17.10.1977

ARZNEIMITTELGefährlicher Test

Ein langjähriger Verdacht wurde von britischen Wissenschaftlern nunmehr erhärtet: Hormonpillen, zum Schwangerschaftsnachweis verordnet, verursachen bei Neugeborenen schwere Mißbildungen.
Rasche Gewißheit sollte der billige und einfache Test den Frauen verschaffen. Er versprach, nach zwei Pillen oder Injektionen, die frühzeitige und vermeintlich sichere Auskunft über eine womöglich beginnende Schwangerschaft.
Doch die Frühdiagnose mittels Hormongaben im Wert von zwei oder drei Schachteln Zigaretten kam am Ende viele Mütter teuer zu stehen: Sie gebaren Kinder mit schweren Herzfehlern, Nervenstörungen, gespaltenem Gaumen oder deformierten Genitalien. Manche werden zeitlebens Krüppel, andere jahrelang in den Kliniken bleiben, wo die Ärzte, oft in Serien von Operationen, die Mißbildungen zu behandeln versuchen.
Wie viele Opfer das jüngste Pharma-Desaster, diesmal in Großbritannien, gekostet hat, läßt sich noch nicht absehen; insgesamt kommen dort jährlich rund 13 000 mißgebildete Kinder zur Welt. Doch eine Untersuchung der britischen Gesundheitsbehörden hat jetzt ergeben, daß von 836 Müttern solcher Kinder 93 mit dem seit Jahren in Praxen und Kliniken vielbenutzten Hormon-Test traktiert worden waren -- ein Ergebnis, so die Wissenschaftler. das eindeutig "den Zusammenhang zwischen der Anwendung des hormonalen Schwangerschaftstests und der nachfolgenden Geburt eines mißgebildeten Babys" bestätige.
Nach Ansicht der Londoner Gynäkologin Dr. Isabel Gal erlaubt der Bericht, soeben erschienen in der Fachzeitschrift "British Medical Journal" durchaus die Vermutung, es könne sich bei den Mißbildungen um ein Massenunglück "im Ausmaß der deutschen Contergan-Katastrophe handeln" -- ein Vergleich von düsterer Ironie.
Denn der unheilvolle Schwangerschaftstest stammt aus der Bundesrepublik. Entwickelt wurden die nun inkriminierten Hormon-Pillen und -Ampullen von der West-Berliner Schering AG, die sie 1950 unter dem Markennamen "Duogynon" in Westdeutschland und 1958 unter der Bezeichnung "Primodos" in Großbritannien auf den Markt brachte.
Als Mittel gegen Unregelmäßigkeiten im Menstruationszyklus, vor allem aber als Schnell-Indikator bei Schwangerschaftsverdacht machten die Hormon-Präparate bald Karriere. Ihre Wirkungsweise: Innerhalb einer Woche nach der Einnahme lösen sie im Normalfall eine Blutung aus -- die jedoch unterbleibt, wenn die Schwangerschaft schon begonnen hat.
Es erschien zunächst als Vorteil, daß auf diese Weise die erfolgte Befruchtung schon unmittelbar nach dem ersten Ausbleiben der Regelblutung konstatiert werden konnte; gängige Schwangerschaftsnachweise, per Urin-Analyse, bringen erst Wochen später zuverlässige Ergebnisse.
Doch der Verdacht, dieser Fortschritt sei womöglich zu teuer erkauft worden, kam schon 1967 auf. Damals publizierte die Exil-Ungarin Dr. [sahel Gal die ersten Hinweise auf die Verbindung zwischen -, Primodos"-Tests und Mißbildungen bei Neugeborenen.
Die Reaktion kam, wie fast stets im Pharma-Geschäft, mit zeitlupenhafter Verzögerung. Erst 1969, zwei Jahre darauf, stoppte Schering die "Primodos"-Werbung; nach weiteren zwei Jahren druckte die Firma dann den Warnhinweis auf die Packungen, "Primodos" möglichst nicht während der Schwangerschaft zu verordnen.
1975 veröffentlichten schließlich auch die britischen Gesundheitsbehörden eine offizielle "Gelbe Warnung" vor den hormonellen Schwangerschaftstests. Erst jetzt aber, nach der jüngsten Bestätigung der Risiken im "British Medical Journal", forderte der Unterhausabgeordnete Jack Ashley eine gründliche Untersuchung der Pharma-Affäre, die auf ein Verbot der Hormon-Präparate hinauslaufen könnte.
Dabei hätten die Schering-Produkte, die sowohl in Westdeutschland wie in Großbritannien immer noch vielfach als Schwangerschafts-Indikatoren verordnet werden, längst ersatzlos vom Markt verschwinden können -- weil sie nicht nur gefährlich, sondern obendrein auch weitgehend überflüssig sind.
Denn auch bei der Behandlung von Zyklusstörungen, so urteilt der Hamburger Gynäkologe Dr. Harald Bräutigam, könne auf "Primodos" und "Duogynon" getrost verzichtet werden. Das westdeutsche "Duogynon", das 1976 im Apothekenverkauf einen Umsatz von 3,3 Millionen Mark erzielte, wird laut Bräutigam "wohl oft nur verschrieben, weil die Patientinnen von ihrem Doktor halt irgendein Medikament erwarten" -- der therapeutische Nutzen sei jedenfalls gering.
Dagegen sei bei Frauen, denen das Mittel nur zur Behebung von Zyklus-Unregelmäßigkeiten verabreicht werde, eine bis dahin unerkannte Schwangerschaft häufig nicht auszuschließen -- und mithin auch nicht die Gefahr, daß die Leibesfrucht geschädigt werde.
Die Schering AG allerdings verweist darauf, daß sie für die Schwangerschaftsbestimmung und die Behandlung werdender Mütter nur noch "Primodos" und "Duogynon" in Ampullenform empfehle; die Spritzlösung des Hormonmittels ist gegenüber der Pillen-Version inzwischen chemisch variiert und so angeblich unschädlich gemacht worden.
Der Gedanke, daß die gefährlichen Hormon-Dragees spätestens damit entbehrlich geworden sind, ist den Schering-Managern bislang nicht gekommen. Die Firma, von der Britin Valerie Williams auf Schadenersatz für ihren mißgebildeten Sohn verklagt, legt das verbleibende Pillen-Risiko in die Hände der Ärzte: Wer Schwangeren "Duogynon" oder "Primodos" verabreiche, so Schering, begehe einen ärztlichen "Kunstfehler".
Experten wie der Hamburger Genetiker Thomas von Kreybig wissen, daß diese Erkenntnis den Schering-Chemikern schon vor Jahren hätte kommen können. Kreybig: "Daß Hormongaben, gleich welcher Art, in der Frühphase der Schwangerschaft für die Leibesfrucht ein hohes Risiko darstellen -- darüber gibt es seit langem nicht mehr den geringsten Zweifel."

DER SPIEGEL 43/1977
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