17.10.1977

Mord beginnt beim bösen Wort

Sympathisanten und sogenannte Sympathisanten III: Die Hochschulen

Woher die Brut stammt, daß es der Schoß der Alma mater ist, der Terroristen zur Welt bringt und aufpäppelt -- wer zweifelt daran?

"Tief innerlich bewegt" zeigte sich Kanzler Schmidt vor der Deutschen Forschungsgemeinschaft über "die beifällige Kommentierung" des Buback-Mordes in studentischen Kreisen. Vom geistigen Umfeld der Universitäten ist es für Oppositionschef Kohl bis "zur Sympathisanten-Szene des Terrorismus nicht mehr weit".

Keine Frage? Sind wirklich Theorien imstande, den kritischen Verstand junger Menschen außer Kraft zu setzen und sie in den Wahn der Gewalt zu ziehen?

Wenn in den Bildungsstätten "seit Jahren Theorien der Verweigerung und der Gewalt" gelehrt werden, liegt der Gedanke nicht fern, "daß die Terroristen ihr ideologisches Rüstzeug hier erhielten". So die katholische Deutsche Bischofskonferenz, gewiß der konservative Eckstein im Geistesleben der Republik. Aber da empfiehlt auch die "Zeit", unstreitig eine Stimme der liberalen Aufklärung, jene "intellektuellen Brutstätten der gewalttätigen Radikalität einmal in Augenschein" zu nehmen. Klarer Fall? Genügen wirklich die intellektuelle Beschäftigung mit dem System, bloß schon das Feindbild von den sogenannten Herrschenden, um quasi zwangsläufig die moralischen Barrieren abzubauen, die Mord meist im Wege stehen?

Aber wer will das schon bestreiten, wenn der hannoversche Psychologie-Professor Peter Brückner auch heute noch Mitgefühl empfindet für "die Terroristen, die erkannt haben, daß wir in einer brüchigen Gesellschaft leben"; wenn eine "proletarische Linke" an der TU Berlin einen "spektakulären und empfindlichen Schlag gegen den Staatsapparat" fordert; wenn am Universitätsgebäude in Göttingen steht: "Der Buback-Spuk ist jetzt vorbei, wir legen nun ein neues Ei"; oder wenn auf beinahe jedem Campus "K-Gruppen" agitieren -- deren Sympathie jenen "guten Genossen" gilt, die auf dem "Weg des individuellen Terrors verschlissen werden, früher oder später im Knast landen oder erschossen werden"?

Aus den Hochschulorten kommen die militanten, mit Eisenstangen bewaffneten Kernkraftgegner von Brokdorf, Grohnde und Kalkar, kommen Hausbesetzer und Rathausstürmer. An den Universitäten formieren sich "Folterkomitees", organisiert sich "Rote Hilfe"' für die RAF, werden Lehrveranstaltungen gesprengt, mißliebige Dozenten verprügelt. Dort werden schon, wie in Mainz oder Regensburg, auf dem Campus Gewehre und Munition sichergestellt.

Und da wird, in gerader Linie von der "Schwarzen Linie" der Apo-Endzeit, der demokratische Staat mit Füßen getreten -- wie buchstäblich beim jüngsten Treffen der Vereinigten Deutschen Studentenschaften, als vor der Tür eine vom "Kommunistischen Bund Westdeutschland" ausgebreitete Bundesfahne zum Abtreten lag.

Was hilft's, wenn sich die Verbandsstudenten im nachhinein distanzieren? Oder 123 Professoren, wie Mitte September in der "Frankfurter Rundschau", per Inserat bekanntgeben, daß "wir Gewaltanwendung als Mittel der politischen Auseinandersetzung in der Bundesrepublik ablehnen"?

Sympathisanten all die, die gegen vermeintliche Isolationsfolter und happige Fahrpreiserhöhungen, heute für die Freiheit in Chile und morgen gegen Gott weiß was demonstrieren? Immerhin ein Protestpotential' das der Mannheimer Politologe Rudolf Wildenmann bei "20 bis 30 Prozent der Studentenschaft" ansetzt und dem er bescheinigt: "Widerrechtliche Aktionen werden zumindest verbal favorisiert." Von den 850 000 Studierenden jeder fünfte ein Sympi, 170 000 also, die, wie Berlins Bildungssenator Peter Glotz glaubt, anfällig für den Untergrund sind?

Nirgends sonst scheint Sympathisantentum so augenfällig, so belegbar, nimmt sich langes Fackeln so überflüssig aus. Ohne Mühe läßt sich Kausalität herstellen zwischen dem akademischen Wort und der mörderischen Tat, genauer, der Tatbegründung. Randlos decken sich, auf den ersten Blick, Theorie und Praxis. Weniger noch als sonstwo scheint dort, wo Gewalt so ungeniert propagiert und zelebriert wird, feine Auslese angebracht.

Wäre es so einfach -- dann erst wäre wahrhaft Grund, sich zu entsetzen.

Es wäre vielleicht nicht das Ende, sicher aber eine Verknappung des geistigen Freiraums an deutschen Lehrstätten. Systemkritisches Denken gleich Beihilfe zum Mord -- da bliebe dann nur mehr kritischer Geist nach Straußens Art.

Dieser "Gedanke wäre", so der Philosophie-Professor am Starnberger Max-Planck-Institut Ernst Tugendhat, "von derselben Logik und Dummheit. wie wenn behauptet würde: da die Autofirmen, die ihre Produkte anpreisen, die Autodiebe wenigstens in einer Prämisse ihres Tuns bestärken, sind sie für deren Handlungen wenigstens teilweise mitverantwortlich".

Logischer schon könnte es sein, nach dem zu fragen, was nicht gesagt worden ist in den Universitäten. Nicht von der beträchtlichen Mehrheit gleichgültiger Studenten, die etwa bei Hochschulwahlen ihren Campus den Radikalen überlassen und mit dazu beigetragen haben, daß es dreißig Jahre danach wieder eine deutsche Kollektivschuld gibt.

Nicht gesagt aber vor allem von jenen vorgeblichen Ziehvätern des Terrorismus, denen nur von Fall zu Fall der Gedanke kommt, daß sie Wesentliches hätten hinzufügen sollen. Zu lang scheint die Frist zwischen der Fernseh-Erklärung des Frankfurter Soziologen Theodor W. Adorno aus dem Jahre 1969, daß sich die Bundesrepublik von einem faschistischen Staat doch "um ein Ganzes" unterscheide. Und der Mahnung des Adorno-Kollegen Jürgen Habermas im SPIEGEL letzter Woche, "daß die theoretischen Dinge, die man lehrt und schreibt, nicht nur als Argumente in den Wissenschaftsprozeß eingehen", sondern "vielmehr als gesprochene und publizierte Worte im Augenblick der Rezeption eine Wirkung auf die Mentalität von Hörern und Lesern haben, die der Autor nicht rückgängig machen kann".

So absurd es ist, so pestilent es werden könnte für das geistige Klima im Bonner Staat, Gesellschaftskritik platterdings haftbar zu machen für Terroristen-Morde, so unabweisbar ist die Vermutung, daß die gesprochenen und geschriebenen Worte vor willkürlicher Interpretation nicht hinreichend bewahrt wurden. Was an Rechtfertigung auftaucht für Gewalt jeder Art. ist zu einem guten Teil "Frankfurter Schule" -- verkorkst von Aposteln im Hörsaal, draußen noch einmal verkürzt und verstümmelt und versetzt mit handigen Brocken aus den Revolutionsrezepturen aller Welt (siehe Seite 214).

Außer Frage steht, daß das Gros bundesdeutscher Terroristen akademisch vorgebildet ist. So ist unter den in Stuttgart-Stammheim inhaftierten Mitgliedern des harten Kerns der Roten Armee Fraktion (RAF) nur Andreas Baader ohne Studium. Gudrun Ensslin hörte an den Universitäten in Tübingen und Berlin Germanistik, Anglistik und Philosophie, Ulrike Meinhof hatte in Hamburg, Marburg und Münster Pädagogik, zuweilen auch Psychologie und Kunstgeschichte belegt, und Jan-Carl Raspe ließ sich an der FU Berlin zum Diplom-Soziologen ausbilden.

Wie Ilich Ramirez Sánchez, der von 1968 bis 1972 in Moskau und Großbritannien

Physik studierte und heute als Carlos und Chef einer angeblichen terroristischen Internationalen gesucht wird, gingen auch die Anarchos des Bonner Staates erst in die Hochschulen, dann in den Untergrund.

Die einen richteten ihr akademisches Interesse auf Fächer wie Soziologie, Politologie, Pädagogik und Psychologie, so etwa der in Entebbe vermutlich ums Leben gekommene Flugzeugentführer Wilfried Böse oder der wegen Polizistenmordes in Kaiserslautern verurteilte Klaus Jünschke; andere auch auf Zeitungswissenschaften, wie die flüchtige Begleiterin des in Holland verhafteten mutmaßlichen Polizistenmörders Knut Folkerts, Brigitte Mohnhaupt, oder Sinologie, ein Fach, das von dem der Haag-Bande zugerechneten Johannes Thimme gewählt wurde.

In Hamburg bildeten sich Underground-Oldtimer wie Angela Luther (Pädagogik) und Hunger-Opfer Holger Meins (Film und Malerei) ebenso wie Terroristen der "RAF-Fortsetzungsgruppen" (Verfassungsschutz) -- so die nach Italien entwichene Susanne Mordhorst (Psychologie, Soziologie, Pädagogik) und die wegen des Mordes an Jürgen Ponto gesuchte Susanne Albrecht (Pädagogik).

An der Freien Universität Berlin war der einstige Polit-Clown und spätere "2.-Juni"-Aktivist Fritz Teufel für Literaturgeschichte und Theaterwissenschaft eingeschrieben, der von einem Kommando "Schwarzer Juni" als Verräter hingerichtete Ulrich Schmücker für Geschichte und Ethnologie. Vorlesungen an der ehemaligen Apo-Hochburg FU hörten die nach der Lorenz-Entführung freigepreßte Gabriele Kröcher-Tiedemann (Sozialwissenschaft) und die beiden Berliner Ausbrecherinnen Gabriele Rollnik (Sozialwissenschaft) und Monika Berberich (Jura).

Zu Heidelberg studierten die des Mordes an Generalbundesanwalt Siegfried Buback verdächtigen Günter Sonnenberg (Philosophie, Geschichte), Christian Klar und Sabine Schmitz (Philosophie, Soziologie). Lutz Manfred Taufer, in Haft wegen seiner Beteiligung beim Anschlag auf die Deutsche Botschaft in Stockholm (Mittäterin: Hanna Elise Krabbe, Romanistik-Studentin aus Heidelberg) und die in Hamburg einsitzende Margrit Schiller studierten dort Psychologie. Anfänger einer Utopie

van wahnähnlichem Charakter.

In dieser Universitätsstadt sammelten sich vor knapp einem Jahrzehnt anpolitisierte Jung-Akademiker im "Sozialistischen Patientenkollektiv" (SPK), das der Mediziner Wolfgang Huber, Arzt an der Universitätsnervenklinik, gemeinsam mit Ehefrau Ursula gegründet hatte. Zum SPK zählen westdeutsche Fahnder neben den ehemaligen Heidelberger Studenten die inhaftierten RAF-Kader Siegfried Haag, Waltraud Boock, Detlev Schulz und Axel Achterrath sowie die flüchtigen Kristina Berster und Adelheid Schulz, die für die Mörder von Buback und Ponto Quartier gemacht haben soll.

Nach Ansicht von Ermittlern ließe sich die kalte Brutalität der jüngsten Anschläge von Karlsruhe, Oberursel und Köln damit erklären, daß es sich bei den Tätern um psychisch defekte ehemalige SPK-Patienten handeln könne. Der Leiter der Abteilung für Psychotherapie der Ulmer Universitätsklinik, Professor Helmut Thoma, hatte der Heidelberger Hochschulgruppe kurz vor ihrer Auflösung 1971 in einem Gutachten attestiert, "daß es sich beim SPK um eine fanatische Gruppe handelt", die einer "Utopie von wahnähnlichen Charakter" nachhänge.

Was Heidelberger Studenten, Ärzte und Patienten in zunächst nur wissenschaftlichen Verruf brachte, war die These, seelische Störungen wären prinzipiell im gesellschaftlichen System begründet und könnten nur behoben werden, indem man eben dieses System kuriere. Polizei löste die Gruppe auf, als sie begann, Gewalt als Allheilmittel zu propagieren:

Wir meinen, daß in einem modernen Land wie Westdeutschland die Taktik der Volksguerilla, die Partisanenaktionen

die einzige Möglichkeit ist, die Macht des Kapitals zu erschüttern und schließlich zu besiegen. Das wird Zeit kosten: zehn, zwanzig Jahre vielleicht und mehr. Aber das ist der einzige Weg.

Diese Gewalt und Brutalität (der Polizei bei Demonstrationen) kann nur durch Gegengewalt ... eliminiert werden ... Das bedeutet auch, daß wir uns Gewehre kaufen ... Wir können nur gewinnen und nichts verlieren . . . Und gewinnen können wir nur, wenn wir kämpfen, wenn wir unser Leben aus der Gewalt der Kapitalisten und ihrer Kontrolleure befreien -- im Volkskrieg hier.

Daß bei akademischen Terror-Sympathisanten weniger politische denn psychologische Motive im Vordergrund stehen können, legt eine Studie über "Anfänge anarchistischer Gewaltbereitschaft" nahe, die bereits vor zwei Jahren der Heidelberger Sozialpsychologe Ronald Grossarth-Maticek vorlegte. Der Forscher stützt sich auf Interviews mit Studenten, die "bewaffneten Kampf" in der Bundesrepublik befürworten, also zu Recht Sympathisanten genannt werden können.

Die Gewaltideologie erfüllte eine therapeutische Funktion.

Diese "extremen Anarchisten" seien, so Grossarth-Maticek, "gleichsam Opfer ihrer psychoanalytischen Dynamik und nicht -- wie sie selbst meinen -- Vollzieher ihrer einsehbaren und rationalen politischen Theorie". Ihre Gewaltmotivation provoziere "Gegengewalt", die sie "unbewußt herbeisehnen". Typisches Zitat:

Ich fühle mich vorbildlicher richtiger, im Bewußtsein konsequenter als die anderen Linken, da ich konsequent nach den Notwendigkeiten der Revolution handele und sehe, daß die sogenannten Kommunisten Schiß vor dem bewaffneten Kampf haben. Die Gewaltideologie, meint der Wissenschaftler, erfülle bei manchem eine "therapeutische Funktion": Sie diene dazu, eigene Ängste zu reduzieren. Mit einer Fülle von Studenten-Quotes versucht der Sympathisanten-Forscher, diese These zu belegen, etwa:

* "Ich habe die Erfahrung gemacht, daß meine psychischen Schwierigkeiten sich verringern, wenn ich zwischen mir und den Herrschenden und ihren Lakaien einen strengen Trennungsstrich ziehe und sie somit als das betrachte, was sie sind, als Feinde."

* "Lieber im revolutionären Kampf zu Tode verfolgt, als im bürgerlichen Alltag in Beklemmung und Lustlosigkeit leben."

* "Bewaffneter Kampf ... ist die Hauptbedingung meiner gesamten psychischen Identität. Ohne den bewaffneten Kampf wäre ich wieder schizophren zwischen Versagensangst und Unlust völlig gespalten."> "Es macht Spaß, Genossen als Pseudo-Revolutionäre zu entlarven, da sie ja Angst haben vor dem unbedingt notwendigen bewaffneten Kampf ... Dies gibt eine enorme psychische Selbstbestätigung dem konsequenten Revolutionär." So pathologisch sich in solchen Ausstößen Sympathisantentum äußert, so wenig repräsentativ es für die militante Szenerie an den Universitäten sein mag: Oft genug waren Existenzängste, Bedrängnisse aus dem engeren Umfeld mit im Spiel, wenn sich studentische Aggression entlud. Der Muff unter den Talaren, die anachronistische Ordinarienuniversität machten sensibel für gesellschaftlichen Rückstand, zu Apo-Zeiten etwa für den Reformstau an allen Rändern der Republik und für eine Große Koalition, die auf Veränderung nicht hoffen ließ.

Eine gescheiterte Universitätsreform, verschlechterte Studienbedingungen und höchst ungewisse Zukunftschancen für Akademiker drängten später die Frage auf, ob das Staatsgefüge vielleicht insgesamt eine Fehlkonstruktion sei, verstärkten die Orientierungslosigkeit in der komplexen und widersprüchlichen Industriewelt -- eine explosive Mischung, deren Ingredienzen längst nicht restlos analysiert sind.

Wie bestellt nahmen sich da die Formeln der Frankfurter Schule aus, die manchem eine Erlösung von allem Übel versprachen. Für die Wegsuche des Aufbegehrens schienen die Thesen der sogenannten Kritischen Theorie -- einer Kapitalismus-Kritik, die marxistische Tradition variierte -- nun gerade recht.

Begriffe wie "Konsumzwang" oder "Triebunterdrückung", "Frustration" und "Repression" beichten die Diskussionen der "Neuen Linken", bis sie zu Schlagworten verkamen. Nicht als "System gesicherter Wahrheiten", sondern "im Sinne einer kritischen Methode" hantierten die Frankfurter ihren Marxismus -- das machte ihn so griffig und fast beliebig verwendbar.

Vor allem bot die Denkschule des Frankfurter Instituts für Sozialforschung protestierenden Minderheiten in den Hörsälen und auf den Straßen eine Perspektive. Denn Minoritäten. studentische wie unterdrückte, waren für die Frankfurter Neomarxisten die letzten Hoffnungsträger einer besseren Welt, nachdem sie das angepaßte Proletariat in Ost und West für die Sache der Revolution endgültig verlorengegeben hatten und niemand sonst da war, die verkrusteten Herrschaftsstrukturen aufzubrechen.

Die Lehre der "Frankfurter" -- voran die mittlerweile verstorbenen Gründerväter und Institutschefs Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, der im amerikanischen Exil des Instituts (1933 bis 1950) zurückgebliebene Herbert Marcuse und der in Deutschland nachgewachsene Jürgen Habermas -- resultierte aus einer grauen Geschichtsphilosophie, die sich unter dem Eindruck der Hitlerjahre bis zur Hoffnungslosigkeit verfinstert hatte. Direkte Beziehung zwischen Mord und Marcuse?

Die gesamte Universalgeschichte und ihre Fortschritte, verkündeten etwa Horkheimer und Adorno, hätten auch einen negativen Aspekt: Wohl habe die Wissenschaft bewirkt, dem Menschen Freiheit zu verschaffen, zugleich aber habe sie zum Entstehen neuer Sklaverei beigetragen, zum Entstehen einer nach wissenschaftlichen Erkenntnissen angelegten "verwalteten Welt". Ein gerader Weg führe, so Adorno, vom Urmenschen nach Auschwitz, "von der Steinschleuder zur Megabombe". Fazit: Das "Ganze ist das Unwahre"; es müsse durch das "von sich selbst" befreite, vom "unmaßigen Druck" des Bestehenden entlastete Subjekt in Freiheit verwandelt werden.

Wie, das entwickelte Herbert Marcuse gegen den Widerstand seiner Kollegen in einem Linksprogramm, das dem englischen Philosophie-Professor Alasdair MacIntyre des Stalinismus verdächtig schien: Die Revolution müsse, so Marcuse, durch die "Erziehungsdiktatur" einer intelligenten Minderheit "die wirklichen revolutionären Ziele und Interessen" durchsetzen, auch wenn sie "nicht notwendigerweise mit denen der Massen identisch sind". MacIntyre über "Marcuses idealisierte Studenten": eine "Neuauflage von Kinderkreuzzügen".

Zunächst außerhalb der Hörsäle, später zusehends auch innerhalb. schrumpfte das theoretische Geflecht der Frankfurter auf ein praktisches Format: Dieser Staat muß weg, so oder so. Hilflos betrachteten die zu Ziehvätern Ernannten, was die Geister, die sie gar nicht hatten rufen wollen, nun anrichteten.

Habermas entsetzte sich über "linken Faschismus". "Ich habe", versicherte Adorno, rein theoretisches Denkmodell aufgestellt, wie konnte ich ahnen, daß Leute es mit Molotow-Cocktails verwirklichen wollen."

Es kam weitaus schlimmer. Scharf wie nie stellte sich bald darauf die Frage, ob es eine direkte Beziehung gibt zwischen Mord und Marcuse. Was akademisch vorgetragen worden war und Platz gelassen hatte für Deutungen und Dehnungen, diente nun zur konfusen Rechtfertigung tödlicher Gewalt, die sich als revolutionär ausgab.

Erst in den zähflüssigen Diskussionen des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, die eine neue Fremdsprache in die Bundesrepublik transportierten, dann in den Flugschriften der Aktionisten waren die Chiffren der neuen Kritik in immer andere Zauberformeln verwandelt und abgewandelt worden.

"Vieles spricht dafür", schrieb die "Süddeutsche Zeitung", "daß die geistige Nachbarschaft zum Terrorismus sich nicht in klar formulierten Aussagen artikuliert, sondern ein Ergebnis gerade dieses diffusen Gemenges von Terminologien und Theorien ist." Sympathisantentum, so das liberale Blatt, "entstand noch stets im Windschatten der offiziellen theoretischen Aussagen, dort wo nicht geistige und sprachliche Klarheit den Boden für spekulative Auslegungen hinreichend austrocknet.

Die Wirklichkeit im Bonner Staat, weder ein faschistoider noch sonst ein Unrechtsstaat, die Realitäten in der westdeutschen Gesellschaft, vielfach kritikwürdig, aber weit entfernt von der monströsen Ungestalt auf studentischen Flugblättern oder in BM-Papieren -- das hatte in der schönen Theorie kaum Platz gefunden. Hinweise auf derlei Widersinn wurden mit wissender Gebärde beiseite gewischt: War es nicht systemimmanent, daß der Staat das Bewußtsein der Bürger trübt, mit Konsum. über die Medien, mit raffiniertem Herrschaftsinstrumentarium, und sie damit in politischer Umnachtung hält? So gesehen, gab es die Wirklichkeit in Wirklichkeit gar nicht.

Der unbekümmerte Umgang mit der Realität, eine schon atemberaubende Verwischung der Begriffe, das war bereits typisch für eine zweite Generation von Hochschullehrern samt studentischem Anhang, überwiegend angesiedelt in den Geisteswissenschaften, mit geographischen Schwerpunkten in Berlin und Bremen, im biederen Marburg oder auch im Provinznest Oldenburg.

Dort saßen und sitzen Marxisten und Sozialisten aller Schattierungen auf den Lehrstühlen, denen die bundesdeutsche Demokratie nicht mehr akzeptabel, der

bewaffnete Kampf von BM-Terroristen aber noch plausibel ist.

Zwar: Die meisten hüteten sich, schlichtweg Sympathie zu bekunden für die Aktionen der RAF. Aber kaum einer versäumte, BM-Gewalt gegen vermeintliche Staatsgewalt aufzurechnen oder zum besseren Verständnis die Armut in den Appalachen heranzuziehen. Darüber, daß dieser Staat des Teufels ist, blieben nie Zweifel.

Im Januar 1972, als RAF-Bomben schon explodiert, die ersten Toten schon registriert waren, schrieb etwa der hannoversche Politologie-Professor Jürgen Seifert:

Nur wenn wir sagen, daß es keine politische Solidarität mit der Praxis der Roten Armee Fraktion geben kann, dann hat die Aussage Gewicht, daß die politischen Motive einer Ulrike Meinhof der Praxis derjenigen hundertmal mehr vorzuziehen sind, die durch die Art der gegenwärtigen Verfolgung dazu beitragen, daß in diesem Lande erneut Gestapo-Methoden für legitim gehalten werden

Nicht die Rote Armee Fraktion hat an den Fundamenten des Staatswesens Bundesrepublik gerüttelt, sondern eine Praxis der Strafverfolgung, die im Kampf gegen die Gruppe Baader-Meinhof die rechtsstaatliche Ordnung Stück für Stück ausgehöhlt hat.

Ohne Schnörkel bekannte der Berliner Politologe Wolf-Dieter Narr: "Die Situation ist da: Gewalt kann nur mit Gewalt begegnet werden." Und in den Ruch des Sympathisanten brachte sich auch Kollege Ossip K. Flechtheim, der für die RAF-Gefangenen mithungerte, weil er "die Gewalt eines deutschen Staates nicht ohne Vorbehalte akzeptieren" konnte. Für Flechtheim, so muß es scheinen, besteht eine unmittelbare Beziehung zwischen Terror-Mord und dem (gewiß fahrlässigem und beklagenswerten) tödlichen Schuß, den etwa ein Schupo auf einen flüchtenden Automatenknacker abgibt: Führte der Weg zum Terror über die Appalachen?

Wenn der Mord von Terroristenhand uns haute erschüttert, so sind wir such betroffen von dem Morden jener "Ehemaligen", die heute noch, ohne vom Radikalenerlaß betroffen zu sein, treu dem Staate dienen. Betroffen sind wir auch von dem Torf (deutsche Gerichte verbieten uns, von Mord zu sprechen!>, begangen an Ohnesorg, Rauch, MacLeod und zahllosen anderen Opfern. Wir können nicht vergessen, daß.. . zwischen dem 1. Januar 1973 und dem 31. Dezember 1975 in der Bundesrepublik nicht nur neun Polizeibeamte im Dienst getötet wurden, sondern such 38 Zivilisten durch Polizeischüsse fielen.

Nachfühlsam beschrieb der Frankfurter Psychologie-Professor Klaus Horn den Weg zum Terrorismus: Wer heute die Armut in den Appalachen und das Negerproblem dortzulande noch in Beziehung setzt zu den Ausgaben für Mond-Besuche und zum Vietnam-Krieg ... der ist ganz schnell ein "marginal Man", reagiert psychologisch, spielt verrückt, wird gewalttätig, weil so wenig zu bewegen ist von dem, was bewegt werden müßte.

Ähnlich empfand der Soziologe Klaus Hartung, der -- von BM-Sprüchen kaum zu unterscheiden -- urteilte, daß "Politik innerhalb der Spielregeln der "formalen Demokratie' mit ohnmächtiger Politik gleichzusetzen" sei. "Bloße Worte im Kampf gegen den Imperialismus", pflichtete ihm der Berliner Germanistik-Professor Gerhard Bauer bei, "können nichts ausrichten."

Die Berliner FU-Lehrer Manfred Lefèvre, Wolf-Dieter Narr' Elmar Alt-Vater luden zu einer Diskussion darüber ein, "daß in den Gefängnissen West-Berlins Isolierzellen und Beruhigungszellen (genannt Tigerkäfige) existieren", und suggerierten damit, daß RAF-Häftlinge in jenen unmenschlich kleinen Käfigen vegetierten, wie sie im Vietnamkrieg verwendet worden waren.

Für die Aufhebung der von der RAF behaupteten Isolationsfolter zogen auch die Professoren Ulrich Albrecht, Wilfried Gottschalch und Ulrich Preuß zu Felde, und sie leugneten das perfekt funktionierende Kommunikationssystem der Gefangenen und derer Anwälte:

Die von dieser unmenschlichen Haftpraxis Betroffenen können nicht selbst an die Offentlichkeit appellieren. Sie sind in ihren Zellen vereinzelt und von der Offentlichkeit abgeschirmt. Ihnen steht nur das Mittel des Hungerstreiks zur Verfügung. Wir wollen daher aufgrund unserer konkreten Sachkenntnis die Öffentlichkeit aufklären über die rechtsstaatswidrige Praxis des Haftvollzugs in den Gefängnissen der BRD.

Prompt und pünktlich waren Lehrende zur Stelle, wenn es galt, vermeintliche oder tatsächliche Übergriffe gegen BM-Gefangene abzuwehren. Nach den Morden an Buback und Ponto äußerten sieben Professoren in einem Brief an Generalbundesanwalt Rebmann, Justizministerien und Haftanstalten ihre "Besorgnis" über den jüngsten Hunger- und Durststreik und forderten "die zuständigen Behörden" auf, die nach einer Schlägerei im Stammheimer Gefängnis verhängte Einzelhaft aufzuheben -- von einer Aufforderung an die RAF-Mitgljeder, ihren wahnwitzigen Erpressungsversuch zu beenden, keine Zeile.

Schwer zu erkennen ist die Grenze, wo wem da jeweils unter welcher Prämisse Sympathie bekundet wird der Begriff erweist sich, wie überall sonst, als untauglich. Eindeutig hingegen die Wirkung nach außen: So sicher dieser Teil der Professorenschaft nur eine Minderheit repräsentiert, so sicher brachte er westdeutsche Hochschulen in den Ruf von Agitprop-Anstalten. Der Schaden liegt auf der Hand: Wer könnte noch unbefangen über Mißliches an der Universität oder gar in der Gesellschaft reden, wenn er, wie der Christdemokrat Dregger sagt, immer gleich "jehes gefährliche Klima schafft, in dem Terroristen gedeihen"?

"Ob Freude oder keine entscheiden wir alleine.

"Jetzt da der Wahnsinn der Terroristen einen Höhepunkt erreicht hat", so der Theologie-Professor Gollwitzer in einem von Freimut Duve herausgegebenen rororo-Band*, "schiebt man die Schuld daran der Protest- und Hoffnungsbewegung zu und bläst zur Jagd gegen alle, die die Notwendigkeit und die Möglichkeit grundlegender Veränderungen erkannt haben."

Nicht minder verfehlt der Versuch, jedwedes Widerwort von Studenten auf sein spezifisches Sympathisantengewicht hin zu prüfen. Auch auf dieser

* Freimut Duve, Heinrich Böll, Klaus Staeck: "Briefe zur Verteidigung der Republik. rororoaktuell, Rowohlt-verlag, Reinbek.

Seite des Hochschulbetriebs macht die Minorität das Bild -- grell genug, aber nicht naturalistisch. Sind nur die radikalen Randgruppen gemeint, dann stimmt die Analyse des konservativen, zur Verallgemeinerung neigenden "Bund Freiheit der Wissenschaft":

Hier wird durch systematische Verleumdung der Bundesrepublik und ihres Fuhrungspersonals und durch die Einübung von Rechtsbrüchen als alltäglichem Verhalten das für den Terrorismus notwendige Milieu geschaffen; hier lernen Studenten, daß Rechtsbrüche dann folgenlos bleiben, wenn sich der Rechtsbrecher auf politische Motive beruft; hier wird das kindische Gehabe trainiert, das Terrorakte mit solch infantilen Bezeichnungen wie "big Raushole" verharmlost; hier erfährt der Student, daß die Meinung einer als verdummt gezeichneten Gesellschaft nichts und die der Genossen alles bedeutet.

Unverblümter als ihre Lehrer bekunden Studentengruppen, die nach eigenem Verständnis anarchistisch sind, in Flugblättern und Wandzeitungen ihre geistige Verbundenheit mit den Genossen von RAF und "2. Juni

Da fordern "Rote Zellen"" kategorisch: "Den Kampf der Genossen aufnehmen." Die "Rote Hilfe" an der Frankfurter Goethe-Universität verlangt "Freiheit für alle politischen Gefangenen", und die "Revolutionäre Zelle" an der Bonner Universität propagiert, "die gefangenen Revolutionäre zu befreien".

Ein an der Frankfurter Uni verteiltes Untergrundblatt hält den "Griff zum Pflasterstein" als "materialisierte Wut und Antwort auf ein System, welches durch Mord, Zynismus und Zerstörung seine Existenz behauptet" für ein taugliches Mittel politischer Konfliktlösung. Berliner "Rote Zellen" formulieren dazu die Gebrauchsanweisung:

Noch immer zeigen die Genossen beim Steinewerfen zuwenig Disziplin. Wir haben beobachtet, daß Genossen einfach -- aus Angst oder Haß -- blind in die Gegend feuerten. Wir müssen zielsicher werfen, den Abwurf eines Steines genau kalkulieren, so daß der Bulle, das Schaufenster, oder der Bullenwagen such wirklich getroffen werden.

An der Wand der Bonner Mensa bekannten Unbekannte ihre "aufrichtige Freude über Bubacks Arbeitsunfall": "Wir fanden diese Aktion richtig und gut." Und von studentischen Spontis und Chaoten stammen Graffiti wie > "Drenkmann war das erste Schwein, Buback kam gleich hinterdrein" -- so eine Aufschrift am Studenten-Haus der Uni Frankfurt, > "Buback ist tot -- Amelung lebt noch", so eine Aufschrift in der PH Lüneburg, deren Dekan Ulf Amelung ist,

* "Nun ist Buback platt wie Zwieback", so auf den Mauern der Uni Göttingen,

* "Buback ist tot -- Kamp?", hingesprüht in der TU Braunschweig, deren Rektor Norbert Kamp heißt. 28 Tübinger Theologie-Studenten schickten ihrem ehemaligen Kommilitonen, dem bei einer Schießerei mit Polizisten schwerverletzten mutmaßlichen Buback-Attentäter "Lieber Günter Sonnenberg" einen mitfühlenden Brief samt Rosenstrauß. Die angehenden Seelsorger versicherten dem Gewalttäter, daß "wir in der Fachschaft ev. Theologie in der politischen Auseinandersetzung mit den Kräften stehen, mit denen auch Du zu tun hast".

Einige linke Studentenausschüsse' sämtlich Repräsentanten des organisierten Protestpotentials, solidarisierten sich mit jenem Göttinger Mescalero, der in seinem Buback-Nachruf "klammheimliche Freude" über den Tod des Generalbundesanwaltes mit einer Absage an individuellen Terror verbunden hatte -- was die sonst ziemlich verschlafene Universitätsstadt zum "Zentrum des Terrors" ("Die Welt") werden ließ. Der Lärm machte Leute mobil, für die Mord keineswegs eine revolutionäre Größe ist.

Unter dem vom Bochumer Asta gereimten Motto "Ob Freude oder keine, entscheiden wir alleine", bezogen Hochschüler allerorten Front gegen Vorwürfe, sie seien schon Sympathisanten, weil sie das nach Meinung von Bundesjustizminister Hans-Jochen Vogel "strafwürdige" Mescalero-Manuskript unkommentiert und in voller Länge nachgedruckt hätten. 43 Professoren übernahmen flugs die "Schutzfunktion" für die Göttinger und andere Asten durch eigene Herausgabe des inkriminierten Artikels -- um so "das Recht auf Publizierung" zu unterstreichen.

Um Verständnis für die offene Diskussion über Klammheimliches und deren Ursachen warb auch der Rektor der Bremer Universität, Alexander Wittkowsky:

Ist es denn so ganz unvorstellbar und irrational, wenn Studenten -- wie auch andere nachdenkliche Bürger -- nicht nachvollziehen konnten, daß zwar ein Benno Ohnesorg erschossen wurde, der Todesschütze -- ein Repräsentant staatlicher Gewalt -- aber straffrei ausging? Oder daß in Vietnam ein Volk beinahe ausgerottet wurde, dies aber mit Notwendigkeit der gewaltsamen Verteidigung unseres Freiheitsbegriffes öffentlich gerechtfertigt wurde?

Unredliche Vergleiche, wie gehabt; Heuchelei womöglich um eine nicht gefährdete Meinungsfreiheit, sicher Geschmacklosigkeit und politische Naivität -- das alles läßt sich ablesen aus dem Streit um den Buback-Nachruf. Fraglich aber, ob das noch so bornierte Beharren auf Nachdruck schon "mit in den kriminellen Bereich gehört" -- wie der Vorsitzende des Hochsehulverbands meint, Professor Werner Pöls. Der Fall zeigt, daß mehr denn je Strafe auf dem Fuße droht.

Spätestens seit der Solidarisierung mit dem Göttinger Asta ist für Sympathisanten-Sucher klar, daß die Allgemeinen Studentenausschüsse eher Freundeszirkel von Anarchisten sind denn Organe der studierenden Jugend. Der baden-württembergische Ministerpräsident Filbinger (CDU) etwa hält sie für so gefährlich, daß er jenes "Stück Sympathisantensumpf" im Umfeld des Terrors trockenlegen will. Er paukte im Stuttgarter Kabinett gegen den Willen seines Kultusministers Wilhelm Hahn einen Gesetzentwurf durch, mit dem die Verfaßte Studentenschaft abgeschafft werden soll.

Sympathisantentum aber läßt sich den 180 bundesdeutschen Studentenausschüssen allenfalls nachsagen, beweisen nicht. Das hält schon deshalb schwer, weil die Mehrzahl der Asten von dem Liberalen Hochsehulverband (LHV), Jungsozialisten und dem DKPnahen Marxistischen Studentenbund Spartakus (MSB) gestellt werden -- allesamt Bündnisse, die Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele ablehnen. Und hier und dort sind sogar die christlich-demokratischen Studenten mit dabei.

Fragwürdig ist sicher, ob Asten, mit Zwangsabgaben aller Studenten finanziert, sich wie politische Instanzen gebärden dürfen. Keine Frage, daß sie dazu weder vom Hochschulrecht noch von der Mehrheit der Kommilitonen legitimiert sind.

Ästen bezogen Position "zur Lage in Portugal" (Asta Gießen), forderten "aktive Solidarität mit den unterdrückten Völkern" und "Freiheit für Chile" (Asta Münster). Studentenausschüsse unterstützten nicht nur den "Kampf der Völker im südlichen Afrika" (Asta Marburg), sondern behaupteten auch: "Die Nato ist ein Instrument der imperialistischen Unterdrückung demokratischer Bewegungen" (Asta Bielefeld) -- kaum mehr zu unterscheiden vom Originalton Ost.

Sind Demonstrationen Vorstufe des Terrorismus?

Daß jedoch -- wie vom Bund Freiheit der Wissenschaft behauptet -- schon Demonstrationen für das allgemeinpolitische Mandat der Asten eine "Vorstufe des von den deutschen Hochschulen ausgehenden Terrorismus" sind, bedeutet wiederum unzuträgliches Pauschalurteil. Zwar, blanker Parteikommunismus schimmert durch die Grundlagen-Sätze, die der Asta-Dachverband VDS letztes Jahr formulierte:

Bloße Reformen und Parlamentsbeschlüsse können den Hauptwiderspruch der kapitalistischen Gesellschaft nicht auflösen ... qualitativer Fortschritt der nicht wieder in sein Gegenteil umschlagen soll, ist nur durch die konsequent aufbauende Veränderung der gesellschaftlichen Zustände und einer damit einhergehenden Veränderung des Bewußtseins der daraus resultierenden politischen Praxis zu erreichen. Ansatzpunkt einer derartigen politischen Praxis muß die Tatsache sein, daß die kapitalistische Wirtschafte- und Gesellschaftsordnung sich gegen die Interessen der Masse der arbeitenden Bevölkerung richtet ... der Staat gerät objektiv zunehmend in offenen Widerspruch zu immer größeren Teilen der werktätigen Bevölkerung; denn weder seine sozialpolitischen Maßnahmen noch die offene Unterdrückung durch den staatlichen Gewaltapparat können ihren Charakter als Mittler zur Absicherung der Kapitalinteressen verleugnen.

Doch wer aus solchen Texten das Recht zur terroristischen Gegengewalt herleitet, mißbraucht sie oder irrt ebenso wie jene, die Kritik am Kapitalismus mit Terrorismus gleichsetzen und deshalb am liebsten verbieten möchten. Denn die im VDS zusammengeschlossenen Ästen haben sich überwiegend gegen Terrorismus ausgesprochen, so am letzten Septemberwochenende in Gießen:

Die VDS lehnen die Strategien der Gewalt der menschenverachtenden Akte von Terroristen entschieden und grundsätzlich ab. Wir sind und waren nicht mit dem politischen Denken und Handeln der Herren Buback und Schleyer einverstanden. Dies kann uns aber nicht davon abhalten, den Tod Bubacks als brutalen Mord und die Entführung von Schleyer als politisches Desperadotum zu bezeichnen.

Einmal mehr steht so das böse Wort von Sympathisanten am falschen Platz, wie bei den Theoretikern um Adorno, deren Gedankenmuster gegen Mißbrauch nicht gesichert waren; wie beim Gros der Studenten, auch den linken, bei der Mehrheit der Professoren, auch den systemkritischen.

Wo wirklich an den westdeutschen Hochschulen Sympathie mit Terror, Verständnis für Gewalt herrscht, ist unschwer auszumachen. Ohne Zögern bekennt sich eine Kette kommunistischmaoistischer Sekten, sogenannte K-Gruppen, zu radikalem Umsturz.

Neben zahlreichen Haufen, die oft nur regional oder lokal den Kriegspfad zur Weltrevolution suchen, schlugen sich vornehmlich vier maoistisch orientierte Vereinigungen ins verfassungsfeindliche Abseits:

* Der Kommunistische Bund Westdeutschlands (KBW) mit 2500 Mitgliedern in 40 Bezirksverbänden, der den "bürgerlichen Staatsapparat" zerschlagen und über die "proletarische Revolution" mit Gewalt die "Diktatur des Proletariats" errichten will. KBW-Ableger: "Kornmunistische Jugendbünde" (KJB), zahlreiche Studentenvereinigungen und eine "Gesellschaft zur Unterstützung der Volkskämpfe" (GUV).

* Die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) mit 700 Mitgliedern in 60 Zellen, die den bewaffneten Sturz der "Ausbeuterherrschaft", die gewaltsame "Zerschlagung" von Hochschule und Staat propagiert. Ableger: "Kommmunistischer Jugendverband Deutschlands" (KJVD), "Kommunistischer Studentenverband" (KSV), "Liga gegen den Imperialismus", "Rote Hilfe", "Vereinigung Sozialistischer Kulturschaffender" und die Initiative für den "Bund Sozialistischer Lehrer und Erzieher".

* Die Kommunistische Partei Deutschlands/ Marxisten-Leninisten (KPD/ML), in der mindestens 8O0 Mitglieder eine "gewaltsame sozialistische Revolution" und gleichfalls die Zerschlagung des "bürgerlichen Staatsapparats" und die Errichtung einer "Diktatur des Proletariats" erstreben. Ableger: Jugendverband "Rote Garde". "Kommunistischer Studentenbund Marxisten-Leninisten" (KSB/ML) und "Rote Hilfe Deutschlands' (RHD).

* Der Kommunistische Bund (KB), der nicht einmal die Namen seiner Führer preisgibt und nach amtlicher Einschätzung 1500 Mitglieder (über die Hälfte in der Gruppe Hamburg) hat, hält einen "humanen, friedlichen Übergang zum Sozialismus" für "unmöglich". Der KB steuert mehrere Schüler- und Studentenorganisationen mit unterschiedlichen Namen.

Diese Gruppen der "Neuen Linken", die nicht nur die muskauhörige, orthodoxe Deutsche Kommunistische Partei (DKP) bekämpfen, sondern auch untereinander wegen ideologischen Dauerstreits um die richtige Richtung spinnefeind sind, konnten zwar im vergangenen Jahr die Zahl ihrer Mitglieder leicht erhöhen; von Verlassungsschützern wird die Gesamtzahl der in K-Gruppen Organisierten auf rund 13 000 beziffert. Der Einfluß der K-Grüppler in Hochschulen und Betrieben jedoch ging zurück. Ohrfeigen für Professoren -- nur radikaler Widerstand?

Dafür nahmen die Gewaltaktionen zu, voran der KBW: Bei 452 Gewalttaten, die 1976 von Amts wegen registriert wurden (1975: 381), mischten KBWler mindestens jedes zweite Mal kräftig mit: bei Demonstrationen, bei Sturmläufen auf Kernkraftwerkswiesen.

Die anderen Gruppen suchen einstweilen seltener die direkte Konfrontation, geben sich aber in Wort und Tat nicht weniger radikal. Die KPD etwa, die außer ihrem Namen nichts mit der 1956 vom Bundesverfassungsgericht verbotenen alten KP gemein hat, demonstrierte erstmals vor vier Jahren öffentlich, was sie mit "bewaffnetem Volkskrieg" so meint.

Nach mehreren Rangeleien an Hochschulen und nach Straßenschlachten in etlichen Städten, stürmten Genossen von der KPD das Bonner Rathaus, als sich der südvietnamesische Regierungschef in der Bundeshauptstadt die Ehre gab. Zahlreiche Polizisten wurden verletzt, erheblicher Sachschaden entstand, und die Kommunisten hausten im Rathaus, so der damalige Kanzler Willy Brandt, wie "Vandalen".

Nach diesen Krawallen reduzierte sieb für Strafverfolger schon 1973 die KPD, die sich als "Partei der Arbeiterklasse in der Bundesrepublik Deutschland versteht", zu einer kriminellen Vereinigung nach Paragraph 129 des Strafgesetzbuches. Die Verfolgung freilich kam kaum voran. Der Bundesgerichtshof bestätigte der KPD die Eigenrehaft einer Partei und damit den Schutz des Grundgesetzes; und auch der Rathaus-Sturm soll erst demnächst ein gerichtliches Nachspiel haben: Bonner Staatsanwälte benötigten vier Jahre, um die Anklage zu Papier zu bringen.

Organisiert wie eine geheime Bewegung, blieb diese Partei zumeist verstörter Bürgersöhne ohne den ersehnten Zulauf, ein Zirkel von Versprengten, die aus der "Schwarzen Linie" der Apo in den sechziger Jahren hervorgingen und von Veteranen des einstigen "Sozialistischen Deutschen Studentenbundes" (SDS) so angeführt werden: "Unterordnung des einzelnen unter die Organisation, Unterordnung der Minderheit unter die Mehrheit, Unterordnung der gesamten Partei unter das Zentralkomitee."

Wort- und Anführer ist der "Vorsitzende des Zentralkomitees" Christian Semler, Sohn der Kabarettistin Ursula Herking und des CSU-Mitbegründers Johannes Semler. Mitführer sind der Fabrikantensohn Jürgen Horlemann und einige extreme Hochschullehrer, die überwiegend in Berlin und Bremen hinter dem Katheder für den Sieg der Revolution kämpfen.

Ähnlich strukturiert und nicht weniger schlagkräftig geben sich die anderen K-Gruppen, die mit nun schon alltäglicher Gewalt mißliebige Lehrer an Hochschulen terrorisieren oder nahezu militärisch organisiert bei Demonstrationen in geschlossenen Einheiten gegen die Polizei antreten.

Da wird, etwa an der Universität Bremen, im Fachbereich Mathematik ein Hochschullehrer in jeder Vorlesung oder Übung zielstrebig unter Druck gesetzt und "madig" gemacht -- "bis er entweder die Scheine ... rausrückt oder an der Uni "ne Fliege macht": "Das Leben soll ihm zur Hölle werden." Dieser Professor hat was ganz Schlimmes gemacht: Er will Aufgaben nur dann als richtig bewerten, wenn auch das Ergebnis stimmt.

Da werden an den Hochschulen Professoren angerempelt oder geohrfeigt -- für Studenten vom KBW nur "radikaler Widerstand". Da müssen Lehrveranstaltungen, die einen "Boykott-Streik" zu brechen versuchen, mit allen Mitteln "konsequent aufgelöst werden" -- so der KSV der KPD. Und sogar der "MSB Spartakus", DKP-nahe Studentenorganisation, die sich zumeist als Ordnungsfaktor gegen die "Chaoten" aufspielt' rät gelegentlich wortradikal: "Nicht jammern und picheln, sondern hammern und sicheln."

Praktischer auch geben sich die Mitglieder vom "Kommunistischen Jugendbund" des KBW, die auf Flugblättern dazu auffordern, Geld und "Gewehre zu sammeln", nämlich für die "Jugend von Zimbabwe. Für ein "Solidaritätsgeländespiel" zugunsten der rhodesischen Befreiungsbewegung wurden die jungen Kader aufgerufen, "ihre oder die geliehenen Luftgewehre mit Kugeln" nebst "fester Kleidung mitzubringen". Spielablauf:

1. Schießen auf die Söldner des SmithRegimes

2. Festschießen auf Smith 3. Geländespiel

4. Kenntnisse zum alltäglichen Gebrauch.

z. B. "Erste Hilfe'

5. Dias über Zimbabwe und die Ausbildungslager 6. Lagerfeuer.

Das groteske Guerilla-Spiel im Wald hei Bremen zeigt nur eine Variante der Gewaltdiskussion und ihrer Umsetzung in K-Gruppen -- die sich untereinander lediglich darüber streiten, "wann und wie Gewalt anzuwenden sei" (Verfassungsschutz). Durchgängig einig sind sich die Gruppierungen in der Ablehnung des "individuellen Terrors" der "Stadtguerilla"' wie ihn die RAF vorführt. "Der Weg des Terrorismus", so etwa der KB, "ist absolut aussichtslos" -- unmoralisch, unmenschlich ist er nicht.

Bei der Ablehnung der Terror-Gruppen berufen die K-Gruppen sich auf eine von allen anerkannte Autorität, die gelegentlich, wie vom KB, auch als "unser erster Vorsitzender" apostrophiert wird -- auf Lenin:

Grundsätzlich haben wir den Terror nie abgelehnt und können ihn nicht ablehnen. Er ist eine Kampfhandlung, die in einem bestimmten Zeitpunkt der Schlacht, bei einem bestimmten Zustand der Truppe und unter bestimmten Bedingungen durchaus angebracht und sogar notwendig sein kann.

Doch das Wesen der Sache besteht darin, daß gegenwärtig der Terror keineswegs als eine mit dem ganzen Kampfsystem eng verbundene und koordinierte Operation der kämpfenden Armee vorgeschlagen wird, sondern als selbständiges und von jeder Armee unabhängiges Mittel des Einzelangriffs.

Bei dem Fehlen einer zentralen Organisation und bei der Schwäche der örtlichen Organisationen kann ja der Terror auch nichts anderes sein ... Wir sind weit entfernt von dem Gedanken, heldenmütigen Einzelaktionen jede Bedeutung abzusprechen, aber es ist unsere Pflicht, mit aller Energie davor zu warnen, sich am Terror zu berauschen, ihn als wichtigstes und hauptsächlichstes Kampfmittel zu betrachten.

"Auch wenn Schleyer eine allgemein "anerkannte' Haßfigur der gesamten Linken ist", verkündete das "Leitende Gremium" des KB, "so ist doch seine Gefangennahme keine Maßnahme im Rahmen einer irgendwie gearteten linken Strategie in der BRD." Vom KBW, der sich offiziell kaum stellt, äußerten einstweilen nur einzelne Mitglieder ihre Sympathie. Auf einer Sitzung des Frankfurter Studentenparlaments erklärte ein Sprecher des KBW: "Ich halte den Buback-Mord für moralisch gerechtfertigt." Und in Hanau erhielt vorletzte Woche ein KBWler sechs Monate Freiheitsstrafe ohne Bewährung, weil er auf dem Marktplatz öffentlich den erschossenen Buback als "höchstbezahlten und größten Verbrecher der Bundesrepublik" beschimpfte, dessen "Hinrichtung in Ordnung" gehe.

Für die KPD/ML, die auf jede direkte Abgrenzung zur RAF verzichtet, gibt es nur eine "Handvoll sogenannter Terroristen", ein von den Kapitalisten "aufgeblasenes Drama". Vom RAF-Terror fühlten sich Werktätige "weder bedroht ... noch denken sie daran, voller Angst nach dem Polizeistaat zu rufen".

Der KB schließlich "ist nicht bereit, sich seinerseits an der von Strauß. Schmidt & Co. befohlenen Abgrenzungs-Hysterie innerhalb der Linken zu beteiligen". Die erwartete "Zunahme verzweifelter "bewaffneter Einzelangriffe' durch Genossen, die ... keinen anderen "Ausweg' mehr erkennen können", werden noch durch die "Schwäche der westdeutschen Linken verstärkt".

Diese Linke sei außerstande, so die KB-Führer, "die terroristischen Schauprozesse und Skandalurteile gegen Mitglieder der "RAF' und andere ... zu verhindern". Und:

Die westdeutsche Linke ist auch derzeit nicht in der Lage -- etwa durch Entfaltung einer politischen Massenkampagne -, einen einigermaßen glaubhaft und Erfolgsaussichten versprechenden Vorschlag zu, Befreiung der politischen Gefangenen zu machen.

Bei soviel offizieller Sympathie für den Terrorismus als "eine Antwort auf die Unterdrückung durch dieses System" und für die "guten Genossen", scheint der Weg zur RAF für manchen K-Grüppler nicht mehr weit.

So warnte denn auch schon der KB die eigenen Kader: "Es ist nicht unbekannt, daß derzeit nicht wenige Genossen Gedanken erwägen, in den politischen Untergrund zu gehen, sowohl auf "eigene Faust', als auch mit dem Versuch, sich der .RAF' anzuschließen. Beim KBW ist es wohl schon soweit. Einer seiner Führer zum SPIEGEL: "Jeder zehnte, der bei uns aussteigt, geht in den Untergrund."

Im nächsten Heft

Die RAF-Unterstützer -- Anarchisten im Vorfeld des Terrorismus -- Welche Rolle spielen die roten Buchläden?


DER SPIEGEL 43/1977
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