23.05.1977

NUMERUS CLAUSUSWo Tücke liegt

Rechtsanwälte mit Numerus-clausus-Erfahrungen haben für das vergangene Semester tausend zusätzliche Studienplätze freigeklagt -- für die kommenden Semester, so glauben sie, ist „noch mehr Luft drin“.
Nahezu jeder fünfte Studienanfänger in Medizin erreichte seinen Ausbildungsplatz an einer der deutschen Universitäten für das Wintersemester 1976/77 auf einem Umweg -- mit Glück, Geschick oder der Hilfe eines cleveren Rechtsanwalts.
Wer mit einem unzureichenden Notendurchschnitt am Numerus clausus scheitert, hat durchaus noch eine Chance: Eine Reihe von Anwälten hat sich auf Studentenhilfe solcher Art spezialisiert; sie sind aufs beste vertraut mit Kapazitätsberechnungen wie Stellenplänen der Universitäten und mit den komplizierten Rechenoperationen der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS). Und sie sind, wie ein Universitätsrektor bitter bemerkt, "heute neben der Kultusbürokratie unser schlimmster Feind".
Kein Wunder: Durch pingelige Rechenarbeit, detaillierte Zahlenvergleiche und die genaue Analyse der Studienabläufe und der Stellenpläne an den bundesrepublikanischen Universitäten zerren die Anwälte immer wieder aufs neue freie Kapazitäten ans Licht. So bestätigte das Bundesverfassungsgericht in seinem Numerus-clausus-Urteil vom 8. Februar dieses Jahres, Klagen einschlägig informierter Rechtsanwälte hätten "in großer Zahl Erfolg" gehabt und dazu beigetragen, "daß im Wintersemester 1976/77 etwa tausend Plätze für Medizin und Zahnmedizin mehr als im Vorjahr bereitgestellt wurden".
Jetzt liegen schon die ersten Gerichtsbeschlüsse für das Sommersemester 1977 vor. Dieser Tage wurden in Berlin vier, in Münster 32 und in Köln gar 71 Plätze für Mediziner (Advokaten-Jargon "Gerichtsmediziner") zusätzlich zu den ZVS-vergebenen Studienstellen freigeklagt.
Für den Stuttgarter Rechtsanwalt Dr. Alfred W. Breinersdorfer, der nach eigenen Angaben 70 Prozent seiner Arbeit abgelehnten Studienbewerbern widmet, ist das freilich "noch lange nicht ausreichend". Daß da noch "eine Menge Luft drin ist", weiß auch der Jurist Dieter de Lazzer, Assistent an der Tübinger Universität und mit der NC-Problematik seit Jahren vertraut. Voraussetzung dafür, daß die "zweifellos überall versteckten freien Kapazitäten genutzt werden", sei lediglich "ein Umdenkungsprozeß an den Hochschulen".
"Schlicht eine gehobene Sauerei" nennt es Breinersdorfer zum Beispiel, wenn im Vorklinikum, "durch das nun mal jeder Mediziner durch muß", eine künstliche Verknappung geschaffen werde. An der Tübinger Universität beispielsweise waren für 656 Studenten der vorklinischen Semester im letzten Winter ganze 28 Dozenten-, Assistenten- und Professorenstellen eingeplant.
Die Freie Universität Berlin hingegen stellt bei nahezu gleicher Stellenzahl 374 Anfängern 102 Lehrpersonen zur Verfügung. Für Breinersdorfer "riechen die Tübinger Praktiken nach heimlicher Berufslenkung".
Solchen Verhältnissen hat der Anwalt Breinersdorfer den Kampf angesagt. Das Bundesverfassungsgericht, rügt er, habe nun mal "nicht Manipulation oder Chaos, sondern bessere Organisation verlangt".
Bei dem Stuttgarter Juristen trafen sich im April erstmals sechs Anwälte die auf NC-Verfahren spezialisiert sind, aus der ganzen Bundesrepublik zu einem Erfahrungsaustausch. Sie verabredeten einen schnelleren Informationsaustausch und eine gezielte, regional abgegrenzte Überprüfung der einzelnen Universitäten. Denn "wir sitzen doch am kürzeren Ende der Schaukel", sagt der Anwalt, "weil wir immer wieder von außen beweisen müssen, wie"s drinnen aussieht".
Beweisen wollen die Juristen beispielsweise, daß dort noch Kapazitäten frei sind, wo im Vergleich zu anderen Universitäten das Lehrer-Studenten-Verhältnis kraß divergiert. Wenn etwa in Zahnmedizin, wo es keinen geteilten Studiengang gibt, in Tübingen 62 lehrende Zahnmediziner vierzig Studienanfänger unterrichten, in Hannover auf die gleiche Zahl Erststudierender 52 Lehrerpersonen kommen und an der Universität Göttingen, nach eigenen Angaben in einem für das Kultusministerium bestimmten Datensatz, für 40 Anfänger ein halber Ordinarius und vier Assistenten zur Verfügung stehen, dann "ist die vielbeschworene Bundeseinheitlichkeit nichts weiter als eine Leerformel" -- so der Mainzer Rechtsanwalt Franz-Karl Lehrmann.
Den "Wurm drin" sieht Breinersdorfer auch, wenn an der Tübinger Universität im viersemestrigen Vorklinikum von 665 Studenten 60 nach dem siebten, achten und gar 13. Semester noch immer studieren. Und schon gar nicht will es ihm in den Kopf, daß der empfohlene Schichtbetrieb nicht möglich ist, weil -- wie es ein Sitzungsprotokoll des Fachbereichs für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde an der FU Berlin ausweist -- "kein Pförtner nach 18 Uhr und vor acht Uhr die Klinik offenhalten kann" und "kein weiterer Heizer vorhanden ist".
Wo "Pförtner und Heizer die Ökonomie des Lehrbetriebs bestimmen, muß eben nach wie vor der angehende Student selber sehen, wo er bleibt", sagt Eckart Hohmann, Rechtsanwalt in Frankfurt und zusammen mit Breinersdorfer und dem Tübinger Ausbildungsberater Helwig Börger Autor des jetzt erschienenen Handbuchs "In Sachen Numerus clausus -- Wege zum Wunschstudium
Mit ihrem Buch wollen die drei Experten Numerus-clausus-geschädigten Studienbewerbern zeigen, was "in den offiziellen Informationsunterlagen der ZVS nicht oder nur kurz dargestellt" wird und wo da. "die Tücke liegt".
So warnen die Autoren beispielsweise "viele Studienbewerber" vor der
* Alfred W. Breinersdorfer/Helwig Börger/Eckart Huhmann: "In Sachen Numerus clausus -- Wege zum Wunschstudium", Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart; 128 Seiten; 14,80 Mark.
trügerischen Hoffnung, "über die Quote für Härtefälle sofort und unmittelbar zu ihrem Wunschstudium zugelassen zu werden". Denn: "Wer weder im Augenblick in katastrophalen Verhältnissen lebt noch während seiner Schulzeit einen (unverschuldeten) Leistungseinbruch erlebt hat oder gar auf geradem Weg zum Abitur gelangt ist, der kann seinen Plan, einen Härtefallantrag zu stellen, schon jetzt begraben."
Absehen sollten resignierte Studienbewerber den NC-Experten zufolge auch von allen Plänen, sich einen Studienplatz zu kaufen -- Handelswert 40 000 bis 60 000 Mark. Denn: "Verkauf eines Studienplatzes ist Betrug!"
Erstens sei die Zulassung zum Studium grundsätzlich an die Person dessen gebunden, auf den die Zulassung ausgeschrieben ist. Zweitens funktioniere auch ein bislang praktizierter, halbwegs legaler Umweg nicht mehr: Ein Student konnte sich früher nach Ablauf aller Nachrück- und Losverfahren exmatrikulieren und so seinem Studienplatz-Käufer einen Platz frei machen, den dieser dann gezielt beim Verwaltungsgericht reklamierte. Seit dem Wintersemester 1976 jedoch "lehnen es die Gerichte ab, diese Art von freien Plätzen außerhalb der Reihe durch Gerichtsbeschluß an Antragsteller zu vergeben".
Positiv entscheiden die Verwaltungsgerichte hingegen immer häufiger, wenn es dem Studenten gelingt, den Nachweis falsch berechneter oder nicht richtig ausgelasteter Kapazitäten zu fuhren. Da die Verwaltungsgerichte, so die Buchautoren, sich mittlerweile auf dieses Verfahren eingestellt hätten, könnten Studienbewerber solche Prozesse möglicherweise auch ohne den Beistand eines Anwalts anstrengen und durchstehen (siehe Kasten).
Doch das bleibt trotz der detaillierten Handlungsanweisung in der NC-Fibel ein nicht bis ins letzte kalkulierbares Unternehmen. Auch das Taschenbuch enthebt den Studienbewerber nicht der eigentlichen Schwierigkeit, nun im Einzelfall einer Universität offene Kapazitäten nachzuweisen.
Die Autoren empfehlen dem Studenten, selber "die notwendigen Fakten vor Ort zu recherchieren" oder "einen sachkundigen Rechtsanwalt mit der Wahrnehmung seiner Interessen zu beauftragen" -- pro Instanz für "etwa 1000 Mark".
Immerhin, die Gewinnchancen für solchen Einsatz sind größer als beim Lotto. Im Wintersemester 1975/76 hatten sich bereits knapp 20 Prozent aller Studienanfänger in Medizin in ihren Studienplatz hineingeklagt. Im Wintersemester 1976/77 waren es -- noch sind nicht alle Verfahren abgeschlossen -- wohl annähernd gleich viele. Und es könnten, meint Breinersdorfer, noch weit mehr sein, wenn die Gerichte den Universitäten jene Überlastungsquoten zumessen, die das Bundesverfassungsgericht im Auge hatte.
Doch die Uni-Rektoren und Ordinarien sinnen auf Abwehr. So hat die Freiburger Hochschule ein Anwaltsbüro eingeschaltet, dessen Kosten der klagende Studienbewerber aufgeladen bekommt, falls er verliert. Die Mainzer Universität wiederum hat eine Methode entwickelt, NC-Anwälte ins Leere laufen zu lassen: Kurz vor dem Gerichtsentscheid meldete sie Plätze, die vermutlich durch das Urteil frei würden, ihrerseits der ZVS zur neuerlichen Zuteilung für ein Nachrückverfahren.

DER SPIEGEL 22/1977
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 22/1977
Kein Titelbild vorhanden
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

NUMERUS CLAUSUS:
Wo Tücke liegt

Video 01:27

Brexit-Krise Harter Dialog zwischen May und Juncker

  • Video "Liverpool vor Spitzenspiel: Wenn Sie daraus eine Geschichte machen können" Video 01:15
    Liverpool vor Spitzenspiel: "Wenn Sie daraus eine Geschichte machen können"
  • Video "Kontrollierte Sprengung: Schneelawine in der Schweiz" Video 01:19
    Kontrollierte Sprengung: Schneelawine in der Schweiz
  • Video "Vor 20 Jahren: Model-Mafia in Moskau" Video 10:58
    Vor 20 Jahren: Model-Mafia in Moskau
  • Video "Privater Raumfahrttourismus: SpaceShipTwo für eine Minute im All" Video 01:24
    Privater Raumfahrttourismus: "SpaceShipTwo" für eine Minute im All
  • Video "EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker: Ein wuscheliges Willkommen" Video 01:08
    EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker: Ein wuscheliges Willkommen
  • Video "Postkarten-Aktion gegen den Brexit: Und täglich grüßt Ihr Martin Cobb" Video 04:06
    Postkarten-Aktion gegen den Brexit: Und täglich grüßt "Ihr Martin Cobb"
  • Video "Filmstarts: Krieg der Städte" Video 07:02
    Filmstarts: "Krieg der Städte"
  • Video "EU-Gipfel zum Brexit: EU will May keine Zugeständnisse mehr machen" Video 03:16
    EU-Gipfel zum Brexit: "EU will May keine Zugeständnisse mehr machen"
  • Video "Frankreich: Festnahmen bei Gelbwesten-Protesten" Video 01:47
    Frankreich: Festnahmen bei "Gelbwesten"-Protesten
  • Video "Seidlers Selbstversuch: Abwracken für Anfänger" Video 03:50
    Seidlers Selbstversuch: Abwracken für Anfänger
  • Video "Von wegen stilles Örtchen: Singende Klofrau begeistert Kaufhauskunden" Video 02:23
    Von wegen stilles Örtchen: Singende Klofrau begeistert Kaufhauskunden
  • Video "Geburt über den Wolken: Baby kommt auf Linienflug zur Welt" Video 00:51
    Geburt über den Wolken: Baby kommt auf Linienflug zur Welt
  • Video "TV-Interview mit Melania Trump: Am schlimmsten sind die Opportunisten" Video 01:23
    TV-Interview mit Melania Trump: "Am schlimmsten sind die Opportunisten"
  • Video "Darts-WM: Acht Millimeter entscheiden über den Sieg" Video 02:21
    Darts-WM: Acht Millimeter entscheiden über den Sieg
  • Video "Brexit-Krise: Harter Dialog zwischen May und Juncker" Video 01:27
    Brexit-Krise: Harter Dialog zwischen May und Juncker