12.09.1977

FERNSEHENWarme Menschen

In einer 13teiligen Serie will das ZDF die „deutsche Nationalgeschichte“ veranschaulichen.
Den deutschen Schülern ist sie, als klassisches Paukfach, oft genug "nur eine Last". Auf den Universitäten verkümmert sie unter ungebührlich "starken neomarxistischen Einflüssen" -- mit linker Theorie beladen. "öd und entmenschlicht", ist die Geschichte schlicht "langweilig geworden".
So denkt der Hamburger TV-Historiker Wolfgang Yenohr, 52, und er weiß, (laß diese Art "blutleerer" Geschichtsbetrachtung "zu furchtbaren Frustrationen geführt hat". Aber Yenohr, Chefredakteur der Produktionsfirma stern tv", kennt ein Heilmittel: Geschichte, sagt er, wird zur Lust, wenn sie "an lebendigen, warmen Menschen festgemacht", wenn sie "entstaubt und personalisiert" wird. Und deshalb bringt Venohr dem Bildschirmvolk jetzt Deutschlands "große Männer und große Bösewichte" nah.
Für das ZDF hat er eine "komplette deutsche Nationalgeschichte" verfaßt, die den Bundesdeutschen endlich ihre historische "Identität wiedergeben" soll. In 13 Serienfolgen ä 50 Minuten durchmißt er fünf Jahrhunderte -- von
* Volker Eckstein als Friedrich der Große in der Folge "Zwei Schwerter in der Hand".
Luther und den Bauernkriegen über Wallenstein, den Alten Fritz, Napoleon und Metternich, über Bismarck, den Weltkrieg-Kaiser Wilhelm II. bis hin zu Hitler, Ulbricht und Adenauer. Vom kommenden Sonntag an, vierzehntäglich zum passablen 21.15-Uhr-Termin, entrollt der Mainzer Kanal (zunächst drei Folgen) "Dokumente deutschen Daseins".
Unter dem gestelzt-abschrcckenden Serientitel verbirgt sich zum Glück kein dröges, dozierendes Gelehrten-Feature. Venohr hat sein Geschichtswerk mit allerlei Folklore-Musik belebt, gut gemeinte, aber mitunter reichlich plumpe Spielszenen eingeblendet und -- als Clou -- zwei umgängliche Herren engagiert, die Historie "als Streitobjekt" präsentieren: In jeder Folge diskutieren, jeweils 18 Minuten lang, der unvermeidliche Sebastian Haffner und der Erlanger Professor Hellmut Diwald.
Im ersten Serienfilm ("Mut, Mut, ihr Deutschen!") entzündet sich die Kontroverse an der Rolle Luthers in den Bauernkriegen. Der Reformator, meint Journalist Haffner, sei die "wirklich geschichtsmachende" Kraft im 16. Jahrhundert gewesen, "nicht die Bauern". Luther, räumt Diwald ein, "hat den Deutschen das Denken beigebracht", aber er habe sich als "der neue Papst aus dem Norden" gebärdet und sei "nie für die soziale und politische Freiheit" eingetreten. Haffner insistiert: "Ich lasse mir meinen Luther nicht verderben."
In der Folge 2 ("O, wie hat gehaust der Tod") bemüht sich Wallenstein-Biograph Diwald, den kaiserlichen Feldherrn vom Ruch des "Abenteurers und Hochverräters" zu befreien. Haffner trotzt: Wallenstein "hat aber für den Kaiser eine Politik machen wollen, die der Kaiser nicht machen wollte". An dieser "Halbheit ist er gescheitert". Ferdinand II., den beide Disputanten ungerecht als "kleinkarierten Kaiser der Gegenreformation" abtun, "mußte ihn durch Mord loswerden".
Mit solch anregenden, auch Laien verständlichen Expertengesprächen will Chronist Venohr seine Zuschauer "zum persönlichen Engagement" animieren. Willkommen, sagt er, wäre ihm als Diskussionsteilnehmer auch ein linker Historiker gewesen.
Immerhin hätten Marxisten die faktengläubige, heldenfixierte bürgerliche Geschichtswissenschaft "zunächst durchaus bereichert". Doch den Plan, Rudi Dutschke als Redner einzuladen, ließ er rasch wieder fallen, weil ihm Dutschke". "Soziologen-Deutsch und Polit-Chinesisch" womöglich das Publikum vergrault hätte. Beim ZDF, das weiß auch Venohr' hätte er mit diesem Vorschlag eh nicht landen können: "Dann wäre das Projekt bestimmt sofort abgeblasen worden."
Aber auch mit den Liberalen Haffner und Diwald hat sich das ZDF dieser verdienstvollen Nationalgeschichte nur sehr halbherzig angenommen. Anstatt die Serie en Suite ZU zeigen, wird sie -- häppchenweise, mit langen Sendepausen -- bis ins Frühjahr 1979 dargeboten.
Historisches Bewußtsein läßt sich mit solchen Sendepausen sicher nicht entwickeln.

DER SPIEGEL 38/1977
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