01.08.1977

„Also du bist die Gisela“

1974 heiratete eine körperbehinderte Krankenschwester den zu zehn Jahren Jugendstrafe verurteilten Kindermörder Jürgen Bartsch. In der ZDF-Reihe „Beschrieben und vergessen“ hat Fernseh-Autor Hans-Dieter Grabe am vorletzten Sonntag mit Gisela Bartsch eines der ungewöhnlichsten Gespräche ("Warum haben Sie einen Mörder geheiratet?") geführt, das in den letzten Jahren auf deutschen Bildschirmen zu sehen war. Auszüge:
GRABE: Sie werden oft die Frage gehört haben, ob es denn wirklich Heirat sein mußte. Ich denke also jetzt an Verwandte, die vielleicht sagen: na, hätte es nicht auch eine Brieffreundschaft getan. Was haben Sie denen geantwortet?
GISELA BARTSCH: Daß es leichter wär" für mich, als Ehefrau für Jürgen etwas zu tun. Ärzte geben Freundinnen oder Freunden oder auch einer Verlobten nicht gerne Auskunft. Wenn man als Ehefrau kommt, ist das leichter. Und ich wollte mich ja nun auch ganz zu ihm bekennen. Und das war nun eben die Ehe.
Begonnen hatte ihr Interesse für Jürgen Bartsch mit dessen Verhaftung 1966, als sie 16 Jahre alt war und noch zu Hause lebte.
GISELA BARTSCH: Ich fing die Zeitung also immer schon gleich ab, und das erste, was ich machte, ich schnitt die Berichte raus. Und das war natürlich nicht das Wahre für die übrige Familie. Es fehlte ja was.
GRABE: Und fragte man Sie. warum Sie das machen?
GISELA BARTSCH: Nein, eigentlich nicht. Es fiel nur auf, daß ich das machte und mich dafür interessierte, und ich hörte von allen Seiten nur immer: Ach, dieser Kerl, und -- wie heute auch wieder -- Rübe ab! und so. Und im Grunde genommen stand ich mit meinen Gefühlen und meinen Interessen ganz alleine da.
Am Anfang hab" ich gedacht, ach der spinnt. Da hab" ich ihn gar nicht für voll genommen. Das paßte alles nicht zusammen, nicht, das sympathische Gesicht und dann, was er getan hatte. Das einzige, was mich damals sehr berührt hat, war der Ausspruch "Herr Kaplan, ich bin ein Mörder den er irgendwann mal gemacht haben muß. So daß er praktisch einem Priester seine Tat geschildert hat. GRABE: Im Beichtstuhl.
GISELA BARTSCH: Im Beichtstuhl. Das hat mich eigentlich sehr berührt damals. Ich konnte es einfach nicht begreifen, daß dieser Mann geschwiegen hat.
GRABE: Der Priester.
GISELA BARTSCH: Der Priester. Daß der einfach gesagt hat: na ja. Das konnte ich einfach nicht kapieren.
GRABE: Sahen Sie darin eine Entlastung für Jürgen Bartsch?
GISELA BARTSCH: Im Grunde genommen ja. Denn er hat ja den Mut gehabt, sich einem Menschen anzuvertrauen. Nur dieser Mensch hat da nichts draus gemacht, hat ihm nicht weitergeholfen.
GRABE: Und wann trat es ein, daß Sie die Bilder und die Berichte über ihn mit anderen Augen anfingen zu sehen und zu lesen. Können Sie sich erinnern, was den Anstoß gab?
GISELA BARTSCH: Das war eigentlich dieses Bild, wo drüber stand: Herr Kaplan, ich bin ein Mörder. Vier Jahre beschäftigte sie sich anhand von Illustriertenphotos und Zeitungsberichten mit Jürgen Bartsch, bis sie ihm 1970 den ersten Brief schrieb.
GISELA BARTSCH: Ich hatte plötzlich das Bedürfnis, ich hab" gedacht, man müßte ihm vielleicht helfen. Es wurde ja berichtet, daß er in Einzelhaft ist, daß er ständig alles alleine machen muß, seine Spaziergänge auf dem Hof alleine machen muß, sogar allein in die Kirche, beziehungsweise er durfte ja überhaupt nicht in die Kirche. Erst nach drei Briefen bekam sie eine Antwort von Jürgen Bartsch. "Geehrtes Fräulein Deike! Ich lege, nachdem ich Ihren Brief gelesen habe, auf einen Brief verkehr mit Ihnen keinen Wert ... hochachtungsvoll Jürgen Bartsch." Gisela Bartsch aber schrieb weiter.
GRABE: Ich glaube, Sie haben ihn ungeheuer überrascht durch Ihre Hartnäckigkeit.
GISELA BARTSCH: Na ja. Das kannte er noch nicht.
GRABE: Hat der Briefwechsel mit Jürgen Bartsch Ihr Selbstvertrauen gestärkt?
GISELA BARTSCH: Das auch. Denn ei hat oft genug gesagt: Ach, es gibt schlimmeres als so"n ... kein hübsches Gesicht. Ich hatte ihm damals geschrieben, daß ich vorhatte, mir "ne Nasenkorrektur machen zu lassen. Und er war also der Meinung, wenn mir das wirklich helfen würde, sollte ich es ruhig machen, und ich brauchte diesen Zuspruch. Ich hab" z. B. eine Adresse von einem Schönheitschirurgen zwei Jahre mit mir rumgetragen, bis ich also wirklich hingegangen bin, und irgendwie hat er mir dabei geholfen, hinzugeben und mir das machen zu lassen.
GRABE: Wie viele Gesichtsoperationen haben Sie machen lassen?
GISELA BARTSCH: Zwei. Eine Augenoperation und eine Nasenoperation. Die Augenoperation, das war "ne Schieloperation. Ich hab" früher geschielt, und das Auge ist auch, das Augenlid ist ein bißchen breiter geworden, es war vorher überhaupt nicht zu sehen. Und die Nasenoperation: ja, die Nase ist doch schön.
GRABE: Und wie war sie vorher?
GISELA BARTSCH: Ja, die hatte hier so"n schönen Buckel drauf.
GRABE: Und das hat Ihnen geholten, einfach bei Ihrem Kontakt zu anderen Menschen, bei Ihrem Auftreten?
GISELA BARTSCH: Ja. Also ich weiß heute, daß ich nicht mehr dieses Auge habe, und ich weiß heute auch, daß ich nicht mehr diese häßliche Nase habe, und vielleicht bekomme ich das mit dem Mund auch noch mal weg.
Im Januar 1973, Jürgen Bartsch ist inzwischen in den Gefängnisbau des Psychiatrischen Landes Krankenhauses Eickelborn bei Lippstadt eingewiesen worden, kam es zum ersten persönlichen Zusammentreffen.
GISELA BARTSCH: Ich hab" mich also erst mal an einen Tisch gesetzt, wo schon eine Frau saß, und hab" gewartet, daß er kam. Es dauerte mindestens zehn Minuten, bis es plötzlich klopfte, und Jürgen kam rein. Er sagte vernehmlich Guten Tag, also daß es alle hörten ...
GRABE: Warum so laut?
GISELA BARTSCH: Ja, ich glaube, es ist ihm anerzogen worden. Im Gegensatz zu mir, ich sage meistens guten Tag so leise, daß es keiner hört. Und das ist auch nicht grad das Wahre. Jedenfalls haben wir uns dann ... er ging erst in den Raum rein, drehte sich um und, ja als er ... als wir uns dann sahen, haben wir uns zugenickt, also ... du bist die Gisela.
GRABE: Haben Sie schon viel miteinander sprechen können bei diesem ersten Mal?
GISELA BARTSCH: Bei diesem ersten Mal nicht. Es waren also Belanglosigkeiten. Ich war ziemlich aufgewühlt an diesem Tag wegen der ganzen Begleiterscheinungen: also das Gefrage und die Gitter und die Türen auf- und zuschließen. Das hat mich doch ziemlich ... ich bin gewarnt worden von den Eltern und auch von Jürgen, er hat mir immer wieder geschrieben, was passieren wird, aber ich hab"s mir nie so vorgestellt, daß ich es so aufnehmen würde.
GRABE: Sie haben ihn dann wieder besucht nach welcher Zeit?
GISELA BARTSCH: Nach einer Woche.
GRABE: Und ging das schon besser, konnten Sie schon über mehr Dinge reden als nur über Belanglosigkeiten?
GISELA BARTSCH: Beim zweitenmal setzte sich der Pfleger zu uns an den Tisch, und das irritierte mich also wahnsinnig.
GRABE: Er hörte also zu, was Sie miteinander gesprochen haben?
GISELA BARTSCH: Ja, ja. Und das ist natürlich keine Atmosphäre, um irgend etwas zu erzählen oder zu sagen, ne,
Beim dritten Besuch bat Jürgen Bartsch Gisela, seine Frau zu werden.
Ich habe mir dann also "ne vierwöchige Bedenkpause erbeten, und die hab" ich auch gekriegt, und nach den vier Wochen beziehungsweise schon nach dem Nachhauseweg hätte ich sagen können: also ja.
GRABE: Warum ließen Sie trotzdem Jürgen Bartsch -- ich glaube -- drei Wochen warten?
GISELA BARTSCH: Ach, ich hab" gedacht: es ist vielleicht ganz gut, wenn er ein bißchen zappelt. Denn bis jetzt hat er immer so alles gekriegt, was er sich gewünscht hatte, und ich fand es, ich fand"s einfach schön, wie er dann anfing, praktisch um mich zu werben und immer wieder zu sagen: Überleg dir das, und ... ich fand"s eigentlich ... es gehörte dazu.
GRABE: Sie glaubten also schon, daß er Angst hatte, Sie könnten nein sagen?
GISELA BARTSCH: Ja. Doch. Das glaubte ich.
GRABE: Wie verhielt sich Jürgen Bartsch, als Sie ja sagten?
GISELA BARTSCH: Hat mich in den Arm genommen und gesagt: "Ich bin so glücklich, daß du ja gesagt hast!"
GRABE: Und wann nun erfuhren Ihre Eltern davon?
GISELA BARTSCH: Die Zeit darauf, nachdem ich ja gesagt hatte. Also nach etwa drei Wochen.
GRABE: Können Sie bitte mal das Gespräch zwischen Ihnen und Ihren Eltern schildern?
GISELA BARTSCH: Mmh, ist eigentlich nichts zu schildern. Der Vater war böse, und die Mutter wußte nicht so recht, wie sie sich verhalten sollte.
GRABE: Hatten Sie Angst vor der Reaktion der Öffentlichkeit?
GISELA BARTSCH: 'n bißchen schon. Ja. Ich hatte Angst, daß ich z. B. meine Arbeitsstelle verliere. Davor hatte ich schon Angst.
GRABE: Wie wäre das möglich gewesen?
GISELA BARTSCH: Ja, daß man ... ich war damals noch in der Probezeit, und daß man mich hätte gekündigt.
GRABE: Kann man das denn aus so einem Grund?
GISELA BARTSCH: Nein, aus so einem Grund nicht. Aber wenn man jemanden loswerden will, dann findet man irgend"n Grund schon. Und wenn man noch in der Probezeit ist, dann geht das.
Am 2. Januar 1974 heiratete sie im Gefängnisbau des Psychiatrischen Landeskrankenhauses Eickelborn Jürgen Bartsch. Die Ärzte des Krankenhauses hatten die Eheschließung als Beitrag zur Heilung, also zur sexuellen Normalisierung ihres Patienten befürwortet. Giselas Eltern hatten es abgelehnt zu kommen. Ebenso ihre Geschwister.
GRABE: Hatten Sie die Hoffnung. daß es im Landeskrankenhaus Eickelborn möglich sein würde, diese Ehe auch körperlich zu vollziehen?
GISELA BARTSCH: Man hatte uns die Hoffnung ja gemacht. Schon vor der Ehe. Vor der Eheschließung. Man hatte uns gesagt, also man würde für eine Gelegenheit dazu suchen. Also man würde es organisieren. Oh nun direkt am Hochzeitstag oder später -- man wußte es noch nicht. Aber man wollte sich darum bemühen.
GRABE: Und warum kam es dann nicht dazu?
GISELA BARTSCH: Man sagte uns plötzlich, also das könnten sie nicht machen, das wäre den anderen Patienten gegenüber ungerecht, und das ging räumlich nicht. Also man hatte plötzlich Ausreden, man wußte nicht wo und wie und vor allen Dingen auch den anderen Patienten gegenüber. Nach dem amtlichen Liebesverbot läßt sich Jürgen Bartsch schließlich kastrieren. Einen ärztlichen Narkosefehler bezahlt er mit dem Leben.
GRABE: Kann man sagen, daß sein Tod für ihn eine Erlösung gewesen ist?
GISELA BARTSCH: Ja. Ich bin heute soweit, daß ich sage: also etwas Besseres hätte ihm nicht passieren können.
GRABE: Ihm nicht. Und Ihnen? GISELA BARTSCH: Für mich ist es schwer, denn ich habe ja wirklich meinen Lebensinhalt verloren, ja, muß mir jetzt wieder etwas Neues aufbauen.

DER SPIEGEL 32/1977
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