25.07.1977

VERBRECHENHand und Fuß

In Hannover worden seit zwei Jahren Leichenteile aufgefunden -- ein neuer Haarmann am Werk?
Auf das Wochenende freut man sich bei der hannoverschen Kriminalpolizei nicht mehr so wie sonst: Immer gerade Sonnabend oder Sonntag bekommen die Beamten, die neuerdings eine "Sonderkommission Torso' bilden, neue Arbeit -- dann ist unter rätselhaften Umständen wieder mal ein Arm, ein Bein oder gleich ein halber menschlicher Körper gefunden worden.
Das geht, mal mit längeren, mal mit kurzen Unterbrechungen, seit bald zwei Jahren so. Zuerst, am 26. September 1975, tauchte aus dem Schnellen Graben, einem Teilstück der Leine, der Rumpf einer jungen Frau auf, mit abgetrennten Brüsten und ausgeräumtem Unterleib. Zuletzt stieß eine Spaziergängerin im Stadtwald Eilenriede auf die untere Hälfte einer toten Frau, die dort am Wege lag.
Zwischendurch waren, offenbar während eines Konzerts im
Sendesaal, zwei Thoraxhälften zwischen parkenden Autos am hannoverschen Funkhaus "abgelegt" worden, wie das die Kripo ausdrückt, stak ein Frauenbein im Müllcontainer einer Mädchenschule, schwammen Unterarme mit und ohne Hand, Unterschenkel und ein Fuß in der Leine -- insgesamt verzeichnet die Polizei bislang elf "Funde", die "fünf verschiedenen Leichen zuzuordnen" sind, drei weiblichen und zwei männlichen, wie Mediziner herausfanden.
Das Puzzle mit all den Körperteilen, an dem die Kripo herumschiebt, ist von hohem Schwierigkeitsgrad.,, Wir haben", sagt Kriminalhauptkommissar Günter Nowatius, "keinen Tatort, keine Tatzeit, keinen Täter und kennen auch die Opfer nicht" -- wenn es denn überhaupt Opfer sind, denn ungewiß ist überdies, ob da ein Mörder unterwegs oder ein Leichenschänder an der Arbeit ist. Und auch die Möglichkeit, "daß sich jemand einen Jux macht", will Nowatius "nicht ausschließen".
Anfangs, beim Torso 1 im Schnellen Graben, hatte es noch danach ausgesehen, als sei mit Säge und scharfem Löffel ein Fachmann am Werk gewesen, und "Bild" ließ auch dann nicht davon ab, vielleicht sei "ein Arzt" als "unheimlicher Massenmörder" tätig, als längst feststand, daß spezielle anatomische Kenntnisse in keinem der Fälle vonnöten waren. Nowatius: "Das kann auch jeder, der mit Tieren zu tun hat oder dergleichen."
Freilich, gesägt wurde, und zwar wohl "nicht mit Menschenkraft", und fast alle aufgefundenen Teile waren ordentlich an den Gelenken durchtrennt worden, aber das kann, wie die Kripo beim Schlachthof erfuhr, "ein Metzger mit einem einzigen Schnitt" vollbringen.
Das ist auch so gut wie alles, was man vom Täter weiß. Vielleicht noch dies: daß er reichlich Vorläuferschaft in der Kriminalitätsgeschichte hätte. Denn immer wieder stießen Ermittler auf Bluttäter, die menschliche Körper in Teile zerstückelten. Gerichtspsychiater unterscheiden dabei zwischen drei Haupttypen:
>Geisteskranke, meist Schizophrene, die ein krankhaftes Verhältnis zur Körperlichkeit aufweisen und oft die Tat in einem Akt vermeintlicher Selbstbeschädigung begehen; > Sexualtäter von hochabnormer Veranlagung;
* Tötungsdelinquenten, die aus Hilflosigkeit oder auch nach genauem Tatplan die Leiche zwecks besserer Beseitigung zerteilen.
Der wahnkranke Täter hat dabei alle Aussicht auf Freispruch von der Mordanklage -- wegen auszuschließender Schuldfähigkeit. Bislang prominentester Fall: Der in Bayern stationierte US-Leutnant Gerald Maurice Werner wurde 1966 von einem Bayreuther Schwurgericht in die Heil- und Pflegeanstalt eingewiesen. Er hatte seine Freundin erst ermordet, dann zerstückelt und die Körperteile an der Autobahn verteilt. Gutachterdiagnose vor Gericht: Schizophrenie.
Zumindest eingeschränkte Schuldfähigkeit wird mittlerweile oft auch solchen Tätern attestiert, die aus sexuellem Antrieb töten und die Leichen ihrer Opfer zerteilen. Gerichtspsychiater messen der "eigentümlichen Art des Beschäftigens mit dem toten Körper" Krankheitswert zu,
Ein Mörder wie der Hamburger Fritz Honka, der vier Frauen getötet und zerstückelt hatte, gilt mithin nur noch für Boulevard-Blätter als "Bestie". Noch in den zwanziger Jahren aber wurde Tätern ähnlichen Zuschnitts solches Verdikt auch von Gerichts wegen zuteil. Verurteilt und hingerichtet wurden hochabnorme Mörder wie etwa in England Severin Klosowski -- nach sieben Frauenmorden um die Jahrhundertwende auch einmal verdächtig, "Jack the Ripper" gewesen zu sein -- oder wie der Gelegenheitsarbeiter
Fritz Haarmann, der zwischen 1918 und 1925 in Hannover 24 junge Männer tötete und im Ripper-Stil zerlegte.
Ob freilich in Hannover ein neuer Haarmann umgeht, bleibt Fund für Fund im ungewissen. Unwahrscheinlich, daß fünfmal ein Mordopfer nicht als vermißt gemeldet wird. Andererseits: Haarmann wurde nur deshalb so spät gefaßt, weil er sich systematisch, um das Entdeckungsrisiko zu mindern, an Alleinstehende heranmachte.
Allerdings pflegen Mörder nach aller kriminalistischer Erfahrung ihre Opfer zu verbergen -- hier wurden sie der Polizei. so Nowatius, " fast vor die Füße gelegt": Alle Teile waren in der Nähe des innerstädtischen Maschsees, wo auch die Polizeidirektion liegt, deponiert worden. Sie lagen in einem Umkreis von etwa zwei Kilometern, und zwar so, "daß sie unbedingt gefunden werden mußten". Schon vermerkte die Polizei Indizien für "eine gewisse exhibitionistische Tendenz".
Ob das Delikt nun Mord ist oder "unberechtigtes Beschaffen von Leichenteilen", wie die Polizei auch kalkuliert -- für Ermittler steht fest, daß der Täter "irgendwie verkehrt gepolt sein muß". Möglich also auch, daß da einer halbwegs frische Leichen aussargt, sie tranchiert und seine Freude daran hat.
Die Beamten der Torso-Kommission sind denn auch dabei, millimeterweise den Weg abzusuchen, den Leichen so gehen, um die Schwachpunkte zu finden, an denen sie unbemerkt aus dem Verkehr gezogen werden könnten, vielleicht bei einem Bestatter, vielleicht in der Leichenhalle eines der 35 Friedhöfe in und um Hannover.
Wo und wie auch immer: Der Täter muß nicht nur sicher sein, daß nach ihm kein anderer mehr den Sarg öffnet, er muß auch Zeit genug für seine Manipulationen haben, muß darauf achten, nicht beobachtet zu werden, und muß nichtverwendete Körperstücke wieder einsargen, denn leere Särge fallen bei Beerdigungen auf: "Das merken die auf dem Friedhof, wenn nichts drin ist", so Nowatius.
Sobald es gelingt, eines der Opfer zu identifizieren, hat der Täter nach Polizeimeinung "kaum noch eine Chance, unentdeckt zu bleiben", weil die Tat dann lokalisierbar und zeitlich einzugrenzen wäre. Aber Täter und Opfer sind gleichermaßen unbekannt. Zwar konnten von zwei der Toten in einem mühsamen Verfahren die Fingerabdrücke genommen werden -- in den Karteien der Erkennungsdienste aber waren sie nicht gespeichert. Zwar trug ein Unterarm, der einem 18 Jahre alten Mann zugeordnet wurde, eine Tätowierung in Form des eisernen Kreuzes -- sogar eine Fernsehfahndung aber brachte nichts Schlüssiges.
Zwar war zu ermitteln, daß die Frau, von der ein Teil zuletzt gefunden wurde, am Blinddarm operiert war, Kinder geboren hatte, an Arteriosklerose litt, höchstens 1,60 Meter maß, Schuhgröße 34 trug und erst drei Tage tot war. Alle einschlägigen Akten wurden überprüft, aber eine Frau mit solchen Merkmalen war nicht dabei. Rätselhaft?
Vielleicht nicht: Eingefrorene Leichen verändern sich in Jahren nicht, und ob die hannoverschen Leichenteile eingefroren waren, kann keine Wissenschaft herausfinden.,. Auch das ist", klagt Nowatius, "leider nicht feststellbar."

DER SPIEGEL 31/1977
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