05.09.1977

Hite-Report: Abnabeln von Doktor Freud

Aus den sexuellen Erfahrungen und Wünschen von 3000 Amerikanerinnen kondensierte Shere Hite die bislang erfolgreichste Sexualfibel der 70er Jahre. Ende des Monats stellt die Autorin ihr von Feministinnen und Playboy-Redakteuren gelobtes Werk auch in der Bundesrepublik vor: ein Hoheslied auf Masturbation und neue Zärtlichkeit.
Noch vor wenigen Jahren konnte es der New Yorkerin Shere Hite geschehen, daß sie in den Canyons von Manhattan als zweibeinige Büromaschine angesehen wurde. Damals hatte die junge Frau in einem TV-Werbespot den Part eines Schreibmädchens zu spielen: Als "Olivetti Woman" war es ihre Aufgabe, "eine Schreibmaschine vorzustellen, die so smart war, daß die Benützerin leicht etwas dümmlich wirken durfte".
Das Mimodram wurde zum Auslöser für den Sex-Weltbestseller der 70er Jahre und machte die vormalige Columbia-Doktorandin zum Stargast amerikanischer Talkshows. Denn New Yorker Feministinnen, die gegen den Olivetti-Spot protestierten, überzeugten Shere Hite, daß ihr Werbestreifen typisch sei für die Rolle vieler Frauen in den USA -- einer schweigenden Mehrheit von Sexualobjekten, "deren Gefühle unterdrückt und ausgebeutet werden".
Shere Hite begann sich für die Einstellung ihrer Geschlechtsgenossinnen zum Thema Sexualität zu interessieren und verschickte erste Fragebogen.
Vier Jahre später (und mit 35 000 Dollar verschuldet) legte sie den "Hite-Report" vor -- ein Werk, das die Aussagen von 3019 Frauen zum Thema Sexualität zusammenfaßt und fast über Nacht auf den Sellerlisten erschien. 1,6 Millionen Exemplare wurden bisher allein in den USA verkauft; übersetzt wird der Report demnächst in neun Sprachen, darunter auch Hebräisch und Japanisch. "Heute", so rühmte "Time" das Ex-Modell, "ist sie ein Sex-Guru."
Ende des Monats, ein Jahr nach der Premiere in den USA, soll der Hite-Report auch in der Bundesrepublik ein Hit werden**. Die Vorausverkäufe, so meldet Bertelsmann-Sprecher Lionel von dem Knesebeck, seien jetzt schon "gigantisch" -- anders als ursprünglich geplant, habe die Startauflage "mehr als verdoppelt" werden müssen. Von dem Knesebeck: "Das wird ein Bestseller, ohne daß wir viel dazu tun."
Dafür sollen nebst Autorin Hite, die auf Pressekonferenzen und im ARD"Bücherjournal" vorgestellt wird, schon die Vorabdrucke sorgen: in der
* Franz Kupferstich aus dem 18. Jahrhundert.
** Shere Hite: "Hite-Report -- Das sexuelle Erleben der Frau", C. Bertelsmann Verlag München: 576 Seiten; 38 Mark.
Münchner "Abendzeitung" beispielsweise sowie in dem Berliner Frauenblatt "Courage", das bereits erste Auszüge gedruckt hat.
"Das sexuelle Erleben der Frau", wie Bertelsmann den Titel deutsch verfeinert, basiert auf 100 000 Fragebogen mit je 57 Fragen, die Shere Hite von 1972 an verschicken ließ (3019 Frauen antworteten). Helfer waren die USFrauenbewegung "Now" sowie ein halbes Dutzend Zeitungen und Zeitschriften -- darunter so untern schiedliche Gazetten wie etwa die "Village Voice", das "Brides Magazine" und "Mademoiselle". Auch Kirchenblätter machten bei der Sexualbefragung mit.
Die Antworten waren dementsprechend weit gestreut, unverblümt zumeist und etwa zu gleichen Teilen zwischen Verzückung und Verzweiflung angesiedelt. "Manche Männer ficken einen, bis man kommt -- oder tot umfällt", klagte eine Schreiberin über zu wenig Zärtlichkeit. "Ich habe den Fragebogen beantwortet", so schrieb eine andere Frau, "weil ich durch die Hölle gegangen bin und mich immer gefragt habe, was mit mir "los" sei."
Methodische Mängel des Hite-Reports können auch durch solch offene Darlegungen oder Gemeinplätze ("Frauen, die keinen Orgasmus haben. hätten gern einen") nicht übertüncht werden. So waren die Fragebogen beispielsweise im Verlauf der Befragungen dreimal neugefaßt worden.
Shere Hite jedoch, die mittlerweile 34 Jahre alte Junggesellin, kontert ihre Kritikaster kämpferisch: "Wenn sie meine Arbeit "unwissenschaftlich" nennen, dann heißt das in Wirklichkeit: Sie ist kein Mann, sie trägt keinen weißen Kittel, es ist Weibergeschwätz."
Ihr feministischer Ansatz, weibliche Sexualität ausschließlich von Frauen selbst darstellen zu lassen, ist so neu nicht. Das hatten beispielsweise auch schon jene 300 US-Frauen getan, die dem Psychologen Seymour Fisher ("Der Orgasmus der Frau") Auskunft gaben.
Und schließlich wird im Hite-Report nur neuerlich bekräftigt, was auch Alfred C. Kinsey, der Begründer des modernen Sexologentums" schon vor mehr als 20 Jahren klarmachte: Es gibt kein allgültiges Schema für sexuelles Glück -sexuelles Verhalten ist, von Partner zu Partner und von Phall zu Phall, verschieden.
Jedoch: Niemals zuvor haben so viele Frauen sich so deutlich von einem anatomischen Schicksalsglauben losgesagt, der seit den Tagen Sigmund Freuds mehr Leid als Lust bereitet hat -- dem "vaginalen Orgasmus", den Freud noch für den überlegenen und reiferen hielt.
Niemals zuvor auch haben Frauen eindringlicher gesagt, wo der wahre Dynamo ihres Lustempfindens sitzt -- im Bereich der Klitoris.
Von den Befragten im Alter zwischen 14 und 78 Jahren
* kam nur knapp jede dritte (30 Prozent) allein durch Penetration zum Höhepunkt;
* jede fünfte Frau (19 Prozent) bedurfte eines zusätzlichen Anreizes: der manuellen Stimulation der Klitris;
* vier Fünftel schließlich masturbierten -- mit dem nachhaltigsten Erfolg: 95 Prozent von ihnen erreichen so den Höhepunkt.
Selbstbefriedigung, so hat Shere Hite ermittelt, ist mächtig "in". "Ich schminke mich dabei", heißt es einmal, "kaltblütig und voller Seligkeit" nutzt eine der Befragten dazu aber auch die Rückenlehne eines Schreibtischstuhls.
Fast scheint es, als seien die Alleingang-Varianten vielfältiger als die Möglichkeiten des heterosexuellen Verkehrs -- freihändig auf Kissen oder auf dem Wäschesack, mit Vibrator-Hilfe oder unter einem Wasserstrahl im Bad (den zwei Prozent der Einsenderinnen als besonders wohltuend empfinden).
Bei einem großen Teil jedoch wirkt offenbar noch das Postulat des Seelen-Pioniers Freud, der die klitorale Handhabung als Zeichen "psychischer Unreife" gewertet hat.
Von vielen Frauen, so die Sex-Explorateurin Hite, werde die klitorale Stimulation "als zweitrangiger Sex" verstanden. Cunnilingus beispielsweise würde zwar gern praktiziert, das Zungenspiel aber eher "unenthusiastisch, knapp und verstohlen" abgeschildert.
Es sei "biologisch normal", so faßt Shere Hite zusammen, auch während des penetrierenden Verkehrs zu masturbieren. Um zu "orgasmen", solle sich die Frau in jedem Falle selbst behelfen und aktiver werden als bisher. Und wenn ihr Partner bei der althergebrachten Bett-Bataille bleibe, so rät Shere Hite, solle sie sich eben "einen neuen suchen".
Den Vorwurf, in ihrem Buch werde einer bloß mechanistischen Form von Sexualität gefrönt, wehrt die Autorin entschieden ab. Sie plädiert eher für eine neue Art von Zärtlichkeit, verbunden mit einer radikalen Abkehr vom archaischen Prinzip des Rollen-Sex.
Ginge es nach ihr, so wären in den späten 70er Jahren wieder Liebe und Intimität gefragt -- auch eine "neue Definition von Sex" sei notwendig. Hite: "Sie sollte alles einschließen -- sich berühren oder auch nur eng beisammensitzen."
Bestärkt in ihrer Meinung, das Vornun auch zum Hauptspiel auszudehnen, wird die Autorin von der Mehrheit aller Schreiberinnen. Bisher seien die Männer "zu aufgedreht", meint eine. "Sie verlangen Befriedigung -- ihre eigene natürlich."
Für viele Frauen ist überraschenderweise der Höhepunkt beim Sex "nicht wichtig". Typisches Beispiel: "Es ist auch so schön -- wegen der Wärme. Man fühlt sich beschützt und läßt jemanden spüren, daß man ihn mag." Als weiteres Indiz für den tiefsitzenden Wunsch nach Zärtlichkeit erwähnt Shere Hite, daß 87 Prozent der antwortenden Frauen weiterhin die Penetration erwünschen -- aber "vor allem wegen des körperlichen Kontakts und wegen des Zusammengehörigkeitsgefühls".
Den Penis neuerdings nicht mehr nur als Instrument, wohl aber als Kommunikationsmittel zu nutzen, wäre in der Tat ein Weg, aus dem genitalen Labyrinth herauszufinden. Doch das hieße, wie der US-Psychiater Herb Goldberg formulierte, Männer zum Fühlen zu bewegen. Goldberg pessimistisch: "Das ist gerade so, als forderte man einen Krüppel zum Rennen auf."
Shere Hite will das Wagnis unternehmen. Nach dem Vorbild ihres Frauen-Reports bearbeitet sie derzeit ein neues Werk: "Die Sexualität des Mannes." 2500 Fragebögen von Männern sind schon bei ihr eingegangen; 1979 soll die Studie an den Muskelfiguren abgeschlossen sein.

DER SPIEGEL 37/1977
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