15.08.1977

Zu Hitler fällt uns nichts ein

Von Augstein, Rudolf

Welches Bild macht sich ein heute dreißigjähriger Bewohner der Bundesrepublik, was weiß er von der heutigen Welt? Er sieht, wenn er denn überhaupt politisch interessiert ist, ein westliches Europa im blühenden Verfall. Kaum noch Regierung in England und Italien, Autoritätsschwund in Frankreich und in der Bundesrepublik, europäische Zusammenarbeit nur noch in der Karikatur. Arbeitslosigkeit wohl nennenswert, aber offensichtlich nicht das Lebensgefühl der von ihr nicht Betroffenen beherrschend, blecherne Urlaubsschlangen vom Nordkap bis zum Schwarzen Meer.

Keine gravierenden atomaren Zwischenfälle, wohl aber dunkle Ängste vor der Unberechenbarkeit dieser und anderer brandneuer Techniken auf seiten direkt Betroffener, siehe Seveso, oder nennenswerter Minderheiten. Politische Kriminalität aus durchweg irrationalen Motiven, gefährlich aber vorerst nur für einen Bruchteil der Bevölkerung. Rocker-Kriminalität, bedrohlich zwar, aber fast schon gewohnt. Pilzkrankheiten, die nicht heilen; Depressionen, Schlaflosigkeit, Sucht nach Räuschen: und dennoch, soweit denn überhaupt erfaßbar, eine ganz undefinierbare und regellose Zufriedenheit, allenfalls Apathie oder Resignation.

Sicher würde jede der hier behaupteten Mutmaßungen von Meinungsforschern widerlegt werden. Aber die Instrumente der Meinungsforscher sind immer noch reichlich stumpf, zu stumpf, um eine untergründige Strömung als eine beherrschende, als einen "drive" ausmachen zu können. Meinung ist nicht gleich Meinung, Mund nicht gleich Mund, mind nicht gleich mind. Welches Institut etwa, außer den Multi-Instituten des Herrn Wickert, könnte uns heute über die immerhin interessante Frage Auskunft geben, ob die Ölkrise des Jahres 1973, ob das Öldiktat der arabischen Rohstoff-Verkäufer bei uns als das einschneidende Ereignis seit dem Währungsschnitt von 1948 empfunden worden ist, oder gar heute noch wird? Wer, ob das Hungersterben in Biafra, ob das Flächenausrotten in Vietnam irgendwelche deutschen Bevölkerungsschichten bewegt hat, außer denen, die sozusagen beruflich freischwebend damit zu tun hatten, Studenten etwa, Pastoren und Journalisten?

Jedenfalls, was jene Leute zu Gesicht bekommen, die das Hitler-Reich nicht mehr bewußt erlebt haben, ist nicht im mindesten geeignet, ihnen das Hitler-Reich und das Phänomen Hitler zu erklären. Schlimmer noch, man muß fürchten, daß nur noch Historiker oder historisch Gebildete eine Art Kontinuität herzustellen wissen (oder herstellen wollen) zwischen der von Hitler geprägten Zwischenkriegszeit und dem Jetzt.

Ist dieser Sachverhalt aber wirklich so furchterregend, und liegen ihm nicht Notwendigkeiten zugrunde? Wahr, wenn Gymnasiasten den Hitler mit Ulbricht oder mit Bismarck verwechseln, so ist der Schuldige schnell zur Hand: die Schule, die entweder Angst vor ihrer nazistischen Vergangenheit hat und sie darum verdrängt, oder die, als marxistische Kaderschmiede, nur noch den zu vernichtenden Spätkapitalismus und keine Differenzierung mehr gelten läßt.

Mir, ich muß es sagen, sind diese rein technischen Erklärungen zu einfach. Ich sehe einen Sinn in dem Nicht-mehr-Zusammenhängenden, in dem qualitativen Bruch mit der Historie. Sowenig mir einleuchtet, daß man in Deutsch als Abiturient(in) eine Eins bekommen kann, ohne den Namen Kafka zu kennen: so sehr verstehe ich, daß die Schüler kaum noch Verständnis für Geschichte aufbringen mögen.

Geschichte, so ahnen sie wohl, ist nur noch für Fachleute ein Mittel, um das, was ist, besser zu erkennen aufgrund dessen, was war. Man unterhalte, man beschäftige sich mit Politikern, und man wird erkennen: Gleichgültig, ob sie historisch beschlagen sind oder nicht -- ihr Handeln ist so, als wüßten sie zwischen Hitler, Bismarck und Ulbricht und Kafka nicht zu unterscheiden. Warum soll für die Schüler wichtig sein, was den gepriesensten Staatsmännern nur dann wichtig ist, wenn sie posieren?

Zwar heißt es von Kennedy, es habe

das Buch der Barbara Tuchman über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges -- nicht gerade ein Klassikerimmer auf seinem Nachttisch gelegen. Er wollte, wie er selbst sagte, nicht in den großen Krieg "schlittern" wie die Potentaten von 1914. Als einige Hitzköpfe Kuba 1962 mit Bomben zur Räson bringen wollten, bemühte der jüngere, später ebenfalls ermordete Kennedy ein historisches Lehrstück: "Mein Bruder", so sagte er, "wird nicht der Tojo des Jahres 1962 sein", nicht der Kriegspremier von Pearl Harbor also.

Nur, kann man wirklich aus der Geschichte lernen? Sind die Großkopfeten von 1914 tatsächlich in den Krieg "geschlittert"? Waren Japans Tojo und Präsident Roosevelt 1941 solche "Schlitterer"?

Was sollten wir wohl aus der Heraufkunft Adolf Hitlers lernen? Etwa, wie man die Arbeitslosigkeit bekämpft (durch Kriegsvorbereitungen nämlich)? Oder wie man mit Rockern und Terroristen fertig wird (indem man sie zu Tode prügelt oder kurzerhand erschießt)?

Steht es uns denn frei, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen? Doch wohl nicht, sowenig man an derselben Stelle zweimal dasselbe Wasser eines Flusses durchqueren kann.

Hitler, der letzte Alleintäter der Geschichte, ist für unser politisches Handeln ganz unerheblich. Er, als Alleintäter, markiert das Ende bisheriger Geschichtsbetrachtung von Ranke bis Gerhard Ritter, wo noch "Männer Geschichte machten". Ist es da so verwunderlich, daß unsere Schulbücher eine unschöpferische Pause einlegen? An Hitler interessiert doch nur, was

wir trotz der mit ihm gemachten Erfahrungen weiter treiben, nicht aber, was wir darüber hinaus von ihm noch lernen könnten, das ist nämlich auch im Negativen gleich Null. Mit Hitlers Selbstmord an der Seite seiner Schäferhündin Blondi ist ja leider, wie sich herausgestellt hat, der Selbstmord der Menschheit nicht unmöglich geworden, und vielleicht tragen Israelis wie Araber, beide auf sehr unvergleichbare Weise Opfer Hitlers, gleichermaßen dazu bei.

Ja, der Führer glaubte noch, durch Raketenwaffen von der Reichweite der V 2, Hersteller Wernher von Braun, müsse Krieg unmöglich werden; da war er, der Weltzerstörer par excellence, wohl Optimist.

Die Ironie der Diskussion um Joachim Fests Hitler-Film liegt, so denke ich, ausschließlich darin, daß Hitlers Person den Heutigen erstens ungefährlich ist, und zweitens um so ungefährlicher, je weniger sie von ihm wissen. Wahlen wären mit ihm nicht mehr zu gewinnen.

Aber freilich, er hat den Großraum Europa gewollt, unabhängig von außerkontinentalen Mächten, und also auch von den Ölscheichs, aufgrund einer umfassenden Rohstoff-Autarkie. Dem kleinen Mann, der kleinen Frau hat er "innere Sicherheit" vorgegaukelt, um den Preis eines mörderischen, unter gar keinen Umständen zu gewinnenden Weltkrieges; um den Preis grausamster, auf Dauer nicht durchzuhaltender Unterdrückungsmaßnahmen, die allerdings seitdem auch nicht erloschen, sondern in vielen Gegenden der Welt recht gängig sind. Daß er die Juden umbringen ließ, kann man nur mit einer Geisteshaltung erklären, die sich aus den paranoiden Ängsten der Epoche, nicht durchweg grundlosen Ängsten, wie wir heute sehen, einen gigantischen Sündenbock einbildete, um ihn sowohl zu benutzen wie zur Strecke zu bringen.

Und hier, wenn denn überhaupt, liegen die Schwächen von Fests Hitler-Buch wie auch, deutlicher noch, seines Hitler-Films. Fest, der soviel von seinem Helden weiß, hat ihn nicht wirklich begriffen. Er hält ihn für schlicht unvernünftig, hielte ihn gar, hätte man ihm die Unvernunft austreiben können, für einen großen Mann.

Nur gibt es hier nichts auszutreiben. Hitler war nicht auf Vernunft und Erfolg, sondern auf Zerstörung und Untergang abonniert.

Seinen mühelosen Sieg über seine innenpolitischen Gegner hatte er sich nicht verziehen, darum mußte er die Juden ermorden. Der unkriegerische Spaziergang nach Prag machte ihn geradezu wütend; mit um so größerer Gier wollte er Polen <dies sein Lieblingswort) "zerschlagen". Hätte man ihm den Ural und Alaska auf silbernem Tablett geboten, es hätte ihm nicht genügt. Der Rest der Welt wäre ihm nur um so bedrohlicher erschienen, des Krieges und Mordens und Zerschlagens kein Ende.

Für solch einen Menschen, der den

möglichen Untergang der Menschheit in seiner Person beispielhaft vorwegnimmt. hat Fest kein Organ ("Hitlers Unrast brauchte jetzt einen Erfolg"). Wohl macht Fest Hitlers Zeitgenossen deutlich, wie sie sich auf ihren eigenen Untergang einschwören lassen konnten; nicht aber, und das ist wohl auch nicht zu leisten, deren Kindern.

Fest selbst macht sich nicht hinlänglich klar, daß Hitlers Konstitution darauf programmiert war, sich und die ganze Welt in die Luft zu sprengen. Vor ihm waren 1000 Jahre wie ein Tag.

Ein "Hitler ohne Hitler", ein Deutsches Reich mit "vernünftigen" Zielen gegen Osten, sei es als faschistisches Volksgemeinschaftsreich ii la Röhm (der sich mit England und Frankreich nicht anlegen mochte), sei es als Nachfolgereich der alten Mächte und Ludendorffs, der schon im Ersten Weltkrieg alle Rußland-Deutschen auf der Krim hatte konzentrieren wollen: Solch ein nationalsozialistisches Reich, ohne die Person Hitlers und ohne Auschwitz, scheint durchaus denkmöglich, aber auch nicht mehr.

Man sieht nicht den Röhm, der sich mit der Generalität hätte arrangieren, nicht den Papen, Hugenberg oder Schleicher, der den deutschen Faschismus für den preußischen Kastenstaat hätte einspannen können <nicht den deutschen Franco also, der ja auf dem Sockel der römischen Kirche thronte).

Man sieht nicht die Westmächte, die einem Göring oder Himmler Polen geopfert hätten, nur um ein anti-kommunistisches Bollwerk in Mitteleuropa zu errichten; nicht den Stalin, der sich mit der deutschen Generalität verbündet hätte, mit dem einzigen Ergebnis, daß die gesamte westliche Welt gegen diese beiden Usurpatoren aufgestanden wäre. Was immer man sich ausdenken mag, ohne die Schlüsselfigur Hitler bleibt alles blaß und haltlos.

Die Weimarer Republik, soviel sieht man, war mit der Weltwirtschaftskrise und mit Versailles nicht fertig geworden (fast wäre sie es übrigens). Der die Arbeitslosigkeit und Versailles beseitigte, wandte dabei Mittel an, die ihn mit Präzision in den Krieg und in den Untergang führen mußten. Mit Genuß ritt er den Tiger, kein Gedanke ans Absteigen.

Fest tut so, als hätten Müßiggang und Langeweile den Führer dahin gebracht, etwa Österreich einzustecken und die Sowjets zu überfallen. Seine Lieblingsidee, Hitler sei ein Bohemien und arbeitsscheu gewesen, hat er wieder hervorgekramt. Aber um Europa in die Luft zu sprengen, hat es einer Menge konsequentester Denkarbeit bedurft, und keiner "edlen Herumtreiberei", keines "Schlendrians dieser Jahre", keines "Lebens der Launen und wechselnden Zerstreuungen". Es kann einer auf den Obersalzberg starren, "brütend", oder in die "Lustige Witwe" gehen, und dabei dennoch heftig arbeiten.

Denn, nicht wahr, die Engländer hätten ihm, und nur ihm, sogar nach dem Schock von Prag noch ein gutes Stück Polens konzediert, wenn er doch endgültig Zeichen von Vernunft hätte von sich geben mögen. Nur, wozu dann das alles?

Er wollte, seit er Politiker war, die Ukraine und den Kaukasus, und dazwischen Polen und den Balkan, und mithin ging das alles nicht ohne einen aussichtslosen Rundum-Krieg. Nein, dieser Einzel- und Meldegänger der Geschichte ist in seinen Krieg nicht "geschlittert". Er hat ihn als einen nur zu verlierenden gewollt.

Kann man das, im Vorderstübchen mit aller Energie Krieg führen und im Unterbewußtsein auf den Weltuntergang losmarschieren? Man kann, der Todestrieb ist trotz Freud immer noch eine terra incognita.

Wie so mancher Machthaber hat auch

Hitler für die Zeit nach seinem Endsieg Monumentalbauten geplant. Nur, wie blaß, wie routiniert wirken diese hybriden Lebenszeichen angesichts des gerade von Fest überzeugend illuminierten Todes- und Totenkults! Tradition auch hier. So sangen die deutschen U-Boot-Fahrer 1918: Die Welt soll erzittern in höllischem Klang bei der Germanen Untergang,

Wäre die heutige Schülerschaft noch fähig, historisch zu sehen; wären ihre Lehrer noch willens und fähig, historische Kontinuität zu vermitteln, so hätten wir einzig dies interessante Thema: Kontinuität des Irrtums und des Obermuts auf seiten des Bismarck-Reiches von seiner Gründung an bis zu Adolf Hitler. Rathenau und Stresemann, um nur diese beiden herausragenden Staatsmänner der Weimarer Republik zu erwähnen, waren beide Expansionspolitiker, wenn auch "vernünftige". Juden wollten beide, der Jude Rathenau und der Nichtjude Stresemann, nicht auslöschen. Aber die Wilhelm-Ideologie des "keine Parteien, nur noch Deutsche" hatte seit langem, außer Junkern, Großagrariern und Großindustriellen, auch das Bürgertum und sogar die SPD infiziert.

Nur sieht man, ohne Hitler, nicht die Konstellation, die es den Deutschen nach Wilhelm noch einmal erlaubt hätte, Europa in die Luft zu sprengen, um ihren "Platz an der Sonne", ein zweites Mal, zu erobern. Die Ermordung der Juden zumal, geistig vorbereitet wie auch immer, war keine deutsche Zwangsläufigkeit, sondern eine von Deutschen unterstützte Einzeltat. Hitler als einzelne, als vorerst nicht

typische Person macht es schwer, wenn nicht unmöglich, ihn denen zu vermitteln, die ihn nicht mehr erlebt haben. Geschichte, wie er sie betrieben hat (und andere vor ihm), gibt es nicht mehr. Daß Fests Film seinen Helden, entgegen der Wirklichkeit, um ein weniges "vernünftiger" und "menschlicher" erscheinen läßt, erleichtert paradoxerweise die Annäherung an den ekligen Gegenstand, macht ihn verständlicher, auch wieder nur um ein weniges.

Denn wie soll man einen Menschen anschaulich machen, der nicht als Wahnsinniger und Großverbrecher, sondern als bedeutender Mann betrachtet würde, wenn er eine Woche vor seinem Einmarsch in Prag gestorben wäre, sechs Wochen vor seinem 50. Geburtstag, sechs Jahre vor seinem Selbstmord in der Reichskanzlei? Und dennoch hat sich kaum je eine geschichtliche Figur während ihres langen öffentlichen Wirkens so wenig verändert und so konsequent entfaltet wie gerade er. Sein Wahn mußte Wirklichkeit werden, dann erst ging es mit ihm zu Ende.

Hitler hätte den Krieg nicht vom Zaun brechen und die Juden nicht vergasen sollen, das ist, nimmt man den Pegel heutigen Geschichtsunterrichts, alles, was bleibt. Nicht einmal im Schlimmsten hat er uns noch etwas zu sagen.

Hegels eiserner Grundsatz, die Völker würden aus der Geschichte nichts lernen, gilt nicht gar so eisern. Punktuell lernen wir immerzu. Nur, wie wir die Erde bewohnbar, die Menschheit menschlich und am Leben halten, wie wir den "Wachset und mehret euch"-Taumel stoppen und unserem kollektiven Todestrieb widerstehen können, dazu hilft uns nicht einmal das negative Beispiel eines Hitler. Zu ihm fällt uns mit Recht nichts mehr ein.


DER SPIEGEL 34/1977
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