08.08.1977

DDR-EMIGRANTENOhne Netz

Ein TV-Dokumentarspiel um den ehemaligen DDR-Rockmusiker Klaus Renft wirft die Frage auf: Wie kommen die Nach-Biermann-Emigranten mit dem westlichen Markt- und Medien-System zurecht?
Die Bühne war gerichtet, die Instrumente waren aufgebaut. Noch einmal wollte die Renft-Combo, damals die prominenteste Rockband der DDR, im September 1975 beim Kulturrat des Bezirks Leipzig um Lizenzverlängerung und damit ums Überleben vorspielen. Doch die Gitarren blieben stumm.
"Wir sind der Meinung", beschied Ruth Oelschlegel, Chefin der Bezirkskommission für Unterhaltungskunst, die Musikanten, "daß Sie mit Ihren Texten die Arbeiterklasse der Deutschen Demokratischen Republik beleidigen und daß Sie die Schutz- und Sicherheitsorgane diffamieren. Die Bezirkskommission hat keine Lust, sich das auch noch musikalisch untermalen zu lassen. Wir erklären damit die Gruppe Renft für nicht mehr existent."
Ein Musiker fragte nach: "Sind wir denn dann verboten?" Ruth Oelschlegel: "Ich habe nicht gesagt, daß Sie verboten sind, Sie existieren nicht mehr für uns."
Der Dialog, vom Bandleader Klaus Jentzsch heimlich mitgeschnitten, ist jetzt Teil des Dokumentarspiels "Saitenwechsel", das am Freitag dieser Woche (20.15 Uhr) vom ARD-Fernsehen ausgestrahlt wird. Jentzsch, der sich nach der sächsischen Bezeichnung für Brotkanten Renft nennt, war im Mai 1976 aufgrund rebellischer Popsongs ("Rockballade vom kleinen Otto") mitsamt seiner griechischen Frau Geh aus der DDR entlassen worden. Er spielt sich nun selbst: seine Angst, Anpassungsnot und Orientierungsschwierigkeit im Westen.
Manches wirkt überzeichnet in diesem West-Berliner Emigranten-Psychogramm. Manche Szene haben die Autoren Christoph Busse und Olaf Leitner mit Symbolismen überfrachtet oder zum Klischee eingedickt. Zuviel Kafka ist da im Spiel, wenn Renft durch die "langen, menschenleeren Flure von kalter Bedrohlichkeit" (Drehbuch) der Aufnahme- und Vernehmungsbehörden irrt, wenn er auf der Suche nach seiner Möbelladung über Güterbahnhof-Geleise stolpert oder wenn er, als bärtiger Spät-Hippie, von Vermietern abbruchreifer Altbauten immer wieder abgewiesen wird.
Wie eine Karikatur auf den West-Spießer wirken die ältlichen Verwandten. die zwischen Kitsch und Konsumartikeln von "freien Menschen" und vom "Wohlfühlen hier im Westen" salbadern. Und zum Renft-Songtext "Schließ die Wunden deiner Sehnsucht zu, purpurrot fällt im Theater der Vorhang nieder" flattert tatsächlich ein rotes Tuch zu Boden -- zuviel.
Ansonsten aber schildert der Film recht modellhaft die Schocks und Verlockungen, mit denen der Westen derzeit die vielen Nach-Biermann-Emigranten aus der DDR empfängt. Da versuchen Musikproduzenten den Musiker kaltschnäuzig zu vermarkten. "Sein Sächsisch kann bleiben als Kennmarke. Seine Frau ist hübsch und wird sich neben dem Rübezahl gut machen in den Teenie-Zeitschriften." Als Kunde soll er mit einem überteuerten Gebrauchtwagen angeschmiert werden; als ehemals berühmter Künstler betritt er nun unbekanntes Terrain: "Man ist niemand mehr."
Wolf Biermann war schon jemand, als er anreiste -- unter den ausgewiesenen DDR-Entertainern und -Intellektuellen sicherlich eine Ausnahme. Schon daheim in der Ost-Berliner Chausseestraße hatte er für die US-Firma CBS Schallplatten besungen und damit im Westen Geld und Preise eingeheimst. Ein politisch motivierter, unvermeidlicher Publicity-Rummel in den Massenmedien wirbelte ihn dann in die höchste Tantiemen-Verdienstklasse empor.
Seit dem DDR-Exodus im vergangenen November kassierte der Barde, der heute in einer Hamburger 350 0O0-Mark-Villa wohnt, durch Konzerte und Copyrights rund eine halbe Million Mark. Er kann mühelos drei Frauen ernähren: Ehefrau Tine mit Sohn. Freundin Sibylle Havemann mit Sohn sowie Freundin Nina Hagen. die als Sängerin mit ihm auf Konzertreisen geht.
Auch der Sänger und Schauspieler Manfred Krug. der mit Familie Ende Juni durch die Mauer kam, dürfte im westdeutschen Show-Business bald zur Spitzengruppe gehören. Schon beim Sommerfest des Bundeskanzlers Anfang Juli in Bonn drängte sich soviel Bildschirm-Prominenz um den glatzköpfigen Hünen, als falle beim Händeschütteln auch ein kleiner Ruhmesschein auf Casdorff und Co. Diese Woche, nach Krugs vierwöchigem Spanienurlaub, beginnen Plattenfirmen, Film- und Theaterproduzenten ihr Feilschen um den Star.
Sogar der selbstbewußte Krug freilich, der bislang im Westen "wider Erwarten noch nicht auf eine größere Ansammlung von Arschlöchern gestoßen" ist, müsse, so sagt er, "erst lernen, was ich hier wert bin; in der DDR haben das andere für mich gewußt".
Klaus Renfts -- im Film "Saitenwechsel" deutlich akzentuierte -- Verstörtheit gegenüber den westlichen Markt- und Medien-Mechanismen wird von anderen DDR-Emigranten geteilt. Die Popsängerin Christiane Wunder-Ufholz, in "Saitenwechsel" als Stimmtalent zu bewundern, lebt nach ihrer DDR-Ausbürgerung noch immer ohne Schallplattenvertrag in West-Berlin, weil sie sich nicht "schutzlos der Kommerzmühle aussetzen" will.
Im Westen, sagt die Schauspielerin Katharina Thalbach, die dem Schriftsteller Thomas Brasch durch die Mauer gefolgt ist, herrsche "größere Hektik und Unsicherheit", die Angst sei existentieller: "Drüben kümmert sich einer noch um den anderen, und wenn man fällt, fällt man weich -- wie in eine Hängematte. Die heult zwar durch, aber man stürzt nicht ab." Den Klaus Renft hat seine relative Bekanntheit bislang in der Bundesrepublik vor dem Absturz bewahrt. Durch die Vermittlung des TV-Autors und Funk-Jockeys Olaf Leitner fand er zunächst einmal als Programmgestalter beim Berliner Rias einen Job. Fraglich bleibt aber, ob er -- eine im Umgang mit Musikern problematische Persönlichkeit -- auf der übervölkerten westdeutschen Pop-Szene je wieder einen seiner DDR-Vergangenheit annähernd vergleichbaren Status erreicht.
Der Komödiant Eberhard Cohrs beispielsweise, dessen Lustbarkeit noch jedes DDR-Publikum zum Lachen brachte, krebst nach seiner West-Flucht so gut wie ohne Echo dahin. Sein Debüt in der Rudi-Carrell-Show beurteilte ZDF-Unterhaltungschef Peter Gerlach als "eine Katastrophe": Im Westen weht ein anderer Witz.
Komponist lilo Medek, als einer der renommierten E-Musik-Schreiber der DDR bei früheren Besuchen in der Bundesrepublik wohlgelitten, wurde als Unterzeichner der Biermann-Petition nun ebenfalls abgeschoben und weiß nicht, wie"s weiter geht. Man müsse in der Kunstmusik. hatte er 1976 proklamiert, anfangen, "Netze zu ziehen, statt Netze zu flicken". Jetzt werden, so "Die Zeit", "diejenigen gesucht, die Fangrechte an ihn vergeben".
Nicht einmal die DDR-Emigranten selber knüpfen jedoch gemeinsam Matten, in die sich der eine oder andere von ihnen zur Not fallen lassen könnte. Klaus Renft wurde -- dies ist der Höhepunkt des "Saitenwechsel"-Films -- von Biermann öffentlich attackiert, er habe seine Gruppe gespalten und sich. während seine Kollegen Christian Kunert und Gerulf Pannach vom Staatssicherheitsdienst verhaftet wurden. "mit bedenklicher Freiwilligkeit nach Westen abgesetzt".
Renft ratlos. "Du warst ja", schimpft Biermann am Telephon, "in der DDR ein sehr populärer Popmusiker. Damit verbanden sich ja auch bestimmte politische Vorstellungen. Die Tatsache, daß so ein Mensch weggeht, ist für die DDR und die jungen Leute ein großer Verlust."
Weitere DDR-Verluste dieser Art sind wohl zu erwarten. Vergangene Woche kündigte die Lyrikerin Sarah Kirsch ("Zaubersprüche") ihre Auswanderung an, auch der Jazzmusiker Klaus Lenz hat einen Ausreiseantrag gestellt. Schriftsteller Jurek Becker, der aus dem Schriftstellerverband, und Regisseur Egon Günther, der aus dem Verband der Filmschaffenden austrat, stehen auf der West-Warteliste. Und vieldeutig philosophierte der Dichter Günter Kunert in der "Zeit" über die Frage, "warum Künstler die DDR verlassen haben, verlassen wollen, verlassen werden".
"Der Letzte macht das Licht aus": Dieser Spruch kursiert mittlerweile in der DDR als Galgenwitz.

DER SPIEGEL 33/1977
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