27.06.2005

INTERNET-HANDELDrei, zwei, eins ... keins

Produktpiraten haben Ebay als Vertriebskanal für gefälschte Markenartikel entdeckt. Jetzt hoben Fahnder eine organisierte Bande aus, die online mit Joop!-Kopien handelte.
Die heiße Ware aus Istanbul kam auf dem Luftweg nach Deutschland: In unscheinbaren braunen Kartons lagen Silberringe, Ketten, aber auch Gürtel und Taschen, nur eingeschweißt in Folie. Dazu passende Verpackungen - mit dem Aufdruck des Hamburger Luxusartikel-Herstellers Joop! versehen und den echten täuschend ähnlich - trafen auf demselben Weg ein paar Tage später ein. Per Kurier gelangten sie dann zu den Empfängern, die, verteilt über die ganze Republik, ungeduldig auf ihre Lieferungen warteten.
Kurz darauf fanden sich die Türkei-Importe im World Wide Web wieder - als Schnäppchen der weltweit größten Internet-Auktionsplattform Ebay. Ein Joop!-Ring, im Fachhandel 169 Euro teuer, wechselte dort für 49,99 den Besitzer, ein Kreuzanhänger fand für 20,50 Euro einen Käufer - im Fachgeschäft hätte ein Kunde für das Schmuckstück 209 Euro zahlen müssen. Verlockende Angebote - zu verlockend, um echt zu sein.
Monatelang beschäftigten die Fälschungen vom Bosporus eine Ermittlungsgruppe der Magdeburger Polizei. Gemeinsam mit Steuerfahndern, Mitarbeitern des Zollkriminalamtes Hannover, der Landeskriminalämter in Sachsen-Anhalt und Berlin und fast einem Dutzend örtlicher Polizeidienststellen stieß sie auf eine Bande von Produktpiraten und ihre Helfershelfer, die "über ein bundesweit agierendes kriminelles Netzwerk" professionelle Joop!-Imitate im Internet verkaufte. Die Fahnder machten schließlich 69 Beschuldigte in 27 deutschen Städten aus.
Am vergangenen Mittwoch, Punkt sechs Uhr morgens, begann die Razzia gegen die Produktpiraten. Fahnder und Staatsanwälte durchsuchten 14 Büros und Wohnungen in acht Städten. Sie nahmen waschkorbweise Akten und Bankunterlagen mit, beschlagnahmten Konten und Computer der Verdächtigen. Zeitgleich schlugen ihre türkischen Kollegen in Istanbul zu. In einem Industriegebiet durchsuchten sie die Geschäftsräume der Firma CTS Tekstil Ayakkabi Istanbul. Offenbar ein Volltreffer, denn die Durchsuchungen in der Türkei dauerten bis Freitag noch an.
Die Ermittler sind sich sicher, dass dort die Drahtzieher des florierenden Ebay-Handels mit Joop!-Imitaten sitzen. Von dort wurden die Pakete mit der gefälschten Ware nach Deutschland geschickt, und dorthin führt auch die Spur des Geldes.
Über Konten der türkischen AK-Bank flossen binnen eines Dreivierteljahres rund 1,3 Millionen Euro an den Bosporus. Empfänger: ein gewisser Murat A., General Manager und Besitzer der Istanbuler Firma CTS. Der Rest blieb bei Zwischenhändlern in Deutschland hängen. Insgesamt, so schätzen die Ermittler, haben die Produktpiraten allein mit gefälschten Joop!-Artikeln rund 2,3 Millionen Euro verdient. Und das könnte nur der Anfang sein. Offenbar handelte die Bande auch mit Kopien anderer Markenhersteller.
Kopf der Bande soll laut ersten Ermittlungsergebnissen Celal E. sein. Der Türke, der sich zu Jahresbeginn aus Königslutter nach Istanbul absetzte, ist der Onkel von CTS-Eigner Murat A.
Der Handel mit Joop!-Plagiaten war ein Millionengeschäft. Der jetzt von der Magdeburger Kripo gesprengte Ring handelte rund 76 000 Fälschungen der Hamburger Firma über Ebay. Der Schaden für Joop! soll allein in der zweiten Jahreshälfte 2004 rund 5,5 Millionen Euro betragen haben.
Mehr als ein Drittel aller bei Ebay angebotenen Joop!-Produkte, schätzt Firmen-Jurist Cordell Murray, sind Plagiate: "Gut- gemachte Fälschungen sind schlecht fürs Geschäft, wir werden daher weiter mit aller Härte gegen Nachahmungen unserer Markenprodukte vorgehen."
Einziger Trost: wie Joop! haben fast alle Markenhersteller mit Plagiaten im Internet zu kämpfen. "Ebay ist mittlerweile der Vertriebskanal Nummer eins für den Absatz gefälschter Markenwaren", klagt Joop!-Anwalt Helmut Görling. Das ist die dunkle Seite der Erfolgsstory von Ebay, das im vergangenen Jahr einen Umsatz von 3,3 Milliarden Dollar erzielte.
Über die Internet-Plattform wurden Waren und Güter für fast 35 Milliarden Dollar verkauft. Darunter finden sich immer öfter nachgemachte Luxusuhren aus Asien, von Mitarbeitern bei deutschen Herstellern gestohlene Autoersatzteile, Parfums aus russischen Graumarktbeständen, nachgemachte T-Shirts , Hemden namhafter Hersteller - und eben gefälschte Markenaccessoires aus türkischen Hinterhof-Fabriken.
"Ebay ist einer der Hauptumschlagplätze für gefälschte Ware", sagt Doris Möller, Vorstandsmitglied beim Aktionskreis Deutsche Wirtschaft gegen Produkt- und Markenpiraterie. Experten gehen davon aus, dass jährlich rund vier Millionen gefälschte Produkte weltweit online den Besitzer wechseln. Der Schaden für den Welthandel wird auf 200 bis 300 Milliarden Dollar beziffert.
Anfangs wurden noch satirische Billig-Imitationen der Kategorie Lakotz-Hemden
und Prollex-Uhren aus dem letzten Türkei- oder Asien-Urlaub über Ebay verkauft, mittlerweile aber haben professionelle Banden mit einem weitverzweigten Vertriebs- und Finanznetz Ebay als Vertriebsplattform für sich entdeckt. "Die Organisierte Kriminalität hat die Internet-Auktionshäuser als Absatzkanal für sich entdeckt. So können Täter aus dem Ausland heraus handeln und ihre elektronischen Spuren verwischen", sagt ein Ermittler.
Organisierte Produktpiraten verdienen mit Hilfe von Ebay Millionen - und Ebay kassiert kräftig mit. Für jeden auf der Auktionsplattform eingestellten Artikel bekommt der Internet-Händler zunächst eine Angebotsgebühr, nach abgeschlossenem Kauf werden dann noch mal bis zu fünf Prozent des Kaufpreises fällig.
Viele Markenhersteller werfen dem Auktionshaus daher vor, nur ein mäßiges Interesse an der Verfolgung von Produktpiraten zu haben. Ebay nehme zwar die Fälschungen aus dem Netz - aber nur, wenn die Firmen darauf aufmerksam machen. Ansonsten lehnt das Unternehmen jede Verantwortung für die Angebote ab.
Die Luxusanbieter sind es leid zuzusehen, wie Fälschungen via Netz den Markt überschwemmen. Die Billig-Kopien verursachen nicht nur Umsatzeinbußen, sie kratzen auch am mühsam erarbeiteten Markenimage.
Die US-Juwelierkette Tiffany hatte bereits am 18. Juni vergangenen Jahres vor einem New Yorker Gericht Klage gegen Ebay eingereicht. Die Internet-Börse habe zugelassen, dass gefälschte Tiffany-Schmuckstücke über Ebay verkauft würden, so der Vorwurf. Im Vorfeld der Klage hatte Tiffany über fünf Monate hinweg den Verkauf angeblicher Produkte des Hauses über Ebay verfolgt. Von den rund 19 000 vermeintlichen Tiffany-Produkten, die angeboten wurden, waren 73 Prozent Fälschungen.
Ebay weist alle Vorwürfe, Helfer von Hehlern zu sein, kategorisch zurück. Ohnehin bewege sich "die Zahl der Missbrauchsfälle im Promillebereich". Man räumt allerdings ein, dass viele Plagiate nur von den Rechteinhabern selbst zu erkennen seien. Wenn ein Unternehmen daher glaube, auf Ebay ein gefälschtes Produkt entdeckt zu haben, sorge eine Rückmeldung über ein Sicherheitsprogramm namens VeRI dafür, dass die Fälschung "schnell und unkompliziert" von der Verkaufsplattform genommen werde und "gegebenenfalls weitere Schritte gegen den Verkäufer eingeleitet" würden.
Zudem suche ein Sicherheitsteam "aktiv nach für Ebay erkennbar illegalen Artikeln". Auch habe man "dem Stand der Technik entsprechende Schutzmaßnahmen getroffen, um unbefugte Anmeldungen zu verhindern". "Das sind völlig untaugliche Instrumente", entgegnet Joop!-Anwalt Görling. "Ebay wälzt die gesamten Lasten und Kosten auf die Geschädigten ab."
Außerdem unternehme der Online-Händler nichts, um einmal entdeckte Markenpiraten auf Dauer von Auktionen auszuschließen. "Wir sehen in zahlreichen Fällen, dass die Täter unter anderem Mitgliedsnamen ganz schnell wieder aktiv werden", sagt Görling.
Wie raffiniert die organisierten Produktpiraten vorgehen, zeigt der Fall Joop!. Nachdem die Waren aus Istanbul geliefert wurden, übernahmen türkische Landsmänner die Verteilung. Um selbst im Hintergrund bleiben zu können, warben sie über mehrere Zwischenhändler bundesweit Ebay-Verkaufsagenten an, die dann - gegen Provision von 15 Prozent - die Fälschungen im Netz anboten. Oder sie kauften Ebay-Nutzern deren Account zu Preisen bis zu 500 Euro gleich ab. Auf einem beschlagnahmten Rechner fanden die Ermittler Ebay-Konten mit Namen wie "Kaufundstaun", "Bosporus-shop" oder "alberto-italia". Um die Spur des Geldes zu verwischen, schalteten die Produktpiraten Kleinanzeigen in türkischen Zeitungen in Deutschland. Darin wurden ihre Landsleute aufgefordert, gegen 500 Euro in bar unter ihrem Namen Bankkonten zu eröffnen und die Kontounterlagen dann an die Mittelsmänner weiter zu geben.
Insgesamt identifizierte die Magdeburger "Soko Joop!" bislang 59 Konten bei 11 Banken. Von dort wurde ein Großteil der Einnahmen Richtung Türkei an Murat A. überwiesen, der dann das Geld womöglich an die Köpfe der Bande weiterverteilte.
Joop! will nun Schadensersatz von der Fälschertruppe verlangen - und auch von den Hobby-Händlern. Fraglich ist allerdings, ob da viel zu holen ist. Einziger Lichtblick für das Unternehmen: "Es sind nur die wirklich guten Marken", sagt Joop!-Jurist Murray, "die gefälscht werden." JÖRG SCHMITT
Von Jörg Schmitt

DER SPIEGEL 26/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 26/2005
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

INTERNET-HANDEL:
Drei, zwei, eins ... keins

Video 04:27

Deutsche Muslime nach Christchurch Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?

  • Video "US-Demokrat zum Mueller-Report: Amerikaner haben ein Recht auf die Wahrheit" Video 01:25
    US-Demokrat zum Mueller-Report: "Amerikaner haben ein Recht auf die Wahrheit"
  • Video "Morddrohungen gegen britische Abgeordnete: Verräter müssen geköpft werden" Video 02:52
    Morddrohungen gegen britische Abgeordnete: "Verräter müssen geköpft werden"
  • Video "Gelächter bei Tusk-Rede zu Brexit: In der Hölle gibt es viel Platz" Video 01:22
    Gelächter bei Tusk-Rede zu Brexit: "In der Hölle gibt es viel Platz"
  • Video "Fußball-Star Goretzka zum Rassismus-Vorfall: Mit viel Mut dagegen vorgehen" Video 01:00
    Fußball-Star Goretzka zum Rassismus-Vorfall: "Mit viel Mut dagegen vorgehen"
  • Video "Unglück in Kirgisien: Deutscher Tourist filmt Hubschrauberabsturz an Bord" Video 02:13
    Unglück in Kirgisien: Deutscher Tourist filmt Hubschrauberabsturz an Bord
  • Video "Mays Auftritt beim EU-Gipfel: Es kam zu tragikomischen Szenen" Video 02:41
    Mays Auftritt beim EU-Gipfel: "Es kam zu tragikomischen Szenen"
  • Video "Wolkenformation: Ein Mädchen am Horizont" Video 00:34
    Wolkenformation: Ein Mädchen am Horizont
  • Video "Rassistische Beleidigungen bei Länderspiel: Zuschauer postet emotionalen Appell" Video 02:20
    Rassistische Beleidigungen bei Länderspiel: Zuschauer postet emotionalen Appell
  • Video "Kurioser Torjubel: Torschütze stellt Anzeigetafel selbst um" Video 01:01
    Kurioser Torjubel: Torschütze stellt Anzeigetafel selbst um
  • Video "Illegaler Schiffsfriedhof in Griechenland: Der Kampf mit den Wracks" Video 04:52
    Illegaler Schiffsfriedhof in Griechenland: Der Kampf mit den Wracks
  • Video "Aufregung im Netz: Mysteriöser Lichtstreifen über Los Angeles" Video 00:51
    Aufregung im Netz: "Mysteriöser Lichtstreifen" über Los Angeles
  • Video "Hitze in Australien: Koala-Bär flüchtet ins Auto" Video 00:59
    Hitze in Australien: Koala-Bär flüchtet ins Auto
  • Video "Planespotter-Videos: Spektakuläre Manöver am Flughafen Düsseldorf" Video 01:39
    Planespotter-Videos: Spektakuläre Manöver am Flughafen Düsseldorf
  • Video "Drohnen-Achterbahn: Skateboarden im verlassenen Spaßbad" Video 01:30
    Drohnen-Achterbahn: Skateboarden im verlassenen Spaßbad
  • Video "Kaum erforschtes Phänomen: Mammatus-Wolken am aktiven Vulkan" Video 01:20
    Kaum erforschtes Phänomen: Mammatus-Wolken am aktiven Vulkan
  • Video "Deutsche Muslime nach Christchurch: Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?" Video 04:27
    Deutsche Muslime nach Christchurch: Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?