04.07.1977

VERLAGE

Vor Angst billig

Ein verlegerisches Abenteuer, das kaum ein Kenner für machbar gehalten hatte, unternimmt der Zweitausendeins-Versand: "Die Fackel" von Karl Kraus zum Billig-Preis.

Ursprünglich bestimmt, in einigen hundert Exemplaren in die Provinz zu flattern, mußte das Broschürchen", so wunderte sich ein Zeitgenosse, "in wenigen Tagen in Zehntausenden von Exemplaren nachgedruckt werden." Der Sensationserfolg war ein dünnes rotes Heftchen mit 32 Seiten und dem in wolkigem Jugendstil illustrierten Titel "Die Fackel", kostete 1899 in Wien 10 Kreuzer und wurde herausgegeben von einem gewissen Karl Kraus.

Als 37 Jahre später, nach fast 30 000 "Fackel"-Seiten, die letzte (922.) Nummer erscheint, sind die kleinformatigen Hefte längst in die Literaturgeschichte eingegangen. Kraus, der ab 1911 alle Beiträge allein schreibt, kämpft darin -ein einsamer Besessener, ein pedantischer Purist und pathetischer Polemiker von höchsten satirischen Graden -- auf längst verlorenem Posten gegen den "Untergang der Welt durch schwarze Magie", gegen die Phrasen der Presse und der Literatur, gegen Maximilian Harden und Alfred Kerr, gegen Nationalisten und Militaristen.

Das monumentale Lebenswerk ("Die Fackel ist keine Zeitung, sondern ein periodischer Vorabdruck aus Büchern") wurde stets mehr zitiert als gelesen. Als der Kösel-Verlag von 1968 an einen Reprint der auf dem antiquarischen Markt höchst rar und teuer gewordenen Zeitschrift beginnt, findet er (bei einem Gesamtpreis von 3400 Mark) kaum 200 Käufer; eine auf 1480 Mark verbilligte Paperbackausgabe lockt auch nicht mehr Kraus-Fans an die Kassen.

Doch in diesem Herbst nun soll der gewichtige Ladenhüter zum Bestseller werden: Der Frankfurter 2001-Versand (Eigendefinition: "klein und merkwürdig") hat die "Fackel"-Rechte gekauft, und zwar gleich für eine garantierte Auflage von 10 000 Exemplaren.

"Wir pokern da natürlich auch ein bißchen", gibt 2001-Geschäftsführer Lutz Reinecke zu, "und die Angst, daß da was schiefgeht, macht das jetzt bei uns so billig." in zwölf Dünndruckbänden kostet der Frankfurter "Fackel"-Reprint nur noch ein Zehntel der 40bändigen Kösel-Edition -- 148 Mark.

Reinecke war auf die voluminöse Kraus-Streitschrift verlegerisch aufmerksam geworden bei Uwe Nettelbeck, der über den 2001-Versand sein Ein-Mann-Periodikum "Die Republik" vertreibt -- eine bis ins Typographische nachempfundene Kleinkaro"Fackel" (SPIEGEL 42/1976), deren Vorbild der getreue Jünger natürlich im Bücherschrank hochhält.

Die neuen Kraus-Verleger klotzen jetzt mit Illustriertenwerbung für "annähernd 100 000 Mark" und "vertrauen auch ein bißchen auf unseren Kundenstamm": so auf die Käufer ihres erfolgreichen "Kursbuch"-Reprints und die enorme Anzahl von 59 000 Beziehern eines "Akzente"-Nachdrucks (12 000 Seiten anspruchsvoller Literaturzeitschrift für 49,90 Mark).

In München, wo der vornehmlich theologisch orientierte Kösel-Verlag seit 25 Jahren das Kraus-Werk betreut und immer noch auf der Mehrzahl seiner teureren "Fackel"-Reprints sitzt, äußert sich Vertriebschef Dieter Amman, 39, eher philosophisch: "So zehn Exemplare jährlich verkaufen wir immer noch. Und was wir sonst haben, lassen wir liegen -- wer weiß denn, ob die 2001-Ausgabe nicht in zehn Jahren längst vergessen ist."


DER SPIEGEL 28/1977
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 28/1977
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

VERLAGE:
Vor Angst billig