19.09.1977

„Ich hörte die Schreie“

Wir Minister in Amins Kabinett waren bald zu bloßen Nullen geschrumpft. Alle wichtigeren Fragen wurden zu Geheimsachen erklärt und durften von uns überhaupt nicht erörtert werden.
Da fast die Hälfte des Staatshaushaltes den Streitkräften zufloß, waren ernsthafte Etatberatungen unmöglich. Nicht einmal über die Inflation -- die derzeitige Rate beträgt mehr als 400 Prozent -- durften wir reden, denn die Wirtschaft lag in den Händen der Militärs. Wurden Zivilisten niedergeschlagen und ermordet, so galt dies als Angelegenheit der Staatssicherheits-Organe. Sogar der Mord an Kabinettskollegen wurde als geheime Verschlußsache eingestuft.
Amin schien es zu genießen, die Mitglieder seiner Regierung zu demütigen. Ein typisches Beispiel ist der Fall Ondoga. Nachdem Außenminister Kibedi Anfang 1973 abtrünnig geworden war, wurde Michael Ondoga -- damals Botschafter in der Sowjet-Union -- von Amin zurückberufen: Er sollte das Außenministerium übernehmen. Nach seiner Ernennung kehrte er noch einmal in die Sowjet-Union zurück, um sein Gepäck abzuholen und sich offiziell zu verabschieden.
Ondoga war kaum zwei Tage in Moskau, da erklärte Amin im Rundfunk, er werde seinen neuen Außenminister noch vor dessen Amtsantritt entlassen, wenn er nicht seine Arbeit in Kampala innerhalb von 48 Stunden aufgenommen habe.
Noch vor Ablauf der Frist war Ondoga zur Stelle, als Versöhnungsgeschenk brachte er Amin eine Ziehharmonika mit. Amin kann tatsächlich zwei Lieder spielen; zu dem einen singt er bisweilen einen selbstverfaßten Text: "Ich liebe dieses schlanke Mädchen aus Kyaggwe" -- Kyaggwe ist der Landesteil, aus dem seine vierte Frau, Madina, stammt.
Knapp der Entlassung entkommen, hatte Ondoga als Außenminister einen schlechten Start. Offensichtlich war Amin entschlossen, ihn wieder loszuwerden.
Ende 1973 bezog Ondoga, wie es unter höheren Beamten und Regierungsmitgliedern üblich geworden war, das verlassene Haus eines Asiaten. Als
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Amin davon erfuhr, geriet er in Rage. Ohne Ondoga auch nur anzurufen, befahl er der Militärpolizei, den Minister aus dem Haus hinauszuwerfen. Von da an ging Ondoga zur Sicherheit nur noch in Begleitung von Freunden aus.
Mitte Februar 1974 schritt Amin zur Tat. Er erschien in einer Kabinettssitzung und erklärte, manche Minister hielten sich für allzu wichtig, und Ondoga glaube sogar, er könne sich dadurch schützen, "daß er eigene Leibwächter anheuert". Ganz offensichtlich war also ein Versuch Amins, Ondoga kidnappen zu lassen, durch dessen Sicherheitsvorkehrungen durchkreuzt worden.
Nach der Sitzung begaben wir uns alle zu einer Promotionsfeierlichkeit in die Makerere-Universität. Auf dem Weg zum Festsaal traf ich Prinzessin Elizabeth Bagaya von Toro, eine Rechtsanwältin, die damals als "reisender Botschafter" im diplomatischen Dienst eingesetzt war. Es war kein Geheimnis, daß Amin sie verehrte, aber von ihr einen Korb bekommen hatte.
Amin erhob sich, um den Festakt zu eröffnen, zu dem sich einige hundert Diplomaten, Universitätsmitglieder und Gäste versammelt hatten. Er rief Elizabeth Bagaya auf das Podium, und wie ein Blitz aus heiterem Himmel verkündete er, Außenminister Ondoga sei entlassen. Als neuen Außenminister stellte er dann Elizabeth Bagaya vor.
Ich blickte zu Ondoga hinüber, der ganz in meiner Nähe saß. Er war sichtlich erschrocken, doch es blieb ihm keine andere Wahl, als mit allen anderen Beifall zu klatschen. Was er eigentlich falsch gemacht haben sollte, hat ihm Amin nie gesagt.
Danach waren Ondogas Tage gezählt. Anders als sein Vorgänger Wanume Kibedi, war er nicht rechtzeitig geflohen. Überall ·wurde er beschattet. Schließlich überfielen sie ihn, als er seine Tochter Peace zur Schule brachte. Mehrere Geheimpolizisten umzingelten Ondogas Wagen und befahlen ihm, auszusteigen. Vor den Augen seiner Tochter, mehrerer Lehrer und vieler Eltern schlugen sie ihn zusammen, zwangen ihn schließlich in ihr Auto und rasten mit ihm davon.
Tags darauf bekam ich die Aufforderung des Präsidenten, im Krankenhaus von Jinja eine Leiche zu identifizieren, angeblich die des früheren Außenministers. Der zuständige Arzt, ein Engländer namens Crawden, erklärte mir, Ondoga sei erschossen und erstochen worden, außerdem habe man ihm mit einem schweren, stumpfen Gegenstand den Schädel eingeschlagen, einige Rippen seien gebrochen.
Ondogas Nachfolgerin, Prinzessin Elizabeth von Toro, war bei Amin offenbar auch nie besonders beliebt. Da Amin immer sein eigener Außenminister war, hatte sie einen unmöglichen Job. Amin behandelte sie merkwürdig widersprüchlich. Im November 1974 schickte er sie nach New York, wo sie ihn vor der Uno verteidigen sollte.
Vielleicht aus Angst, sie könnte womöglich abtrünnig werden, lobte Amin seine Ministerin überschwenglich, schon ehe sie ihre Rede gehalten hatte. Er tönte, sie sei viel intelligenter als der amerikanische Außenminister Henry Kissinger. Elizabeth Bagaya hielt tatsächlich ein sehr eindrucksvolles Plädoyer für Amin und erhielt stürmischen Beifall.
Amin versprach ihr denn auch, nach ihrer Rückkehr werde er ihr den "Orden der Nilquelle" zweiter Klasse überreichen, doch sie erhielt den Orden nie. Statt dessen wurde sie unter Hausarrest gestellt. Einige Tage später gab der Präsident bekannt, daß er seine Außenministerin entlassen habe, und zwar aus einem höchst ungewöhnlichen Grund: Sie habe auf ihrer Rückreise von New York in einem Waschraum des Pariser Flughafen sexuellen Verkehr gehabt. Keiner weiß, was Amin in der Leichenhalle tut.
Insgeheim lachten wir Tränen über Amins grotesk unsinnige Behauptung. Aber wir wußten auch, daß sie eine düstere Dimension besaß. Glücklicherweise gelang es Elizabeth Bagaya' nach Kenia zu fliehen.
Um Amins Terrorregime zu verstehen, muß man sich eines klarmachen: Er ist kein gewöhnlicher politischer Tyrann. Wen er für seinen Feind hält, den bringt er nicht nur um, sondern verfolgt ihn mit seiner Brutalität über den Tod hinaus. Diese barbarischen Akte sind bezeugt.
Den Ärzten Ugandas ist allgemein bekannt, daß viele der Ermordeten, die in die Leichenhallen der Krankenhäuser gebracht werden, entsetzlich verstümmelt sind -- ihnen fehlen Lebeir. Nase, Lippen, Geschlechtsteile oder Augen. Amins Totschläger handeln auf seinen ausdrücklichen Befehl, die Verstümmelungen entsprechen einem genauen Schema.
Geoffrey Kiggala, ein Beamter des Auswärtigen Dienstes, wurde im Juni 1974 erschossen -- die Leiche hatte man in einem Wald bei Kampala liegen gelassen, die Augen waren herausgedrückt, die Haut teilweise abgezogen. In ärztlichen Berichten ist vermerkt, daß Leichen geöffnet und innere Organe angetastet worden waren, so etwa im Fall des Arbeitsministers Shabani Nkutu im Januar 1973.
Als ich Gesundheitsminister war, bestand Amin mehrmals darauf, mit der Leiche eines seiner Opfer allein gelassen zu werden. Im März 1974 verlangte er den Leichnam des ermordeten Brigadiers Charles Arube zu sehen, der in der Leichenhalle des Mulago-Krankenhauses lag; er befahl dem stellvertretenden ärztlichen Direktor Dr. Kyewalabaye, "draußen zu warten".
Amin ging dann in die Leichenhalle und blieb dort zwei oder drei Minuten. Natürlich kann niemand beweisen, was Amin tut, wenn er allein ist, doch glaubt man in Uganda allgemein, daß er blutige Riten vollzieht -- daß Amin im wahrsten Sinne des Wortes blutdurstig ist.
Amins bizarres Verhalten hängt gewiß eng mit den Besonderheiten seiner abartigen Persönlichkeit zusammen, teilweise wurzelt es aber auch in den Traditionen seines Stammes.
Wie viele andere Kriegerstämme sind Amins Stammesgenossen, die Kakwa, dafür bekannt, daß sie an erschlagenen Feinden blutige rituelle Handlungen vollziehen. Sie schneiden etwa ein Stück Fleisch von der Leiche, um sich den Geist des Toten zu unterwerfen, oder sie kosten das Blut des Opfers, um den Geist unschädlich zu machen -- ein Geist, so glauben sie, wird sich nicht an einem Leib rächen, der praktisch zu seinem eigenen geworden ist.
Noch heute werden solche Riten bei den Kakwa praktiziert. Wenn sie einen Menschen getötet haben, pflegen sie ein Messer in den Körper des Opfers zu stechen und dann die blutige Klinge an die Lippen zu führen.
Ich habe Grund anzunehmen, daß Amin sich nicht mit dem Kosten von Blut begnügt. Mehr als einmal brüstete er sich vor mir und anderen damit, Menschenfleisch gegessen zu haben. In Zaire, so erzählte er uns im August 1975, sei ihm Affenfleisch vorgesetzt worden. Als er merkte, wie entsetzt seine Zuhörer waren -- Affen fleisch ist für einen Ugander tabu -, wollte er uns offensichtlich noch mehr schockieren, indem er hinzusetzte: "Ich habe auch Menschenfleisch gegessen."
Ich hörte, wie die anderen vor Grauen aufstöhnten. Als er endlich spürte, daß er zu weit gegangen war, erklärte er uns, in seiner Heimat sei es nichts Ungewöhnliches, Menschenfleisch zu essen: "Im Krieg, wenn man nichts zu essen hat, und der Kamerad ist verwundet, darf man ihn ohne weiteres töten und aufessen, um am Leben zu bleiben"
Ein andermal, im September 1976, zählte er in einer Unterhaltung verschiedene ungewöhnliche Fleischarten auf, die er schon gegessen hatte -- zum Beispiel Leoparden- und Affenfleisch -, und dann fuhr er fort: "Ich habe auch Menschenfleisch gegessen. Es ist sehr salzig, noch salziger als Leopardenfleisch."
Amin sucht auch regelmäßig Medizinmänner auf. In Uganda konsultiert man den Medizinmann wie im Westen den Astrologen und Psychiater. Da mag Amin sich dann etwa einen "Feind" benennen lassen oder wissen wollen, was er tun muß, um einem Attentat zu entgehen.
Diese Sitzungen verlaufen zweifellos nach dem üblichen Schema: Der Klient kommt mit einem Huhn, einer Ziege oder einer anderen Opfergabe. Der Medizinmann läßt ihn dann in einem verdunkelten Raum Platz nehmen und stellt ihm einige Fragen, um ihm Informationen für seine späteren Ratschläge zu entlocken. Dann murmelt er Zauberformeln und sagt dem Klienten, was er tun soll. Vielleicht gibt er ihm auch ein Amulett, oder er bringt ihm einen magischen Singsang bei. Damit ist die Konsultation beendet.
Es ist oft behauptet worden, Amins ungewöhnlich starker Sadismus und seine Grausamkeit seien unmittelbare Folgen der Syphilis, die in ihrem Endstadium zum Wahnsinn führt. Aus Amins Akte geht hervor, daß er tatsächlich Syphilis gehabt hat.
Es geht auch das Gerücht, daß die Krankheit bei Amin fortschreitet und daß er ihr schließlich erliegen wird. Ich habe keinen medizinischen Beweis hierfür gesehen. Aber selbst, wenn es stimmen sollte, kann dies sein Verhalten nicht erklären. Seine extreme Brutalität ist nicht erst die Folge einer Hirnschädigung, sondern ein seit langem vorhandenes Phänomen.
Amins Befehle sind wohlüberlegt und konsequent. Ich habe ihn in gefährlichem Zorn erlebt, in offenbar unkontrollierbarer Wut, in einem Zustand, in dem er unterschiedslos Verhaftung und Tod befahl.
Aber er versteht sich sehr wohl darauf, seine Wutanfälle zu inszenieren: Vor einem französischen Fernsehteam explodierte er einmal geradezu vor Wut und drohte, alle widerspenstigen Minister zu erschießen. Doch kaum waren die Fernsehleute gegangen, da machte er über seine Theatervorstellung Scherze. "Wie war ich?" fragte er mich lachend.
Amins Terrorherrschaft über Uganda ist deshalb so unumschränkt, weil er sich auf Südsudanesen stützt, die er importiert, auf Mitglieder seines eigenen Kakwa-Stammes und auf Nubier, die über ganz Uganda verstreut leben.
Amins Räuberbanden, die jetzt über 15 000 Mann stark sein müssen, sind in der Armee und in der Verwaltung auf allen Ebenen placiert. Ausgebildet werden sie in der Militärpolizei, im Geheimdienst der Polizei, der sogenannten Sicherheitsabteilung, und in Amins gefürchteter "Leibwache" dem State Research Bureau.
Alle drei aus Südsudanesen, Kakwa und Nubiern gebildeten Organisationen unterstehen Amins direktem Befehl, ihre Aufgabenbereiche überschneiden sich derart, daß eine mächtige, mitleidlose Terrormaschine entstanden ist, die in jeden Winkel Ugandas reicht und sogar aus der Oberschicht nach Belieben und ungestraft ihre Opfer holt. Amins Fluchtweg: ein Tunnel zur Zentrale der Geheimpolizei.
Nach seinem Putsch brauchte Amin eine Organisation, auf die er sich unbedingt verlassen konnte. Er fand sie in der Militärpolizei, die zu Obotes Zeiten gegründet worden war, um die Armeeangehörigen zur Zucht anzuhalten. Sie war damals nicht sehr groß und nicht sonderlich gefürchtet.
Erst als im Herbst 1971 ein Nubier, Major Hussein Marella, die Führung übernahm, wurde sie zu einer unter Zivilisten und Soldaten gleicherweise berüchtigten Terrororganisation.
Auch die Sicherheitsabteilung wurde seit dem Herbst 1971 zu einem Terrorwerkzeug Amins, nachdem der mörderische Ah Towelli -- auch er ein Nubier
ihr Chef geworden war. Ursprünglich sollte sie als Sonderabteilung der zivilen Polizei die in Kampala nach dem Putsch grassierenden Raubüberfälle eindämmen.
Die Sicherheitsabteilung ist in Naguru stationiert, an der Straße von Kampala nach Jinja, etwa drei Meilen vom Stadtzentrum entfernt. Die Vorgänge auf dem Gelände spielen sich großenteils vor aller Augen ab -- als absichtliche Abschreckung aller potentiellen "Feinde" Amins. Von den vorbeiführenden Straßen aus hört man die Schreie der Gefangenen. Manchmal sammelt sich eine Menschenmenge an. um bei einer Hinrichtung zuzusehen.
Eine besonders sadistische Tötungsart ist von Ah Towelli in Naguru entwickelt worden. Um Munition zu sparen, holt man einen Häftling aus der Zelle, verspricht ihm die Freilassung und zwingt ihn dann, einem anderen Häftling mit einem schweren Hammer den Schädel einzuschlagen. Der "Henker" wird dann auf dieselbe Weise von einem dritten Häftling erschlagen.
Wie die Militärpolizei greift auch Towellis Sicherheitsabteilung immer tiefer in das Leben der Zivilbevölkerung ein, ihr Aktionskreis überschneidet sich immer mehr mit dem Aufgabenbereich der am meisten gefürchteten und zugleich mächtigsten Terrororganisation Ugandas -- des State Research Bureau.
Das State Research Bureau ist als militärischer Geheimdienst gegründet worden und sollte Obotes Leibwache ablösen. Amin hat ihm diese Funktion belassen. Diese rund 2000 Geheimpolizisten, die dem Kommando des nubischen Majors Farouk Minawa unterstehen, sind Amins Schlüssel zur Macht. Das Hauptquartier des Research Bureau liegt neben dem Präsidenten-Sitz in Nakasero. Von dem Haus Amins aus führt ein Tunnel zu dem Gebäude der Geheimpolizei -- als Fluchtweg für den Fall, daß der Präsidenten-Sitz umzingelt werden sollte.
In den letzten sechs Jahren sind rund 12 000 Mann durch das Research Bureau geschleust worden. Nach ihrer Dienstzeit in dieser Organisation werden die Männer in die Armee, in die Verwaltung oder in Botschaften im Ausland versetzt.
·Soldaten schlagen Geschäftsleute wegen angeblich zu hoher Preise.
In der Armee haben die Absolventen des Research Bureau in jedem Bataillon kleine Terrorbanden gebildet, die für Operationen in ihrer eigenen Kaserne und für öffentliche Exekutionen in ihrem Bereich verantwortlich sind. 1973 sind zu solchen Hinrichtungen 10 000 oder noch mehr Menschen als Zuschauer beordert worden.
Im Verwaltungsdienst haben es einige Männer des Research Bureau bis zu Provinzgouverneuren gebracht. Diese Leute -- halbe Analphabeten, die kaum ein Wort Englisch sprechen -- sind verantwortlich für Planungs- und Sicherheitsausschüsse einer Provinz und überwachen alle anderen regionalen Verwaltungsaufgaben.
Die Leute vom State Research Bureau stehen auf der amtlichen Gehaltsliste, doch ihre Gehälter sind unbedeutend im Vergleich zu der Beute, die sie bei ihrer Arbeit machen. Amin belohnt sie überdies üppig für die Beschaffung von Informationen, und wenn sie nach Übersee geschickt werden, erhalten sie phantastische Summen zur freien Verfügung.
Viele dieser jungen Männer bei den diplomatischen Vertretungen im Ausland halten zwei, drei Autos, zusätzlich zu denen, die sie in Kampala besitzen. Sie führen ein Leben, das sich gegenwärtig kein anderer Ugander leisten kann. Sie tragen keine Uniform, kleiden sich dafür aber besonders auffällig: Sie tragen gern geblümte Hemden, weite Hosen und Sonnenbrillen. Für einen jungen Kakwa oder Südsudanesen ist das State Research Bureau ein außerordentlich attraktives Unternehmen.
Die Räuberbanden dieser drei Organisationen operieren überall, zu jeder Zeit und in aller Öffentlichkeit. Sie verhaften Leute in deren Amtsräumen oder holen sie aus Restaurants. Sie sitzen am Steuer der Datsuns, Toyotas, Peugeots und Range Rovers, die zur Eskorte des Präsidenten gehören.
Mit diesen Wagen holen sie ihre Opfer ab -- die Kennzeichen der Autos haben in der Regel die Buchstabenkombination UVS -- und verstauen sie im Kofferraum . "Jemanden in den Kofferraum stecken" ist zu einem Synonym für erniedrigende öffentliche Verhaftung geworden.
Es verschwinden in Uganda so viele Menschen, daß eine Frau schon um das Leben ihres Mannes bangt, wenn er einmal nicht pünktlich von der Arbeit nach Hause kommt. So viele sind spurlos verschwunden, daß sich ein ungewöhnliches neues Gewerbe herausgebildet hat -- das "Leichen-Aufspüren". Am meisten profitieren davon wiederum Amins Männer.
Uganda ist ein religiöses Land, und es ist aus religiösen Gründen -- von persönlichen gar nicht zu reden -- sehr wichtig, daß ein Toter in aller Form bestattet wird. Leichen-Aufspürer arbeiten in Teams. Wenn jemand verschwunden ist, nehmen die Verwandten sofort Verbindung zu einem solchen Team auf und vereinbaren ein Honorar für das Auffinden der Leiche.
Das Team steht in täglichem Kontakt mit der Mördertruppe. So kommt die Nachricht über den Fund einer gesuchten Leiche manchmal direkt von den Mördern. Das Honorar, das die Verwandten zu zahlen haben, richtet sich nach dem Status des Opfers: Soll die Leiche eines kleinen Reamten gesucht werden, muß die Familie etwa 5000 Shilling (1450 Mark) zahlen; für ranghohe Regierungsbeamte werden Summen von 25 000 Shilling (7250 Mark) an aufwärts verlangt.
Es gibt auch viele falsche Leichen-Aufspürer, die ihre Dienste anbieten, das Geld nehmen und untertauchen. Als mein Bruder verschwunden war, bezahlte meine Familie rund 30 000 Shilling (8700 Mark) bei dem vergeblichen Versuch, seine Leiche zu bekommen. Mein damaliger Kontaktmann gehört noch immer zu Amins Leibwache.
Unterdessen haben sich die Leiden Ugandas immer mehr verschlimmert. Die Gesellschaft ist praktisch in zwei Teile gespalten: Auf der einen Seite die Masse der Bevölkerung, die von einem Existenzminimum lebt, auf der anderen Amins Räuberbanden -- eine reiche Elite.
Normale Leute haben es aufgegeben, etwa Kaffee und Baumwolle für den Export anzubauen, statt dessen erzeugen sie Nahrungsmittel, die sie in Kampala zu so hohen Preisen verkaufen, daß sie die Inflation überstehen können.
Als Gegenschlag terrorisieren die Räuberbanden die Händler. Die Folge ist, daß die Waren zeitweilig ganz vom Markt verschwinden. Wenn sie wieder auftauchen, sind die Preise genauso hoch wie zuvor.
Überdies wird heute in Uganda alles gestohlen, was nur irgend gestohlen werden kann. Besonders beliebt sind Telephone, da ihr gesamtes Zubehör hei anderen elektronischen Geräten verwendet werden kann. Daher ist es fast unmöglich, in Uganda ein intaktes öffentliches Telephon zu finden. Im Mulago-Krankenhaus verschwanden Schachtdeckel, eine schwere Schweißanlage, sogar die Glühbirnen der Mikroskope, ebenso Bettwäsche, Löffel, Tassen und Teller.
Der Verfall des Landes und Amins Terrorregime werden nicht passiv hingenommen. Im leidenden Uganda gibt es noch immer einen Funken des Widerstandes -- viele in der Armee und in der Polizei würden Amin mit Befriedigung töten. Die Risiken sind groß, nicht so sehr für den einzelnen, als für die Gemeinschaft, denn jede Andeutung einer Verschwörung gegen Amin löst weitreichende Vergeltungsaktionen aus.
Dennoch sind einige Anschläge gegen ihn versucht worden. Über die meisten ist sehr wenig bekannt, weil Amin sie einfach bestreitet, um die Legende von seiner Beliebtheit aufrechtzuerhalten. Um Attentaten zu entgehen, ändert er seine Pläne häufig und rüstet sieh auf Reisen mit vielerlei Waffen aus. Stets hat er ein Messer und eine Pistole bei sich.
Neuerdings steckt er sogar Handgranaten in seine Aktentasche. Eines Tages zeigte er mir stolz ein neues Messer, das auch als Drahtschere zu benutzen ist. "Wenn sie einen umzingelt haben", erklärte er, "kann man damit Draht durchschneiden und durch einen Zaun entkommen."
Einen Anschlag auf Amin habe ich selbst miterlebt. Es war am 10. Juni 1976, nach einer öffentlichen Polizeiparade auf dem Polizei-Sportgelände in Nsambya. Amin, der von einer Tribüne aus die Vorführung angesehen hatte, ging zusammen mit Ministern, Polizei- und Armeeoffizieren zu einer Erfrischungshalle, in der ein Empfang stattfinden sollte.
Der Empfang begann um 18.15 Uhr, doch schon gegen 18.45 Uhr entschloß sich Amin, die Veranstaltung zu verlassen. Ich bezweifle nicht, daß dieser überraschend frühe Aufbruch ihm das Leben rettete -- die Attentäter waren noch nicht ganz fertig.
Amin ging zu seinem offenen Jeep ohne Frontscheibe. befahl seinem Fahrer, auf den Beifahrersitz zu rutschen, und setzte sich selbst ans Steuer. Ein Wagen der Eskorte folgte dicht auf, wir sahen, wie Amin den Jeep auf das Tor der Einfriedung zusteuerte, wo eine Menschenmenge darauf wartete, ihn zu Gesicht zu bekommen.
In dem Augenblick, da Amins Jeep rechts auf die Landstraße bog, knapp außerhalb unserer Sicht, krachte eine Explosion, Sekunden später eine zweite. Wir sahen Staub und Trümmer hochfliegen. Der Wagen der Eskorte blieb stehen. Dann hörte ich zwei Schüsse.
* Offiziershochzeit im "International Hotel" in Kampala.
Einer der Minister wandte sich an mich und sagte: "Sie haben ihn erwischt." Dann begann die Menschenmenge schreiend auseinanderzurennen. Verletzte liefen auf uns zu, andere wurden von Helfern auf den eingezäunten Platz getragen. Erstaunlicherweise war niemand getötet worden, allerdings mußten 35 Personen anschließend im Krankenhaus behandelt werden,
Wir blickten einander nur stumm an und warteten darauf, daß jemand etwas unternehmen würde. Befanden wir uns am Ende mitten in einem Putsch, hatte etwa ein neuer Armeechef die Macht übernommen und befahl uns im nächsten Augenblick, die Hände zu heben?
Plötzlich versuchten wir alle wegzukommen. Ein hoher Luftwaffenoffizier schlug vor, wir sollten am besten allesamt denselben Ausgang benutzen, "sonst wird uns jemand beschuldigen, wir hätten im voraus gewußt, was passiert". So bahnten wir uns denn einen Weg durch die hin und her laufende Menge.
Im Mulago-Krankenhaus erfuhr ich dann von Ärzten und Hilfskräften' was geschehen war: Die erste Granate war vorn an der Seite des Jeeps explodiert, wo Amin normalerweise gesessen hätte. Das Fahrzeug hatte die Hauptwucht der Explosion abgefangen, doch Amins Fahrer sank, von einem Splitter genau zwischen den Augen getroffen, bewußtlos zusammen. Die zweite Granate war hinter dem Jeep gelandet und hatte den Begleitwagen zum Stehen gebracht.
Amin trat den Gashebel durch, sein Jeep stob davon. Später erzählte er mir, er habe die beiden Schüsse gehört, "aber sie waren weit vom Ziel".. Durch das Rütteln des Autos fiel der Fahrer beinahe hinaus. Amin packte ihn und fuhr weiter.
Während der Fahrt fingerte er eine Handgranate aus seiner Aktentasche und hielt sie vor den Mund, um den Zündstift notfalls mit den Zähnen herauszuziehen und sie einem Verfolger entgegenzuschleudern.
Er brachte seinen Fahrer ins Mulago-Krankenhaus, doch der Mann konnte nicht mehr gerettet werden: Zwei Tage später starb er.
Nachdem Amin seinen Fahrer im Krankenhaus abgeliefert hatte, sprang er in einen Dienstwagen und fuhr direkt nach Entebbe, um seine Armee zu mobilisieren. Panzer und gepanzerte Mannschaftswagen rollten über die Straßen Mehrere Menschen wurden getötet, viele zusammengeschlagen und einige verhaftet.
Kurz nach Mitternacht rief Amin die Truppen in ihre Kasernen zurück, denn spätestens um diese Zeit war ihm klargeworden, daß der Anschlag nicht Teil eines organisierten Putschversuchs gewesen war.
Gleichwohl tat Amin so, als kenne er die Verantwortlichen. Er zeigte sich auf dem Bildschirm und behauptete, rund ein Dutzend Verdächtige seien freigelassen worden. Jedermann wußte, daß keiner von ihnen auch nur das geringste mit dem Attentat zu tun gehabt hatte. Wer die Täter wirklich waren, hat niemand je erfahren.
Ein groteskes und komisches, aber auch grauenhaftes Kapitel ist die Geschichte von Amin und seinen Frauen.
Fünf Frauen zu haben -- noch dazu fünf schöne Frauen -- ist schon sonderbar genug. Rund dreißig Geliebte zu haben -- und etwa vierunddreißig Kinder (die amtliche Zahl variiert) -- ist noch ungewöhnlicher. Wenn dann noch eine der Ehefrauen unter rätselhaften, schreckenerregenden Umständen stirbt, scheinen die Grenzen der Glaubwürdigkeit überschritten. Eines ist gewiß in Amins Verhalten Frauen gegenüber zeigt sich seine abnorme Persönlichkeit am deutlichsten.
Seine erste Ehefrau Maliamu, die Tochter meines alten Schulrektors Mr. Kibedi, war die Schwester des ehemaligen Außenministers Wanume Kibedi. Amin lebte 13 Jahre lang mit ihr zusammen und hatte schon mehrere Kinder von ihr, bevor er sie 1966 förmlich zur Frau nahm.
Um diese Zeit sah er sich bereits -- wie es Sitte war nach einer jüngeren Frau um. Seine Wahl fiel auf Kay Adroa, und das war ganz verständlich, denn Kay, Tochter eines Geistlichen, kam aus Amins Stammesgebiet, war intelligent und von blendender Schönheit.
Ehe ein Jahr verging, hatte sich Amin mit Ehefrau Nr. 3 verbunden. Nora war eine Langi aus Obotes Stammesgebiet, und das bedeutete für Amin damals politischen Vorteil, denn Obote hegte gegen den beim Volk beliebten militärischen Aufsteiger schon Argwohn. Daß der Rivale nun eine Langi heiratete, mußte ihn beruhigen.
Ehefrau Nr. 4 war Madina, eine Tänzerin aus Buganda, Mitglied des "Heartbeat of Africa"-Ensembles.
Am 25. März 1974 ließ sich Amin, ohne daß die Öffentlichkeit, die Regierung oder die betroffenen Frauen vorher etwas davon erfahren hätten, von Maliamu, Kay und Nora scheiden. Nach islamischem Recht genügte dafür die simple Erklärung "Ich verstoße dich, ich verstoße dich, ich verstoße dich!"
Amin nannte für die Scheidungsaktion ganz absurde Gründe. Er beschuldigte Maliamu und Nora, sich mit Geschäften zu befassen -- dabei hatte er selbst den Frauen Textilläden geschenkt. Und Kay sei eine Kusine von ihm, man habe bei ihm gegen diese Verwandten-Ehe Beschwerde erhoben.
Im Fall von Maliamu lag der eigentliche Grund darin, daß Außenminister Wanume Kibedi, ihr Bruder, ins Exil gegangen war.
Später erfuhr ich, daß es noch einen anderen Grund gab. Amin hatte sich um seine drei ersten Frauen nicht viel
* Mit der Frau des japanischen Botschafters (2. v. l.).
gekümmert, weil er allzuviel Umgang mit anderen Frauen hatte. Zwei Jahre lang lebten sie praktisch völlig isoliert, gelangweilt und immer mehr enttäuscht. Schließlich nahm jede der drei sich einen Liebhaber.
Kays Freund war ein Arzt, Peter Mbalu-Mukasa, einer der Leitenden Arzte des Mulago-Krankenhauses, verheiratet und Vater mehrerer Kinder. Kay wurde durch ihn schwanger.
Am 24. März gaben die drei Frauen, im Haß auf ihren Ehemann vereint, ihren Liebhabern eine Party. Einer der Leibwächter alarmierte Amin, der sogleich seine widerspenstigen Ehefrauen anrief und ihnen drohte, sofort hinüberzukommen und sie hinauszuwerfen. Die Frauen, alle betrunken, erwiderten ihm, er könne Madina behalten und sich im übrigen zum Teufel scheren. Dann schickten sie die Leibwachen weg und verriegelten die Türen.
Am nächsten Tag diktierte Amin die Scheidungsbriefe und ließ sie den Frauen in demselben Augenblick zustellen, als das Radio die Scheidungen bekanntgab.
"Wenn ihn die Gicht plagt, weint er wie ein kleines Kind."
Aber damit war die Affäre noch nicht zu Ende. Amin war über das Erträgliche hinaus gereizt worden, und so sann er darauf, wenigstens die beiden Frauen, die ihm am nächsten gestanden hatten, nämlich Maliamu und Kay. zu demütigen -- und sogar zu töten.
Am 11. April, wenige Wochen nach ihrer Scheidung, wurde Maliamu in der Nähe von Tororo an der Grenze nach Kenia verhaftet, angeblich, weil sie einen Ballen Stoff nach Kenia hatte schmuggeln wollen. Die Verhaftung konnte nur auf Amins Befehl erfolgt sein.
Er ordnete art, daß sie bis zur Gerichtsverhandlung im Gefängnis zu bleiben habe lind daß ihr keine Freilassung auf Kaution gewährt werden dürfe. Am 30. April wurde sie vor Gericht gestellt, zu einer Geldstrafe verurteilt und auf freien Fuß gesetzt. Sie zog sich ins Privatleben zurück.
Ein Jahr später wurde Maliamu bei Kampala in einen Autounfall verwickelt -- einer der Leibwächter Amins hatte ihr Auto gerammt -- und mußte ins Krankenhaus eingeliefert werden. Da sie mehrere Wochen stationär behandelt werden mußte, besuchte ich sie mehrmals, und wir sprachen häufig über das, was sie erlebt hatte.
Maliamu war sehr gelassen. "Ich verstehe Amin", sagte sie öfter. "Machen Sie sich keine Sorgen." Eine Zeitlang habe sie Angst gehabt, daß Amins Männer sie abholen und töten würden, später jedoch fühlte sie sich sicherer.
Sie wisse, vertraute sie mir an, daß Amin viele Schwierigkeiten habe -- schließlich habe sie viele Jahre mit ihm zusammengelebt und ihn gepflegt, wenn er seine schmerzhaften Gichtanfälle erlitt. "Wenn ihn die Gicht plagt", sagte sie mir, "weint er wie ein kleines Kind, und ich mußte ihn trösten."
Sobald Maliamu aus dem Krankenhaus entlassen werden konnte, verließ sie Uganda.
Im Mai 1974 wurde Kay plötzlich verhaftet. Beschuldigung: Besitz einer Pistole mit Munition. Auch hinter dieser Aktion stand eindeutig Amin selbst, die Waffe nämlich war ein Geschenk von ihm. Kay wurde auf die Polizeiwache gebracht, wo Amin sie aufsuchte und die beiden sich durch das Zellengitter hindurch einen haßerfüllten Wortwechsel lieferten.
Kay blieb bis zum nächsten Morgen eingesperrt und wurde dann vor einen Richter gestellt. Auf die Frage, ob sie eine Schußwaffe mit Munition habe, sagte sie.,, Ja, beides gehört meinem Mann." Sie wurde verwarnt und freigelassen. Am 13. August starb sie. Die Umstände ihres Todes sind dunkel und grauenhaft.
Am 14. August wurde ich um neun Uhr in meinem Ministerium in Entebbe aus dem Mulago-Krankenhaus angerufen. Man teilte mir mit, daß einer meiner Ärzte, Dr. Mbalu-Mukasa, in kritischem Zustand im Krankenhaus liege und daß seine Ehefrau und fünf seiner Kinder, alle bewußtlos, ebenfalls eingeliefert worden seien, Diagnose: Schlafmittelvergiftung.
Kurz darauf wurde mir gemeldet, Mbalu-Mukasa sei gestorben, seine Frau und die Kinder würden wahrscheinlich durchkommen. Ich informierte den Präsidenten und fuhr ins Mulago-Krankenhaus.
Vor dem Eingang zur Unfallstation traf ich auf den Vater von Kay. Er erzählte mir, er habe in der letzten Zeit bei seiner Tochter logiert, doch seit einem Tag sei Kay verschwunden. Er sagte, sie habe ihre Wohnung zusammen mit Dr. Mbalu-Mukasa verlassen. Beunruhigt und verwirrt, hatte der Vater die Spur des Arztes bis zu seinem Krankenhaus verfolgt.
Von meiner Frau Teresa, die damals diensthabende Oberin des Mulago-Krankenhauses war, erfuhr ich dann die grausige Wahrheit: Die zerstückelte Leiche einer Frau sei in die Leichenhalle gebracht worden, und man habe gesagt, es sei Kay Amin.
Ich rief sogleich Amin an und fuhr dann selbst nach Nakasero, um ihm persönlich zu berichten, daß die Leiche seiner früheren Frau eingeliefert worden sei. Ohne jede Gemütsbewegung sagte er: "Gehen Sie hin und identifizieren Sie sie. Dann kommen Sie wieder her und berichten mir."
Ich fuhr zum Krankenhaus zurück, zwei Wärter öffneten den Kühlbehälter, die Lade glitt heraus -- der Anblick, der sich mir bot, verfolgt mich noch heute: Es war tatsächlich die Leiche Kay Amins, mit unverletztem Kopf, Arme und Beine säuberlich abgetrennt, kein Knochen gebrochen; die Sehnen der Gelenke sorgfältig durchschnitten. Es war das Werk eines Fachmanns, der chirurgische Instrumente benutzt haben mußte.
Ich fuhr, sobald ich mich von meinem Entsetzen ein wenig erholt hatte, zurück zu Amin. Er ließ keinerlei Überraschung über meinen Bericht erkennen, sondern nickte nur, saß eine Weile schweigend da und ließ mich dann gehen.
In derselben Nacht rief er mich an und gab mir einen ungewöhnlichen Befehl: Er verlangte, daß die Gliedmaßen wieder an den Rumpf angenäht werden sollten. Er habe die Absicht, am kommenden Morgen Kays Kindern die Leiche zu zeigen. Ich ließ eine Autopsie vornehmen, dann wurde der grausige Auftrag ausgeführt.
Gegen 11 Uhr vormittags kamen auf Amins Befehl Kays Vater und ihre drei Kinder, die zwischen vier und acht Jahre alt waren, zum Krankenhaus, auch Amin erschien. Dann gingen sie vor den Fernsehkameras und in Gegenwart der Reporter hinein, um die Leiche, die bis zum Kinn mit einem Laken bedeckt war, zu sehen.
Statt nun die üblichen Worte zum Trost der Familienangehörigen zu sagen, beschimpfte Amin seine frühere Frau und demütigte ihre Familie vor ihrer Leiche. "Eure Mutter war eine schlechte Frau!" schrie er die Kinder an. "Seht, was ihr zugestoßen ist!"
Zwei Tage später wurde die Tote in ihrem Geburtsort bei Arua bestattet. Amin war nicht dabei, ja er ließ sich nicht einmal vertreten. Mir gegenüber erwähnte er Kays Namen nie wieder. Die Polizei stellte keine weiteren Nachforschungen an.
Ich habe versucht, aus allen mir erreichbaren Aussagen den Hergang zu rekonstruieren: Im März 1974 wird Kay aus Amins Haushalt hinausgeworfen. Sie stellt fest, daß sie schwanger ist. Im Juli erklärt sich der Arzt bereit, den Eingriff vorzunehmen, obwohl die als gefahrlos geltende Frist von drei Monaten überschritten ist.
Während der Operation, bei der ihm ein Ruander assistiert, kommt es zu einem Zwischenfall -- in der Narkose beginnt Kay zu bluten und stirbt. Der Arzt und sein Assistent zerstückeln die Leiche, dann fahren sie nach Hause. Der Arzt gibt seiner Frau und seinen Kindern Schlaftabletten, um sicher zu gehen, daß sie von den Vorgängen nichts erfahren, eilt dann in die Klinik zurück, um die Leiche zu holen, noch in der Nacht alle Beweise zu beseitigen und dann zu fliehen.
Doch dann wird ihm die Sinnlosigkeit dieses Planes klar, verzweifelt gibt er auf und schluckt eine Überdosis Schlaftabletten. Dem Dienstmädchen fällt am frühen Morgen die ungewöhnliche Stille im Hause auf, sie schlägt Alarm, und so findet man den Arzt und seine Familie. Die Polizei verhaftet den Assistenten, der die ganze Geschichte erzählt und dann der Armee übergeben wird. Man schiebt ihn ab nach Ruanda oder ermordet ihn.
Anhand dieses Drehbuchs könnte man sich erklären, was im großen und ganzen geschehen war. Doch allzu viele Fragen bleiben offen. Der Fall wird vermutlich nie aufgeklärt.
Außer seinen Ehefrauen hat Amin zahllose andere Frauen; viele von ihnen haben ihm Kinder geboren. Er betrachtet seine sexuelle Kraft als Zeichen seiner Macht und Autorität und versucht deshalb gar nicht erst, seine Begierde zu verbergen. Der Ruf seiner sexuellen Leistungen ist so sensationell, daß sich Frauen oft absichtlich verfügbar halten.
Ein besonders erschreckender Zug seines Sexlebens ist seine Bereitschaft, zu töten, um seine Ziele zu erreichen. So ließ er den Liebhaber der Tänzerin Sarah Kyolaba ermorden, bevor er sie Anfang August 1975 zur fünften Frau nahm.
Ich kenne außerdem noch mindestens drei Fälle, in denen Amin eine Frau zu seiner Geliebten machte, nachdem ihr Mann getötet worden ist. Er nahm sich > meine Privatsekretärin im Kulturministerium -- ihr Ehemann, Professor Emiru, wurde 1971 ermordet;
1> die Ehefrau des Geschäftsführers eines Hotels in Tororo, Nshekanabo -- in diesem Fall befahl Amin sogar der Versicherungsgesellschaft, die Summe, die der Witwe zustand, beschleunigt auszuzahlen; > eine höhere Polizeibeamtin, deren Mann verhaftet und dann ermordet wurde.
Amins unzählige Gelegenheitsaffären spielen sich in allen Winkeln der öffentlichen Verwaltung ab. In meinem eigenen Ministerium mußte ich gegen Schwierigkeiten ankämpfen, die durch seine häufigen. Annäherungsversuche bei Krankenschwestern entstanden,
Amin kann zu jeder beliebigen Zeit auf etwa dreißig Frauen zurückgreifen. Sie sind über ganz Uganda verstreut -- in Hotels, Büros, Krankenhäusern. Manche sind ugandischen Botschaften im Ausland zugeteilt worden und erwarten dort, von ihm zu sich gerufen zu werden.
Wenn sie nicht gerade von Amin beansprucht werden, führen diese Frauen ein sehr unnormales Leben: Sie wagen nicht, mit einem anderen Mann auch nur auszugehen. Selbst in den Auslandsvertretungen werden sie von Amins Spionen beschattet, regelmäßig erhält er Berichte über ihr Betragen.
Amins Sexleben und sein Arbeitsalltag sind die beiden Seiten derselben Medaille. Eine Energie, die sich im Sex wie in der Politik auslebt, erfüllt seine Tage und seine Nächte. Er bleibt bis vier oder fünf Uhr morgens wach, für den Fall, daß sich die Armee in den frühen Morgenstunden gegen ihn erheben sollte.
Wie er seine Frauen behandelt, so behandelt er auch das Land. Sein Drang, durch Gewalt zu herrschen, seine Rachsucht, seine pfauenhafte Prunksucht -- all das deutet darauf hin, daß er von Uganda genauso Besitz ergriffen hat und es genauso verheeren wird, wie er von unzähligen Frauen auf verheerende Weise Besitz ergreift. Im nächsten Heft
Die Nacht von Entebbe: Amin versteckt sich -- Das Ende der Geisel Dora Bloch -- Wie der Mord an Erzbischof Luwum vertuscht werden sollte

DER SPIEGEL 39/1977
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