25.07.1977

RUNDFUNKAllerlei Nacht-Wehweh

Die ARD-Rocknacht am vergangenen Samstag demonstrierte Alternativ. Möglichkeiten zur betulichen „Musik bis zum frühen Morgen“. Doch die Sender funken lieber weiter an vielen Hörern vorbei.
Ob einer in Hamburg, Frankfurt oder München nach Mitternacht das Radio einschaltet, macht keinen Unterschied. Die Klangsoße, die da herausschwappt, ist überall gleich: "Musik bis zum frühen Morgen", das gemeinsame Nachtprogramm der ARD.
Wer jedoch in der vergangenen Samstagnacht, jedenfalls in einigen bundesdeutschen Hörfunk-Regionen. über die Skala kurbelte, traute mitunter seinen Ohren nicht. Alternativ zum ARD-Schlummersound erklang unvermittelt in einigen Dritten Programmen knackige Rockmusik.
Den Einbruch in die verkrustete Programmstruktur der westdeutschen Sendergemeinschaft hatte das Fernsehen bewirkt. Auf dem Bildschirm war nämlich -- mit annähernd fünf Stunden das längste TV-Spektakel seit dem Bericht über die erste Mondlandung -- zur gleichen Zeit eine Super-Rocksession live aus der Essener Gruga-Halle übertragen worden. Einige Hörfunk-Stationen hatten sich in Stereo eingeklinkt.
Popmusik-Stars wie der Blues-Interpret Rory Gallagher, die "Thunderbyrd"-Band des Folk-Rockers Roger McGuinn sowie das kalifornische Ensemble "Little Feat", die das TV-, Rockpalast Festival" (Sendungstitel) zu einem wirklichen Fest für Fans machten, wären in der ARD-Nachtmusik sonst allenfalls als Randfiguren zugelassen gewesen. Denn für ihre "Musik bis zum frühen Morgen", seit 1959 täglich von wechselnden Sendern ausgestrahlt, haben sich die Funk-Fürsten auf den kleinsten gemeinsamen Geschmacksnenner geeinigt.
Die nächtliche Klangschwemme, so heißt es in einer ARD-Anweisung vom 10. Juni 1974, solle "in der Art eines breit gefächerten Mischprogramms zusammengestellt und nicht stundenweise nach Musiksparten (Volksmusik, Operette, alte Schlager, aktuelle Schlager usw.) gegliedert sein". Durch zahllose Richtlinien dieser Art zwängt eine dafür zuständige "Kleine Kommission" von ARD-Bürokraten die Programmgestalter und Moderatoren in ein starres Korsett.
Vom Wortlaut der Ansage zum Anfang bis zur Häufigkeit der Stationsansage ist so gut wie alles reglementiert. Interviews und andere Wortbeiträge außer den stündlichen Nachrichten, verfügte das Gremium 1966, seien "grundsätzlich zu vermeiden". Direkter Kontakt mit dem Publikum in Form von Hörergrüßen und Musikwünschen, so die Kommission ein Jahr später, sei "zu unterbinden". Den Sendungen, hieß es 1968 lapidar, "soll mehr Sorgfalt gewidmet werden".
Aber wie denn, wenn der Musikredakteur es keiner seiner unterschiedlichen Zielgruppen richtig recht machen darf? Er muß einen Klangbrei aus Operetten und Volksliedern, Rock und Märschen, Schlagern und Tanzmusik zusammenrühren, der am Ende keinem wirklich schmeckt. Der Moderator darf keine Informationen vermitteln; er kann nur schwafeln, sofern er sich nicht gerade mit hausgemachten Knittelversen behilft:
Die Nachtarbeit, das wissen alle, sie kostet Mühe uns mitunter. Musik jedoch, in jedem Falle, sie macht uns immer wieder munter. Als säßen nur Leidende nach Mitternacht an den Geräten, wird dieser größte Programmblock der ARD im Funk-Jargon "Nachtversorgung" genannt. Den Bedürftigen, so scheinen die Macher zu denken, müsse für allerlei Nacht-Wehweh eine Universalmedizin verabreicht werden: das gleiche Ton-Tonikum als Aufputschmittel und gegen Schlaflosigkeit, als Wachmacher für Partys und als Halluzinogen.
Ob jemand im Morgengrauen auf der Autobahn rast oder im warmen Bett träumen möchte, ob er am Fließband front oder der Liebe frönt -- alles einerlei. Musik zum Einschlafen und Musik zum Wachbleiben sind aber naturgemäß verschieden. Beide Effekte mit der gleichen Klangauswahl erreichen zu wollen ist eine unlösbare Aufgabe. Eine Lösung wäre die Ausstrahlung zweier verschiedener, kontrastierender ARD-Programme, wie sie die "Kleine Kommission" bereits im Juni 1974 empfohlen hat, auch wenn dies Kosten verursachen würde.
In einer repräsentativen Umfrage registrierte auch Infratest im vergangenen Jahr eklatante Unterschiede zwischen dem Hörverhalten und den Musikwünschen älterer und jüngerer Nachthörer. 52 Prozent der Hörer über 50 schalten nach Mitternacht das Radio ein, um "müde zu werden". Dazu bevorzugen sie (Mehrfachnennungen waren möglich) zu je annähernd 60 Prozent Volks- und Wanderlieder, Operettenmelodien sowie leichte Unterhaltungsmusik.
Die 20- bis 29jährigen dagegen sind in den Spät- und Morgenstunden überwiegend an Party-Unterhaltung (48 Prozent) oder an Ermunterung bei der Arbeit (42 Prozent) interessiert. Bevorzugte Musiksparten: fremdsprachige Schlager (63 Prozent), Beat/Pop/Rock (61 Prozent). Bei den unter 20jährigen sind diese Präferenzen noch deutlicher ausgeprägt.
Nur in zwei Musikgattungen, beim deutschsprachigen Schlager und bei der leichten Unterhaltungsmusik, ist das Hörerinteresse in allen Altersgruppen annähernd gleich: jeweils um 60 Prozent oder darüber. Diese Einheitssoße gießt der Funk denn auch über alle Maßen aus. Erregende Klangspitzen, die am Eindämmern hindern könnten. werden in aller Regel gekappt.
Nur so auch ist erklärlich, daß der Funk zur Nacht kaum von der Plattenindustrie gelieferte Tages-Hits serviert. Statt dessen sind die "Musik bis zum frühen Morgen" sowie die gleichfalls von jeweils mehreren Sendern übertragene "Leichte Musik vor Mitternacht" (meist ab 22.30 Uhr) eine Spielwiese der ARD-eigenen Combos, Tanz- und Unterhaltungsorchester, die auch aktuelle Songs -- verswingt oder verzickt -im Einheitssound herunterschnurren.
Manch ein Programmgestalter hat durchaus ein persönliches Interesse an diesem Klang. Nicht wenige von ihnen komponieren, arrangieren oder texten nebenbei unter Pseudonym. Und da sich die an Musikautoren zu zahlende Tantiemensumme von 7,69 Mark pro Minute im Gemeinschaftsprogramm der neun ARD-Anstalten auf fast 70 Mark multipliziert, sendet der eine oder andere immer wieder gern eigenen Schmus oder den seiner Freunde.
Zwar erließ die ARD-Intendantenkonferenz im März dieses Jahres "Grundsätze für die Kontrolle und zentrale Erfassung von Musiktiteleinsätzen", die einen Machtmißbrauch der angestellten Musik-Nebenverdiener durch Offenlegung sämtlicher Pseudonyme verhindern sollen,
Doch "das Gewirr von Interessenten der Musikgestaltung in der ARD-Nacht", orakelt Funk-Beobachter Karlheinz Kögel, dessen Firma Media Control in Baden-Baden alle Radioprogramme mitschneidet und statistisch auswertet, sei "ein gordischer Knoten": "Bevor die ARD-Revision auch nur das Schwert erhoben hat, sind unter neuen Pseudonymen zwischen den Funkhäusern schon neue Fäden geknüpft." Um dieses Spiel zu verschleiern, werden in der Nacht manche Ensembles und Interpretationen einfach nicht angesagt.
14 Prozent aller regelmäßigen Nachthörer, ermittelte Infratest, weichen vom ARD-Gedudel gern auf den Berliner Rias aus, wo sich seit langem ein anspruchsvolles Zielgruppen-Angebot (etwa "Rock over Rias") bewährt hat. 25 Prozent hören nachts auch Radio Luxemburg, 20 Prozent den Deutschlandfunk, zwölf Prozent Soldatensender wie AFN oder BFBS. Alle diese Sender sind jedoch nur regional (oder auf Mittelwelle schlecht) zu empfangen.
Über ein bundesweites Alternativprogramm zur ARD-',Nachtversorgung" haben sieh daher Anfang letzten Jahres Redakteure von Radio Bremen Gedanken gemacht. Unter dem Titel "High Moon" legte der Pop-Programmierer Peter Schulze ein jugendbewegtes Konzept vor, das neben "lebendiger und ausgefallener Musik" auch Glossen und aktuelle Wort-Beiträge vorsieht. Es solle "Hörer bedienen, die zum aktiven Zuhören bereit sind".
Schulze wurde vom Bremer Programmdirektor Gerhard Schäfer abgeschmettert: "Die Hörfunk-Programmkonferenz war und ist der Meinung, daß darüber erst nach einer Gebührenerhöhung entschieden werden kann."

DER SPIEGEL 31/1977
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