15.08.1977

ZENSURENFreie Form

Beurteilungen anstelle herkömmlicher Zensuren hat Nordrhein-West.falen für die ersten beiden Grundschulklassen eingeführt: Ausführliche Verhaltensbeschreibungen ersetzen pauschale Bewertungen.
Anne Pötter, 7, aus Viersen bei Mönchengladbach durfte zufrieden sein, und ihre Eltern eigentlich auch. "Anne kennt alle Buchstaben", heißt es in ihrem ersten Schulzeugnis, "sie erliest selbständig fremde Texte in Druck- und Schreibschrift. Anne kann kleine Sätze nach Diktat richtig schreiben. Ihre Schrift ist klar gegliedert. Anne kann Aufgaben im Bereich von 1-100 selbständig lösen."
Mit solchen Zeugnissen, wie sie in Nordrhein-Westfalen in diesem Sommer erstmals für Erstkläßler erteilt wurden, weicht das Bundesland ab von bisherigem Brauch: keine Noten mehr mit festem Zensurenschema wie in alten Zeiten, aber auch nicht mehr nur knappe Pauschalbewertungen, wie sie sich in den letzten Jahren eingebürgert hatten. Die neue Praxis gilt für die beiden ersten Grundschulklassen -- eine längst fällige Neuerung, die den Eltern von Anne Pötter freilich keineswegs behagt.
Vor dem Verwaltungsgericht Düsseldorf klagen Rechtsanwalt Hermann Pötter, 38, und Frau Anette, 34, auf Annullierung des Zeugnisses -- jedenfalls insoweit, als vom Sozialverhalten ihrer Tochter, von Kontakt-, Kooperations- oder Kritikfähigkeit die Rede ist.
In der Beurteilung steht zwar nur Löbliches -- Anne, so heißt es da, habe "schnell Kontakt zu ihren Mitschülern" gefunden. "Sie zeigte sich hilfsbereit und hat sich gut in die Klassengemeinschaft eingefügt." Aber die Eltern sehen in solcher Beurteilung nur einen "weiteren Schritt innerhalb einer staatlich verordneten Kulturrevolution".
Dabei sucht Nordrhein-Westfalen für fast 244 000 Erstkläßler und ab 1978 für die ersten beiden Grundschuljahre nur zu verwirklichen, was namhafte Pädagogen und Psychologen schon seit Jahrzehnten fordern und Reformschulen wie etwa die Waldorf-, Odenwald- oder Montessori-Schulen seit langem praktizieren: Abschaffung der Noten, der pauschalierten Bewertungen -- und damit Minderung von Auslese- und Leistungsdruck.
Der Kieler Pädagogik-Professor Gottfried Schroeter belegte erst jetzt wieder in einer breit angelegten Untersuchung (SPIEGEL 31/1977), daß Noten in deutschen Schulen weder vergleichbar noch objektiv, die herkömmlichen Zensuren-Zeugnisse im Grunde ungerecht sind. Der Lüneburger Erziehungswissenschaftler Jörg Ziegenspeck fand beispielsweise heraus, Mädchen würden "sowohl in den Kopfzensuren als auch in (fast) allen Leistungsfächern durchschnittlich günstiger beurteilt als Jungen", "Kinder der sozialen Unterschichten" würden "schlechter zensiert als Kinder aus gehobenen sozialen Schichten". Für die Duisburger Diplom-Pädagogen Horst Bartnitzky und Reinhold Christiani sind Noten, so schreiben sie in ihrem jüngst veröffentlichten Buch "Zeugnis ohne Zensuren "*, überdies "nicht zuverlässig, nicht individuell aussagekräftig mithin auch nicht informativ".
Besonders nachteilig kann sich das Notengeben in der Grundschule auswirken, die -- so Christiani -- "optimale Entfaltungsmöglichkeiten der kindlichen Lernfähigkeit" erst noch "entdecken und entwickeln" sowie "ungleichen Lernvoraussetzungen mit ungleichen Lernangeboten und -anforderungen begegnen" soll. Fehlt aber die "freie und befreiende Atmosphäre", könnten sich die Kinder beim Lernen nicht "glücklich fühlen", dann bahnten sich Egozentrismus, Streßsituationen, Rangdifferenzierung" Zeit- und Konkurrenzdruck an -- auf diesen Zusammenhang weisen denn auch die Richtlinien und Lehrpläne für Grundschulen in Nordrhein-Westfalen hin.
Die NRW-Zeugnisreform verwirklicht im übrigen nur, was die westdeutschen Kultusminister insgesamt schon 1970 für ratsam hielten. In den seinerzeit verabschiedeten "Empfehlungen zur Arbeit in der Grundschule" hielten die Minister allgemeine Aussagen über
* Bartnitzky/Christiani: "Zeugnis ohne Zensuren -- Hilfen für die Praxis des Zeugnisschreibens". August Bagel Verlag, Düsseldorf; 132 Seiten; Preis 12,80 Mark.
die Leistungen der Kinder in den 1. und 2. Schuljahren für "bedeutsamer als die vorgeblich genaue Benotung der Leistungen" und forderten Zeugnis-Beurteilungen "in freier Form". Die Berichte sollten neben Hinweisen auf Interessen, besondere Fähigkeiten und Schwächen ausdrücklich auch eine Begutachtung des Sozial- und Arbeitsverhaltens beinhalten.
Bislang wurden die Empfehlungen freilich nur in Ansätzen verwirklicht, etwa in Bayern, Rheinland-Pfalz, Hamburg oder auch Berlin. Dort erhalten die Schulanfänger detaillierte Auskünfte über ihr Sozial- und Arbeitsverhalten sowie über ihren Leistungsstand in den ersten Klassen und zum Teil auch noch im zweiten Schuljahr.
Baden-Württemberg führt diese Schulberichte erstmals zum Ende der ersten Klasse im Sommer 1978 ein und weitet den "Baustein zur inneren Reform der Grundschule" (Kultusminister Wilhelm Hahn) von 1979 an auch auf die Zwischenzeugnisse in den zweiten Klassen aus.
In Niedersachsen werden die jetzt, in diesem Sommer, eingeschulten Grundschüler erstmals im Halbjahreszeugnis der dritten Klasse zensiert, eine Leistungsbewertung nach Noten oder Punkten in den ersten beiden Klassen entfällt (bei den detaillierten Aussagen über die Schüler bleibt das Sozialverhalten allerdings unberücksichtigt).
Die Praxis im sozialliberal regierten Nordrhein-Westfalen, wo die ersten beiden Grundschuljahre in die Reform vollständig einbezogen sind, ist somit zwar weitergehend, unterscheidet sich inhaltlich aber nicht von der Zeugnisvergabe auch in CDU-regierten Ländern. Daß dennoch lautstarker Protest aufkam, hat mit Befürchtungen zu tun, hinter der Beurteilung des Sozialverhaltens scheine so etwas wie ein neues Erziehungsleitbild auf -- der, so Vater Pötter, "neue Einheitsschüler" mit "ausschließlich gruppenbezogenen Eigenschaften".
Eine Beurteilung des Sozialverhaltens, meint CDU-Mitglied Pötter, werte nur das Verhalten des Kindes in der Gruppe und seinen Bezug zu anderen Menschen in der Gesellschaft: "Das Individuum wird unterdrückt." Der Vorsitzende der Schulpflegeschaft an der Schule seiner Tochter sieht das Gespenst des neuen Schüler-Typs konturscharf vor sich -- den "homo communicativus", kontaktfreudig, nicht anlehnungsbedürftig, hilfsbereit, übernimmt Gemeinschaftsaufgaben und führt sie gut aus, beteiligt sich klärend am Streit, vermittelt, vertritt seine cigene Meinung, erkennt die Meinung anderer an, hört zu, macht sich verständlich und bereichert Gespräche.
Der Anwalt akzeptiert "jede für sich positive" Verhaltensbeschreibung, erblickt aber in der Summierung gleichwohl den Beginn einer "allgemeinen politischen Bevormundung". Die Chancengleichheit des Kindes werde durch solche "Totalkontrolle" seines Verhaltens gefährdet, weil Kinder, deren Eltern den gewünschten Lebensstil verwirklichen, womöglich bevorzugt würden. Die Eingriffsmöglichkeiten der Eltern bei der Erziehung würden beschränkt, sie könnten den Wissensstand ihrer Kinder "nicht mehr an klaren Noten messen" -- ihm paßt, wie anderen, die ganze Richtung nicht.
Der Landes-Elternverein zum Beispiel glaubt einen "unzulässigen" Angriff auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit der Kinder zu erkennen; die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" argwöhnt einen "mißbräuchlichen" Eingriff "in den Erziehungsauftrag der Eltern"; die Katholische Elternschaft erwartet statt Entlastung von Leistungs- und Zensurendruck lediglich ständigen Anpassungsdruck; CDU-Oppositionschef Heinrich Köppler fürchtet "lebenslängliche Belastung" durch allzu frühe Beurteilungen.
Der Brühler CDU-Landtagsabgeordnete Lothar T. Lemper sieht gar eine "anthropologische Konzeption marxistischer Färbung" hinter der Zeugnisreform: Wer sich nicht kritiklos dem Gruppenmarsch anschließe" wer gegenüber der Mehrheitsmeinung konfliktbereit und -fähig sei, schrieb er im "Rheinischen Merkur", der sei der "große Einzelgänger, der böse Individualist, der Nicht-Eingliederungsfähige. Seine Sozialleistungen sind verheerend, selbst wenn er ein glänzender Mathematiker ist, fehlerfrei schreibt und gut musizieren kann".
Die Reformer dagegen verweisen darauf, daß Rechnen, Schreiben und Singen nicht ihre Bedeutung im Unterricht etwa zugunsten des Sozialverhaltens verlieren, sondern den Kindern nur anders, individueller, beigebracht werden sollen -- unbelastet von "normierten Lernanforderungen" und Auslesezwängen. Christiani, seit 1. August Grundschulreferent im Düsseldorfer Kultusministerium und selber Vater einet Grundschülerin (s. Photo): In einem zensurfreien Raum von zwei Jahren könne jedes Kind "frei von Auslesedruck seine Lernmöglichkeiten entwickeln. An Stelle des Leistungsvergleichs mit anderen Schülern tritt der Leistungsvergleich mit der eigenen früheren Leistung" und "grundlegenden Anforderungen" -- ein, wie auch Niedersachsens CDU-Kultusminister Werner Remmers findet, "Schritt in Richtung auf eine humanere Schule".
Unmittelbar betroffen von den neuen Zeugnissen, in denen auf "Charakterbeschreibungen oder Formulierungen festschreibender Art" verzichtet werden soll und negative Aussagen mit "besonderer Sorgfalt" abgefaßt werden müssen, sind auch die Eltern. Sie erhalten jetzt konkrete Hinweise auf Eigenarten ihrer Kinder in der Klasse (Beispiel: "Sie äußerte frei und offen ihre Meinung und ließ ehrlich erkennen, wenn ihre Lernbereitschaft beendet war"), die sich von häuslichen Verhaltensweisen womöglich sogar unterscheiden.
Manchen Vater und manche Mutter haben die Berichte über "erzieherische und unterrichtliche Bereiche" ihrer Kinder gar zum erstenmal seit der eigenen Schulzeit wieder in ein Klassenzimmer geführt, zu vertiefenden Gesprächen mit den Lehrern. Grundschulrektorin Gabriele Krichbaum zur "Kölnischen Rundschau": "Die neuen Zeugnisse sind eben Zeugnisse für das Kind und die Eltern und nicht mehr Zeugnisse nur über das Kind."

DER SPIEGEL 34/1977
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