05.09.1977

FREIZEIT-PARKS

Richtige Power

Siebzig Millionen Besucher kaufen sich in Freizeitparks ihr Fest- und Feiertagsvergnügen. Die Parkbesitzer rechnen mit weiterem Zulauf.

Das Affentheater beginnt pünktlich alle halbe Stunde. Ringo schwingt die Bongos, Johannes kratzt über das Waschbrett, Swing King bläst die Trompete, und die Hula-Äffchen wackeln mit dem Bauch.

500 Mamas und Papas, Opas und Omas, vor allem aber Kinder juchzen und klatschen, wenn die Affen jazzen. Bis zu zwanzigmal am Tag hat die haarige Truppe ihren Auftritt, an die 10 000 Zuschauer lockt sie täglich an.

Dennoch geht den 23 Show-Affen nie die Puste aus. Ein Preßluft-Generator unter der Bühne bläst ihnen über Hunderte von Plastikschläuchen den notwendigen Lebensatem ein. Ein Computer steuert über Relais und Ventile den Auftritt.

Das elektronische Affentheater ist die neueste Attraktion in "Deutschlands größtem Freizeit- und Abenteuerparadies", dem Amüsier-Park "Phantasialand" in Brühl bei Köln.

Dort, auf dem Gelände einer ehemaligen Stuhlfabrik, machen ein früherer Puppenfilmer und ein erfahrener Schausteller mit Vergnügen das große Geld. Richard Schmidt, der einst für das Zweite Deutsche Fernsehen Puppenfilme drehte, tat es nämlich "in der Seele weh", Schneewittchen und die sieben Zwerge nach der letzten Klappe auf den Müll zu werfen.

In einem Wald in der Nähe seiner Brühler Wohnung wollte er die ausgedienten Fernseh-Figuren und Kulissen, Kindern zur Freude, wieder aufstellen.

Sein Freund Gottlieb Löffelhardt allerdings, der damals Karussells an skandinavische Rummelplätze vermittelte, warnte den Artisten gleich: "Richard, da fehlt die action."

Davon gibt es jetzt genug. Über den Köpfen von Aschenputtel und Dornröschen schwebt eine Einschienenbahn vorbei an "Schloß Schreckenstein". "Die z. Z. einzige Gondelschwebebahn Deutschlands" gleitet in einem Höhlengebirge aus gespritztem Beton durch "1001 Nacht", beim Drachen rein, beim Totenkopf wieder raus.

Die Schau der Freizeitunternehmer kommt an: 1,6 Millionen Besucher pro Jahr zieht es ins "Phantasialand", bis zu 20 000 am Tag. Selbst Deutschlands bekannteste Touristenattraktion" das Märchenkönigsschloß Neuschwanstein in Bayern, kommt da nicht mit.

An manchen Tagen sind Autobahnen und Straßen kilometerweit um Brühl von "Phantasialand"-Fahrern verstopft. Am 21. Juli etwa, dem belgischen Nationalfeiertag, strömten schon früh um acht die Autokolonnen über die nur 50 Kilometer enfernte deutschbelgische Grenze. Puppenmacher Schmidt stand untröstlich an der Autobahnabfahrt und winkte die enttäuschten Familien weiter: Seine Traum-Welt war wegen Überfüllung geschlossen.

Das "Phantasialand" ist der bisher erfolgreichste von einem Dutzend Versuchen, Rummelplatz und Zoo, Zirkus und Stadtpark zu einem einträglichen Freizeitunternehmen zu fusionieren.

Weitere 200 Märchen- und Miniaturparks, ausnahmslos deutlich kleiner und häufig am Rande des Ruins, versuchen sich ihren Teil des Geschäfts mit der Freizeit zu holen. Und über 3000 mal vermitteln "Großwild-Reservate", "Streichelzoos" und "Wildparks" gegen Eintritt "Mensch-Tier-Kontakte" (Fachjargon).

Selbst Fußballstadien (60 Millionen Besucher) haben weniger Anziehungskraft: Über 70 Millionen Menschen verbringen 1977 Feier- oder Ferientage in Freizeitparks, schätzt Westdeutschlands bislang einmaliger "öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Freizeitanlagen", der Unternehmensberater Carl M. Wenzel aus Sierksdorf an der Ostsee. Der Umsatz der Freizeitunternehmer wird dieses Jahr vermutlich 400 Millionen Mark übersteigen.

Für die Amüsier-Industrie ist die Bundesrepublik dennoch "Entwicklungsland" (Wenzel). Allein Disneyland in Kalifornien und Disney-World in Florida, die unerreichten Vorbilder der westdeutschen Familienparks, nehmen mehr ein als die gesamte Freizeitpark-Branche der Bundesrepublik. Mit etwa 40 Parks im Disney-Format haben die USA nach Meinung der "New York Times" schon den "Sättigungspunkt" der Vergnügungswelle erreicht.

In der Bundesrepublik dagegen rechnen sich findige, manchmal auch windige Unternehmer noch große Chancen aus.

Ende Juli zum Beispiel überraschte der Wiener Sänger Andre Heller, der zuvor mit seinem nostalgischen Zirkus Roncalli" pleite gemacht hatte, die Münchner Stadtväter mit dem Vorschlag, das dahinsiechende Olympiadorf mit einer "Weltausstellung der Phantasie -- so zwischen Disneyland und Oktoberfest" zu beleben.

Den Düsseldorfer Behörden versucht die "kontraktbau AG & Co. KG" aus Wiesbaden die Genehmigung für einen "Urweltpark" in der Einflugschneise des Flughafens abzuhandeln. Für 30 Millionen Mark wollen die Wiesbadener dort -- so ihr Architekt Ernst A. Welle -- "'ne richtige Poweranlage" hinstellen.

In der Lüneburger Heide, nahe Soltau, erwarb der Hittfelder Schausteller Hans-Jürgen Tiemann 50 Hektar sturmzerzaustes Ödland. Schon nächstes Jahr sollen sich in dem "Heidepark" 200 000 Besucher vergnügen. Die Soltauer Stadtväter sind -- so Tiemann -- vor Begeisterung "praktisch ausgeflippt".

Soviel Unternehmungslust ist auch durch eine lange Liste fehlgeschlagener Freizeit-Unternehmen nicht zu beeindrucken. Auf dem Heideland zum Beispiel hatten nach den Plänen des Wuppertaler Textilkaufmanns Rolf Sträter eigentlich Dinosaurier stehen sollen. "Textil ist pass", schloß er kurz, "da habe ich an die Freizeit gedacht."

Die bis zu 27 Meter langen und 13 Meter hohen Riesenviecher aus Glasfiber sollten nach Sträters Rechnung 18 Prozent Rendite abwerfen, Dennoch fand sich für Sträters "Gesellschaft für Urweltpräsentation" nur ein einziger Kapitalanleger -- die Hasen auf der Heide blieben vorerst unter sich.

50 Kilometer weiter südlich scheiterte der amerikanische Freizeitpark-Unternehmer und Karussell-Importeur Mickey Hughes. Der US-Experte hatte neben dem "Serengeti-Groß-Wildpark" Riesenräder und Karussells im amerikanischen Stil aufgetürmt. Vergeblich warnte ihn sein Freund Löffelhardt vom "Phantasialand": "Mickey. hier ist nicht Amerika."

Die Kombination von Rummelplatz und Drive-in-Zoo ging daneben. Nachdem die Besucher die "wilden Tiere in freier Natur" von der Familienkutsche aus besichtigt hatten, fuhren sie zumeist geradewegs an Mickeys Park vorbei wieder auf die Autobahn.

In Amüsierlaune waren sie ohnehin nicht. Wachttürme, Autoschleusen wie an der DDR-Grenze und vier Meter hohe Zäune für Löwen, Elefanten und Paviane lassen das rechte Gefühl für die Freiheit der Steppe kaum aufkommen. Nach zwei Jahren mußte der Amerikaner sein Spielzeug unter Verlust wieder abbauen: Er hatte immerhin einige Millionen Dollar bei Hodenhagen in den Sand gesetzt.

Wenig Spaß hatte auch der Hamburger Baulöwe Hans Peter Rüster mit einem Amüsierpark an der Ostsee. Aus 28 Millionen Kunststoff-Bausteinen der dänischen Firma Lego ließ er ganze Städte en miniature nachbauen -- von Rüdesheim am Rhein bis zur Skyline von New York.

Letztes Jahr wurde das "Legoland" Klötzchen für Klötzchen wieder abgeräumt. Statt der im Eröffnungsjahr 1973 erwarteten 1,6 Millionen Besucher kam nur die Hälfte. Erwachsene langweilten sich in den Kleinstädten, Kinder brachten nicht genug in die Kasse. Rüsters Deutsche Familienpark GmbH" wurde liquidiert.

Im Herbst 1976 fand die Kieler Landesbank, die das 30-Millionen-Mark-Objekt mitfinanziert hatte, eine neue Geldquelle für den Spielplatz: Flick-Enkelin Dagmar Gräfin Vitzthum und ihren Onkel Karl Raabe. Die Erben haben schon zehn Millionen Mark investiert.

Mit dem Flick-Geld kam Geschäftsführer Horst Hamelberg auch ein neues Konzept. Ostseelage und Einzugsgebiet inspirierten ihn zu dem "maritimen Thema Hanse".

Nun dreht sich im "Hansaland" ein Koggen-Karussell. Auch die "Hansa-Bootsfahrt" hat es in sich: "Auf einem kleinen Fluß fahren die Boote im Wasser" ("Hansaland"-Prospekt).

Nach dem Vorbild der erfolgreichenwestdeutschen Freizeitparks verzichtet die neue "Parkstrategie" darauf, für jede "Attraktion" im Park noch einmal extra zu kassieren, ein Trick, der einst viele Legoland-Gäste verärgerte. Nachdem erst einmal neun Mark Eintrittsgeld abgeliefert wurden, sind die einzelnen Vergnügungen gratis.

Dennoch kommen die Freizeitpark-Unternehmer auf ihre Kosten. Mit "Souvenir-Shops" und Wurstchenbuden, Getränkeständen und Gaststätten nehmen sie den Familien im Branchendurchschnitt mindestens noch einmal so viel Geld ab wie für den Eintritt.

Das Mitfahren "so oft man möchte" ist ohnehin nicht so leicht. Im "Phantasialand" etwa müssen die Amüsierwilligen bis zu einer dreiviertel Stunde warten, um die Abenteuer der zementierten "Wildwasserbahn" zu erleben.

Dieses geduldige Warten allerdings verschafft den Besuchern der Freizeitparks endlich das, was sie nach Meinung der Vergnügungs-Experten dort eigentlich suchen, "die zwanglose Kommunikation mit anderen Menschen". Amüsier-Sachverständiger Wenzel hat es erforscht: "Die Kommunikation findet in der Schlange statt."


DER SPIEGEL 37/1977
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