25.07.1977

Mohammed oder Von Mekka nach Hollywood

Zum erstenmal wurde das Leben des islamischen Religionsstifters und Propheten Mohammed verfilmt -- prompt gab es ärger mit glaubensstrengen Mohammedanern: In England erzwangen Protestler eine Titeländerung, in Washington forderten Geiselnehmer die Absetzung, in Hamburg und Berlin demonstrierten Türken gegen den Film.

In Washington stürmten Anhänger einer radikalen Moslem-Sekte das Rathaus, eine Moschee und das Gebäude des jüdischen Ordens B'nai B'rith, dabei töteten sie einen Menschen und nahmen, in Sichtweite des Weißen Hauses, über hundert Geiseln.

Eine der Hauptforderungen der Geiselnehmer: Der Film "Mohammed -- Der Gesandte Gottes', der eben in Los Angeles und New York angelaufen war, sollte sofort abgesetzt werden, weil er, so Khalifa Hamaas Abdul Khaalis, der Boß der Sekte, die islamische Religion falsch darstelle. Prompt wurde der Film in vier New Yorker Kinos abgesetzt.

Wie im März dieses Jahres in Washington, hatte es schon ein halbes Jahr zuvor bei der englischen Weltpremiere von "Mohammed" Ärger, wenn auch keinen Toten gegeben. Araber protestierten gegen die Uraufführung im Londoner Westend. Der Regisseur, Mustafa Akkad, konsultierte die Botschaften von Kuweit und Libyen und nahm den Propheten aus dem Titel: als "The Message" (Die Botschaft) konnte "Mohammed" dann starten.

Jetzt hat der Film, der nun wieder auf den Namen "Mohammed" hört, auch in Deutschland Startschwierigkeiten. In Berlin zogen vierhundert, in Hamburg fünfhundert Türken auf die Straße, um gegen den Film zu protestieren. Diese Demonstrationen, verbunden mit Bombendrohungen, ließen die Filmtheaterbesitzer zurückschrecken. Die Kinos in Berlin und Hamburg setzten "Mohammed" in der vorletzten Woche ab.

Inzwischen läuft "Mohammed" wieder bundesweit -- nur in Berlin nicht. An Kinoeingängen werfen die Kontrolleure nicht nur einen Blick auf die Tickets, sondern auch in Handtaschen der Damen und betasten gebauschte Jacken. Im Hamburger "Piccadilly" sorgen zusätzlich zwei Schäferhunde (nebst Polizisten) für Ruhe und Ordnung unter den vorwiegend orientalischen Zuschauern.

Dabei ist der 20-Millionen-Film. der so viel muselmanischen Religionseifer gegen sich aufbringt, ein arabisches Projekt, vorwiegend mit Petro-Dollars aus Libyen und Kuweit finanziert, von der Arabischen Liga als Projekt gefördert und von einer libanesischen, ausdrücklich zu diesem Zweck gegründeten Filmgesellschaft ("Filmco") in Marokko gedreht.

"Mohammed", eine Kreuzung aus arabischen Absichten und Hollywoods Religionsschinken-Routine, wurde von dem in Syrien geborenen Regisseur Mustafa Akkad, einst Assistent bei Sam Peckinpah, mit aller religiösen Vorsicht gedreht.

Der Prophet selbst, von dem der Islam alle bildlichen Darstellungen verbietet, tritt nicht auf -- wie ja auch Christus in den frühen Hollywood-Biblicals ("Quo Vadis", "Das Gewand") nicht zu sehen, nur zu ahnen war.

Was in dem Film auf die Anwesenheit Mohammeds schließen läßt, ist meistens nur der ehrfürchtige Blick seiner Anhänger in Richtung Kamera, ab und an der Kopf seines weißen Kamels und endlich sein Stock. mit dem er in der Kaaba in Mekka die falschen Götzenbilder von ihren Podesten räumt.

Auch in der Handlung hält sich das Werk erstaunlich zurück. Keine Romanze durchsüßt die Geschichte der Flucht (Hedschra) Mohammeds von Mekka nach Medina, und das religiöse Wirken des Propheten, der die Araber unter dem Monotheismus einte, wird nur durch zwei (historisch verbürgte) Wüstenschlachten aufgeheizt.

* Mit Anthony Quinn (r.) und Robert Brown.

Wenn das dreistündige Monumental-Epos mit seinen riesigen Statistenheeren dennoch den Sacharin-Geschmack hollywoodscher Religionsverklärungen verbreitet, dann aus zwei Gründen:

Einmal, weil auch dieser Film die religiösen Moralgebote bei aller vorgeblich historischen Treue nicht begründet, sondern sentimental nachbibbert (So gute Menschen gab's, wenn auch nur in Gottes Nähe, mal). Zum andern, weil es offenbar zu Glaubensthemen im Film nur eine neonazarenische Optik gibt (sieht man von Ausnahmen wie Pasolini ab): Frömmigkeit erweist sich da in makellos weißen Gewändern, wallenden Bärten. andächtig gepreßten Stimmen und hart mit ihren Muskeln arbeitenden Gesichtern.

Doch hat sicherlich nicht das den arabischen Ärger mit "Mohammed" provoziert. Und auch nicht, daß Anthony Quinn und Irene Papas, also Nichtmoslems, Hauptrollen in "Mohammed" spielen, kann, wie die "FAZ" vermutet, Grund für den Protest-Ärger sein.

Denn der Film wurde von Anfang an in zwei Versionen gedreht, einer arabischen und einer für die westlichrestliche Welt -- Quinn als Mohammeds Onkel und die Papas als seine streitbarste Widersacherin in Mekka spielen Araber-Rollen nur in den Lichtspielhäusern außerhalb des Orients.

So richten sich arabischer Protest und Boykott, wenn schon Mohammed selbst nicht im Bilde erscheint, gegen die bildliche Darstellung seiner "Suhaba" (Jünger) -- egal. ob der Ägypter

* Gegen "Mohammed in Berlin.

Hamdi Gheith oder Anthony Quinn nun Hamzas Leben und Sterben auf der Leinwand darstellt.

Auf dem Filmfestival von Kairo durfte der Film jedenfalls 1976 nicht aufgeführt werden, obwohl seine Macher ihn als erstes Filmwerk einer arabischen Geisteshaltung rühmen.

Dennoch lief der Film bald darauf in Jordanien, im Libanon, in Kuweit, Marokko und im Irak.

"Mohammed -- Der Gesandte Gottes" beschäftigte sogar das ägyptische Parlament auf einer Sondersitzung. Resultat: Die Parlamentarier gaben, trotz heftiger orthodoxer Kritik, das Werk mit überwältigender Mehrheit für die Kinos frei. Dem schloß sich, indem er keine

Einwände geltend machte, auch der Oberste Rat für islamische Angelegenheiten an, eine der höchsten Instanzen für Glaubensfragen des sunnitischen Islam.

Zu der Kairoer Parlamentsdebatte war eigens der Mufti des Iran, der als besonders glaubensstreng gilt, angereist: Er gab den Film anschließend auch für Persien frei.

Doch dann kam erneut der Stopp für Ägypten. Kairos Äzhar-Universität, die religiöse Hochburg des Islam, bezeichnete den Film als "Blasphemie" und sperrte ihn mit dem Hinweis, daß "Verwandte und enge Gefolgsleute" des Propheten nicht in Filmen gespielt werden dürften.

Nach Meinung Kairoer Journalisten, die sich stürmisch für "Mohammed'" einsetzten ("AI-Ahram- bezeichnete das Verbot als "unklug"), hat sich die Azhar-Universität mit dem Verbot saudiarabischen Vorstellungen angenähert: In Saudi-Arabien gibt es, aus puritanischer Bilderscheu, bis heute keine Kinos. Mit Fernsehen und Rundfunk, lange als "Teufelswerk" verschrien, hat man sich nur mühsam angefreundet.

Offizielle Kommentare zu dem Verbot sind in Kairo nicht zu haben. Man kann jedoch vermuten, daß Boykott und Protest sich gut in die religiös-nationalistische Erneuerungswelle fügen (SPIEGEL 29/1977), die Ägypten zur Zeit von allen modernistischen Abweichungen freischwemmen möchte.

Möglich auch, daß sich die ägyptische Ablehnung außerdem auf die begeisterte Unterstützung zurückführen läßt, die Libyens Staatschef Gaddafi dem Film zukommen ließ, nachdem er sich mehrere Stunden das ungeschnittene Material des Films angesehen hatte. In der Tat trifft der Film. soweit sich politische Absichten an dem Monumentalfresko überhaupt ablesen lassen, die politischen Vorstellungen Libyens noch am ehesten, weil dort ein Sozialismus im Einklang mit dem Koran angestrebt wird.

"Mohammed -.- Der Gesandte Gottes" verbreitet daher auch die Thesen des Ur-Islam, bei dem Sklaven- und Frauen-Befreiung einen breiten Raum einnehmen. Das Gebot, den Armen zu helfen, wird da, ähnlich wie im Ur-Christentum, ziemlich wortwörtlich verstanden, der Glaube soll nicht so sehr Berge, mehr hierarchische Sozialstrukturen versetzen.

So bemüht sich der Film, wenn auch innerhalb der von solchen Leinwandspektakeln selbstgesetzten Grenzen, um den sozialen Hintergrund der Religionsstiftung: Die Gesichte, die Mohammed im Ramadan des Jahres 610 in Mekka heimsuchten und die ihm befahlen, die alten Götter zu stürzen, machen durchaus Rechte für die bis dato Entrechteten sichtbar.

Und die Bekämpfung der Armut, die im Früh-Islam Bestandteil des religiösen Auftrags war, wird noch nicht so verstanden, daß da nur Brosamen von den Tischen der Reichen fallen sollen.

Für europäische Augen wirkt der bombenbedrohte Film dennoch eher als harmloser Kolossal-Schinken. Dieser "morgenländische Cecil B. DeMille" so die "Zeit", besitze "soviel Tempo wie ein altersschwaches Kamel, das durch eine endlose Wüste zockelt".


DER SPIEGEL 31/1977
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