17.10.1977

Fall Schleyer: Der zweite Schlag

Fünf Wochen lang hielt Bonn die Schleyer-Entführer durch geschicktes Taktieren hin -- da landeten die Terroristen am vorigen Donnerstag ihren lange erwarteten zweiten Schlag. 91 Geiseln an Bord der entführten Lufthansa-Boeing gaben ihnen ein neues Druckmittel in die Hand -- weit stärker als das Leben von Schleyer.

Die "Begleittat", so Horst Herold, Präsident des Bundeskriminalamts (BKA) war lange vorausgesehen. Mit jedem Tag, den Hanns Martin Schleyer länger in der Hand der Terroristen verbringen mußte, wuchs die Sorge der Experten vor der Stunde X.

In den Bonner Krisenstäben wurde seit Wochen damit gerechnet, daß "eine Sache von außen kommt", um der Terror-Forderung nach Freigabe von elf RAF-Häftlingen mit der Bedrohung von noch mehr Menschenleben Nachdruck zu verleihen -- beispielsweise, indem auf offener Straße "einfach jemand umgelegt", ein deutsches Konsulat überfallen oder ein Diplomat entführt würde.

Und auch das Naheliegende, das Massen-Kiduapping in der Luft, war einkalkuliert. In ihren Planspielen sahen die Sicherheitsexperten dabei den Einsatz palästinensischer Terroristen voraus -- Seite an Seite mit Deutschen aus dem Untergrund.

In Kassibern, die in den Zellen gefunden worden waren, hatte RAF-Chef Andreas Baader seit langem darauf gedrängt, "wirklich mal was in die Hand" zu bekommen, "gegen das sie uns austauschen". Sollte es aber mit der "Big Raushole" nicht gleich klappen -- wie dann im Fall Schleyer wirklich geschehen -, müßten Anschlußaktionen unternommen werden: "Wenn ... sie zögern, ablehnen, dealen, die Fahndung militarisieren", dann "sofort (also vorbereitet) gezielt -- wenn ihr könnt, an mehreren stellen gleichzeitig angreifen."

Doch als dann am Donnerstag letzter Woche gegen 14 Uhr Terroristen über dem Mittelmeer die Lufthansa-Boeing 737 "Landshut" auf dem Linienflug LH 181 von Mallorca nach Frankfurt kaperten, glaubte in Bonn noch niemand an den befürchteten zweiten Schlag.

Die ersten Meldungen sprachen dagegen: Aus dem Cockpit der Boeing -- an Bord fünf Besatzungsmitglieder und 86 Passagiere. darunter Frauen und Kinder -- gab sich vor der Landung in Rom über Funk zunächst nur ein einzelner, ein "Hauptmann Mohammed Walter", als Entführer zu erkennen, und er wollte gleich Freiheit für "alle politischen Gefangenen", die in der Bundesrepublik einsitzen. Ein Wirrkopf?

Erst als die Maschine vom römischen Flughafen Fiumicino zum griechisch-zyprischen Platz Larnarka startete, begann sich die Nachrichtenlage zu verdüstern. Ein israelischer Amateur-Funker schnappte aus dem Äther Fetzen eines Gesprächs auf, das der "Landshut"-Pilot mit einem anderen Lufthansa-Flugzeug führte. Jetzt war von einem Vierer-Kommando die Rede -zwei Männern und zwei Frauen, bewaffnet mit Pistolen und Handgranaten. Sie könnten sich, funkte es, "auch in deutsch" verständigen.

In Larnarka, auf der Piste, sprachen die Piraten mit der Tower-Besatzung englisch. Einem Vertreter der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO, der über Funk zur Aufgabe aufforderte, schrie der Boeing-Terrorist zu: "We will fight!" -- "Wir werden kämpfen."

Nun schien auch die Bundesregierung -- bis dahin stets auf Zeitgewinn bedacht -- zu schnellem Handeln entschlossen. Regierungssprecher Klaus Bölling, bis zum Freitag letzter Woche Vorschweiger der seit der Schleyer-Entführung verhängten Nachrichtensperre, las nicht nur die letzten Botschaften und Ultimaten der Schleyer-Kidnapper vor, die keinen Zweifel mehr an einem Zangenangriff deutscher und palästinensischer Terroristen ließen. Er gab der Öffentlichkeit auch ein brisantes Geheimnis preis: den Start eines Luftwaffentransporters in Richtung Zypern mit schwerbewaffneten Männern der Anti-Terrorbrigade GSG 9 vom Bundesgrenzschutz an Bord.

Aber der Versuch, die RAF-Befreier auf Zypern notfalls mit Gewalt zu stoppen, kam zu spät. Als das Kampfkommando auf Zypern landete, war die "Landshut" schon seit zwei Stunden wieder in der Luft -- unterwegs nach Dubai am Persischen Golf. Die Grenzschützer kamen nicht dazu, der "Landshut", wie geplant, die Reifen zu zerschießen.

Am Freitagnachmittag setzte sich von Bonn aus auch der Staatsminister im Kanzleramt, Araberkenner Hans-Jürgen Wischnewski nach Dubai in Marsch, um die Lage zu erkunden und mit seinem Freund Scheich Mohammed Ben Raschid Al Maktum, dem Verteidiger der Emirate, Kriegsrat zu halten.

Bei dieser Reise ging es nicht mehr nur darum, den Terroristen Bonner Betriebsamkeit vorzugaukeln -- wie bei den fünf vorausgegangenen Blitzflügen des Staatsministers nach Nordafrika, in den Nahen und Fernen Osten.

Damals spielte Bonn mit der "Länderkiste" (so ein BKA-Mann) auf Zeitgewinn. Alle Kontakte mit den Schleyer-Entführern wurden bis zur "Landshut"-Entführung von den Bonner Krisenmanagern ausschließlich dazu benutzt, die Terroristen mit vorgeblich emsiger Suche nach einem Aufnahmeland für die Freigepreßten hinzuhalten.

In allen Gastländern, von Algerien bis Vietnam, holte sich Wischnewski, wie gewünscht, eine Abfuhr. Doch die Bonner Hoffnung, die Schleyer-Entführer auf diese Weise womöglich über Monate hin zu zermürben, schlug am 4. Oktober in Skepsis um -- an jenem Tag, an dem Algerien, von der japanischen Regierung gedrängt, per Flugzeugentführung sechs freigepreßte Japaner aufnahm und später deren Auslieferung nach Tokio verweigerte.

Algerienkenner der Bundesregierung erklärten sich den nach Wischnewskis Reise überraschenden Rückfall mit den Zwängen panarabischer Rücksichtnahme: Es sei wohl für die Algerier noch immer schwierig, wenn nicht gar unmöglich, Leute auszuliefern, die mit den Palästinensern freundschaftliche Kontakte unterhalten.

Wieder wurde deutlich, daß Terrorismus heute ein internationales Geschäft ist, und als Ende letzter Woche die Nachrichten vom Persischen Golf eine nahe bevorstehende Entscheidung des Falles Schleyer ankündigten, wurden abermals vor aller Welt die Fäden des Terrorismus bloßgelegt, die Zündschnüren gleich quer über Kontinente verlaufen.

Mit Eifer hatten Baaders Kader seit Jahren ihre Kontakte genutzt.

Ulrike Meinhof ließ zu Beginn der siebziger Jahre alte Verbindungen nach Nahost spielen, um sich und einige Genossen im Libanon als Partisanen ausbilden zu lassen. Ilich Ramirez Sánchez, genannt "Carlos", der internationale Terroristenchef aus Venezuela, trug lange Zeit eine Waffe, die RAF-Mann Rolf Pohle beschafft hatte.

Der Frankfurter Verlagskaufmann Johannes Weinrich ging "Carlos" beim Flugzeug-Anschlag in Paris-Orly zur Hand, der Bamberger Wilfried Böse bei der Aktion in Entebbe -- und kam dabei um.

Hans-Joachim Klein aus Frankfurt schoß "Carlos" beim Überfall auf die Wiener Opec-Zentrale den Weg frei, der Deutsche Bernd Hausmann schleuste 1976 im Auftrag des militanten Palästinensers Georges Habasch einen Koffer mit Sprengstoff nach Israel ein, der dann auf dem Flughafen Lod explodierte und den Kurier und eine Sicherheitsbeamtin in den Tod riß. In Tel Aviv sitzen seit 1976 die Deutschen Brigitte Schulz und Thomas Reuter ein, die zusammen mit Palästinensern verdächtigt werden, den Abschuß einer israelischen Verkehrsmaschine in Nairobi mit Flugabwehrraketen geplant zu haben.

Engagierte Einsätze westdeutscher Kader, vornehmlich für die Sache der Palästinenser, sind spätestens seit 1975 zu registrieren, als die Polizei in der Bundesrepublik die Fälle Drenkmann, Lorenz und Stockholm relativ rasch aufklären und ein Großteil der Täter festnehmen konnte: Mit der Vorleistung für Habaschs Palästinenser-Organisation "PFLP" sollte, etwa bei der Entebbe-Aktion, die moralische Verpflichtung der Habasch-Leute erkauft werden, nicht nur eigene verhaftete Aktivisten, sondern auch die westdeutschen RAFs aus den Gefängnissen freizupressen.

Je mehr sich das Territorium der Bundesrepublik seit 1975 dank der Computer-Fahndung des Bundeskriminalamts (BKA) zu einem Risikoraum für den Terrorismus entwickelte, je näher der Termin des RAF-Prozesses in Stammheim rückte, desto intensiver suchten, so die Ermittler, führende Terroristen wie Ex-Anwalt Jörg Lang von Paris aus ihre arabischen Genossen zu Befreiungsaktionen zu überreden.

Lang-Kollege Siegfried Haag begab sich bald darauf in ein Ausbildungslager der Palästinenser im Südjemen, um sich dort mit einer internationalen Gruppe in Kidnapping, Combat-Schie-Ben und Guerilla-Strategie zu üben. Der ehemalige Baader-Verteidiger aus Heidelberg stieß in dem Lager auf jene deutschen Südjemen-Leute, die 1975 bei der Lorenz-Entführung freigepreßt worden waren und auf Umwegen aus der Suite 160-164 des Crescent Hotels in Aden zu der "Gruppe Carlos" gefunden hatten.

Mindestens zwei des Quintetts, Verena Becker Deckname: "Soha") und Rolf Heißler ("Rafik Hamzi"), nahm Haag ("Khaled") im Herbst 1976 mit in die Bundesrepublik, um mit ihnen die RAF-Befreiung vor Ort vorzubereiten.

Seit allerdings die arabischen Staaten und mit ihnen der auf internationale Reputation bedachte Palästinenser-Führer Arafat den Radikalen im eigenen Lager mehr und mehr die offizielle Unterstützung verweigerten, suchten sich die deutschen Terroristen "Ruhe- und Bereitstellungsräume" (BKA) in den westeuropäischen Nachbarländern. Linksradikale Helfer in Amsterdam, Paris und Stockholm sorgten für Unterschlupf.

Diese Beihilfe gab der RAF neuen Spielraum. Mit plötzlichen Auftritten in der Bundesrepublik, blitzartigem Verschwinden in Schweden, Holland, Italien, Frankreich, der Schweiz konnten die Baader-Nachfolger den Effekt ihrer Aktionen erheblich verstärken.

Aufgerüstet von Lang und Haag, fand die deutsche Szene in der Internationale des Terrors Anschluß an ein solidarisches System wechselseitiger Informationen und Unterstützung.,, Zu einer zwar losen, aber funktionierenden Einheit verknüpft", so BKA-Chef Herold, konnte der Terror seither "nach Belieben in die verschiedenen Staaten dirigiert und auch in die Bundesrepublik zurückgerollt werden".

Freilich gingen die Bonner Sicherheitsexperten lange Zeit davon aus, daß eine Bedrohung des beliebigen Bürgers nicht ins "Raster" (Bölling) des deutschen Terroristen passe.

in der Tat hatten die RAF-Genossen bis zur "Landshut"-Entführung den Eindruck herbeizuführen versucht, ihr Volkskrieg richte sich nicht gegen das Volk. Immer waren es vermeintliche oder wirkliche "Systemträger" der Bundesgesellschaft, die zum Ziel von Mordanschlägen wurden.

Hingegen distanzierten sich RAF und Sympathisanten stets entrüstet, wenn ihnen gemeingefährliche Anschläge zur Last gelegt werden sollten, wie etwa eine mysteriöse Sprengstoffdrohung gegen die Stadt Stuttgart im Frühjahr 1972 oder der spätere Bombenanschlag auf den Bremer Hauptbahnhof. Die Entführung der "Landshut", vollgepfropft mit Urlaubern, aber lag exakt auf dieser Linie.

Einen ersten Hinweis auf den Sinneswandel gab jenes Kassiber, das die Polizei unmittelbar nach der Schleyer-Entführung in Stammheim abfing. Darin stand, daß die Inhaftierten nun endlich und unter allen Umständen herausgeholt werden wollten.

Ob dabei von den Aktivisten draußen von Anfang an die Begleittat Flugzeugentführung geplant war oder ob sich die Schleyer-Mannschaft an das ohne ihr Wissen durchgeführte Mallorca-Kidnapping anhängte -- der Zugriff auf den Flug LH 181 war präzise vorbereitet.

Denn die Piraten hatten sich den richtigen Ort ausgesucht: Auf dem Flughafen San Juan von Palma de Mallorca gibt es wegen des Massentourismus nicht die geringste Kontrolle. Am Entführungstag fanden hunderte Flugbewegungen mit tausenden Passagieren statt.

Alle Charter- und Linienflüge werden seit dem Ende der Hochsaison über den normalen Flughafenbetrieb abgewickelt: an 30 Schaltern, vor denen lange Menschenschlangen zum Einchecken anstehen. Keine Handgepäckkontrolle, keine Körperkontrolle, kein Radar: Die Polizei beschränkt sich darauf, Reisende scharf anzuschauen.

"Solche Kontrollen oder technisch bessere Kontrollen würden die Abfertigung erschweren", sagt Flughafendirektor Coronel Eustaquio Alonso zum SPIEGEL.

Sicherheitsrisiken liegen in Palma auch auf dem Vorfeldgelände. Dort befindet sich eine öffentliche Bushaltestelle, die nicht im Gesichtskreis der Sicherheitsbeamten liegt.

Alle Personen, die sich auf dem Vorfeld bewegen. könnten leicht Waffen einschmuggeln. Denn zwischen Landung und Start einer Linienmaschine spielt sich folgendes ab:

* Eine sechs- bis achtköpfige Reinigungskolonne marschiert mit Staubsaugern und anderem Gerät durch die Kabine und ist mit jeder einzelnen Sitzreihe beschäftigt. Zudem verfügt die Kolonne über große Abfallbehälter. Helfershelfer hätten es hier leicht.

* Anschließend gehen zwei bis drei Monteure an Bord, zumeist Lufthansa-Leute, doch mitunter auch Einheimische, die dann in die Dienstkluft der Lufthansa gesteckt werden.

* Danach macht der Kapitän seine Runde, anschließend wird (las Flugzeug durch zwei bis drei Leute aufgetankt, die jedoch nicht in die Maschinen hineingehen.

* Selbst bei einer Boeing 737 wie der Lufthansa-,Landshuy' werden drei bis vier Container mit Bordverpflegung und Getränken von unbekanntem Personal in die Maschinen gehievt; dieses Personal kann sich relativ frei bewegen.

Auf spanischen Flughäfen ist die Kontrolle grundsätzlich lückenhaft, bei Charterflugzeugen findet sie so gut wie gar nicht statt, es sei denn, die Lufthansa erbittet aufgrund besonderer Hinweise eine Personenkontrolle, die dann vom spanischen Militär durchgeführt wird. Bei Jumbos entfällt sie sowieso.

Deutsche Sicherheitsexperten beklagten sich schon oft über die Kontrollen der Spanier. In einigen Fällen schickte Bonn zusätzlich Beamte des Bundesgrenzschutzes auf spanische Flughäfen, die, wie in Sevilla, diskret bei der Überwachung helfen. Direkte Gepäck- oder Körperkontrollen dürfen sie aber nicht vornehmen -- die liegen nach dem deutsch-spanischen Sicherheitsabkommen ausschließlich in spanischer Hand.

Auf dem Flughafen von Palma de Mallorca aber waren noch nie deutsche Sicherheitsbeamte. Und auch seit der Schleyer-Entführung gab es keine zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen der Lufthansa-Flüge von Spanien aus.

Ein spanischer Lufthansa-Angestellter in Madrid jedenfalls weiß von nichts, und Berliner Flugexperten sprechen von einer speziellen "Spanien-Lücke". Im südspanischen Málaga etwa sind die Sicherheitskontrollen bei Linienflügen der Lufthansa dermaßen lasch, daß "man mit einem MG auf Lafette an Bord gehen könnte", wie ein Hamburger bemerkte, der seit fünf Jahren regelmäßig nach Malaga fliegt.

Obwohl Lufthansa und Bundesinnenministerium im Frühjahr bei einer Überprüfung der Sicherheitsvorkehrungen auf dem Flughafen von Palma die verschiedenen Schwachstellen orteten, haben die Spanier bislang nichts geändert. Ein Berliner Experte: "Um die Flughäfen etwa von Palma oder Gran Canaria sicher zu machen, müßte man sie komplett umbauen."

Das Kidnapping auf der beliebtesten Ferieninsel der Deutschen zeigt aber über Spanien hinaus die Schwachstellen der zu keiner Zeit lückenlosen Sicherheit im internationalen Luftverkehr: Wo Urlauber in Massen einfallen und ausfliegen, sei es per Linienmaschine oder per Charter, werden penible Passagier- und Gepäckkontrollen vielfach unterlassen.

So, als zögen potentielle Hijacker die Entführung deutscher Urlaubermaschinen, vollgepackt mit Alten, Frauen und Kindern, grundsätzlich nicht in Erwägung, wird zumal in Charter-Abflughallen nur sporadisch gefilzt. Experten schätzen, daß höchstens jeder dritte Charterflieger mit einer Kontrolle rechnen muß.

Während schon vor der Schleyer-Entführung die Liniengäste auf fast allen internationalen Flughäfen ein aufwendiges Kontrollzeremoniell über sich ergehen lassen mußten -- Durchleuchtung und oft zusätzliche Durchsuchung des Handgepäcks, Marsch durch den Magnometer-Bogen, der schwere metallene Gegenstände am Körper registriert, Abtasten -, glauben die Sicherheitsbeauftragten auf den speziellen Ferien-Flughäfen laxer umgehen zu dürfen.

Das einzige, was die spanischen Sicherheitsbehörden am Freitag an Erkenntnissen zum Fall "Landshut" beizutragen hatten, war die Mitteilung, daß zwei der Passagiere, mutmaßlich Entführer, vor dem Start des Fluges LH 181 von der Nachbarinsel Menorca nach Palma eingeflogen waren -- ohne Rückflugticket.

Aber was half das schon. Auch dieser Hinweis gab den Bonner Krisenstablern keine Hilfe beim Versuch, die Attentäter zu identifizieren, und damit auch keinen Anhaltspunkt für das taktisch richtige Verhalten gegenüber den Attentätern auf dem Wüsten-Flughafen Dubai.

Über die rasch geschaltete Standleitung zwischen dem Tower und dem Bonner Einsatzzentrum war in der Bundeshauptstadt vorwiegend arabische Musik zu hören.

Vergeblich verhandelten Araber, aber auch der deutsche Botschafter Hansjoachim Neumann über Sprechfunk mit den Entführern. Die Kidnapper gaben nicht einmal Frauen und Kinder frei. Und als sich ein Flughafenarbeiter der Maschine näherte, um, wie von den Terroristen gewünscht, die Toiletten zu reinigen, wurde aus dem Cockpit scharf geschossen.

In Bonn herrschte derweil Durchhaltestimmung. Obwohl Druckmittel allein in der Hand der Kidnapper zu liegen schienen, waren sich Sozial- wie Christdemokraten darin einig, daß versucht werden sollte, die Entführer "mit allen Mitteln der Überredung und des gestaffelten Drucks zum Nachgeben zu zwingen".

So wurde denn die GSG-9-Maschine mit den Anti-Terrorkämpfern in der Nähe bereitgehalten, auf Warteposition. Und in der Nacht zum Sonnabend harrte der große Krisenstab in Bonn auf Nachricht aus Dubai -- vom Krisenbotschafter Wischnewski.


DER SPIEGEL 43/1977
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