27.06.1977

Film: Dornröschen auf der Milchstraße

Im Großeinsatz kämpfen die Konkurrenten in Hollywood in diesem Sommer härter denn je um das amerikanische Film-Publikum: dieses Mal mit Kriegsschinken wie „A Bridge Too Far“ und „MacArthur“; außerdem ein zweiter „Exorzist“ und ein variierter „Weißer Hai“ ("The Deep"). Am erfolgreichsten: der Science-fiction-Film „Star Wars“.
Eine Prinzessin wird von finsteren Usurpatoren überfallen und gefangengenommen. Zwei ihrer Getreuen können fliehen, geraten auf ihrer Flucht in einen entfernten Winkel, wo ein junger Ritter auf dem Lande lebt.
Ihm vertrauen sie die Botschaft der Prinzessin an, die um Hilfe für sich und ihr Reich fleht. Von einem weisen Alten erfährt der Junge, daß einst sein Vater von den gleichen bösen Mächten getötet wurde. Er vertraut dem Jüngling das Schwert seines Vaters an und unterweist ihn in den edlen Überzeugungen und Fechtkünsten des ritterlichen Toten. Gemeinsam mit einem kühnen Abenteurer macht sich das Fähnlein der Getreuen auf, die Prinzessin aus den bedrohlichen Krallen des Bösen zu befreien. Nachdem alle mancherlei Abenteuer mit Glück, Mut, Gottvertrauen und List überstehen, befreien der edle
Jüngling und sein kühner Freund die Prinzessin, besiegen die bösen Tyrannen, werden von der Prinzessin huldvoll belohnt, während das befreite Volk glücklich jubelt.
Diese Ritterromanze ist dabei, der (wieder einmal) größte Kino-Hit der USA zu werden: "Star Wars", das eine Woche nach seinem Start die Einspielergebnisse des "Weißen Hais" für den gleichen Zeitraum erreichte, jetzt schon 9 Millionen US-Dollar einspielte und dessen Gesamtgewinn, bei relativ bescheidenen Produktionskosten von 10 Millionen Dollar, auf l00 Millionen Dollar geschützt wird.
Die Brüder-Grimm-Story, die sich derart erfolgreich auf das Gemüt der Amerikaner legt, unterscheidet eines von allen Schneewittchen-Romanzen und König-Artus-Tafelrunden: Sie spielt nicht hinter Butzenscheiben und Zinnentürmchen, sondern irgendwo im Weltraum.
So regiert die Prinzessin auch kein Dornröschenreich, sondern eine ganze Galaxie mit einer Unzahl von Planeten, ihre Befreier preschen nicht auf hohem Roß herbei. sondern mit Raumschiffen und interstellaren Düsenjägern. Das Verlies, in dem sie schmachtet, ist kein gotischer Keller, sondern ein künstlicher Todesplanet. der fähig ist, andere Planeten mit einem einzigen gezielten Schuß zu Atomstaub zu zermalmen.
Zwar führt der kühne Jüngling wirklich das Schwert, aber dessen Klinge ist ein Laserstrahl. Zwar sind die beiden Getreuen der Prinzessin das redlich komisch stolpernde und Possen reißende Komikerpaar -- der eine lang und dürr, der andere klein und dick, aber es handelt sieh um zwei Roboter, der eine in goldener Rüstung und mit gepflegtem Oxford-Akzent, der andere ein dickes, mülltonnenähnliches Maschinchen, das Quietsch- und Quack-Töne wie Äthersalat von sich gibt, wie ein wild gewordener Computer blinkt und die ihm von der Prinzessin anvertraute Hilfsbotschaft als holographisches Fernsehbild ausstrahlt.
So wird aus dem schlichten Schwarzweiß-Märchen, das nur bieder oder böse kennt und in dessen Handlungsverlauf ein schlichter Händedruck und ein freundlicher Lächelaustausch das Höchstmaß an sexueller Intimität darstellt, eine bunte, knallige Weltraum-Oper.
Eine technisch brillante Utopie, ein Fortschritt, dem weder Raum noch Zeit die geringsten Schwierigkeiten bereiten, und ein naiver Köhler- und Kinderglaube haben sich in "Star Wars" einmalig vermählt. Oder, wie das "New York Magazine" es ausdrückte: ",Star Wars" wird bei jenen blendend ankommen, die das Glück haben, noch Kinder ZU sein, und bei jenen, die das Unglück haben, nie erwachsen zu werden."
Science-fiction als Weihnachtsmärchen, ohne utopisches Versprechen, aber mit einer technischen Illusion und einem außerirdischen Erfindungsreichtum, wie man ihn seit Kubricks "2001" nicht gesehen hat -- das ist das Erfolgsrezept, das der Regisseur George Lucas in seinen "Kriegen der Gestirne" verwirklicht hat.
Vor sechs Jahren kam dem damals 26jährigen Regisseur Lucas, der eben die Filmschule der University of Southern California absolviert hatte, die Idee zu diesem Film -zur gleichen Zeit, da er seinen Plan zu dem Nostalgie-Film über die amerikanische Jugend der fünfziger, "American Graffiti", entwickelt hatte.
Er bot beide Filme der Universal an, (loch die nahm nur die "American Graffiti". Die Produktionskosten von "Star Wars", vierzehnmal so hoch wie die der "Graffiti", hatten die Filmgesellschaft abgeschreckt.
Jahre später, nämlich 1975, griff die Twentieth Century Fox, auf der Suche nach unverbrauchten Themen und unverbrauchten Regisseuren, zu. Mit dem Erfolg, daß "Star Wars", vom "Time"-Magazin in einer Titelstory enthusiastisch als." bester Film des Jahres" gefeiert, den Aktien-Kurs der Vox in der Walt Street um mehr als das Doppelte hochschnellen ließ -- und das in einer allgemeinen Börsen-Flaute.
Und während die Erfolgswelle von "Star Wars" die Kinokassen in den Staaten überschwemmt, wuchern die Produkte der Begleit-Industrie mit nahezu astronomischer Geschwindigkeit:
Das Buch von Lucas, im vergangenen November in einer Taschenbuchausgabe mit 150 000 Exemplaren auf den Markt geworfen, erlebt eine Neuauflage in Höhe von einer Million.
Taschenbücher mit Skizzen und Zeichnungen, und zwar gleich zwei, sind in Vorbereitung. Ebenso wird das Drehbuch als Hardcover vermarktet -- von einem Kalender und einer Comic-Version ganz abgesehen.
Die Buchklubs haben sich bereits angeklinkt, und die Rechte nach England, Japan, Deutschland, Frankreich, Italien und den Niederlanden sind verkauft.
Die Puppen und Figuren aus dem "Star Wars"-Wunderland werden von der Spielzeugindustrie auf den Markt geworfen, über TV-Serien, die auf dem Film basieren, wird verhandelt.
Und: Auch die Zukunft von "Star Wars" ist schon in Arbeit. Alan Dean Foster hat sie geschrieben -- als Fortsetzungsbuch vor dem Fortsetzungsfilm ist es ebenfalls schon auf dem Markt.
Für den Erfolg von "Star Wars" gibt es mehrere Gründe. Einmal hat Lucas, der "American Graffiti" den Sechzehnjährigen zudachte, in "Star Wars" nach eigenem Bekunden einen Film für Vierzehnjährige drehen wollen.
Der Erfolg vollzieht sieh nun nach dem Prinzip der elektrischen Eisenhahn, die der Vater dem Sohn kauft, um mitspielen zu können. "Star Wars" ist -- wie die amerikanische Kritik vermerkt -.- ein Film für die ganze Familie.
Und die Eisenbahn funktioniert putzig, pittoresk und fehlerfrei.
Zum Beispiel bei den Robotern, Computern und den vorwiegend freundlichen Monstern. Die Monster, die sich wie Steifftierchen oder Disney-Animals ausnehmen, treffen auf mammutähnliche Riesentiere einer Vorzeit, für die Lucas Elefanten maskierte. Außenaufnahmen vom fremden Planeten wurden in der Wüste von Tunesien gedreht.
Für die beiden Roboterdarsteller von See-Threepio (C-3 PIO) und Artoo-Detoo (R2-D 2) -- schon in deren Namen mixt Lucas Kindersprache und Computerinformation auf raffiniert einfache Weise -- wurde die Wüste zur Hölle, die Temperatur in ihren Blechkostümen stieg ins Unerträgliche.
Der Schluß des Films mündet in einer riesigen Luftschlacht, bei der die Befreier der Prinzessin den Todesplaneten mit Flugzeugen angreifen und schließlich in die Luft sprengen.
Für diese im All stattfindende Luftschlacht haben Lucas und sein Team ebenso wie für die Raumschiff-Flüge eine neue Technik optischer Effekte entwickelt:
Während Kubrick für seinen Film "2001" bei seinen Raumschiffaufnahmen den Hintergrund ausblenden mußte, dann den Film erneut drehte, wobei das Raumschiff überdeckt wurde -- und den Film wieder und wieder mit dem erwünschten wechselnden Hintergrund ablichtete, wurde für "Star Wars" eine neue Technik entwickelt:
Die Kamera wurde an eine hochentwickelte Rechenmaschine angeschlossen, die jede einzelne Aufnahme registrierend aufzeichnete, so daß sich das entsprechende Element leicht einkopieren ließ. Ergebnis: In "Star Wars" können die Raumfähren die ganze Zeit Planeten überfliegen, was sie bei Kubrick nicht konnten.
Während Kubrick sein Raumschiff nur in 35 verschiedenen Blickwinkeln und Situationen vorführen konnte, hatte Lucas 363 Variationsmöglichkeiten" was seine Raumreisen und All-Schlachten so bunt und vielfältig erscheinen läßt wie Postkutschenfahrten oder Indianermassaker im Western.
Trotzdem wirkt "Star Wars" im Vergleich zu Kubricks "2001" wie ein fröhlicher Ramschladen, in dem es Westernsaloons im Orient gibt, die von Mickeymäusen, maskierten Rittern und wallend gewandeten Mönchen bevölkert werden, und bei dem arabische Dörfer mit Flugzeughangars, entvölkerte Wüsten mit riesigen Montagehallen, mondartige Urlandschaften mit Fernsehstudio-Schalttafeln ein fremdartigvertrautes Durcheinander zwischen vortechnischer und technischer Zivilisation bilden.
Dieser Anachronismus wirkt erwünscht und angestrebt. Indem Lucas seine menschenfreundlichen Computer und gefühlsseligen Maschinen den Menschen beigesellt, projiziert er eine gestrige Idylle in eine technische Welt von morgen.
So allmächtig seine Flugmaschinen und Kunstplaneten auch sind, sosehr sie auch in sich die Kraft von zahllosen Atombomben vereinen -- in Wahrheit sind sie gegen den einzelnen Helden und seinen fröhlichen Mut machtlos.
Nur der einzelne zählt -- und obsiegt kraft seines Glaubens gegen waffenstarrende Planetenverbände.
"Star Wars" macht die kleine Welt der Ohnmächtigen groß, um die große Welt der Mächtigen klein und niedlich zu machen.
Von einem Stern zum anderen ist es nicht weiter als eben mal um die Ecke. Das Weltall -- dein guter Freund und Nachbar.

DER SPIEGEL 27/1977
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