25.07.1977

Reiseland Italien - scheußliches Land?

Motorisierte Straßenräuber entreißen Touristen die Taschen; brutale Gangster schießen ihren Opfern in die Beine; die "Entführungsindustrie" erbeutete seit 1973 über 200 Menschen; Terror und Streik in den Städten -- so stellt sich Bella Italia '77 dar. Eine Werbekampagne soll Italiens Bild in der Bundesrepublik aufpolieren.

Montag, der 20. Juni 1977: In Mailand verläßt Giuseppe D'Ambrosio, Abteilungsleiter bei der Elektrofirma Sit-Siemens, kurz vor acht seine Wohnung an der Via Soderini, um zur Arbeit zu fahren.

Er kommt nicht weit. Zwei maskierte junge Männer schießen ihn nieder und rasen in einem Fiat 128 davon. Die "Einheit der kämpfenden Arbeiter" erklärt sich verantwortlich für das Attentat auf den "Arbeiterfeind" D'Ambro-Sb.

In Prato, Toskana, stecken Terroristen beim Fiat-Vertragshändler Manlio Palmucci ein Dutzend nagelneue Autos in Brand. Verantwortlich zeichnet eine Gruppe mit dem bizarren Namen "Kommunistische Organisation erste Linie", die schon tags zuvor in zwei Mailänder Fabriken Feuer gelegt hatte. Schaden: 140 Millionen Mark.

In Bergamo überfallen kurz nach 14 Uhr drei Banditen die Volksbank auf dem Sankt-Anna-Platz. Sie verkünden: "Dies ist ein politischer Raub", kassieren 60 Millionen Lire (156 000 Mark) und verschwinden.

In Bologna und Genua hebt die Kripo eine weitverzweigte Geldfälscherbande aus, die sich auf die Massenherstellung von Mark- und Dollarscheinen spezialisiert hatte. Achtzig Fälscher werden festgenommen.

In Rom stürmen Anarcho-Studenten die Räume der juristischen Fakultät. Sie sprengen Semester-Prüfungen, jagen Professoren und Examenskandidaten auseinander. Draußen auf der Straße schlagen sich rechte Studiker mit linken.

Der 20. Juni. ein Tag wie jeder andere in Italien? Nicht ganz: Die Kidnapper, die sonst mindestens einmal pro Woche zuschlagen, machten gerade mal Pause.

Attentate, Raubüberfälle, politische Gewalttaten jeder Art -- ist das noch Italien, jenes Traumland, das im Mittelalter die deutschen Kaiser "über den Berg" zog, das später Wissenschaftler und Künstler -- Winckelmann, Goethe, Heine -- in seinen Bann schlug. das schließlich Politikern wie Konrad Adenauer so recht zum Ausruhen und Boccia-Spielen geeignet schien?

Ist es noch das Land, das Generationen deutscher Gebildeter der Antike verpflichtete und in das dann die ersten Wellen einer Invasion brandeten, die allein seit 1970 schätzungsweise 25 Millionen Deutsche in den Süden führte?

Münchens,, Abendzeitung" machte jenseits der Alpen einen "Alptraum aus Bomben und Barrikaden" aus, und Burdas.. Bunte Illustrierte" nannte ihren Lesern gleich sieben (teils lächerliche) Gründe, nicht nach Italien zu fahren: Diebe und Dreck, Post-Chaos. Schiffs- und Autobahngebühren, Streiks und Pkw-Räuber.

Bella Italia, das Land der Zitronen und Zypressen, der Mandolinen und der tausendfach besungenen Mammas, "gibt's das noch?" fragte "Bild am Sonntag" besorgt angesichts all der Schreckensmeldungen zu Beginn der Haupt-Urlaubszeit.

Viele Landschafts-Idyllen von einst sind heute durch einen gewaltigen Zweitwohnungs-Boom verschandelt. Spekulanten und Hunderttausende Normalbürger, Italiener wie Ausländer, bauten meist illegal drauflos. Betonbunker neben falschen Windmühlen und Bergchalets vereinen sich beispielsweise an der Adriaküste bei Pescara zu einem Konglomerat atemberaubender baulicher Geschmacklosigkeiten. Als Beispiel für den "hemmungslosen Angriff des Zements auf die Küsten" schildert die Illustrierte "L'Europeo" Italien in einer Artikelserie als "das scheußliche Land".

Dreck verwüstet viele Strände. Fast zwei Drittel der (mit Inseln) 8700 Kilometer langen Italienküsten sind durch Ölreste, Industrierückstände oder Abwässer aus den nahen Städten verunreinigt. Schmuddelwasser und Abfälle vor einigen Orten der Riviera, zwischen Po-Mündung und Ravenna, an den Stränden bei Rom und Neapel haben schon so manchen ausländischen Besucher vertrieben.

Und schließlich liegt in Italien auch Seveso -- der bislang alarmierendste Fall einer Chemie-Katastrophe: Ausströmende hochgiftige Dioxin-Dämpfe machten 115 Hektar Italiens unbewohnbar, verseuchten 600 Menschen mit Chlorakne, verursachten möglicherweise 85 Miß- und Fehlgeburten.

* Richter Vittorio Occorsio. der vermutlich von Rechtsradikalen erschossen wurde.

Doch angesichts der hellhäutigen Scharen, die sich diesen Sommer wieder per Flugzeug, Auto, Bus und Bahn und sogar per pedes heranschieben, beteuern Touristen-Manager beharrlich, (laß es so schlimm um Italien doch nicht stehen könne.

Es steht in Wahrheit schlimm genug um Italien, politisch vor allem. Zumindest für die Großstädte trifft zu, was die Mailänder Zeitung "Il Giorno" befand: "Heutzutage kann sich niemand mehr sicher fühlen."

Unwiderstehlich offenbar drängt es die sonst so sekuritätsversessenen Deutschen aus ihrer zwar kühlen, aber immerhin ordentlichen Bundesrepublik in den zwar wärmeren, aber immerhin chaotischen Süden, wo sie -- absurd -- bis auf die Sonne nahezu alles finden, was sie daheim partout nicht haben möchten.

Die italienische Kriminalität steigt rapide, die öffentliche Ordnung zerfällt, das in Italien ohnehin nur schwach entwickelte Vertrauen der Bürger in den Staat sinkt langsam auf den Nullpunkt.

Öfter als 1976 peitschen Schüsse durch Großstadtstraßen, bomben politische Extremisten, in letzter Zeit vornehmlich Ultralinke, allen voran die "Roten Brigaden", die Attentate als den "direkten Angriff auf das Herz des bürgerlichen Staates" rühmen.

Am 10. Juli starb vor dem römischen Lokal "Il Campo' der Student Mauro Amato' 21, unter den Schüssen ultralinker Kommandos, der 53. Terror-Tote dieses Jahres. Amato war gar nicht gemeint gewesen -- genauso hätten die Kugeln einen Touristen treffen können.

"Der Staat ist so schwach, die Justiz so ineffizient."

Die Anschläge '77 unterscheiden sich von denen der -- zumeist faschistischen -- Attentäter zwischen 1969 und l974: Die Rechten vergossen wahllos Blut, so 1969 beim Anschlag auf die Mailänder Landwirtschaftsbank (16 Tote) oder 1974 beim Attentat im D-Zug "Italicus" (zwölf Tote).

Die Rotbrigadisten dagegen terrorisieren gezielt, individuell. Ihre Gewalt gilt prominenten Richten, Anwälten,

* Fleischhändler Ambrosio trägt noch die Kette, mit der er an ein Bett gefesselt war: Staatsanwalt Sossi im "Volksgefängnis" vor der Fahne der Roten Brigaden

politischen Journalisten. Ihre Anschläge, klagten die zur Ordnungspartei gewordenen Kommunisten, "zielen über die einzelnen Opfer hinaus auf die demokratischen Institutionen, auf die Grundlagen unseres zivilen Zusammenlebens".

Das erste Opfer (ler italienischen Tupamaros wurde 1972 ein angeblich arbeiterfeindlicher Fabrikdirektor -- er kam mit Schlägen davon. "Wir strafen einen, um Hunderte zu erziehen", verkündete ein Flugblatt der Roten Brigaden.

Dann kidnappten sie einen faschistischen Gewerkschafter, dann einen Fiat-Manager, dann den Genueser Staatsanwalt Sossi.

Im Januar vorigen Jahres fiel Brigadistenführer Renato Curcio nach einem regelrechten Feuergefecht in die Hände der Carabinieri. Doch seine Organisation, in Italien oft mit Baader-Meinhof verglichen, blieb aktionsfähig.

In vielen Städten entstanden -, Bewaffnete Einheiten", sie fanden Sympathisanten in sozialen Randgruppen, so bei Ex-Häftlingen oder jungen Arbeitslosen. aber auch in den Reihen frustrierter Studenten an den heillos überfüllten Universitäten.

Der Terror erlebte seinen bisherigen Höhepunkt im April dieses Jahres, als Mitglieder der Roten Brigaden den Vorsitzenden der Turiner Anwaltskammer, Fulvio Croce, umbrachten. Er hatte die Pflichtverteidiger für das Verfahren gegen Curcio ernennen sollen, nachdem jeder Anwalt von den angeklagten Bandenmitgliedern abgelehnt worden war.

Drohungen der Brigadisten hatten die meisten der ausgelosten Schöffen für den Curcio-Prozeß so eingeschüchtert, daß sie sich mit Hilfe ärztlicher Atteste drückten. Schließlich wurde der Prozeß ans Schwurgericht Mailand verlegt, wo er nur mit Not über die Runden ging.

"Die italienische Situation hat sich so verschlechtert, der Staat ist so schwach, die Justiz so ineffizient, die gemeine und politische Kriminalität so unverschämt, daß schon ein normaler Prozeßverlauf einen Erfolg darstellt", kommentierte bitter das Mailänder "Giornale nuovo".

Für ihre Gegner haben sich die linken Ultras ein im Guerillakampf Italiens bislang unbekanntes Dessin ausgedacht: Schösse in die Beine. Unter den Opfern, die seit Anfang Juni auf diese Art außer Gefecht gesetzt wurden, waren vier Journalisten, auch Italiens prominentester Zeitungsmann, Indro Montanelli, Chefredakteur des "Giornale nuovo", waren Professoren, Arzte und Geschäftsleute, wie Fiatmanager Luciano Maraccani.

Die Attentäter haben ihre Logik: Fernsehen und Zeitungen, ließen sie wissen, seien zu Hilfsorganen des antikommunistischen Innenministers Cossiga geworden. "Der Krieg hat seine Gesetze. Wer von den Journalisten bereit ist, Cossigas Befehle auszuführen, der soll nicht vergessen, sich auch gleich einen Bunker zu bauen, in dem er sich mit seiner Schreibmaschine verkriechen kann."

Jeder zwanzigste Italiener ist bewaffnet.

Um die nervös gewordene Bevölkerung zu beruhigen, versicherten in Rom Politiker und Gewerkschafter nach jedem neuen Anschlag, die Terroristen seien "isoliert" und der demokratische Staat lasse sich nicht einschüchtern. Glauben tun sie wohl selbst nicht daran.

Intellektuelle wie der Literatur-Nobelpreisträger Eugenio Montale zeigen offen ihre Resignation. Der angesehene sozialistische Theoretiker und Buchautor Norberto Bobbio hält gar "das Ende dieser Republik für unvermeidlich".

Tatsächlich wirken Italiens Justiz, Polizei und Carabinieri hilflos. Wohl kommt bereits auf 165 Bürger ein Polizist oder Carabiniere -- in der Bundesrepublik ist es einer auf 430. Doch in Rom meuterten die Uniformierten, sie seien auf die Bekämpfung der Straßen-Guerilla nicht im mindesten vorbereitet.

Die sieben verschiedenen Organisationen der Ordnungshüter, die sechs verschiedenen Ministerien unterstehen, arbeiten manchmal eher gegen- als miteinander, Kompetenzgerangel ist an der Tagesordnung. Der römische Polizeisprecher Giorgio Simi: "Wer zuerst am Tatort eintrifft, ist zuständig."

Kaum besser steht es um die Justiz. Politische Prozesse werden gern jahrelang von einem Gericht zum anderen geschoben. Erst jetzt wird in Catanzaro gegen die des Attentats von 1969 auf die Mailänder Landwirtschaftsbank beschuldigten Faschisten verhandelt. Über 1.7 Millionen unerledigte Verfahren hängen derzeit in der Schwebe.

Abgeurteilte Ganoven haben gute Chancen, schnell wieder auf freien Fuß zu gelangen, denn so mancher Kerker gleicht einem Hotel mit Drehtür. Allein 1976 brachen 378 Häftlinge aus. Um die überfüllten Gefängnisse nicht noch mehr zu belasten, lassen die Richter gegenüber Taschen- oder Autodieben Milde walten.

"So wie die Dinge jetzt liegen", klagt ein Mailänder Polizeifeldwebel, "können wir den Kampf gegen die wachsende Kriminalität nicht gewinnen."

Das gilt vor allem für die blühende Entführungsindustrie ("industria dei sequestri"), die der Mailänder Carabinieri-Major Francesco Delfino so beschreibt:

Es ist, als ob man einen Fangarm eines riesigen Polypen abzwickt. Man schneidet, und schon wächst er wieder. Man müßte den Polypen töten, aber dazu muß man ihn erst aus der Deckung kriegen. Im Kampf um die Entführungs-GmbH gewinnen wir zwar einige Schlachten, aber der Polyp ist lebendiger denn je.

Im Kidnapping halten Italiens Gangster mit Abstand den Europa-Rekord. Auf den rückständigen Inseln Sardinien und Sizilien hat der Menschenraub -. begründet vor allem in der tiefen Kluft zwischen Arm und Reich

zwar schon Tradition. Seit sich dort aber Nobel-Tourismus unmittelbar neben dörflichem Elend ansiedelte, kamen neue Aggressionen hinzu.

Mittlerweile ist Kidnapping auch auf dem Festland bestens eingeführt und von der Mafia auf nahezu industrieller Basis organisiert. Schriftsteller Alberto Moravia: "Die Ethik des Konsums, des Profitstrebens und des uneingeschränkten Lustgewinns hat sich zwangsläufig auch auf das Verbrechen ausgedehnt."

Seit 1973 wurden in Italien über 200 Menschen geraubt, bis Samstag vorletzter Woche waren es allein in diesem Jahr 46. Die meisten kamen gegen Lösegeld frei, andere verschwanden spurlos, einige wurden ermordet aufgefunden. Italienische Gangster entführten > 1973 den amerikanischen Millionenerben Paul Getty III., damals 16; sie schnitten ihm ein Ohr ab und schickten es an eine Zeitung; erst nach sechs Monaten kam Getty gegen sieben Millionen Mark frei; > 1974 den siebenjährigen Daniele Alemagna, Sohn eines bekannten Eis- und Kuchenmillionärs; Lösegeld: rund 11 Millionen Mark;

im werk des Batterieherstellers Marelli.

* 1976 den römischen Fleischgrollhändler Giuseppe Ambrosio, der von Arbeitern aus seinem "Volksgefängnis" befreit wurde; Forderung an ihn: 700 Doppelzentner Fleisch zu "politischen Preisen; Anfang April 1977 den neapolitanischen Sozialisten Guido De Martino, Sohn des ehemaligen Sozialistenchefs Francesco De Martino; mit Finanzhilfe einflußreicher Genossen wurde der Entführte für 2,5 Millionen Mark freigekauft. Seit dem Fall De Martino hat nun auch andere Politiker die Angst vor der "anonima sequestri", der Kidnapper-GmbH, befallen. Über tausend suchten um Begleitschutz nach.

"Gewalt liegt in der Luft", urteilte das Wochenblatt "Panorama", und also steigen die Preise für Privat-Gorillas, also wurden im vorigen Jahr 35 Prozent mehr Waffenscheine beantragt als 1975. Schätzungsweise jeder zwanzigste Italiener ist heute bewaffnet -- was wiederum die Versuchung erhöht, Selbstjustiz zu üben, wo der Staat nicht straft.

Die Vorsorge gegen Verbrechen scheint dennoch nicht übertrieben. In Mailand wurden im vergangenen Jahr 546 Raubüberfälle und 280 000 Diebstähle registriert -- ein absoluter Rekord für die norditalienische Metropole. In Rom werden täglich 200 Geschäfte und Wohnungen ausgeraubt, 50 Autos, 100 Autoradios gestohlen.

"Unsere Diebe sind unwahrscheinlich kreativ", anerkannte der römische Carabinieri-Oberst Gianni Oresta -- wohl war. Diebe und Räuber entwickeln ständig neue Tricks, um im Straßengewühl, auf Bahnhöfen und Flughäfen Beute zu machen, besonders gern bei unkundigen Touristen.

Auf dem Airport Rom-Fiumicino gelang es Ganoven kürzlich, Kameras, Schmuck und Bargeld den Koffern ankommender Passagiere zu entnehmen, während das Gepäck noch auf den Bändern zur Ausgabe rollte.

Zwischen Mailand und Florenz besteigen Diebesbanden gelegentlich die Schlafwagen der internationalen Nacht. Expreßzüge, besprühen Reisende mit Betäubungsmitteln und rauben sie aus. ohne daß die Polizei einschreitet.

Gelegentlich wird auf Bahnhöfen der "Spuck und Poliertrick" angewandt: Ein junger Mann spuckt einer vor dem Fahrkartenschalter stehenden Dame auf die Hand und verschwindet. Prompt zieht ein distinguierter Herr ein Seidentüchlein und erbietet sich formvollendet, die Hand zu säubern. Dabei läßt er die Ringe oder Armreifen der Bespuckten mitgehen.

Im schummrigen Petersdom zu Rom gelang es Dieben, sich bis zur Gesäßtasche des bayrischen Ministerpräsidenten Alfons Goppel vorzuarbeiten. Beute: 350 Mark, ein Landtagsausweis, eine Bundesbahn-Freifahrkarte erster Klasse.

Härter gehen die Straßenräuber vor. Ende vergangenen Jahres bummelte Susi von Wechmar, die Frau des deutschen Uno-Botschafters, durch die römische Innenstadt, über ihre Schultern baumelte locker ein neuer Nerz. Ein vorbeibrausender Motorradfahrer riß das kostbare Stück an sich und ward nicht mehr gesehen.

En beeindruckendes Bild von der Schlagkraft des Kleinbanditentums an der Südflanke der Allianz erhielten im Mai auch die deutschen Teilnehmer einer Nato-Informationsreise nach Neapel. Gegen Ende des Ausflugs hatten sie den Verlust einer Damen- und einer Herrenhandtasche samt Personalausweis, Scheckkarte und Euroschecks, einer Kleinkamera, eines Markenkugelschreibers (aus der Jackentasche gezogen) sowie einer Brieftasche zu beklagen.

Die "scippatori", so heißen die motorisierten Straßenräuber, werden zunehmend brutaler. Sie schleifen oftmals Passanten, die sich Taschen, Halsketten oder Pelzmäntel nicht bereitwillig abnehmen lassen, ein Stück mit oder schlagen sie krankenhausreif.

Die meisten jener römischen Teenager, die zum Handtaschenraub durch elegante Viertel knattern, kommen aus dem Subproletariat der Stadtrandslums. Aber auch feinere Jung-Römer, Bürgersöhne, finden Geschmack an derlei Raubtouren -- als Krönung des Motorsports gewissermaßen.

Wie gegen die Horden der Scippatori, gegen die in Neapel die sogenannten falchi (Falken) als Rocker verkleidete Beamte -- auf schweren Motorrädern eingesetzt werden, ist Italiens Polizei auch gegen das Heer der Autodiebe machtlos. Sie klauen und knacken mehr Autos als in irgendeinem anderen Land.

1976 verschwanden rund 270 000 Kraftwagen -- dreimal soviel wie in der Bundesrepublik-, und so manches Fahrzeug von Urlaubern war dabei, Deutsche Autokennzeichen', weiß ein Polizist in Neapel, "locken die Diebe an wie das Licht die Motten." Ausländern, die in Italien einen Autounfall haben, geben die italienischen Versicherungen wenig Schutz. Sie begleichen die Schadensrechnungen häuftig erst nach langem Zögern oder gar nicht, indem sie die Schadensregulierung bis zur Verjährungsfrist hinauszögern: zwei Jahre.

Aufgrund der Beschwerden zahlreicher deutscher Auto-Urlauber sah ADAC-Präsident Franz Stadler im Juni die Zeit als reif an, ein ernstes Wort an den römischen Tourismus-Minister Dario Antoniozzi zu richten: Italien müsse langsam etwas tun, um "urlaubssicher" zu werden.

Solange es das nicht sei, empfiehlt der ADAC dringend, ein paar Tips zu beachten:

* bei jedem Ampel-Stopp die Fenster des Autos schließen, da bereits ein kurzer Halt gewandten Ganoven genügend Gelegenheit gibt, Handtaschen, Photoapparate und andere Wertgegenstände an sich zu reißen:

* auch bei einer kurzen Rast den Wagen nie allein lassen. Bei Pannen sollte stets mindestens eine Person im Auto sitzen bleiben:

* beim Parken das Handschuhfach leeren und offenlassen, keine Gepäckstücke sichtbar im Wagen liegenlassen;

* bei einem längeren Stopp oder einer Übernachtung nur einen bewachten Parkplatz oder die Hotelgarage benutzen;

* beim Stadtbummel nur das nötigste Kleingeld mitnehmen. Handtaschen und Photoapparate fest in der Hand halten.

"Besonderes Mißtrauen" ist laut ADAC geboten, wenn ein Moped plötzlich vor dem Auto eines Urlaubers stürzt. Wer aussteigt, um zu helfen, könne erleben, daß der Mopedfahrer "aufspringt, zum Wagen läuft und mit ihm davonrast".

Dem Pressedienst "Motor-Bericht" kamen diese Tips vor, als reisten die Deutschen wie Abenteurer vergangener Jahrhunderte "durch hinterasiatische Bandengebiete oder dergleichen Regionen in Zentral-Südamerika". Minister Antoniozzi aber war entrüstet über soviel "Verunglimpfung unseres Landes".

Der Minister mußte sich wohl entrüsten. Schließlich reisen Dreiviertel der deutschen Italienurlauber mit dem Auto an, und dieses größte Kontingent könnte der ADAC-Aufruf allzu nachhaltig schrecken.

Denn daß die Gunst der Deutschen -- und die anderer Touristen -- auch mal schwankt, haben Italien-Konkurrenten in den Alpen, an Atlantik und Mittelmeer erfahren:

Als 1974 in Portugal die nahezu gewaltlose "Revolution der Nelken" ausbrach, ging der Fremdenverkehr um mehr als 50 Prozent zurück. Als Spaniens Franco im Jahr darauf fünf politische Gegner hinrichten ließ und als zwei Monate später mit seinem Tod das Ende der politischen Friedhofsruhe in Spanien gefeiert wurde, fuhren merklich weniger Touristen nach Spanien.

Jüngstes Opfer deutschen Liebesentzugs wird in dieser Saison Griechenland sein: Steigende Preise und unfreundliches Personal schrecken Tausende von Urlaubern aus dem Norden ah (siehe Seite 146). Hohe Preise vergällen dem deutschen Sommerfrischler auch sein bislang liebstes Ziel: die Nachbarrepublik Österreich.

Den Italienern aber, scheint's, verzeiht das deutsche Touristenherz nahezu alles.

An Riviera und Adria, in Venedig, Rom oder Taormina machten 1976 rund drei Millionen Deutsche Ferien, sie pulverten über vier Milliarden Mark in die gefährlichen Landstriche zwischen Brenner und Palermo.

Damit behauptete das verrottende Italien unter den Auslandszielen deutscher Urlauber seit Beginn des Massentourismus nach Österreich den zweiten Platz vor Spanien, Frankreich und Jugoslawien.

Italien -- "unsicherer als Uganda".

Und trotz aller Hiobs-Schlagzeilen kann 1977 gar ein Rekordjahr der deutschen Italiensucht werden. Denn zu Ostern, gemeinhin Gradmesser für die kommende Saison, machten 25 Prozent mehr Ausländer Italien-Ferien als im Vorjahr, die meisten von ihnen Teutonen.

"Wir sind optimistisch", frohlockte das italienische Fremdenverkehrsamt Enit Anfang Juni, als sich herausstellte, daß die Zahl der Hotelvorbestellungen für die Sommersaison um 15 Prozent höher lag als 1976.

Renner sind gleichermaßen der Massenstrand von Iesolo, das romantische Ischia und das ferne Sizilien, aber auch Angebote des deutschen Reiseriesen TUI, Rundreisen etwa durch das von Ausländern bislang fast unentdeckte Kalabrien. 656 Mark kostet dort eine Woche Vollpension, Billigurlaub inklusive Flug in einem "Italien, das sich grundlegend unterscheidet von den Badeorten aus der Gründerzeit" (Scharnow-Katalogtext) -- wie wahr.

Kalabrien ist bei Scharnow bis Mitte September ausgebucht, auch da wirkt im Verhalten des deutschen Reisevolks eine für Italien devisenerhaltende Schizophrenie: Es ist sieh aller Greuel, ech-

* Mitglieder der Organisation Europol, die spe. uni für den Einsatz gegen Räuber und Kidnapper trainiert werden

ter wie eingebildeter, wohl bewußt. Und doch ist das Land von seinem zweiten Favoritenplatz nicht zu verdrängen.

Italiens Image könnte katastrophaler kaum sein. Laut Umfrage des Darmstädter Jaeger-Verlags hielten potentielle deutsche Urlauber Italien als Reiseland für "unsicher" -- gleich nach dem Libanon, vor Nordirland, der DDR, Rhodesien und Südafrika, weit auch vor Uganda auf Platz zehn.

Und befragt, wohin sie "auf keinen Fall" reisen würden, gaben Westdeutsche diese Reihenfolge an: DDR, UdSSR, Libanon, übrige Ostblockländer, Nordirland, Italien, Südafrika, Uganda -- in Länder also, wo Kommunisten regieren, Bürgerkrieg und Aufstände wüten oder gar ein blutrünstiger schwarzer Diktator.

Warum muß es dann unabdingbar Italien sein, das den Deutschen so anzieht, obwohl dort die gefürchteten Roten schon halb in der Regierung sitzen?

"Herr Fritz, wie er drei Teller Lasagne bestellt."

Teils mag es daran liegen, daß Italien nach wie vor bietet, was der Durchschnittsdeutsche am liebsten hat, wenn er sich ein- oder zweimal im Jahr ertüchtigen will für den neuerlichen Dauerlauf zwischen Küche und Kontor: Er will schwimmen, in der Sonne faulenzen, besichtigen, spielen, einkaufen, gut essen, Wein trinken.

Für Wasser-, Wander- und Sonnenfans hat Italien, noch vor Spanien, den Vorzug kürzerer Anfahrtswege und ein hervorragendes Autobahnnetz vom Brenner über Rom bis an die Stiefelspitze Kalabrien.

Es ist das an Baudenkmälern' Kunstschätzen und malerischen Plätzen wohl

* Als Rocker verkleidet.

reichste Land in Deutschlands Nähe. Zudem hat das klassische Bildungsideal des deutschen humanistischen Gymnasiums überlebt. Statt Griechisch mögen viele Humanisten-Kinder heute Russisch wählen -- das edle Latein blieb unangetastet. Und wo anders kann man besser nachspüren, was Rom mal war, als eben in Rom?

Feinschmecker wie die Kochbuchautorin Lilo Aureden schwärmen von Italien als der "Allmutter europäischer Kochkunst". Wichtiger wohl: Durch den günstigen Wechselkurs (1000 Lire gleich 2,60) Mark) ist es immer noch ein vergleichsweise billiges Reiseland.

Zwar kletterten die italienischen Preise seit 1976 durchschnittlich um knapp 17 Prozent, aber was Urlauber der Bundesrepublik für 100 Mark bekommen, kostet südlich des Brenners auch heute nur 72 Mark.

An der Adriaküste der Emilia-Romagna gibt es selbst im August, wenn alle Italiener Urlaub machen, noch Vollpension ab 20 Mark. Für diesen Preis, findet TUI-Manager Peter Prachar in Rimini, "kriegt man in deutschen Feriengebieten höchstens dreimal täglich 'ne Bockwurst".

Die Einheimischen empfinden die Touristen längst wie eine Invasion, eine willkommene gewiß, weil in jeder Hinsicht konsumfreudige. Dennoch wecken die Eigenarten der teutonischen Massen nicht gerade Sympathie. "Die Vorhut des deutschen Touristenheeres besetzt die Badefront an der oberen Adria", meldete der "Corriere della Sera" Anfang Juni mit spürbar gebremstem Behagen.

"Il Tempo" mokierte sich wenig später über den Badeort Gabicce in der Region Marken: Manche Ortsteile wirkten dort mit ihren Bierstuben und Würstchenbuden wie "Filialen von München": "Da sieht man den Herrn Fritz, den fülligen Deutschen, wie er drei Teller Lasagne bestellt und nach dem Bier noch Trebbiano-Wein die Kehle runterschüttet."

Kein touristisches Ritual, an dem die Deutschen nicht mit Pflichtgefühl und Wonne teilnähmen: Sie füttern Tauben auf dem Markusplatz von Venedig, kaufen Briefmarken in San Marino, werfen Münzen in den römischen Trevi-Brunnen, singen beim Rotwein "Arrivederci Roma", steigen auf die Kuppel des Petersdoms und auf den Schiefen Turm von Pisa, schippern in die Blaue Grotte von Capri -- alle Jahre immer wieder.

Denn die Deutschen -- das ist der andere Teil des geheimnisvollen Italienerfolgs -- sind ihren Urlaubszielen treu.

Sie halten es "wie mit der Ehe" glaubt die Fachzeitschrift "Der Fremdenverkehr + Das Reisebüro", "bei einem Seitensprung bekommen sie Gewissensbisse".

Nur so sei die große Zahl der Ehrenkurgäste von Ruhpolding, Oberstdorf oder Westerland erklärbar, die dann vom Kurdirektor für die 15. oder gar die 25. Wiederkehr mit Diplom und dankbaren Worten geehrt werden. "Da versammeln sich Radikale, da kann es knallen."

Das gibt es auch, ohne den Kurdirektor, in Italien. "Hier ist mir alles vertraut", schwärmte voriges Jahr ein Münchner Mechaniker, der zum zehntenmal in seine Stammpension in Bellaria an der Adria einzog, "und die Signora kocht mir sogar deutschen Kaffee."

Nicht mal das Reizwort "sciopero" Streik, das deutsche Ordnungsbürger daheim aggressiv macht, vermag sie in Italien von ihren Lieblings- und Traditionszielen abzubringen, wenngleich ihnen Urlaubsfreuden durch Streik am ehesten vergällt werden können.

Mal stoppen im Sciopero-Land die Eisenbahner ihre Tätigkeit, mal die Piloten, mal die Müllkutscher, mal die Museumswärter' mal die Ärzte. im vergangenen Jahr gingen 21,9 Millionen Arbeitstage durch Streiks verloren. Die Zeitschrift "II Borghese" wandelte daher den Verfassungsgrundsatz, nach dem "die Republik Italien. . . auf Arbeit gegründet" sei, so ab: "Diese Republik ist auf Streiks gegründet."

Die weitaus meisten Scioperi freilich treffen die Industrie, der Tourismus leidet oft nur indirekt, Ausstände im Hotel- und Gaststättengewerbe sind selten geblieben. Und gerade in den von den Deutschen so geliebten Adria-Orten verlaufen die Arbeitskämpfe oft glimpflich: Diese Landstriche werden zum Teil von den hierzulande so gefürchteten' in Italien aber penetrant ordnungsliebenden Kommunisten regiert. Zudem ist "hier keiner so blöd, die Saison zu versauen", erklärt ein Fremdenverkehrs-Manager in Cervia.

Zumindest an Italiens Küsten aalen sich Urlauber weithin isoliert von den politisch-sozialen Spannungen des Krisenstaates. Italien-Profis der Strände zwischen San Remo und Sorrent, Grado und Gabicce wissen das.

Wer dagegen Italiens Großstädte besucht, muß schon mal sein Sightseeing-Programm ändern, weil die Straße politischen Demonstranten gehört. Urlauber werden jedoch möglichst rechtzeitig vor "gefährlichen" Demonstrationen gewarnt.

So wollte sich unlängst ein Nürnberger Kaufmann die römische Piazza Navona mit ihrem Postkarten-berühmten Bernini-Brunnen ansehen. Der Hotel-Portier riet zur Vorsicht: "Da versammeln sich heute Radikale, da kann es knallen." Der Gast ärgerte sich sehr deutsch:,, Schweinerei, daß man diese Anarchisten auf so einen schönen Platz läßt."

In einem anderen Fall hatte eine Lehrerin der Hamburger Sophie-Barat-Schule, eine Nonne, sichere Kunde, daß am 19. Mai in Rom eine Massendemonstration von Studenten und Arbeitslosen stattfinde,. schwere Zusammenstöße 70 erwarten seien.

70 Italien-reisende Schülerinnen wurden vorsichtshalber vor die Stadt nach Ostia Antica ausgelagert -- übertriebene Sorge: Rom blieb an jenem Tag friedlich wie lange nicht.

Die Ruhe dürfte aber die Hauptsaison nicht überleben: Zur Zeit pilgern auch viele radikale Studenten und gewalttätige Systemveränderer zur "villegiatura", der Sommerfrische. Aber sie kommen so sicher wieder wie die deutschen Touristen.

Wohl prangern italienische Zeitungen die Mißstände an. Aber wehe, wenn Ausländer, Deutsche zumal, Kritik üben. Dann gibt es nur noch Patrioten, Verteidiger von "La bella Italia".

So lamentierte die italienische Presse monatelang über eine "feindselige Kampagne", als sich ausländische Zeitungen des 1974 vor der apulischen Adriaküste gesunkenen jugoslawischen Giftschiffs "Cavtat" annahmen.

Mittlerweile ist zwar ein Teil der "Cavtat"-Fracht' halb durchgerostete Fässer mit hochgiftigen Bleitetraäthyl, geborgen. Aber die Arbeiten wurden Anfang Juli unterbrochen. Den deutschen Adria-Badegast scheint die Gefahr sowenig anzufechten wie der Schmutz an der Küste. Der Himmel, gottlob, ist ja immer noch blau.

Was sonst noch an Horrormeldungen über Italien im Urlaubsjahr 1977 in deutschen Zeitungen erscheint, römische Tourismus-Beamte wie Zeitungen wittern dahinter germanische Verschwörer.

Immerhin will das italienische Fremdenverkehrsamt Enit nun doch neue Versuche starten, Italiens schlechtes Image wiederaufzupolieren. Enit-Chef Michele Pandolfo schlug vor, bei den diplomatischen Vertretungen der wichtigsten Partnerländer "Dienste für Gegeninformation" einzurichten.

Einen Anfang damit machte im Juni der Minister für Tourismus der erdbebengepeinigten Region Friaul-Julisch-Venetien, Professor Renato Bertoli, Kampagnen vor allem in der Bundesrepublik sollen um Vertrauen werben. Aufwand hierzulande: 750 000 Mark.

In Hamburgs "Ristorante Roma", von Journalisten auf die deutschen Opfer italienischer Scippatori und Autoknacker angesprochen, betrieb Bertoli Gegeninformation auf seine Art: "Kein Grund zur Sorge. Wir haben die beste Polizei der Welt"


DER SPIEGEL 31/1977
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