08.08.1977

MAKARIOS III. &x2020;

Sein Reich war kleiner als Schleswig-Holstein und hatte weniger Einwohner als Köln. Daß der Herrscher über einen der kleinsten souveränen Staaten dennoch zwei Jahrzehnte lang die Großen dieser Welt beschäftigte, sie mehrmals um ein Haar in seine Kriege verwickelte, auf gleich und gleich mit ihnen verkehrte, lag wohl an der außergewöhnlichen Statur dieses Mannes. der so abgöttisch geliebt wie abgrundtief gehaßt wurde, dem Freund wie Feind alles zugetraut hatten, nur dies nicht: daß er friedlich in seinem eigenen Bett sterben würde.
Seine Seligkeit Makarios III., Erzbischof und Präsident von Zypern mit dem Ehrentitel eines "Ethnarchen", eines Volksführers also, hatte Verbannung, Bürgerkrieg und ein halbes Dutzend Mordanschläge überlebt.
Seine Lebensaufgabe, für die er wohl bereitwillig auch zum Märtyrer geworden wäre, vermochte er nicht zu erfüllen, obgleich Tausende Leichen auf seinem Weg den Gottesmann offenbar nur wenig rührten: Ein einiges, unabhängiges, griechisches Zypern schien an seinem Todestag ferner denn je.
Wahrscheinlich hätte das auch kein anderer
geschafft. Denn seine Insel, Geburtsstätte der Liebesgöttin Aphrodite, kam als Schlachtfeld der ältesten Erbfeindschaft dieser Welt nie zur Ruhe: Der tödliche Haß zwischen Griechen und Türken, zwischen den Zivilisatoren Europas und den Barbaren aus asiatischer Steppe -- so sah es Makarios mit der Mehrheit seines Volkes -- entlud sich auf Zypern immer von neuem in blutigen Orgien.
Ein Vorgänger von Makarios, der Erzbischof Kyprianos, war einst von den Türken an einem Maulbeerbaum aufgehängt worden. Eine Büste des Märtyrers, die er vor seiner prachtvollen Residenz hatte aufstellen lassen, ließ den Kirchenfürsten wohl öfter an seine Rolle als Apostel der Rache denken als an die eines verzeihenden Seelenhirten.
Schon als Novize des Klosters Kykkos -- des Horts einer der ältesten, stolzesten und reichsten Kirchen der Welt, die ihren Ursprung auf den Apostel Barnabas zurückführt -- kritzelte er das Wort "Enosis" auf die Mauern: Vereinigung mit Griechenland. Als die Kirche den Sohn eines Ziegenhirten vom Studium in Boston heimholte und den 37jährigen wenig später zum Erzbischof und Ethnarchen krönte, trug der Priester zwar über seiner stets makellos sitzenden Soutane das Kreuz, darunter jedoch das Gewehr.
Er war heimlicher Anführer jener Partisanenbewegung Eoka, die nach fünfjährigem Terrorkrieg mit 600 Todesopfern Zyperns Befreiung von britischem Kolonialjoch erkämpfte. Er wurde auch erster Präsident der Insel -- freilich unter Bedingungen, die er nicht wollte: Verbot der Enosis, weitgefaßte Rechte für die türkische Minderheit.
Doch Makarios, halb Machiavelli, halb Richelieu, liebte Macht und Pracht viel zu sehr, als daß er nicht trotzdem zugegriffen hätte. Stets unterschrieb er -- Vorrecht des Kirchenfürsten -- mit roter Tinte. Im kleidsamen Ornat des Erzbischofs ließ er sich im Mercedes 600 chauffieren. Auf internationalen Konferenzen war er stets eine der auffallendsten Erscheinungen, ersichtlich zu groß für die kleine Insel.
Auf der suchte er seine Ziele skrupellos zu erreichen. Mit Intrigen
alt-byzantinischer Machart, mit Hilfe von Mao und mafiosohaften
Briganten focht der "Mittelmeer-Castro", wie Kissinger ihn nannte für sein griechisches Zypern. Weihnachten 1963 massakrierten Mordbanden Frauen und Kinder der obstinaten Türken. Tränen kamen dem Priester erst, als Türkenbomber sich mit Angriffen auf Griechendörfer revanchierten.
In Athen übernahmen faschistische Obristen die Macht, da baute er sich auch noch als Alternative für ganz Griechenland auf. Die Obristen ließen gegen den Inselfürsten putschen, doch er entkam. Die Türken nutzten die unverhoffte Chance und besetzten 40 Prozent der Insel. Fortan gab es nicht nur keine Enosis, auch kein unabhängiges Zypern mehr.
Zwar kam Makarios wieder, von seinen Landsleuten als heiliger Nothelfer gefeiert. Doch sein Lebensziel blieb Fiktion -- vergangenen Mittwoch erlag er, 63jährig, einem Herzinfarkt. Die Türken feierten seinen Tod als Erhörung ihrer jahrelangen Gebete.

DER SPIEGEL 33/1977
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