30.05.1977

„So was völliges von paradox“

Jever, Hauptstadt von Friesland, hat schon zu Oldenburg gehört und zu Anhalt-Zerbst, es ist von Katharina II. und Napoleon regiert, von Holländern besetzt und von Kosaken befreit worden, aber eine Plage ist den Janssens und Popkens, wie die Leute dort heißen, bislang erspart geblieben: "Die Ostfriesen", sagt Bernd Theilen, Jeverseher SPD-Abgeordneter im niedersächsischen Landtag, "sind uns nie ins Land gekommen, die haben wir immer abgeschlagen."
Nun sollen die Jeverländer, von denen es seit alters heißt, sie wollten lieber sterben als geknechtet, "lewer dod as Slaw" sein, durch einen Federstrich zur Kapitulation gezwungen und den Ostfriesen ausgeliefert werden: Weit weg in Hannover hat die· Landesregierung aus CDU und FDP beschlossen, den Landkreis Friesland aufzulösen, Jever den Ostfriesen im Westen und den Rest den Ammerländern im Süden zuzuschlagen. Da fehlen den Friesen die Worte: "So was völliges von paradox", bringt Joachim Gramberger lediglich hervor, der im Vorstand der Aktionsgemeinschaft "Rettet den Landkreis Friesland" sitzt.
Paradox: Der auch nach amtlicher Einschätzung "strukturstarke" Kreis, von dem der Abgeordnete Theilen weiß: "Hier stimmt alles", soll zur Arrondierung von zwei Nachbarkreisen herhalten, die in ihrem neuen Zuschnitt den Prinzipien der niedersächsischen Gebietsreform so wenig entsprechen, daß sie unverzüglich wieder aufgelöst gehörten: Homogene Gebilde, die über die "notwendige Identität des Kreisgebietes mit den Lebens- und Wirtschaftsräumen" verfügen, wie es der Gesetzestext gebietet, entstehen jedenfalls nicht.
Daß die überall in Niedersachsen nun einmal vorgesehene "Neuordnung" der Landkreise gerade im Gebiet zwischen Ems und Jade "schwierig" sei, hatte der niedersächsische FDP-Chef Rötger Groß schon eingesehen, als er 1975 noch Innenminister im SPD/FDP-Kabinett des Sozialdemokraten Alfred Kubel war: Die eine Hälfte der in vier Landkreise (Norden, Aurich, Wittmund" Friesland) und die beiden kreisfreien Städte Emden und Wilhelmshaven gegliederten Region ist eindeutig nach Westen, die andere ebenso klar nach Osten orientiert.
Im Entwurf zum "Achten Gesetz zur Verwaltungs- und Gebietsreform" hatte der federführende Groß deshalb offengelassen, ob aus den insgesamt sechs Gebietskörperschaften künftig drei oder nur zwei neue Großkreise gemacht werden sollten. Die Dreierlösung bot den unbestreitbaren "Vorteil, daß die bisherigen Landkreise ... nicht geteilt werden" mußten, und auch die Zweierlösung garantierte noch "eine geschichtlich gewachsene Einheit", die "auch enge landsmannschaftliche Bindungen aufweist" (Groß).
Wie auch immer entschieden worden wäre: Der Landkreis Friesland stand in keinem Fall zur Disposition; vielmehr durfte man in Jever sicher sein, daß, so eine Stellungnahme des Oberkreisdirektors, "die territoriale Integrität ... Grundlage und Richtschnur einer gebietlichen Neugliederung unseres Raumes sein würde".
Entschieden wurde, damals vor zwei Jahren, freilich nichts. Nicht zuletzt das "Jahrhundertwerk" (Groß) der Kreisreform, an deren Schema der Innenminister so zwanghaft festhielt, als gehe es um sein Leben, führte zu immer heftigeren Querelen zwischen SPD und FDP und trug am Ende wohl auch dazu bei, daß als Nachfolger des amtsmüden Alfred Kubel kein Sozialdemokrat, sondern Ernst Albrecht von der CDU zum Ministerpräsidenten gewählt wurde.
Als Albrecht es nach zehn Monaten CDU-Alleinregierung in der Minderheit geschafft hatte, die Freien Demokraten zu bewegen, nun mit ihm zu koalieren, war Rötger Groß abermals Innenminister und konnte mit seiner "Reform für den Bürger" weitermachen. Freilich nicht da, wo er auf gehört hatte: Aus den Koalitionsverhandlungen kam plötzlich eine ganz andere Gebietsreform hervor.
Wo Groß theoretisiert hatte, daß "ein Landkreis moderner Prägung" mindestens 150 000 Einwohner haben müsse, war die neue Koalition, um es möglichst vielen recht zu machen, mittlerweile bei einer Mindestgröße von 90 000 gelandet. Und wo der Innenminister aus wirtschaftlichen, historischen und landsmannschaftlichen Gründen die alten Strukturen unbedingt beibehalten wissen wollte, hatte er, an der Nordseeküste, Grenzen etwa so gezogen, als gelte es, die Sahara frisch aufzuteilen.
Friesland, mit 95 270 Einwohnern über der Mindestgröße liegend, größer als etwa die Landkreise Vechta und Osterholz, die erhalten bleiben, soll es danach künftig nicht mehr geben: Die freilich SPD-regierte Region ist, nach hannoverschem Koalitionsmodell, verurteilt, teils dem CDU-Kreis Wittmund, teils der FDP-Bastion Ammerland anheimzufallen, obwohl beide von dem Landerwerb in keiner Weise profitieren könnten.
Das südliche Friesland um Varel an das Ammerland anzuschließen, hatte schon 1969 eine Sachverständigenkommission, auf deren Gutachten die gesamte niedersächsische Kreisreform beruht, als "keine befriedigende Lösung" verworfen: Die Vareler "Friesische Wehde", wie das Gebiet nicht von ungefähr schon seit tausend Jahren heißt, ist gänzlich nach Norden ausgerichtet, wohin denn auch 63 Prozent der Pendler ler pendeln; aus Friesland ins Ammerland fahren nur sieben Prozent zum Arbeitsplatz. Und von den Ammerländern sind gleich 94 Prozent der Pendler südwärts nach Oldenburg, lediglich 2,3 Prozent entgegengesetzt nach Friesland unterwegs. Noch schwächer ist der Kontakt zu den Ostfriesen in Wittmund, dem labilsten aller Küstenkreise.
Wenn der Kreis zerbrochen wird, geht auch anderes in Trümmer -- nicht allein die traditionellen Gefüge der Verbände, die alle "ihre Organisationen auflösen und neu bilden" müßten, wie der Oberkreisdirektor zu Jever prophezeit, sondern womöglich auch ein Stück der Landes-Verfassung.
Nach dieser nämlich sind "die kulturellen und historischen Belange" des ehemaligen Landes Oldenburg durch Gesetzgebung und Verwaltung zu wahren und zu fördern, und als Körperschaft des öffentlichen Rechts hat eine "Oldenburgische Landschaft" darüber zu wachen, daß die "eigenstaatliche Tradition" Oldenburgs ja nicht angetastet wird und jemand gar, wie Innenminister Groß jetzt, auf die Idee kommt, mit dem Jeverland "wesentliche Teile dieser Landschaft mit der angestammten Bevölkerung einem fremden Kreis einzugliedern", so wörtlich eine oldenburgische Stellungnahme.
Daß Wittmund den Friesen im Jeverland zur Fremde wurde, daß laut Jeverschem Text "eine derart deutliche Abgrenzung ... gegenüber Ostfriesland" besteht, daß der friesländische Abgeordnete Theilen findet, man habe wohl "mal "ne schwache Stunde gehabt", als man mit den Wittmundern eine gemeinsame Mülldeponie vereinbarte -- das haben die Ostfriesen von Emden bis Wittmund ihrem Grafen
Enno II. zu verdanken, der vor mehr als vierhundert Jahren zwar den Traum von einem großen friesischen Reich verwirklichen wollte, dann aber nicht hielt, was er versprochen hatte, nämlich Maria, die Herrin des Jeverlandes, zu heiraten.
Das Fräulein Maria, dessen Grab unauffindbar ist, so daß manche meinen, die Dame lebt noch immer, rächte sich folgenschwer: Nicht den ungetreuen Enno setzte sie zum Erben ein, sondern ihren Neffen Johann, und der war kein Ostfriese, sondern Graf von Oldenburg, und oldenburgisch sind diese Friesen danach geblieben, auch wenn andere Mächte vom Zwiebelturm-Schloß zu Jever das Land regierten, von dem der Heimatdichter singt: Du bist die Arbeit unsrer Väter. Sie schufen so dich, wie du bist; für dich ist jeder ein Verräter, der das vergißt.
Seit dem 5. Dezember vergangenen Jahres, als CDU und FDP in Hannover ihre Koalition und die Neufassung der Kreisreform vereinbarten, ist klar, wo die Verräter sitzen. Und was Verrätern blüht, wurde in Jever bald darauf beim Neujahrsempfang deutlich gemacht, der nahe des Standbilds von Fräulein Maria in der Altentagesstätte stattfand: Sprecher der Aktionsgemeinschaft "Rettet den Landkreis" holten aus einem schwarzgestrichenen Sarg die legendäre friesische Streitaxt hervor -- mit so einer war bereits Bonifatius niedergemacht worden. Retter Gramberger: "Wenn wir die ausgraben, dann sieht man, wie tief das alles sitzt."
Es saß so tief, daß der CDU-Kreisvorsitzende sein Amt aus Protest hinwarf und auch der FDP-Kreisvorstand zum Zeichen der "Rebellion" zurücktrat. "Eins steht fest", konstatiert der parteilose Joachim Gramberger, "die FDP gibt"s hier nicht mehr." Es gibt überhaupt kaum Parteien mehr, nur noch Friesländer, zumindest in der Aktionsgemeinschaft.
Und wie sonst bei ihren Bierfesten oder beim Klootschießen -- beides Bräuche, die, weil es hoch herzugehen pflegt, immer wieder mal verboten waren -- sind die Friesen, Mann für Mann "verbissen" (Gramberger) bei der Sache, wo es nun um Heimat und ihren Lebensraum geht, und nun singen sie wieder "Heil dir, o Oldenburg".
Zweimal reiste der Vorstand der Aktionsgemeinschaft zu Ministerpräsident Albrecht und seinem Innenminister Groß nach Hannover, einmal, um nebst zwei hölzernen Friesen-Äxten und einem Karton Jever Pils den Protest der Friesländer an höchster Stelle loszuwerden, das andere Mal, um der Forderung der Regierenden nachzukommen, statt lediglich zu protestieren, gefälligst "konkrete Änderungsvorschläge" zu unterbreiten. Gramberger: "Obwohl wir es im Grunde anmaßend empfinden, daß einfache Bürger von den höchsten Politikern des Landes Niedersachsen aufgefordert werden, solche Alternativvorschläge nicht nur für den eigenen Kreis, sondern auch für die Nachbarkreise zu erarbeiten, haben wir uns dieser Aufforderung gestellt."
Vergebens. Zu einer dritten Unterredung war man in Hannover nicht mehr bereit. Statt dessen ließ Rötger Groß wissen, er werde "den Deubel tun", sich von dem einmal vereinbarten Plan zu trennen, und der zweite FDP-Mann im Kabinett, Wirtschaftsminister Erich Küpker, verlautbarte laut Oldenburger "Nordwest-Zeitung" auf einem FDP-Abend in Varel: "Irgendwann muß man mal aufhören, sachlich zu argumentieren, irgendwann kommt die politische Entscheidung", danach sei "endlich Ruhe".
Welcher Art die Ruhe wohl wäre, hat die Aktionsgemeinschaft in einem Brief an Walter Scheel, den Bundespräsidenten, angedeutet: Auf vielen Veranstaltungen habe man "feststellen müssen, wie staatsverdrossen unsere Bürger sind. Viele von ihnen erklären heute unumwunden, daß sie zur nächsten Wahl überhaupt nicht mehr hingehen werden", weil es "ja doch keinen Zweck mehr habe".

DER SPIEGEL 23/1977
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