12.09.1977

ÖSTERREICHMozarts Zigarettenkiste

Salzburger Bürger ziehen, angeführt von Filmbösewicht Herbert Fux, gegen ihre Stadtväter in den Wahlkampf. Sie wollen vor, Salzburg retten, was noch zu retten ist.
Weltoffene Fürsterzbischöfe und ausländische Baumeister schufen mit Salzburg eine der schönsten Städte der Welt. "Dann aber schlugen die Satzburger Politiker zu", giftet Schauspieler Herbert Fux, ein Wahl-Salzburger aus Hallein -- Salzburg wird einbetoniert.
Der österreichische Gangster-Darsteller ist zur guten Tat entschlossen: Er möchte den "Salzburger Amoklauf in die Häßlichkeit" stoppen und der "heimischen Bau-Mafia endlich beibringen, daß sie diese Stadt nicht total vermarkten darf". Dazu mobilisiert er neben gleichgesinnten Mitbürgern die Salzburg-Freunde in aller Welt.
"Ohne Druck von außen ist da nichts zu machen", meint Fux. Er mag recht haben. Die Salzburger Stadtoberen, so scheint es, sind allzeit mehr um die Zerstörung als die Erhaltung des "deutschen Rom" besorgt gewesen.
Architektonisch vollendet lag die Salzach-Metropole im 19. Jahrhundert da -ein gelungenes Ensemble aus herrschaftlichem Barock und bourgeoisem Winkelwerk. Alexander von Humboldt fand ihre Schönheit einzig mit Neapel und Konstantinopel vergleichbar.
"Selbst Gott erschrak vor soviel Perfektion", lästert ein Witz, den man in Salzburg ungern hört. "Um die Bewohner anderer Städte nicht zu vergrämen, sann er auf Abhilfe. Er dachte an Pest, Erdbeben, Feuersbrünste. Doch schließlich fiel ihm ein: Alles nicht nötig. Es gibt ja ohnehin die typischen Salzburger."
Erstmals machte sich der "waltende Ungeist" (Fux) Anno 1900 bemerkbar. Im Gemeiderat ging es damals allen Ernstes um den Abbruch der Feste Hohensalzburg zwecks Gewinnung von Bausteinen für die Salzach-Regulierung. Das Wahrzeichen wurde durch eine Stimme Mehrheit gerettet.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte der Salzburger Gemeinderat zwei Drittel aller alten Häuser des Stadtkerns um Mozarts Geburtshaus in der Getreidegasse niederreißen lassen. Wieder war es bloß ein Mann, der dies verhinderte -- der Burgenländer Hans Sedlmayr. Gestützt auf internationale Proteste, drückte er ein Altstadt-Erhaltungs-Gesetz durch.
Es half nicht. Denn während im sowjetisch besetzten Osten Österreichs noch Friedhofsruhe herrschte, ließ sich im US-Besatzungsgebiet Salzburg nieder, was Fux die "Bau-Mafia" nennt. Nirgendwo sonst in Österreich wurde ähnlich hektisch drauflosbetoniert. Noch heute sitzen im Land Salzburg (gut 400 000 Einwohner) 332 Baufirmen, 120 Architekten und 58 Siedlungsgenossenschaften.
Den Anfang machte das "Hotel Europa" neben dem Bahnhof, wobei sich sogleich die Methode zeigte: lOstöckig geplant, widersprach es allen behördlichen Regeln. Doch die geltenden Verordnungen über Bauhöhen wurden in einer überraschend angesetzten Nachtsitzung des Gemeinderats aufgehoben. "Und als sich die übermüdeten Stadtväter" -- so der Salzburger Feuilletonist Erik Graf Wiekenburg -- "einige Monate später die Augen neben, glaubten sie ihnen nicht zu trauen, denn das Gebäude überschritt die nunmehr festgelegte Linie nochmals um zwei Stockwerke."
"Mozarts Zigarettenkiste", wie Spötter das Ungetüm nannten, zerstörte die berühmte Salzburger Silhouette so schlagartig, daß fortan eigentlich alles gleichgültig schien. Hochhaus um Hochhaus kam dazu, ob in den Stadtteilen Parsch, Aigen, Itzling, Normtal oder Schallmoos, überall bissen sich Betonsilos in die Landschaft.
Im Naturschutzgebiet des Rainbergs mit seiner Steppenvegetation entstand das Akademische Gymnasium, im Mönchsberg die Parkgarage, ein "abscheulich schlecht maskierter Rangierbahnhof" (Sedlmayr). Am Rand des Mirabellgartens die "Bausünde Borromäum, die das einmalige Schloß- und Parkensemble ruinierte" (die "Wochenpresse").
"Die Wohnbauleistung Salzburgs steht an einsamer Spitze in Österreich", brüstet sich dagegen Bürgermeister Heinrich Salfenauer. Das ist wahr. Im Österreich-Durchschnitt werden pro Jahr 6,6 neue Wohnungen auf 1000 Einwohner gebaut. In Salzburg dagegen 15,1. In der 138 000-Einwohner-Stadt gibt es derzeit etwa 5000 leere Eigentumswohnungen -- sie kosten so viel, daß niemand sie kaufen will. An die 8000 Appartements sind jährlich höchstens vier Wochen belegt.
Resultat: Aus der "schönen Stadt" Georg Trakls wurde "die häßliche Stadt" ("Salzburger Nachrichten"). Der gesetzlich geschützte alte Kern macht nur noch ein Zehntel aus. Die übrigen neun Zehntel sind ein heilloses Durcheinander von Industrie- und Wohnbauten, "zum Teil erst zehn Jahre alt und heute schon Slum" (Fux).
Weiteres Resultat: Der Fremdenverkehr, wichtige Stütze des Salzburger
* Verbautes Borromäum am Mirabellgarten.
Wohlstands, geht zurück. Innerhalb von fünf Jahren sank die Zahl der Fremdennächtigungen um 18 Prozent. In der lärmigen Innenstadt kann der Tourist nicht wohnen, in den öden Vororten will er nicht wohnen. Berechtigte Frage im Gästebuch eines der vielen Neuzeit-Hotels, welche die alten Bauernhöfe abgelöst haben: "Erst geht die Kuh, dann der Gast -- wen soll man da noch melken?"
Als Deutschland-Heimkehrer Herbert Fux 1975 von der Autobahn auf Salzburg niederblickte, erlitt er den Schock seines Lebens und handelte. Er sammelte in Salzburg Unterschriften. insgesamt 40 000. Er vergatterte ausländische Salzburg-Fans diverser politischer Richtungen (ein und dieselbe Aktion unterschrieben sowohl die Rechten Franz Josef Strauß und Otto von Habsburg wie auch die Linken Dietmar Schönherr und Robert Jungk).
Die Protestbürger verbuchten Teilerfolge, einige Betonburgen wurden nicht gebaut, einen entscheidenden Sieg errangen sie bisher nicht. "Schuld daran ist das spezifische Salzburg-Syndrom", behauptet Fux. Damit meint er weniger die Stadtoberen ohne Geschichtsbewußtsein als die mächtige Lobby jener Bauunternehmer, die zugleich politische Posten haben.
Österreichs drei Parlamentsparteien -- die ÖVP mit dem Salzburger Landeshauptmann, die SPÖ mit dem Bürgermeister und die FPÖ als Zünglein an der Waage -- richten an der Salzach alles einstimmig unter sich. Fux: "Hier wäscht eine Hand die andere und alle bleiben schmutzig."
Ämterkumulation und -kollision gehören in Salzburg zur Regel. SPÖ-Gemeinderat Architekt Helmut Till beispielsweise ist sowohl Vorsitzender des städtischen Bau- und Liegenschaftsausschusses wie auch Geschäftsführer der Wohnbaugenossenschaft GSWB.
ÖVP-Gemeinderat Bruno Oberläuter ist Mitglied des städtischen Bauausschusses und Obmann der Wohnbaugenossenschaft "Salzburger Siedlungswerk".
FPÖ-Vizebürgermeister Waldemar Steiner besitzt ein Notariat, "wo die Möglichkeit besteht, Notariatsakte über Grundstücksgeschäfte in Salzburg abzuwickeln" (so das Wiener "Profil" in gekünsteltem Understatement).
Hans Zyla schließlich, als Obmann der "Unternehmensgruppe Wohnungseigentum-Bautreuhand" Salzburger Baulöwe Nummer 1, steht ganz oben in der Partei- und Geldhierarchie: Zugleich Stadtparteiobmann der ÖVP, Dritter Präsident des Salzburger Landtags und Vorstand der Salzburger Sparkasse, kann er an allen entscheidenden Schalthebeln drehen. "Dabei ist er vor Jahren mit einem Pappkoffer und nix drin hierher gezogen", erinnern sich alte Salzburger.
Bisher sorgen die kleinkarierten Nachfahren der weltoffenen Fürsterzbischöfe dafür, daß ihnen niemand in die Karten schaut. "Man sieht nichts, man hört nichts, man merkt nur die Folgen", charakterisiert Fux das besondere Salzburger Klima.
Wichtige Beschlüsse fallen stets in den Ausschüssen. Bei Einstimmigkeit dringt nichts nach außen. Die Öffentlichkeit muß nur im Fall einer Gegenstimme informiert werden -- praktisch nie.
Das soll in Zukunft anders sein. Fux und seine Mitstreiter haben eine eigene Partei gegründet. Bei den Gemeinderatswahlen vom 2. Oktober hoffen die "Vereinigten Bürgerinitiativen" Salzburgs auf vier der insgesamt 40 Mandate.
Mehr brauchen sie nicht. "Schon mit vier Mandaten sitzen wir in allen Ausschüssen und dürfen nein sagen", begründen sie ihr beschränktes Verhältnis zur Macht. "Dann ist Schluß mit der großen Salzburger Packelei."

DER SPIEGEL 38/1977
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