12.09.1977

KIRCHEKrank im Kopf

Unter welch dubiosen Umständen das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes zustande kam, enthüllt die Studie eines katholischen Historikers.
Seit 1870 müssen Katholiken daran glauben, daß ihr jeweiliger Papst oberster Gesetzgeber, Richter und Leiter seiner Kirche, zudem oberster Lehrer und als solcher in Glaubens- und Sittenfragen unfehlbar ist.
Es war Papst Pius IX., der die beiden Glaubensthesen, den sogenannten Primat und die Unfehlbarkeit, auf dem Ersten Vatikanischen Konzil zu Dogmen erhob. Die Frage ist nur: "War Pius IX. zur Zeit des Konzils noch voll zurechnungsfähig?"
Sie wird jetzt, wörtlich so, in einem wissenschaftlichen Werk gesteift, mit dem der promovierte katholische Theologe August Bernhard Hasler in München auch in Geschichte promovierte*. Der Fragesatz ist Überschrift eines Kapitels, das mit der ausführlichen Zitierung psychiatrischer Gutachten endet.
Papst Pius IX. regierte von 1846 bis 1878, und der Große Brockhaus verzeichnet, "die ihm bis heute entgegengebrachte Verehrung" beruhe vor allem "auf der Güte und Großherzigkeit seines Wesens" sowie "der Milde und Würde seines geistlichen Auftretens".
Daß der milde Mann schon mal einen greisen Kardinal, der sich vor ihm niederwarf, an den Ohrläppchen hochzog oder ihm den Fuß auf den Kopf setzte und, dabei schimpfend, darauf herumfuhr, war bislang nicht bekannt.
Nun ist alles bei Hasler nachzulesen, und vom "vorbildlichen, verbindlichen, frommen, wohltätigen" neunten Pius, wie ihn die gängige katholische Geschichtsschreibung darstellt, bleibt dabei nicht viel übrig. Haslers Pius ist ein unwissender, heuchlerischer, despotischer Papst, der die Dogmatisierung der Unfehlbarkeit nicht als "Abschluß einer jahrhundertelangen Entwicklung unter der Leitung der Vorsehung" vollbrachte, wie es etwa in der erst drei Jahre alten Papstgeschichte Franzen / Bäumer heißt, sondern mit seinem "rücksichtslosen, alle Bedenken beiseite schiebenden Vorgehen" die Kirche
* August Bernhard Hasler: "Pius IX. (1546-1878), päpstliche Unfehlbarkeit und 1. Vatikanisches Konzil -- Dogmatisierung und Durchsetzung einer Ideologie. I. und II. Halbband. Anton Hiersemann Verlag, Stuttgart; 632 Seiten; 300 Mark.
nachgerade in die Unfehlbarkeit hineinzwang.
Zweifel an der bisherigen geschichtlichen Darstellung des Ersten Vatikanischen Konzils und des Konzilspapstes waren dem Autor bereits gekommen, als er zwischen 1967 und 1971 als katholischer Priester im vatikanischen Sekretariat für die Einheit der Christen arbeitete und dort Einblick in die vatikanischen Archive erhielt. In neunjähriger Arbeit spürte er, in diversen Ländern, unausgewertetes historisches Quellenmaterial auf, und am Ende war ihm klar, daß der Vatikan durch eine "gelenkte Geschichtsschreibung die wirklichen Geschehnisse" überdeckt hatte.
Pius IX. hatte längst vor dem Ersten Vatikanischen Konzil, so fand Hasler heraus, die Katholiken in zwei Gruppen eingeteilt: Befürworter und Gegner der Unfehlbarkeit; die einen hofierte. die anderen haßte er. Seine Gegner waren für ihn "verrückt" (wie der Bischof Dupanloup von Orléans), "im Kopf krank" (wie der päpstliche Hofprediger Erzbischof Puecher-Passavalli), "eingebildet" (wie der Wiener Kardinal Rauscher) oder "Ignoranten" (wie der Kölner Erzbischof Melchers).
Die Unfehlbarkeit des Papstes abzulehnen, so ließ Pius ausstreuen, sei ein Zeichen von Torheit, Unvernunft, Haß und Gewalttätigkeit. Und wenn sich dennoch einer gegen ihn stellte, wurde er wütend, fuhr den Glaubensbruder an oder rüttelte ihn an der Schulter wie den 48jährigen griechisch-melkitischen Patriarchen Jussef.
Nicht viel besser erging es dem Präfekten des Päpstlichen Geheimarchivs, dem Oratorianer-Pater August Theiner. Als dieser die freiheitliche Geschäftsordnung des Konzils von Trient (1545 bis 1563) aus dem Archiv holen ließ, um sie mit der restriktiven Geschäftsordnung des Vatikanischen Konzils zu vergleichen, ließ der Papst ihn rufen. In einem Wutausbruch zwang Pius den Pater buchstäblich in die Knie und erklärte ihm, er sei entlassen. Sogleich nach der Audienz mußte Theiner die Archiv-Schlüssel abgeben. Und weil der Papst "befürchtete, der Archivar werde sich die Schlüssel nachmachen lassen, ließ er die direkten Zugänge von Theiners Wohnung zum Geheimarchiv eilends vermauern.
Immerhin, Theiner überstand die Audienz lebend, was Hasler nicht für alle Besucher Pius IX. gelten läßt. Pen Kardinälen Santucci und D'Andrea, dem Dekan der päpstlichen Antikammer, Traversari, und dem päpstlichen Zeremonienmeister schlugen die Zornausbrüche Pius IX. so aufs Gemüt, daß sie nach den Audienzen an Herzversagen starben.
Bis zur Schlußabstimmung hatte Pius IX. ganze Arbeit auf dem Konzil geleistet. Zwar leugnete er öffentlich stets ab, an der Dogmatisierung der Unfehlbarkeit sonderlich interessiert zu sein, tat aber insgeheim alles in seiner Macht Stehende, um eine Dogmatisierung zu erreichen.
Er kujonierte seine Gegner, auch seinen vermutlich eigenen Sohn, den Dominikaner-Kardinal Filippo Maria Guidi. Er bestellte sich Zeitungsberichte, Unterschriftenaktionen und Hirtenbriefe zugunsten der Unfehlbarkeit, so daß der Eindruck entstand, die Katholiken wünschten eine Dogmatisierung.
Widerspenstige Bischöfe setzte er unter Druck und drohte ihnen gar mit Absetzung (fast die Hälfte der 700 Konzilsbischöfe war vom Papst finanziell abhängig). Er erließ ohne Befragen der Bischöfe eine Geschäftsordnung des Konzils, die eine sachliche Diskussion von vornherein unmöglich machte, und ließ sämtliche Konzilskommissionen von Befürwortern der Unfehlbarkeit besetzen, obwohl die Unfehlbarkeitsgegner unter den Bischöfen nahezu die Hälfte aller Katholiken vertraten.
Das Ergebnis war danach: Bei der Schlußabstimmung am 18. Juli 1870 stimmten von den 535 anwesenden Prälaten 533 mit Ja, zwei mit Nein. Die übrigen 200 Bischöfe, die vor der Abstimmung größtenteils aus Protest abgereist waren, stimmten binnen eines Jahres ebenfalls alle, auf den Druck des Papstes hin, nachträglich zu.
Für viele Bischöfe wurde das Konzil auf diese Weise zum Trauma ihres Lebens. "Ich gehe nicht mehr zum Konzil", schrieb der französische Bischof Dupanloup in sein Tagebuch, "die Gewalttätigkeit, die Unverschämtheit und noch mehr die Falschheit, Eitelkeit und dauernde Lüge halten davon fern." Der Erzbischof Ginoulhiac von Lyon stöhnte: "Der Papst verschlingt uns." Und Bischof Domenec von Pittsburgh meinte verbittert: "Wir müssen essen. was wir erbrochen haben."
Aber während der Bischof Lecourtier von Montpellier seine Konzilsdokumente in den Tiber warf, bevor er abreiste, jubelten die Unfehlbarkeits-Anhänger des Papstes. Der Generalvikar von Nimes, Emmanuel d'Alzon, war von der Heiligkeit Pius" IX. so überzeugt, daß er dessen Wäsche zu Heilungszwecken verschickte und dem Papst auch sonst Wunderkraft zutraute. Der evangelische Theologe Gregorovius urteilte damals in Rom allerdings über den Papst ganz anders: "Ich glaube wirklich, daß er verrückt ist."
Zu dieser Ansicht kommt auch der Papst-Historiker Hasler. Der päpstliche Mystizismus, die Gefühlsverflachung. die Wutausbrüche, der Starrsinn, die Fixierung auf das eigene Ich und der offensichtliche Verlust an Realitätssinn -- dies alles weise, unabhängig von einer seit Pius" Jugendzeit immer wieder aufbrechenden Epilepsie, auf eine schwere seelische Störung, auf Paranoia, hin.
Fachleute, denen Hasler die Historie vorlegte, urteilten eindeutig. Professor Paul Matussek von der Max-Planck-Gesellschaft: "Das unterbreitete Material läßt auf eine abnorme Persönlichkeit schließen, wobei ohne nähere Kenntnis der Krankengeschichte nicht zu entscheiden ist, ob die abnormen Züge mit dem Krampfleiden (Epilepsie?) oder anderen, mehr psychogenen Ursachen zusammenhängen."
Professor L. J. Pongratz, Vorstand des Instituts für Psychologie der Universität Würzburg, konstatierte: "Zum Teil handelt es sich wohl um Folge- und Begleitumstände der Epilepsie, andere Symptome würde man unter dem schizophrenen Formenkreis rubrizieren."

DER SPIEGEL 38/1977
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