20.06.2005

LITERATURDefektes Leben

Fast die ganze Tragödie der Heldin dieses Buches offenbart sich in den schlichten Sätzen, mit denen sie sich einmal selbst anklagt: "Ich bin keine Mutter. Ich war keine Mutter. Ich war die, die ihn zur Welt gebracht hat. Die ihm den Tod gebracht hat." Die Sache ist die: Susanne Harms hat ihrem Sohn einen Gendefekt vererbt, Auslöser einer fast ausschließlich von der Mutter übertragenen und nur bei männlichen Nachkommen auftretenden Form des Muskelschwunds, die unweigerlich zum Tod in jungen Jahren führt - und weil sie mit diesem Los nicht fertig wurde, hat die Frau ihr Kind früh weggegeben. "Glückstadt", der Roman der Autorin Gabriela Jaskulla, 42, erzählt davon, wie die unglückliche Mutter ihrem Sohn hinterherforscht, nachdem er im Alter von 21 Jahren einen bizarren Tod gestorben ist: Der Junge war Insasse eines Pflegeheims und hat einen Betreuer überredet, ihn in blauen Plastiksäcken eingewickelt in einen Müllcontainer zu legen; dort ist er erstickt. In Jaskullas Buch (das durch einen realen Fall angeregt wurde, aber ansonsten dichterische Freiheit für sich reklamiert) kommt dieser körperlich kranke, hochintelligente Junge postum ausführlich zu Wort: Seine Mutter findet tagebuchähnliche Dateien auf seinem Computer, in denen er ohne Selbstmitleid und oft sehr aufgedreht beispielsweise über den Sex mit der Prostituierten Patty berichtet - er schwärmt von "Brüsten, die mir entgegenkommen" und Pattys "professioneller Rücksicht, die etwas Rührendes hat". Es sind oft ergreifende, oft peinigende Beschreibungen über das Leben und Sterben Schwerbehinderter, die Jaskulla in "Glückstadt" aneinander reiht. Sie machen die Qualität dieses Buchs aus - und manch kolportagehafte Tiraden wett, in denen die Hauptfiguren über die Kunst großer Komponisten, mittelalterliche Deckengemälde oder die Politik Helmut Kohls räsonieren. Und natürlich bekennt sich die Heldin am Ende zu ihrer Mutterrolle und ihrem toten Kind: "Er war krank, und ich war schwach."
Gabriela Jaskulla: "Glückstadt". Btb Verlag, München; 336 Seiten; 19,90 Euro.

DER SPIEGEL 25/2005
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