14.11.1977

Was ist mit Jovanka los?

Eine serbische Dorfschönheit -- lange Haare, breite Hüften, braune Augen-das war Jovanka Budisavljevic 1944, als Tito sie kennenlernte. Die Partisanin wurde Titos dritte Ehefrau und Begleiterin auf zahllosen Staatsbesuchen, doch seit Juni ist sie nicht mehr in der Öffentlichkeit aufgetreten. Wurde sie von politischen Gegnern kaltgestellt?
Über ihr Verschwinden rätselt die westliche Welt seit Wochen, sogar die Moskauer Parteizeitung "Prawda" beteiligt ihre Millionen Leser am internationalen Suchspiel: Wo steckt Jovanka Broz, 52, Ehefrau des Partei- und Staatspräsidenten der Föderativen Sozialistischen Republik Jugoslawien, Josip Broz Tito?
Der ungewöhnliche Bericht in der sonst hausbackenen "Prawda", die bislang alle, auch die harmlosesten privaten Dinge hoher Politiker konsequent verschwieg, hat sogar hochoffiziellen Charakter.
Unter der Überschrift: "Eine Mitteilung eines Mitgliedes des Präsidiums Jugoslawiens" läßt das Organ der KPdSU den bosnischen Parteichef Mikulic zu Wort kommen, der energisch die "Mitteilungen westlicher Nachrichtenagenturen" dementiert, Jovanka sei für "nationalistische Tätigkeit Verfolgungen ausgesetzt gewesen" oder "befinde sich faktisch unter Hausarrest".
Freilich, was es denn nun wirklich mit der First Lady Jugoslawiens auf sich hat, erzählten weder der Bosniak noch die "Prawda".
Sicher ist nur: Frau Jovanka, Titos ständige Begleiterin auf zahllosen Reisen und Empfängen seit nunmehr 25 Jahren, wurde zum letztenmal beim Jugoslawien-Besuch des norwegischen Premiers Nordli am 14. Juni in der Öffentlichkeit ausgemacht.
Seither ist der greise Marschall ohne seine Frau um die halbe Welt gereist; weder bei Titos Besuchen in Moskau, Peking und dem nordkoreanischen Pjöngjang noch bei seinen anschließenden West-Visiten in Paris, Lissabon und Algerien war Jovanka dabei. Auch auf der Jubiläumsfeier zum 4Ojährigen Bestehen der kroatischen KP, Ende September in Zagreb, trat der Landesherr ohne sie auf. Und seit zwei Monaten brachte keine jugoslawische Zeitung mehr ein Bild der Ersten Dame.
Während Tito selbst wie auch das offizielle Belgrad diese ungewöhnlichen Tatsachen schlicht mit Schweigen übergingen, wucherten im legendenreichen Balkanstaat, vor allem aber in der titofeindlichen Emigrantenpresse wilde Gerüchte. Das harmloseste: Die seit langem schilddrüsenkranke Jovanka müsse sich einer radikalen Abmagerungskur unterziehen.
Schon sehr viel politischer war die Version, Tito habe sie dafür in ein Schweizer Sanatorium geschickt, um sie aus der Schußlinie der von ihm befürchteten Machtkämpfe nach seinem Tod zu ziehen.
Dann war auch von national bestimmten Hofintrigen die Rede, bei denen die serbische Ehefrau des Kroaten Tito serbischen Landsleuten den Vorzug gegeben habe, und das möglicherweise nicht nur politisch.
Und schließlich wucherte das Gerücht, Jovanka mache sich bereit, mit Hilfe von alten Freunden aus der Armee das politische Erbe ihres Mannes zu übernehmen. Eine Tschiang Tsching auf dem Balkan?
Belgrad gab sich wenig Mühe, die abenteuerlichen Spekulationen zu entkräften. Im Gegenteil: Schon im ersten offiziellen Dementi, noch vor Titos Paris-Reise Mitte Oktober abgegeben, erklärte der Regierungssprecher mit Nachdruck: "Frau Broz ist nicht krank." Genau mit dieser elegantesten aller Erklärungen versuchten zur gleichen Zeit jugoslawische Diplomaten im Westen die Neugier der Journalisten abzublocken.
Auch das von der "Prawda" nachgedruckte Mikulic-Dementi war so angelegt, daß es weitere Spekulationen geradezu provozierte. Der Beigrader Hinweis, "daß es Sache des Präsidenten und der Regierung" sei, ob Tito seine Frau mit ins Ausland nehme, spielte das Suchrätsel sogar -- bewußt? -- dem Marschall zu.
Die erste Frau war Russin, die zweite eine Deutsche.
Formal ist dieser Hinweis sogar korrekt, denn Jovanka hat im Gegensatz etwa zu Frau Honecker in der DDR, Frau Ceausescu in Rumänien oder Frau Hodscha in Albanien weder Amt noch Würden in der Politik. Sie ist, obgleich längst zur Person der Zeitgeschichte geworden, nichts weiter als die dritte Frau von Josip Broz, genannt Tito.
Gleichwohl haben private Beziehungen zu Frauen im langen abenteuerlichen Leben des Partisanenhelden stets eine wichtige Rolle gespielt, und, bei einem Vollblut-Politiker wie Tito wohl unvermeidlich, auch eine politische Rolle.
Titos erste Ehefrau war die Russin Pelageja Denissowa-Beloussowa, die sich von einem orthodoxen Priester mit dem Kriegsgefangenen aus der k.u.k.-Armee des Ersten Weltkriegs trauen ließ. Zuvor hatte Jung-Broz das heikle Angebot eines kirgisischen Stammes abgelehnt, der den Muschkoten aus dem Westen wieder gesund gepflegt hatte und ihm auch noch eine Steppenschöne andienen wollte. Die knackte Läuse mit den Zähnen, bis ihre Lippen blutig waren. Broz: "Dieser Anblick machte mich krank, ich konnte nichts essen."
Pelageja folgte dem Josip Broz in dessen kroatische Heimat, kehrte aber (wohl 1928, als ihr Mann wegen Besitzes einer Bombe für mehrere Jahre im Zuchthaus saß) nach Rußland zurück. Dort verliert sich ihre Spur. Mutmaßungen sprechen dafür, daß sie als angebliche Trotzkistin den Säuberungen Stalins zum Opfer gefallen ist, während ihr Mann, inzwischen Funktionär im Moskauer Sekretariat der "Kommunistischen Internationale", zum Chef der jugoslawischen KP aufstieg.
Nach den amtlichen Biographien gilt Pelageja auch als leibliche Mutter von Titos ältestem Sohn, dem inzwischen 53jährigen Zarko. Ein Parteiveteran, einst Politbüromitglied der kroatischen KP, heute im römischen Exil, behauptet hingegen, Zarko sei der Sohn einer Kroatin, von der außer Tito niemand mehr auch nur den Namen kenne.
In Moskau hielt Josip Broz zu seinem Sohn nur über Mittelsleute Kontakt. Zarko wurde Offizier in der Roten Armee, nahm an der Schlacht um Stalingrad teil und verlor im Krieg einen Arm.
Nach Kriegsende kehrte der Tito-Sohn, durch Morphium und Alkohol heruntergekommen, nach Belgrad zurück und machte nur noch einmal im Jahr 1948 von sich reden: Bei einer Schießerei mit Sowjet-Offizieren in einer Belgrader Nachtbar wurde er schwer verwundet; sein Vater soll nächtelang an Zarkos Krankenbett gewacht haben.
Tito war damals schon seit 10 Jahren zum zweiten Mal verheiratet, seine Ehefrau:Hertha Haas, eine Rundfunksprecherin volksdeutscher Abstammung aus Slowenien.
Josip Broz hatte sie Mitte der 30er Jahre kennengelernt, als er mit Kurier-Auftrag der Kommunistischen Internationale unter falschem Namen durch Europa reiste. Beim deutschen Überfall auf Jugoslawien 1941 mußte der Parteichef flüchten und im bereits besetzten Zagreb seine Frau Hertha zurücklassen. Kurze Zeit später wurde die ortsbekannte Kommunistin zusammen mit ihrem Baby, dem Tito-Sohn Aleksandar, verhaftet.
Kriegsbraut Zdenka bringt Tito beinahe in deutsche Gewalt.
Als Tito zwei Jahre später Mutter und Kind gegen deutsche Gefangene austauschen ließ, lebte der Partisanengeneral schon mit einer anderen Frau zusammen: Davorjanka Paunovic, eine gerade erst 21 Jahre alte Serbin.
Von allen Frauen in Titos Leben hatte die hübsche Lehrerstochter -- Partisanenname: Zdenka -- sicher den größten politischen Einfluß, nur selten zur Freude von Titos Kampfgefährten. So durfte Zdenka sogar Parteibefehle verfassen. Es waren, wie der damalige Tito-Freund und heutige Tito-Feind Djilas in seinem soeben in den USA erschienenen dritten Memoirenband "Wartime" urteilt, "völlig unsystematische Arbeiten ohne Hingabe, Ordnung und Form".
Schwerer wog, daß sich Tito ihr zuliebe nur allzu oft aus den vordersten Linien entfernte. Folgte Tito seiner Zdenka nicht, dann so Djilas -- "fauchte sie ihn an, als sei es das Hauptziel der Achsenmächte, ihr persönlich den Garaus zu machen".
Furcht und Hysterie der jungen Dame während des deutschen Unternehmens "Rösselsprung" im Mai 1944 spielten Tito und dessen höchste Offiziere beinahe den Deutschen in die Hände: Abgesprungene deutsche Fallschirmjäger hatten bereits den Kommandostand in einer Berghöhle beim bosnischen Dorf Drvar umstellt. Aus Rücksicht auf Zdenka zögerte Tito, den rettenden Ausbruch zu befehlen. Edvard Kardelj, damals Partisanenführer und heute Titos engster Vertrauter: "Ich war für das Hinausgehen. aber Zdenka wurde ganz hysterisch. zerrte am Alten und kreischte: "Sie werden uns alle umbringen."
Die Flucht gelang dennoch, aber Zdenkas Auftritte waren nun selbst Tito zuviel. Auf seine ratlose Frage an einen seiner Leibwächter, was er mit dem aufgeregten Frauenzimmer denn machen solle, antwortete der grinsend: "Ich würde sie erschießen lassen."
Aus Sorge um die Kampfmoral seiner Truppe war der Oberkommandierende bereit, sich von seiner Kriegsbraut stärker zu distanzieren -- aber er hielt ihr, wie es seine Art ist, die Treue. Als Zdenka an Tbc erkrankte, ließ Tito sie nach Italien, später in die Sowjet-Union ausfliegen, wo sie 1946 starb. Ein Sonderflugzeug holte den Leichnam zurück. Auf Titos Befehl wurde die schöne Serbin im Schloßhof von Titos Nachkriegsresidenz. dem einstmals
* Im Zweiten weltkrieg als Partisanin in der Slowenischen Brigade.
königlichen Weißen Schloß zu Belgrad, bestattet -- neben zwei gefallenen Sowjet-Soldaten.
Beim Rösselsprung von Drvar begegnete Tito auch zum erstenmal seiner künftigen dritten Ehefrau: Jovanka Budisavljevic Tochter eines armen Bauern aus der serbisch besiedelten Lika, einem bis heute unterentwickelten Landstrich an der bosnischen Grenze, der zu Kroatien gehört.
Jovankas Mutter starb früh, und um seine sechsköpfige Familie zu ernähren, mußte sich ihr Vater, wie viele seiner Landsleute, zeitweilig als Gastarbeiter in den USA verdingen. Kurz vor Kriegsende kehrte er zurück.
Verglichen mit der ängstlichen und hysterischen Zdenka wirkte das Dorfmädchen Jovanka wie ein Kontrastprogramm: Urbild einer in ihrer kroatischen Heimat "walachisch" genannten serbischen Schönheit, mit langen Haaren und breiten Hüften, braunhäutig und braunäugig.
Kurz nach der Gründung von Titos Partisanenarmee hatte sich die knapp I7jährige 1942 beim "1. Frauenbataillon Lika" gemeldet, der ersten Kampfeinheit Jugoslawiens, die nur aus Frauen bestand.
Als das Serbenmädchen zwei Jahre später als Kommissarin zum Lazarett beim Hauptquartier in Drvar abgestellt wurde, hatte sie ihre Feuertaufe als Guerrillero schon hinter sich: In der Schlacht bei Poloj in Kroatien gegen weit überlegene italienische Panzereinheiten zeichnete sie sich durch besondere Kaltblütigkeit aus.
Ihr Vater und ein Bruder kamen in den Kriegswirren um, ein Bruder fiel als Tito-Partisan. Jovanka: "Auf einer Brücke zerriß ihn eine Granate, Genossen haben die Teile seines Körpers in einen Sarg gesammelt."
Tito lernte sie auf einer Beerdigung für einen anderen gefallenen Genossen kennen: "Tito hielt die Gedenkrede und anschließend schüttelte er uns allen die Hände. Natürlich war das für mich ein großes Ereignis."
Doch mehr als Mut und Tüchtigkeit wußte der "Alte" vorerst nicht an seiner Partisanin zu schätzen; ihr Organisationstalent war es, das kurz nach Kriegsende der inzwischen "um Hauptmann beförderten Jovanka einen Spezialauftrag in Titos Nähe einbrachte.
Denn der Haudegen, der nun seine wechselnden Feldlager mit dem ehemaligen Königspalast tauschen konnte. bedurfte dringend einer ordnenden Hand. Im Weißen Schloß und in Titos Privatquartier in der Uzica-Straße Nummer 15 hatte ein Kriegskamerad, Oberst Obrad Pribic, die ungewohnte Rolle eines Hausmeiers übernommen.
Als bei der Vorbereitung für den ersten großen Staatsempfang in einem Salon ein Teppich fehlte, ließ der alte Landsknecht kurzentschlossen einen der verfügbaren wertvollen Orientteppiche zerschneiden. Um solche vandalischen Sitten bei Hofe abzustellen, mußte eine Frau ins Haus -- und nicht nur deshalb.
Kurz nach der Befreiung Belgrads, im Winter 1944, waren die drei engsten Waffengefährten Titos zu einem delikaten Zweck zusammengetroffen -- Edvard Kardelj, heute Jugoslawiens Nr. 2, Aleksandar Rankovic, der wegen Installation von Mikrophonen in Titos Schlafzimmer 1966 gefeuerte Geheimdienstchef, und Milovan Djilas. der schon 1945 ins Gefängnis kam.
"Wir wußten nicht, was man tun sollte", erinnerte sich Djilas an das Dreiertreffen." Tito war nun Staatsoberhaupt, und wir konnten nicht zulassen, daß er einfach in die Stadt ging, um sich nach einer Frau umzusehen. Wir fürchteten damals, daß Tito sich von einem der Mädchen aus der Bourgeoisie bestricken lassen könnte -- wissen Sie, elegant, mit guten Manieren, Erziehung, Parfum und so weiter
Geheimdienstler Rankovic hatte die rettende Idee: Seine Sicherheitsleute könnten ein paar attraktive und zuverlässige Frauen aussuchen, bewährte Parteimitglieder. und zur Arbeit in Titos Haushalt abstellen, und "dann laß die Natur ihren Lauf nehmen" (Djilas).
Jovanka war dabei unter Beförderung zum Major der Volksarmee. Sie hatte sich um Titos Garderobe zu kümmern. Tito, nun Träger einer goldglitzernden Marschallsuniform, Staats- und Parteichef dazu, ließ sich in aller Stille von Hertha Haas scheiden -- eine deutschstämmige Frau, wenn auch alte Kommunistin, wäre in dem noch labilen Vielvölkerstaat eine Belastung gewesen.
Heute lebt Titos Ehefrau Nummer zwei, längst wieder verheiratet, in Kroatien; ihr Sohn Aleksandar, 36, nun selbst mehrfacher Vater, reist als Direktor für den Außenhandel einer großen Zagreber Metallwaren- und Maschinenfabrik häufig in den Westen.
Jovanka war es unterdessen nach langer Irrfahrt gelungen, ihre beiden überlebenden Schwestern Zora und Nada aufzutun. Die beiden acht- und Titos Residenz wie die eigenen Kinder.
Offensichtlich wurde das enge Verhältnis, als sich Tito 1951 nach einer komplizierten Operation auf der Insel Bled erholte. Jovanka, die im Krieg als Sanitäterin ausgebildet wurde, kommandierte das Krankenschwester-Team, als ginge es um ihren eigenen Mann.
Gleichwohl kam es in Belgrad einem gesellschaftlichen Erdbeben nahe, als Tito im Frühherbst 1952 zum Empfang des damaligen britischen Außenministers Anthony Eden Einladungskarten an die Belgrader Diplomaten verschickte, auf denen zu lesen war: "Marshal Josip Broz and Mrs. Broz-Tito cordially invite ..."
Beim Eden-Bankett war die Präsidenten-Gattin unangefochten der Star des Abends. Zum ersten, aber bei weitem nicht zum letztenmal erwies sich das Mädchen vom Lande, das bisher nur gelernt hatte, Schafe zu hüten -- und zu schießen -, auch als ein großes Talent auf dem Parkett.
"Mit Kommunismus hatte diese Heirat nichts zu tun."
Die schöne Schäferin zeigte ihre Neigung zu Blumen und Tieren, aber auch immer mehr zu extravaganten Kleidern. Ihr direktes Lachen gerann zu einem dauerhaften Keep smiling. Sie genoß sichtbar die Aschenbrödel-Karriere vom serbischen Landei zur First Lady ihres Staates.
Auf die Frage eines Gastes, warum sie Tito (an seinem 60. Geburtstag) geheiratet habe, fand sie die Antwort: "Es tut mir schrecklich leid, wenn ich Sie enttäuschen muß. Aber mit Kommunismus hatte diese Heirat nichts zu tun. Sie war denkbar unpolitisch. Die ganze Wahrheit ist, daß wir uns liebten und lieben".
Daß diese tiefe Zuneigung anhielt, bestätigt Tito-Biograph Staubringer mit einer fast alltäglichen Szene, bei der Tito seine Frau vor einer Flugreise verabschiedet: "Er begleitete sie zum Hubschrauber, pflückte unterwegs einen Blumenstrauß und gab ihn seiner Frau. Er wartete neben dem Helikopter, bis dieser abhob. und winkte seiner Frau herzlich zu,"
Edens Frau Clarissa nahm die Präsidentenfrau nach dem Staatsbesuch 1952 mit nach London, wo Jovanka außer Englisch-Stunden einen Schnellkurs in Protokollfragen bekam -- in beiden Lektionen erwies sie sich als gelehrige Schülerin.
Ein politisches Amt hat Frau Broz Tito nie übernommen, gleichwohl hat sie in den 25 Nachkriegsjahren für Jugoslawien eine enorm wichtige politische Rolle gespielt -- vor allem auf Titos liebstem Terrain, der Außenpolitik. Bei über hundert Auslandsreisen begleitete sie ihren Mann rund um den Globus und tat dabei mit ihrem Landesmutter-Charme viel für den Balkanstaat.
Daß ihre selbstgewählte Rolle eines diplomatischen Eisbrechers sie mitunter auch in Schwierigkeiten bringen konnte, erwies sich 1955 beim ersten Besuch des sowjetischen Parteichefs Nikita Chruschtschow in Jugoslawien.
Der Kremlchef, bei einem Abstecher auf die Insel Brioni von der lauen Nacht und ein paar Gläsern Sliwowitz angeregt, versuchte, die attraktive Genossin auf den Mund zu küssen.
Als die Attacke mißlang, holte er den Handelsexperten Mikojan an seine Seite und verlangte im lauten Ton: "Ich bestehe darauf, daß unserem neuen Handelsvertrag mit Jugoslawien eine Klausel hinzugefügt wird, in der es heißt: "Der Vertrag ist null und nichtig, falls sich Marschall Tito weigert, seine Gattin gegen die Frau von Nikita Chruschtschow, dem Mitglied des Präsidiums des Obersten Sowjets, auszutauschen."
Chruschtschow-Ehefrau Nina rächte sich auf ihre Weise. Beim Staatsbesuch 1963 wies die brave Nina eine von Jovanka zu ihr geschickte Friseuse mit der Bemerkung zurück, sie kämme seit 50 Jahren ihr Haar selbst und wolle das auch künftig so halten.
Unter den unzähligen Party-Bekanntschaften auf Staatsvisiten pflegte Jovanka am liebsten Umgang mit gekrönten Häuptern: Juliana, Königin der Niederlande, Margrethe, der Königin von Dänemark, und der dritten Frau des Schahs von Persien, Kaiserin Farah.
Viel mehr als Modetips und Menüfolgen hat sie wohl auch mit den dreien nicht ausgetauscht, für konkrete Aufgaben ihre Talente offenbar nicht eingesetzt und sich in der Öffentlichkeit nie engagiert.
Am ehesten war sie noch bereit, sich mit der gewandelten Rolle der Frau in der balkanischen Gesellschaft zu beschäftigen. Im Frühjahr 1968, als Tito versuchte, sich zum Parteichef auf Lebenszeit wählen zu lassen, und der Kult um ihn in der jugoslawischen Presse ein bislang nie erlebtes Ausmaß annahm, gab Jovanka der bosnischen Zeitschrift "Svijet" ihr erstes und bisher einziges Interview.
Jovanka über die Emanzipation jugoslawischer Frauen:
Wenn sie eine fachliche Ausbildung haben, sollen sie besser als ein Fachmann sein, wenn sie ein Kind haben, mit dem etwas nicht in Ordnung ist, sagt man, sie sei eine schlechte Mutter. Sie soll eine gute Ehefrau sein, sich schminken und gleichzeitig gesellschaftliche Aktivität entfalten. Aber der Frau ist es physisch schlechthin unmöglich, allen diesen Wünschen nachzukommen.
Das werde erst anders, so meinte die kinderlose Präsidenten-Gattin mit einem Heer von Hausangestellten, wenn "jede Frau täglich wenigstens zwei, drei Stunden Freizeit hat, ganz gleich, wie sie die Zeit verbringt; mit Spazierengehen, durch Museumsbesuch, Lesen, mit den Ihren oder mit anderen". Auf diese Sonderfreiheit warten Jugoslawiens Frauen noch immer.
Sich selbst möchte Titos Frau von der Emanzipation zudem ausgenommen wissen. Jovanka bei einem Gespräch in den USA Anfang der 60er Jahre:
Gewiß verfolge ich mit dem Marschall ständig das große Weltgeschehen, aber heute greife ich in nichts mehr ein. Und wie könnte ich mich auch in seine Arbeit mischen oder ihn sogar beeinflussen wollen? Nein, ich spreche mit ihm über alles, aber trotzdem bin ich heute ganz bewußt für ihn mehr als alle anderen: die "Wand, an die ein Mann hinreden können muß, um sich über seine Gedanken klarzuwerden ...
Daß sie aber eben nicht nur Titos stumme Wand, sondern spätestens seit Ende der 60er Jahre eher ein besonders raffiniertes Echo gewesen ist, davon sind viele Jugoslawen überzeugt.
Schon kurz nach der Heirat berichtete der jugoslawische Hof-Karikaturist Dzuko Zumhur dem Marschall auf einer Sitzung, Titos Mutter habe ihm bei der Nachricht von Titos Ehe mit Jovanka gesagt: "Gott sei Dank, jetzt steht in Jugoslawien endlich wenigstens einer über Tito." Der Marschall: "Gib schon zu, das hat gar nicht meine Mutter gesagt, du selbst denkst es, wagst es aber nicht zu sagen."
Mit sanfter Entschlossenheit brachte Jovanka 1967 Tito dazu, ihre engere Heimat, die Lika, zu besuchen. Sie setzte es durch, daß entgegen allen Plänen eine Straße in die Bergregion gebaut wurde, geschickt arrangierte Jovanka auch Gespräche mit abgehalfterten Partisanen-Veteranen, die 1968 von der jungen Garde der Wirtschafts-Technokraten wegen Unfähigkeit von ihren Pfründen verjagt worden waren. Tito nach den Gesprächen: "Es täuschen sich jene, die glauben, die Rolle der Kommunisten könne verringert werden."
Immer häufiger nahm Jovanka nun an politischen Sitzungen teil: Sie müsse sich um den Gesundheitszustand ihres Mannes kümmern. Ihr Gegenspieler, Mijalko Todorovic, einst im Parteiapparat zweiter Mann hinter Tito (und Anführer des liberalen Flügels), verschwand ohne Begründung von der politischen Bühne und tauchte bis heute nicht wieder auf.
Noch ist ungeklärt, welche Rolle Jovanka bei der Nacht-und-Nebel-Aktion im Dezember 1971 gegen die Parteiführung von Kroatien gespielt hat. Fest steht, daß eine von dem Serben Dragosavac angeführte Delegation "besorgter Genossen" unter Umgehung des Protokolls bei Tito vorsprechen durfte und daß mit Dragosavac und Jovankas Vorgesetztem im Krieg, Djoko Jovanic, zwei gute Freunde der Präsidenten-Gattin die Ämter des kroatischen Parteisekretärs und des kroatischen Militärbefehlshabers übernahmen.
Titos Generalsekretär Vladimir Popovic kolportierte, Tito sei längst Gefangener seiner Frau. ihr Gehilfe: General Miskovic, Titos Sicherheitsberater. Miskovic verschwand in einer Säuberung, aber Jovanka blieb und setzte abermals auf serbische, in Kroatien aufgewachsene Generäle, an der Spitze ihren Kriegskommandeur Jovanic, der sogar Vize-Verteidigungsminister wurde -- bis Anfang dieses Jahres. Dann stürzte er, nach ihm verschwand Jovanka aus der Öffentlichkeit.
Für eine Tschiang-Tsching-Rolle ist das bei weitem noch zu wenig. Aber die Fähigkeit, ihren Einfluß auf Tito und ihre Stellung als Präsidenten-Gattin in ihrem Sinne zu nutzen, ist dem Hausmütterchen Jovanka schon zuzutrauen.
Dabei half ihr eine übermächtige Rolle im Hof-Protokoll, über die Jovanka bei ihrem interview selbstbewußt erklärt hatte:
Ich bestehe darauf, immer über den Besuchaverlauf unterrichtet zu sein ... Ich lege vor allem Wert darauf, daß die Residenz, in der sich der Gast niederläßt, in Ordnung ist, wobei meinen Augen auch nicht das Geringste entgeht.
Daß dieses gestrenge Hausregiment, verbunden mit Jovankas ausgeprägter Vorliebe für monarchischen Stil, biederen Alt-Kommunisten in der jugoslawischen Führung ein Dorn im Auge war, läßt sich gut denken. Sie haben wahrscheinlich bei Tito interveniert -- doch Tito hält zu Jovanka, auch wenn er sie von politischen Geschäften nun fernhaltei" muß. Noch darf sie private Glückswunschtelegramme neben Titos Namen unterzeichnen -- doch ihre offizielle Rolle wurde gekappt. Ein Parteiverfahren, wie von den Veteranen wohl gewünscht, gibt es gegen die Genossin Jovanka ebensowenig wie einst gegen Maos Ehefrau Tschiang Tsching, zu Maos Lebzeiten.
Jovanka lebt in Titos Beigrader Privatresidenz, Tito aber meist allein auf seinem einst königlichen Jagdgut Karadjordjevo hei Belgrad. Seit einiger Zeit sucht er die Einsamkeit.
Von der Inselresidenz Brioni ist er diesen Sommer mehrmals auf die Nachbaninsel Vanga ausgerückt, um Mandarinen zu züchten. Als er im kühlen Frühherbst eines Abends vor seiner slowenischen Bergfeste Brdo bei Kranj auftauchte, ließ er sich ein Zelt im Schloßpark zum Übernachten aufstellen: zurück zur Natur und zum Partisanenleben, auch hierin ein bißchen Mao ähnlich.
Die Sache mit Jovanka -- welche immer es war -- hat ihn, 85, doch reichlich mitgenommen. Wie ein Tanjug-Redakteur am 28. Oktober aus Belgrad meldete, "hat Präsident Tito infolge seiner Erschöpfung, die auf sein starkes Engagement und seine intensive Arbeit in den letzten Monaten zurückzuführen ist, auf Anraten seiner Ärzte seine internationalen Verpflichtungen für einige Zeit abgesagt".

DER SPIEGEL 47/1977
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