08.08.1977

Macky, Mecky, Mucky und der Atom-Protest

AuS dem fahrbaren Wasserbehälter im Dorf darf das Wasser, sofern es "für menschliche Gebrauchs- und Genußzwecke" bestimmt ist, "nur in abgekochtem Zustand verwendet werden In dem Wasser, so hat das Gesundheitsamt Hameln untersucht, sind Kolibakterien und Keime, 10 000 in einem Milliliter, enthalten.
Die Anordnung gemäß Bundesseuchengesetz hat die Gemeinde Emmerthal "an die Benutzer des Baugeländes neben der Kiesgrube der Firma Lammert in der Gemarkung Grohnde, 3254 Emmerthal 1" ordnungsgemäß per Post zugestellt und mit "Sehr geehrte Damen und Herren" überschrieben; diese ihrerseits haben, nicht weniger pedantisch, den Ukas zwecks strikter Befolgung an der Fassade ihres Freundschaftshauses ausgehängt.
Die Damen und Herren Benutzer des Baugeländes sind seit Mitte Juni zugegen, meist fünfzig, wie unter der Woche, mal hundert und mehr, am Sonnabend und Sonntag. Ihr "Ziel, alle Baumaßnahmen ... zu verhindern", richtet sich gegen das Kernkraftwerk Grohnde, von dem jenseits der Bundesstraße 83, zwölf Kilometer südlich von Hameln, cm paar Gebäude gerade halb fertiggestellt sind und dessen Kühltürme dermaleinst diesseits der Straße dort dampfen sollen, wo nun das "Anti-Atom-Dorf" mehr liegt als steht.
Das erklärte Ziel der Insassen ist ein bißchen unerklärlich und hat daher schon, wie der hektographierte "Anti-Atom-Dorf-Kurier" verlautbart, zu den "verschiedensten Auffassungen ... über unser Selbstverständnis und unsere Aufgaben" geführt: Fast gleichzeitig mit der Dorfgründung hat das Verwaltungsgericht Hannover nämlich der Klage von zwei Emmerthaler Firmen stattgegeben und verfügt, zwei Monate nach Zustellung der Urteilsbegründung dürfe in Grohnde erst mal nicht weitergebaut werden -- irgendwann ab Oktober, so wird gerechnet.
Wo bald eh nicht mehr gebaut werden darf, halt es schwer einzusehen, "daß es nötig ist, die Bevölkerung der umliegenden Orte dafür zu gewinnen, selbst praktisch Widerstand zu leisten", und der Widerstand, der sich in den umliegenden Orten breitmacht, gilt denn auch nicht dem Kraftwerk, sondern dem Anti-Atom-Dorf. "Wo bleiben die Ordnungsbehörden?" wird gefragt, und gemeint ist nicht das Gesundheitsamt.
Vielmehr, so heißt es in einem Brief, den 200 Arbeiter vom Baugelände unterschrieben und an Gewerkschafter und niedersächsische Politiker geschickt haben, könne es "doch wohl nicht im Sinne eines Rechtsstaates sein, wenn eine Horde arbeitsscheuer und verkommener Menschen, die sich Naturschützer nennen und angeblich in Bürgerinitiativen tätig sind, unschuldige Menschen verprügeln, blutig schlagen, Bretter mit eingeschlagenen Nägeln auf die Straße legen und die Reifen von Fahrzeugen durchschneiden".
Auch daß im Lager endlos "Überlegungen angestellt werden, wie die Einstellung der Bauarbeiten verhindert werden kann", geht nicht nur an den Realitäten, sondern auch an den Interessen der KKW-Beschäftigten vorbei. Derweil vertreiben sich die Dorfbewohner ihre reichliche Zeit damit, das verschwimmende Feindbild immer von neuem aufzumöbeln und etwa einen Lastwagen, der drüben Kranteile anfährt, schon als Vorboten radioaktiver Verseuchung einzuordnen.
Derlei wird "so gegen 9" jeden Morgen bei einer Arbeitsbesprechung und um halb acht abends im "Plenum" diskutiert. Dann schlurfen die Jungen und Mädchen, von denen manche Studenten, manche "auf der Durchreise", manche zur Zeit auch gar nichts sind, aus ihren Zelten zum Freundschaftshaus, das sie aus allerlei Materialien gebastelt haben, hocken sich um den Kamin, palavern lange und stimmen dann und wann auch was ab.
Einmal gab es dabei eine Mehrheit für den Plan, sich drüben am Bauzaun leibhaftig anzuschmieden, um die Wehrlosigkeit zur Schau zu stellen, die man gegenüber der Macht des Staates und der Industrie und beider "volksschädlichem Energieprogramm" im Grund empfindet. Aber dann unterblieb die Selbstkasteiung -- auch ohne das ist es strapaziös genug, in Grohnde auszuharren.
"Einige Leute", so ein "Stimmungsbericht" des "Dorf-Kuriers"" fühlen sich "ziemlich deprimiert und müde von den vielen Alarmen", die es oft schon dann gibt, wenn nur ein Streifenwagen vorüberfährt, andere sind "sauer auf die eigene Trotteligkeit", weil es ihnen viermal mißlang, trotz Ausrüstung mit Trillerpfeife, Nagelbrett, Knallkörper und Streichhölzern die Anlieferung angeblicher "Flutbehälter auf Schwertransportern" zu unterbinden.
Müde, sauer sind sie in der Tat -- die drei ausrangierten Stühle, das demontierte Wasserklosett und der Krückstock am Rand der B 83, wo ein "Seveso-Gedächtnisweg" zum Zeltplatz führt, können getrost als Wappen des Dorfes dienen, das nicht wie Wallensteins, eher wie Frankensteins Lager anmutet und eher wie abgerissen als aufgebaut. Was da, aus Plaste, Blech und Brettern zusammengefügt, als Behausung dient, ist allein mit Bescheidenheit und Bedürfnislosigkeit der Truppe nicht gedeutet, Opfersinn gehört wohl auch dazu.
"100 Jahre Reden ändern nichts", heißt die Parole, "ein Tag Arbeit viel", und wenn sie auch kaum fachmännisch genannt werden kann, geleistet wird sie: vom ausgeschilderten "Plumskloh" zu den Käfigen der Kaninchen Macky, Mecky, Mucky und Blacky, vom Windrad, das saubere Energie liefern soll, zum Gehege der Hühner, denen man bereits "Atom-Eier" zutraut, und zum Offenstall, in dem das Schwein lebt, das "Genscher" genannt wird, als Bürgermeister eingesetzt ist und nicht so viel gefüttert werden soll, "sonst verfettet er und kratzt ab, bevor wir im Plenum endgültig beschlossen haben, was mit ihm passieren soll".
Zumal die Küche, eine halboffene Bude, wo Milch, Brot, Aufstrich und Müsli ausgegeben und "mindestens 3-5 DM pro Tag" für Verpflegung erbeten wird, sieht nicht nach Art der deutschen Hausfrau aus. Daß all das aber die Aufforderung "Räumt das Molukkerdorf in die Weser" rechtfertigen soll, wie am KKW-Bau drüben zu lesen ist, macht die im Dorf ratlos. Und sie fragen sich, ob es denn wirklich die Bauarbeiter vom KKW gewesen sind. die sich nicht nur diesen Spruch, sondern auch den Transparent-Text ausgedacht haben: "Umweltschützer machen in die Weser, wir aber bauen weiter saubere Atomkraftwerke."
Freilich, "in Angst vor der sogenannten Bürgerinitiative" hat sich im nahen Emmerthal schon eine "Bürgerwehr" formiert und auf Flugzetteln gefragt, wie es denn angehen könne, daß da jemand "fremdes Eigentum besetzen" und "ohne Genehmigung der Behörden Zeltlager errichten" darf, solchem "Chaos" müsse ein Ende bereitet werden.
Doch nicht an Einzelaktionen, nicht an Hauen und Stechen, lediglich an Appelle hat der Bürgerwehr-Initiator Willi Prothmann aus Kirchohsen gedacht und ist, nachdem er etliche Unterschriften gesammelt hatte, in Urlaub gegangen. Das Chaos, das er bekriegen will, ist strafrechtlich auch schwer zu fassen: Für die Polizei besteht, "was die da machen" im Dorf, eigentlich nur aus Ordnungswidrigkeiten, etwa weil da Bier ohne Konzession verkauft wird.
Aber es kann auch anders kommen: Als die im Dorf einen "Angriff" der Polizei fürchteten, lösten sie ihre telephonische "Alarmkette" aus: "Um 21 Uhr waren wir noch 100 Besetzer, früh um 3 Uhr waren wir dann rund 1000", die aus nah und sogar fern herbeigeeilt kamen, "eine erstaunliche Solidaritätsbekundung", wie das Lokalblatt fand, doch: "Eine Aggression fand nicht statt." Noch nicht.
Mittlerweile sind, bis auf fünfzig, alle wieder fort, auch Hans-Jörg Sievers von der Stammbesetzung" für den vergangene Woche ein Zettel ausgehängt werden mußte: "Du sollst mal unbedingt nach Hause kommen. Deine Mutter war hier."
Von Wolfgang Becker

DER SPIEGEL 33/1977
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