04.07.1977

PARAPSYCHOLOGIEVom KGB kontrolliert

Parapsychologie gilt neuerdings in der Sowjet-Union als Staatsgeheimnis. Das zeigen die Vorgänge um die Festnahme des amerikanischen Journalisten Toth und des russischen Psi-Forschers Petuchow.
Eigentlich hatte Robert C. Toth, Moskauer "Los Angeles Times" -- Korrespondent, nur saure Sahne für eine Familienfeier holen wollen, bei der es auch Kaviar geben sollte. Aber dann wurde unversehens eine mittlere Staats-Affäre aus dem Gang zum Milchmann. Neben vielem anderen trat dabei auch zutage, daß die Sowjet-Union, entgegen allen offiziellen und offiziösen Stellungnahmen, nach wie vor parapsychologische Forschung duldet, wohl auch fördert, auf jeden Fall aber mit großer Wachsamkeit beobachtet.
Toth hatte vor einiger Zeit einen Russen namens Walerij Georgijewitsch Petuchow kennengelernt, der sich ihm, mittels Visitenkarte, als Leiter eines Labors in einem medizinisch-biologischen Staatsinstitut vorstellte. Petuchow erzählte auch über seine wissenschaftliche Arbeit. Er sei bemüht, berichtete er, jene Kraft ausfindig zu machen, welche die Parapsychologen "Psi" nennen, und mit deren Hilfe zum Beispiel Gedanken übertragen oder Gegenstände ohne Handanlegen bewegt werden können.
Soweit Toth sich heute erinnern kann, lief Petuchows Forschung auf die These hinaus, daß bei Zellteilungen "Psi-Partikel" frei würden, deren Energie dann gemessen werden könnte. Am Ende versprach Petuchow, er werde den Amerikaner unterrichten, sobald seine Experimente Erfolg hätten.
Mitte Juni war es offenbar soweit. Toth war gerade-mit dem Sahnetopf in der Hand -- auf dem Weg zur Wohnungstür, als das Telephon läutete.
Petuchow bat um einen Treff, und die beiden verabredeten sich an einer Stelle auf Toths Weg zum Milchladen.
Der Treff verlief jedoch anders als vorgesehen. Wenige Sekunden, nachdem Petuchow dem Amerikaner eine etwa 25 Seiten umfassende Denkschrift überreicht hatte, stoppte ein Sowjet-Fiat am Bordstein. Heraus sprangen fünf Zivilisten und nahmen beide fest. Wenig später befand sich Toth, immer noch den leeren Sahnetopf in der Hand, auf einer Polizeistation.
Sehr bald erschien dort auch ein Herr vom KGB: jung, adrett, blauer Anzug, Sparkin sein Name. Noch später kam ein Herr Michailow dazu. Von der Akademie der Wissenschaften sei er, hieß es. Dieser hatte inzwischen den Inhalt der Petuchow-Denkschrift geprüft.
Sein Urteil über den Text klang unheimlich. Von "Psi-Partikeln" sei darin die Rede. Auch enthalte er "Informationen über die praktische Verwendung solcher Psi-Partikel. Das Material sei geheim; es zeige, "welche Art von Arbeit in einigen unserer Wissenschaftsinstitute getan wird".
Einige Tage sah es für Toth dann auch böse aus. Aber nach gehörigen Protesten der US-Regierung durfte er, wie seit langem beabsichtigt, ausreisen. Warum, so rätselte Toth nach seiner Heimkehr in einem Artikel, ist Parapsychologie für die Sowjets "ein Staatsgeheimnis"? Das ist sie heute in der Tat. Früher war es nicht so, jedenfalls nicht immer.
Parapsychologie wird in Rußland seit einem halben Jahrhundert betrieben, anfangs in aller Offenheit, später mit zunehmender Geheimnistuerei. Offenkundig hat diese immer dichter werdende Geheimhaltung damit etwas zu tun, daß die Sowjet-Wissenschaft nicht ausschließen will, es könnte bislang unbekannte psychische Energien geben, die zum Beispiel der Gedankenübertragung über große Entfernungen dienen könnten.
In dieser Einstellung der Sowjet-Wissenschaft ist wohl auch der Grund dafür zu sehen, daß die sowjetische Regierung, der sowjetische Geheimdienst KGB und die sowjetische Kriegsmarine an Psi interessiert sind. Funktionierende Telepathie könnte für Astronauten, getauchte U-Boote, Spione und andere an Nachrichtenübermittlung interessierte Stellen von großem Nutzen sein.
Der Begründer der modernen sowjetischen Psi-Forschung war der 1966 verstorbene Leningrader Physiologe Professor Leonid L. Wassiljew. Er veranstaltete schon Anfang der dreißiger Jahre telepathische Experimente über große Entfernungen, darunter jenen spektakulären Versuch, in dessen Verlauf es einem in Sewastopol postiertem Arzt gelungen sein soll, ein in Leningrad befindliches Medium mittels Suggestion zum Einschlafen und Aufwachen zu bringen.
Wassiljews, offenkundig amtlich gebilligtes, Ziel war, die Gehirn-Elektrizität nachzuweisen, die nach seiner Meinung als Transportmittel für Gedanken dienen kann. Eingestandenermaßen gelang es ihm jedoch nicht, die elektromagnetischen Felder zu finden.
Ebensowenig Erfolg hatte er bei der Erklärung von Psychokinese. Dabei war er im Verlauf seiner Untersuchungen auf ein Medium namens Nina Kulagina gestoßen, das erstaunliche Materialbewegungen -- von Zigarrenhülsen und Streichholzschachteln zum Beispiel -ohne sichtbare Beteiligung der Hände durchführen konnte.
Wassiljews Versuche sind offenbar -- sowohl von der Partei als auch von den meisten Wissenschaftlern -- als ein Ärgernis empfunden worden. Ein Artikel in der "Prawda" legte davon Zeugnis ab. Andererseits scheint es nicht gelungen zu sein, Wassiljew und seine Medien, darunter vor allem Frau Kulagina, des Betruges zu überführen.
Die wachsende Irritation der Sowjet-Offiziellen wurde in den sechziger Jahren besonders deutlich. Den Anstoß dazu gaben -- das ist die übereinstimmende Ansicht aller amerikanischen Kenner der sowjetischen Psi-Szenerie* -- Nachrichten, wonach die amerikanische Kriegsmarine Versuche telepathischer Kommunikation mit dem getauchten U-Boot "Nautilus" anstelle. Ein Bericht darüber war 1959 in der französischen Presse erschienen. Später kamen noch amerikanische Informationen dazu, in denen es hieß, daß der Astronaut Captain Edgar D. Mitchell auf dem Apollo-14-Flug telepathische Experimente durchgeführt habe.
Es spricht viel dafür, daß diese amerikanischen Versuche, Psi praktisch
* Martin Ebon: PSI in der UdSSR" Langen-Müller. München; 216 Seiten; 24 Mark.
nutzbar zu machen, die Sowjet-Führung beunruhigt haben, ohne daß sie eine schlüssige Vorstellung von den Dingen hatte. Kein Wunder, daß die sowjetische Psi-Szenerie der sechziger Jahre durch konträre Aspekte und Einstellungen gekennzeichnet war.
Großes Aufsehen erregten in jener Zeit zwei telepathische Experimente, über die im Sommer 1966 die "Komsomolskaja Prawda" und die "Moskowkaja Prawda" berichteten. Hauptfiguren der Experimente waren der Schauspieler Karl Nikolajew und dessen Freund Jurij Kamenski, von denen der letzte als "Sender" fungierte und der erste als "Empfänger". Angeblich gelang es ihnen, Gedankeninhalte wie "Schraube" oder "Hantel" ohne Zuhilfenahme technischer Mittel von Moskau nach Nowosibirsk und von Leningrad nach Moskau zu übermitteln.
Die Namen Nikolajews, Kamenskis, der Kulagina und sogar des 1966 verstorbenen Professors Wassiljew wären wahrscheinlich nie innerhalb und außerhalb Rußlands sonderlich bekannt geworden, wenn nicht ein Journalist namens Eduard K. Naumow dafür gesorgt hätte. Er mobilisierte in den Moskauer Redaktionen Psi-Partisanen, schrieb werbende Artikel, verschickte sie an amerikanische Freunde, lud ausländische Psi-Fans ein und sorgte unermüdlich dafür, daß die Gäste ein jedes Mal Nina, die Streichhölzer-Stemmerin, vorgeführt bekamen.
Im Sommer 1968 schaffte es Naumow sogar, den Sowjet-Behörden die Genehmigung für einen veritablen internationalen Parapsychologen-Kongreß in Moskau abzuringen. Möglicherweise hatte das KGB für die Abhaltung des Kongresses gestimmt. Das Milieu der internationalen Parapsychologie ist -- wie das Milieu aller Außenseiter-Gemeinden -- nachrichtendienstlich interessant.
Mit dem Moskauer Kongreß aber hatte Naumow den Zenit seiner Laufbahn als Psi-Verkäufer überschritten. Offensichtlich waren wichtige Sowjet-Führer nunmehr entschlossen, den parapsychologischen Überschwang der sechziger Jahre einzudämmen und die Psi-Forschung unter Kontrolle zu bringen. Naumows Tätigkeit wurde immer mehr eingeengt. 1974 verurteilte man ihn gar zu zwei Jahren Zwangsarbeit, entließ ihn freilich schon 1975.
Daß die Sowjet-Führung beabsichtigte, die Parapsychologie schärfer zu überwachen, wird auch durch einen Zeugen bestätigt, der -- eigener Auskunft zufolge -- mehrere Jahre in einem parapsychologischen Institut in dem Wissenschaftler-Getto am Rande von Nowosibirsk tätig war. Es handelt sich um den vor zwei Jahren aus der Sowjet-Union emigrierten Physiker Awgust Stern, einem Sohn des Arztes Michail Stern, der lange Zeit in Haft gehalten wurde, inzwischen aber ebenfalls auswandern durfte.
Nach einem Bericht, den Awgust Stern der Pariser "New York Times"-Korrespondentin Flora Lewis gab, ist das Psi-Institut von Nowosibirsk 1966 gegründet worden. Chef sei ein Marineoffizier gewesen. Es habe 60 Mitarbeiter gehabt.
Wie schon Wassiljew, sind auch die Forscher von Nowosibirsk von der energetischen Arbeitshypothese ausgegangen -- von der Annahme nämlich, daß Psi-Phänomene auf eine normale, wenngleich noch unerkannte Energie zurückzuführen sind. 1969 wurde, laut Stern, das Institut plötzlich geschlossen. Wie er später erfahren haben will, soll das KGB das Institut übernommen und nach Moskau verlegt haben.
Die Anweisung der Sowjet-Führung, die Psi-Forschung unter strengere staatliche, möglicherweise sogar unter KGB-Aufsicht zu stellen, hat einen eindeutig nachweisbaren Grund. Er ist darin zu sehen, daß führende Wissenschaftler angeraten haben, die Parapsychologie, jedenfalls vorsichtshalber, ernsthaft zu erforschen.
Diese Empfehlung steht in einem Gutachten, das von vier Mitgliedern des Präsidiums der Sowjetischen Gesellschaft für Psychologie verfaßt worden ist. Veröffentlicht wurde es 1973 an autoritativer Stelle, nämlich in der Zeitschrift "Fragen der Philosophie". Es sei, schrieben darin die Autoren, "eine unabweisbare Notwendigkeit, wissenschaftliche Forschungsarbeit auf jenen Gebieten zu organisieren, von denen parapsychologische Erscheinungen berichtet werden". Sie empfahlen insonderheit, die Erforschung der "elektromagnetischen Felder, die von lebenden Organismen hervorgerufen werden", der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften zu übertragen.
Noch deutlicher wird die Veränderung der sowjetischen Ansicht über die Parapsychologie in der Großen Sowjet-Enzyklopädie. 1956 wurde sie dort als eine "antisozialistische, idealistische Fiktion" bezeichnet. In der neuesten Ausgabe von 1975 hingegen heißt es über Parapsychologie ohne jeden polemischen Zusatz: Sie diene der Erforschung von Erscheinungen, "die nicht durch die Tätigkeit der bekannten Sinnesorgane erklärt werden können".

DER SPIEGEL 28/1977
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