20.06.1977

SCHRIFTSTELLER

Klägliches Vaterland

Von Becker, Rolf

Rund 700 Briefe schrieb der Dichter Benn an den Kaufmann Oelze. Die Korrespondenz, die vor allem Benns Stellung im Dritten Reich dokumentiert, wird jetzt erstmals veröffentlicht.

Von mir", behauptete einst Gottfried Benn, "werden einmal keine Briefe auftauchen wie von Rilke -- ich bin kein Briefschreiber."

Das war nicht nur eine der kokettmelancholischen Übertreibungen des Dichters (1886 bis 1956), der mit seinem Verszyklus "Morgue" 1912 den literarischen Expressionismus mitbegründet hat und dessen CEuvre zu den Hauptwerken der deutschen Literatur-Moderne gehört.

Briefe wie von Rilke, auf spätere Veröffentlichung hin stilisierte Epistein, hat Benn tatsächlich kaum geschrieben. Ein Briefschreiber, fruchtbar und ausdrucksstark, war er gleichwohl -- das zeigte schon eine postum erschienene Brief-Auswahl, und das demonstriert bedeutungsvoller noch die jetzt, über 20 Jahre nach seinem Tod, auftauchende Korrespondenz mit einem einzelnen Partner: "Briefe an F. W. Oelze".

Der Limes-Verlag wird diesen Briefwechsel, rund 700 Schreiben aus den Jahren 1932 bis 1956, der "aufgrund von testamentarischen Bestimmungen" nicht früher erscheinen konnte, in zwei Bänden publizieren; der erste soll Mitte Juli in den Handel kommen -- er reicht bis zum Kriegsende 1945**. Angefangen hatte es mit einem Brief, in dem der (heute 86jährig in Bremen lebende) Großkaufmann und Jurist Friedrich Wilhelm Oelze dem Berliner Dichter und Arzt Dr. Gottfried Benn seine Bewunderung für dessen Essay über "Goethe und die Naturwissenschaften" mitteilte und um ein Gespräch bat. Benn dankte und lehnte ab: "Eine mündliche Unterhaltung würde Sie enttäuschen. Ich sage nicht mehr, als was in meinen Büchern steht."

Die Beziehung, entwickelt sich dennoch rasch, wird auch durch persönliche Begegnungen vertieft. Man findet sich in gemeinsamer Zeit- und Zivilisationskritik" in gemeinsamer Hochschätzung Goethes und Nietzsches.

Benn erläutert dem Briefpartner seinen fundamentalen Geschichts- und Fortschrittspessimismus, seine Auffassung vom tragisch-elitären Rang des Geistes und der Kunst: "Der Gedanke und das Wort kam ja nicht in die Welt, um die Wissenschaft und den Sozialismus und die Krankenkassen zu rechtfertigen, sondern als die furchtbarste Waffe ... dem waffenlosen Menschen in der grausamsten aller Welten zu helfen ... Davon ein Rest blieb in der Kunst ... im Ausdrucksdenken."

Es ist jene ästhetizistische, antipolitische Benn-Philosophie, die den Dichter 1933, "für eine geschichtliche Sekunde" (Oelze), politisch verhängnisvoll irren und auf den Nationalsozialismus

* In seiner Berliner Praxis, 1928.

** Gottfried Benn: "Briefe an F. w. Oelze 1932 bis 1945". Limes Verlag, München; ca. 350 Seiten; ca. 38 Mark,

als eine abendländische Erneuerungsbewegung setzen ließ. Die Oelze-Korrespondenz gibt kein Zeugnis vom NS-Sympathisanten Benn, wohl aber davon, wie rasch und radikal er dieser Sympathie absagte -- schockiert durch die Röhm-Affäre 1934 und freilich besonders durch die spezifische Intellekt- und Kunstfeindlichkeit der Nazis.

1934 schreibt er ironisch vom "vorigen Jahr, als noch soviel Glaube, Liebe, Hoffnung war ... Heute würde ich schreiben: "die Fresse von Cäsaren und das Gehirn von Troglodyten"". Er mokiert sich über die "Volksgemeinschaft" und über NS-Barden wie Hans Friedrich Blunck. 1935 konstatiert er: "Die Trennung der Geister ist vollzogen, selbst Furtwängler erkrankt daran, und er verträgt doch viel."

Benn berichtet 1936, informiert durch einen Bekannten aus dem Ministerium Rust, daß "gegen die moderne Kunst jetzt die schärfste und schroffste Ton- und Gangart eingeschaltet wird ... Zum Ausgleich erhält Gründgens das Schloß Bellevue für sich und seine Frau (Marianne Hoppe) als Wohnung hergerichtet ... Während sein ehemaliger Schwiegervater Th. M. (Thomas Mann) jetzt definitiv ausgebürgert wird bzw. schon ist". Und er gibt Oelze zu verstehen, "daß es doch vielleicht opportun sei, unsere Korrespondenz durch Feuer oder Wasser unschädlich zu machen".

Zu dieser Zeit ist ihm Oelze schon "die einzige Bekanntschaft aus einem Jahrzehnt, die mir wertvoll geworden ist". "Sie machen sich nicht klar", schreibt Benn, der sich 1933 gegen die "literarischen Emigranten" ausgesprochen hatte, "wie völlig isoliert ich bin, ohne jede Beziehung geistiger Art zu meiner Umwelt. Meine Umwelt ist z. Z. nicht in diesem Land."

Er legt den Briefen an Oelze neue Gedichte bei, schickt ihm Manuskripte zur Aufbewahrung. Die Briefe sind voller Hinweise auf die Entstehung von Benn-Werken wie "Weinhaus Wolf" oder "Ausdruckswelt", ja, enthalten manchen "Keim und Setzling" (Benn) dieser Werke.

Und sie funkeln von Apercus im besten bösen Benn-Stil: Bei Ernst Jünger bemerkt er "enorm viel inneren Kitsch" und "mehr Vorwölbung und Blähung als Front". Luther erscheint ihm als "einer der größten Vernichter des besseren Deutschtums, Zerstörer der großen mittelalterlichen Kultur, dreckiger Niedersachse: Gewissensbisse an Stelle von Formproblemen".

An seinem Heros Nietzsche verspottet er dessen "immer "symbolische"" Sexualität: "Wenn man gleich an den Beginn einer Beziehung den coitus setzt, gibt es keine Neurosen. Aber wenn man erst mit Amoretten, Cupidos und ähnlichen Gartengöttern operiert und ihn erst am Schluß der Allee erblickt, ergibt es Neuralgien in bestimmten Körperteilen ...

Dem hanseatischen Patrizier Oelze, dessen weltmännische Eleganz der auch als Arzt nie zu Wohlstand gelangte Benn bewundert und dessen gelegentliche Liebesgaben -- Rum, Kaffee, "Klaben" -- er dankbar genießt, enthüllt er sogar Intimes: "Eine irdische und eine himmlische Liebe ... beide wissen nichts voneinander ... Bei Irdisch war ich vorletzten Sonntag. War nett. Auf Himmlisch habe ich momentan keine Lust."

Die Briefe an Oelze halten fest, wie Benn 1935 als Militärarzt in die Wehrmacht "emigriert" und unter deren "Fittichen" einen wüsten Angriff der SS-Zeitschrift "Das Schwarze Korps" auf ihn ("Ferkel", "warmer Bruder", "Judenjunge") übersteht; wie er 1938 aus der "Reichsschrifttumskammer" ausgeschlossen wird; wie sich seine Isolation, seine "große Schwermut", seine Untergangs-Melancholien steigern und oft in schiere Schmähungen ausbrechen: "Satt habe ich den Dreck, den deutschen Dreck ... Dies Volk ist zweitklassig ... Ein klägliches Vaterland!"

Anfangs erhofft er sich vom Eintritt in die Wehrmacht außer Schutz und Versorgung auch noch Gewinn für seine Dichter-Existenz: "Es ist der Versuch, ob aus diesem Milieu, dieser Art des Lebens ... für mich neue Einstellungen, Ausdrucksmöglichkeiten kommen. Kelter!" Er schätzt in der Armee die "kalte Atmosphäre des Unpersönlichen", findet sie "beinah bequem".

Doch bald schon klagt er nur noch: "Es geht mir viel elender, als ich dachte. Ich mag die Uniform absolut nicht." Und 1940: "Im übrigen ist meine Dienststellung sehr schwer zu ertragen: zwischen lauter subalternen, erlebnislosen, strammen, kahlen Sachbearbeitern eine isoliert schweigsame Existenz."

Seine "Dienststellung", zeitweise im Oberkommando des Heeres in Berlin ("in der Bendlerstraße 34, auf meiner Galeere"), ermöglicht es ihm, dem Brieffreund gelegentlich Nachrichten und Stimmungen aus höheren Offizierskreisen anzuvertrauen.

Ende Mai 1940 schreibt er an Oelze: "Die nächste Wendung gegen den Osten liegt schon auf der Hand." Schon 1938 -- "Ich persönlich rechne mit Krieg" -- hat er sich Morphium besorgt, "genügend, um den Weiterungen zu entgehen in Explosionen und Luftschutzkellern". Drei Jahre später sieht er die "große Schlacht" kommen und mahnt den Freund: "Besitzen Sie eine gut schließende Gasmaske? Ich frage nicht aus Scherz!"

Im Dezember 1941 berichtet er: "U.S.A. auf höchsten Rüstungstouren und mit der 10-Millionenarmee ... wird die Kriegsentscheidung bringen die Lage an der Ostfront sei "eigentlich schon Napoleon und Beresina". Und Anfang 1942 prophezeit er: "Finis Civitatis Germanicae, von uns allen, dem Bürgertum."

Die letzten Briefe im ersten Band der Oelze-Korrespondenz berichten von der Versetzung des Oberstarztes Benn nach Landsberg an der Warthe, schließlich, Februar 1945, von der Rückflucht nach Berlin: "Im offenen Viehwagen bei 10 Grad Kälte, 12 Stunden dauerte die Fahrt."

In der "fahlen Trümmerstadt am Rande der Hungersnot" erwarten Gottfried Benn und seine (zweite) Frau Herta das Finale, den Russen-Einmarsch: "Wir schlafen auf einem Strohsack ... wir sehn alt und grau aus und leben von trockenem Brot -- der Lebensabend, wie er im Buche steht."

Trotzdem blickte der Dichter auch über den "Schluß" hinaus -- allerdings ohne neue Einsicht, seiner alten Perspektive nibelungentreu: Am 19. März 1945 schrieb er, er wolle in einem Essay "Willkommen den literarischen Emigranten" sagen, daß er "auch rückblickend das Bleiben in Deutschland für das Richtigere halte ... Wer über Deutschland reden und richten will, muß hiergeblieben sein."

Daß er dann nach dem von ihm so überzeugt beschworenen "Finis" in Deutschland erst richtig zu Ruhm und auch kulturbürgerlichen Ehren kam -- trotz mancher Anfeindung gerade wegen seiner Emigrationskritik -, das ist angesichts jener tiefdunklen Finalstimmung (und -lust?) des Doktor Benn nicht ohne historische Ironie.


DER SPIEGEL 26/1977
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