30.05.1977

„Das Leben ist ein Born der Lust“

Nietzsche war nicht immer der „Heilige des Immoralismus“, der von Ausschweifungen nur träumte. Eine Zeitlang führte er das Lotterleben eines Dandy und Erotomanen -- so jedenfalls zeigt Liliane Cavani, die Regisseurin des „Nachtportier“, in ihrem neuen Film „Jenseits von Gut und Böse“ den deutschen Philosophen.
Die Mann- und Frau-Beziehung "ist immer sadomasochistisch", sagt Liliana Cavani, 40, die mit dem erotischen Schocker "Der Nachtportier" berühmt gewordene italienische Regisseurin und Doktorin der Altphilologie.
Ihr Faible fürs Sadomasochistische zeigte sie im "Nachtportier" durch einen verstiegenen abgründigen Einfall: Eine mondäne Dirigentengattin (Charlotte Rampling) trifft im heutigen Wien den SS-Offizier wieder, dessen Gefangene und Geliebte sie einst im KZ war. Sie verfällt ihm dann erneut, und sie versinken zusammen in einem Rausch der l"amour fou, finden am Ende den Tod.
Irritiert durch die Reaktionen auf ihren Film, flüchtete sich Liliana Cavani in hilflose Rechtfertigungsinterpretationen: Mittels dieser extremen sexuellen Beziehung habe sie die "Besitzergreifung eines Körpers und seines Geistes", wie sie im KZ geherrscht hat, darstellen wollen.
Ungenierter bekannte die feministische amerikanische Kritikerin Molly Haskell ihr dunkles Vergnügen an der "Nachtportier"-Mär vom dämonischen Eros -- der "delirien- und traumhafte Film" sei eine Hymne auf "Ekstase, Zärtlichkeit und Selbstlosigkeit".
Ähnlich gestimmt muß Liliana Cavani ihren Film entworfen haben, als entfesselten Ausdruck einer überreizten weiblichen Phantasie, die sich in Wahnbildern Luft macht. Sie zitierte in einem hochgestochenen Essay, den sie zu dem Film vor der öffentlichen Aufregung verfaßt hatte, dies Nietzsche-Gedicht: "Ich will Dich kennen, Unbekannter / Du tief in meine Seele Greifender / Mein Leben wie ein Sturm Durchschweifender / Du Unfaßbarer, mir Verwandter / Ich will Dich kennen, selbst Dir dienen".
Unterwerfung bei ganzem Bewußtsein, das zeigte -- wie schon Bertolucci im "Letzten Tango in Paris" -- Liliana Cavani als letzten, höchsten erotischen Kick. Solcher gekünstelten Intensivierung der Sexualität gilt weiter ihr Interesse, wie ihre kommenden Filme zeigen werden.
In Rom stellt sie gerade ihr neues Werk fertig: "Jenseits von Gut und Böse", einen in Italien und Deutschland (dort vor allem im Münchner Hofbräuhaus) gedrehten Film um Nietzsche -- mit dem Thema einer Liebe zu dritt.
Die italienisch-amerikanische Produktion schildert Nietzsches unglückselig endende Romanze mit Lou Andreas-Satomé im Jahr 1882. Lou Salomé, eine ungewöhnlich modern und frei denkende junge russische Adlige, war bereits mit Nietzsches engem Freund Paul Rée liiert. Für kurze Zeit vermochte Nietzsche dann Rées Nebenbuhler zu werden, während Lou versuchte, mit beiden zugleich auszukommen.
Bei der Verfilmung dieser delikaten Episode hat Liliana Cavani "die Fakten frei interpretiert", das heißt, sie hat ihrer Phantasie ziemlich wenig Grenzen gesetzt.
Nietzsche -- dargestellt von Erland Josephson, der als Liv Ullmanns Gatte in den "Szenen einer Ehe" populär gewordene Bergman-Schauspieler -- kommt in "Jenseits von Gut und Böse" ganz gelegentlich auch als Philosoph vor. Cavani: "Mich interessiert sein absoluter, fabelhafter Materialismus."
* Links: Nietzsche (r.), Lou Andreas-Salomé (l., mit Peitsche), Paul Rée (M.); rechts: Erland Josephson als Nietzsche, Dominique Sanda als Lou Andreas-Salomé.
Und sie identifiziert sich mit "seiner Vision von der Existenz, die im Kontrast zu jeder Ideologie und Utopie steht".
Vor allem aber entblättert sie das (von ihr großzügig und schwül imaginierte) Privatleben des "Heiligen des Immoralismus" (Thomas Mann) -- denn es sei doch "reiner Wahnsinn", immer so zu tun, als wären die Philosophen Männer gewesen, die "niemals vögelten".
Man wird einen Nietzsche sehen, der nicht nur wild und wüst dachte ("Das Leben ist ein Born der Lust"), sondern, jedenfalls während der Salomé-Episode, bevor er den "Zarathustra" schrieb, auch entsprechend gelebt hat.
Genüßlich wird ein, laut Cavani von den Biographen unterschlagenes, Stelldichein ausgemalt, das in der Lou-Zeit eine hübsche, junge Neapolitanerin Nietzsche in Sorrent schenkte. Er lernt sie im Bordell kennen. Dem vornehmen Einsiedler von Sils Maria -- im langen schwarzen Mantel, Hut in der Hand -- präsentiert sie sich dort, umringt von einer Schar "Flatter- und Flitterröckchen" (Nietzsche), in laszivster Pose. Die "Hündin Sinnlichkeit" hat darauf zugebissen.
Im Kernstück des Films, der ménage á trois mit der intellektuellen emanzipierten Lou und dem morbiden Bohemien Rée, entpuppt sich Nietzsche dann als Dandy. Nietzsche, so Liliana Cavani, hält "Müßiggang für das Beste, und Müßiggang heißt Lehen".
Seine in Bergeinsamkeit kasteite Sinnlichkeit bricht während der bittersüßen Wonnemonate (von Frühling bis Herbst 1882) mit der Geliebten und dem Freund zarathustrisch enthemmt aus. Man experimentierte, wie es Lou Andreas-Salomé keusch ausdrückte, das "volle Ausleben der Persönlichkeit" und von "tausend der schönsten Lebenstriebe".
Als ganz von Sex und Drogen beherrschte erotische tour de force filmte Liliana Cavani dies Treiben voller Rausch und Leiden. Nietzsche hängt an der Opiumpfeife und schläft mit seinem Nebenbuhler in choreographisch ausgeklügelten Positionen.
Wenn der poetische Philosoph, damals 37, mit der 2ljährigen Lou -- "unschuldige, ungeduldige, windseilige" kindsäugige Sünderin" -- im Bett ist, liegt Paul Rée, fünf Jahre jünger als Nietzsche, nicht selten mit dabei. Rée, Sohn eines pommerschen Rittergutsbesitzers" Spieler und Literat mit "neurotischem Untergrund" (Lou Andreas-Salomé), wird dargestellt von dem Engländer Robert Powell, dem Hauptdarsteller von Ken Russelis "Mahler" und Zeffirellis "Jesus".
Lou Andreas-Salomé nannte ihre gleichzeitige Beziehung zu Nietzsche und Rée "unsere heilige Dreieinigkeit", die "geträumte Gemeinschaft". In ihr habe "die idealste Liebe vermöge der großen Empfindungsaufschraubung wieder sinnlich" werden können. Liliana Cavani will mit dem edlen Trio die "Sexualität schlechthin" darstellen -- jenseits der Unterschiede männlich und weiblich: "als Mittel, das bestimmte Dinge explodieren läßt".
Lou stilisiert sie dabei zum Superweib, das auch Nietzsche in ihr gesehen haben soll: "Ich bin nach dieser Gattung von Seelen lüstern. Ja, ich gehe nächstens auf Raub darnach aus." Dieses "gefährlichste Spielzeug" (Nietzsche) spielt der durch Bertolucci-Filme ("Der Konformist", "1900") bekannt gewordene französische Star Dominique Sanda.
Mit der herben, spleenigen Schönen wird Liliana Cavanis Film erst zum schicken Spektakel, bekommt er das gefragte modische Aroma des ungeheuer Mondänen, hektisch Heiteren, schwülstig Melancholischen.
Sandas Lou, das ist die Katzenfrau, die stets tief mit treuherzigen Schlafzimmeraugen blickt; als Emanzipierte ist sie bloß keß. In Wirklichkeit war Lou Andreas-Salomé, die in späteren Jahren mit Rilke zusammen war und bei Freud studierte, kaum der erotische "Obermensch", den Liliana Cavani in ihr sieht.
Sie war vor allem die Muse dieser Männer, denen sie intellektuell ebenbürtig war. Und in der Beziehung mit Nietzsche spielten philosophische Diskussionen bestimmt eine weit größere Rolle als das Bett, das sie mit Nietzsche höchstwahrscheinlich nie geteilt hat.
Im Film fällt die Frau, der Nietzsche und Paul Rée Heiratsanträge machten -- sie lehnte beide ab -, vor allem durch herausgeputzte weibchenhafte Posen auf, gebadet in honiggelbes Kunstlicht. Wie Vorhänge herabhängende Haare und ein ständiger Wechsel lüstern-eleganter Kleider, viel Spitzen, Seide, Batist und ein Nachtgewand, durch das rosa kindliche Brustwarzen blitzen, sollen das Verführerische signalisieren.
Komisch wirkt angesichts dieser falsch-präraffaelitischen und etwas faden Kino-Grazie der Clou, mit dem Liliana Cavani ihre Interpretation der
Mit Erland Josephson als Nietzsche und Dominique Sanda als Lou Andreas-Salomé.
Beziehung zwischen Lau und Nietzsche krönt: Für die "blonde Bestie", die Inkarnation von "Wollust, Herrschsucht, Selbstsucht", die Nietzsche im "Zarathustra" beschwört, sei Lou Andreas-Salomé das Vorbild gewesen.

DER SPIEGEL 23/1977
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