20.06.2005

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTELebenslang, immer wieder

Warum in den USA ein Dieb härter als viele Mörder bestraft wurde
Als Junior Allen in sein neues Leben tritt, sind seine Hände leer. Er trägt keine Tasche, keinen Koffer. Es gibt keinen Grund, etwas mitzunehmen. Die Dinge des Alltags wird er sich kaufen, und Erinnerungsstücke braucht Allen nicht. Die Zeit, die hinter ihm liegt, will er so schnell wie möglich vergessen. Und auch den Ort, das Gefängnis von Hillsborough, plant er aus seiner Erinnerung zu tilgen. Allen geht ein paar Schritte, durchquert das Tor des Gefängnisses und tritt hinaus ins Freie.
Vor dem Gefängnis auf dem Parkplatz wartet Richard Rosen auf ihn. Rosen ist Juraprofessor an der Universität von North Carolina, ein schmaler Mann mit feiner Brille, der die Mängel des US-Justizsystems seit langem kennt und sich immer noch über sie aufregen kann. Allen nennt Rosen "einen Freund". Rosen ist auch sein Anwalt.
Außer Rosen wartet auf dem Parkplatz noch ein junges Paar mit einem Wagen. Sie gehören zu einer der Unterstützergruppen, die sich im Land gebildet haben, um Allens Haft zu beenden. Allen ist nicht nur ein Mann, dem die Justiz übel mitgespielt hat, er ist auch ein Symbol für die Fehler des Systems.
Allen geht auf Rosen zu und dankt ihm. Die beiden Männer versprechen einander, in Kontakt zu bleiben. Dann steigt Allen in den Wagen des jungen Paars. Es hat sich bereit erklärt, ihn zur Staatsgrenze zu fahren. Allen will North Carolina so schnell wie möglich verlassen, und er hat nicht vor, zurückzukehren in diesen Bundesstaat, in dessen Gefängnissen er 35 Jahre zubrachte, weil er einen Fernseher gestohlen hatte.
Es geschah im Jahr 1970, im Johnston County, einem Landkreis, damals bekannt als "Ku-Klux-Klan-Land". Allen schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, auf Baustellen, in Speditionen. Die Arbeit war hart, der Lohn gering, und Allen glaubte, dass ihm mehr zustand als das Wenige, was er sich auf ehrliche Weise verdienen konnte. Eines Nachts, er ging allein durch die Straßen, sah er eine offene Haustür. Er trat ein, suchte Wertvolles und entdeckte einen Fernseher. Er zog den Stecker und nahm ihn mit.
Das Gerät gehörte Lessie Johnson, einer 87 Jahre alten Dame. Am nächsten Morgen alarmierte sie die Polizei. Johnston County besaß damals nur wenige befestigte Straßen, und keine war nahe dem Haus von Lessie Johnson. Die Beamten brauchten nur den Fußspuren zu folgen.
Allen war geständig, eine Jury sprach ihn schuldig. Ein Richter, sein Name ist James Pou Bailey, verurteilte Allen zu lebenslanger Haft. Sein Opfer war weiß und eine alte Frau. Allen ist schwarz, fast zwei Meter groß und war vorbestraft wegen Diebstahls und Körperverletzung. Er hatte sich die falsche Ecke des Landes für seinen Diebstahl ausgesucht.
Im Gefängnis arrangierte sich Allen mit seinem Schicksal und den Umständen. Er stand morgens um sechs Uhr auf, frühstückte, ging arbeiten. In der gefängniseigenen Wäscherei, in der Küche, der Werkstatt. Manchmal gab es keine Arbeit, dann starrte Allen an die Wand und hoffte auf das Jahr 1978. In diesem Jahr konnte er zum ersten Mal auf Bewährung entlassen werden. So sah es das Gesetz vor.
Nach acht Jahren Haft fand er in seiner Post ein Schreiben der Bewährungskommission. Seine vorzeitige Entlassung war abgelehnt worden. Sein Verhalten lasse sie nicht zu. Richard Rosen, Allens Anwalt, nennt das "Unsinn". Allen sei ein durchschnittlicher Häftling gewesen.
Auch im nächsten Jahr wurde Allen die Bewährung verweigert. Und im übernächsten und auch in den darauffolgenden Jahren. Insgesamt erhält Allen in 26 Jahren 26-mal Post von der Bewährungskommission und immer lautet das Urteil: abgelehnt.
Nie hat er in dieser Zeit ein Mitglied der Kommission gesprochen, entschieden wurde nach Aktenlage.
Mörder zogen später ins Gefängnis ein als der verzweifelte Dieb und früher wieder aus. Nicht einer, nicht zwei, sondern über 1000 allein in North Carolina.
Diese Zahl stammt von Richard Rosen, Allens Anwalt, der das Ganze "einen Skandal" nennt. Die Mitglieder der Kommission sagen nichts dazu, sie bleiben stumm, als seien sie bei einem peinlichen Fehler ertappt worden, den sie totschweigen wollten.
Das wäre ihnen wohl auch gelungen, hätte sich nicht ein Staatsanwalt über den Fall empört und Richard Rosen überredet, Allens Anwalt zu werden. Das geschah vor drei Jahren. Seither stellte Rosen Anträge, gab Interviews und bat um einen Termin mit einem Mitglied der Kommission. Er wurde ihm, nach langem Zögern, gewährt. "Wir durften unsere Argumente vortragen", erinnert sich Rosen, "dann mussten wir gehen. Mit uns geredet hat man nicht." Rosen setzte seine Kampagne zur Befreiung von Junior Allen fort.
Schließlich gaben die Mitglieder der Kommission nach. Die ständigen Berichte in Fernsehen und Zeitungen zwangen sie dazu. Allen wurde freigelassen. Seine Bewährungszeit setzte man auf fünf Jahre fest.
Heute lebt Allen bei seiner Schwester in Georgia. Er will ihr nicht zur Last fallen, deshalb sucht er einen Job. Aber das sei nicht leicht, sagt er, er sei nicht mehr so fit wie früher.
Allen ist jetzt 65 Jahre alt. Er war nie verheiratet. Er hat keine Kinder.
UWE BUSE
Von Buse, Uwe

DER SPIEGEL 25/2005
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