der Voruntersuchung, handelte es sich doch ausschließlich um Vergehen der ganzen Division, die mir als ihrem Kommandeur zur Last gelegt wurden. Lediglich das Todesurteil des Divisionskriegsgerichts gegen den jungen Stepanow nahm ich auf mich.
Hier griff der Vorsitzende ein. Er erklärte, das Urteil sei zu Recht ergangen, es hätte jedoch nicht vollstreckt werden dürfen, da der junge Stepanow noch nicht volljährig gewesen sei. Ich konnte nur einwenden, daß mein Kriegsgerichtsrat mich darauf hätte hinweisen müssen. Warum er es nicht getan habe, könne ich hier leider nicht feststellen, da er trotz meines Antrages als Zeuge nicht erschienen sei.
Damit wurde die Beweisaufnahme geschlossen. Ich wurde wieder in eine Wartezelle gesperrt. Schon nach einer Viertelstunde wurde ich zur Urteilsverkündung in das Verhandlungszimmer geführt.
Das Gericht stand auf, und der Vorsitzende des Gerichts, Generalmajor der Justiz Gorjadschew, verkündete folgendes Urteil: "Das Kriegstribunal des Kreises Moskau hat den Kriegsgefangenen General der Artillerie der ehemaligen Deutschen Wehrmacht Walther von Seydlitz wegen Kriegsverbrechen zum Tode verurteilt."
Ich wurde wieder in die Wartezelle geführt. Dort erwartete mich diesmal ein Glas Tee mit einer Semmel: Ersatz für das an diesem Tage ausgefallene Mittagessen.
Todesstrafe in 25 Jahre Kerker umgewandelt.
So verging die Zeit mit Warten, als ich plötzlich -- nach etwa eineinhalb Stunden -- noch einmal in das Verhandlungszimmer geführt wurde. Jetzt eröffnete mir der Vorsitzende, daß die Todesstrafe in 25 Jahre Kerker umgewandelt sei.
Doch dieser Gedanke -- ich war damals bereits 62 Jahre alt -- war so entsetzlich für mich, daß ich das Gericht sofort bat, mich lieber auf der Stelle erschießen zu lassen. Die Antwort des Vorsitzenden: "Das macht nur die SS."
Zur Verbüßung der Gefängnisstrafe wurde ich nach Nowotscherkask gebracht. Nowotscherkask ist ein kleines Städtchen nördlich der großen Hafenstadt Rostow, bei der der Don in das Schwarze Meer mündet. Rostow selbst bekam ich nicht zu sehen. Das Gefängnisgebäude war ebenso wie das Butirskaja-Tjurma in Moskau älterer Bauart. Es hieß, das Gefängnis stamme bereits aus Katharinas Zeiten.
Im September 1955 drang plötzlich ein besonders Gerücht in unsere Abgeschiedenheit. Es hieß, Adenauer käme nach Moskau. Das Gerücht fand bald seine Bestätigung durch die "Iswestija". Die Nachricht ließ alle Gefangenenherzen höher schlagen und weckte größte Heimkehrhoffnungen. Auch der gesamte, uns betreuende Gefängnisapparat wurde nach der bisherigen Reserve sichtlich freundlicher.
Als ich am 4. Oktober 1955 zum Weißrussischen Bahnhof in Moskau kam, stand der Heimatzug schon bereit. Die Fahrt ging über Minsk, Frankfurt an der Oder, Berlin und Eisenach nach Herleshausen. Dann fuhr uns ein Bus ins Heimkehrerlager Friedland bei Göttingen.

DER SPIEGEL 36/1977
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